Montag, 10. Dezember 2007

Letztes Aufgebot der Leugner des Klimawandels


Sie nennen sich das "Klimawandel-Netzwerk", die "Internationale Koalition für Klimawissenschaft" oder die "Zivilgesellschaftliche Koalition zum Klimawandel" und sie haben nur eine Mission: Die Welt davon zu überzeugen, dass es den Klimawandel gar nicht gibt. "Genauso gut könnte ein Gipfel über die Gefahr eines Angriffs von Marsbewohnern diskutieren", behauptet etwa Alan Caruba vom "National Anxiety Centre" in den USA, zu deutsch etwa "Nationales Ängste-Zentrum". Caruba und seine Anhänger halten den menschengemachten Klimawandel für unbewiesen - ungeachtet der selbst von der besonders klimaskeptischen Bush-Regierung akzeptierten Berichte des Weltklimarats (IPCC), der heute gemeinsam mit Al Gore den Friedensnobelpreis bekommt.

Mehr als 30 Pressemitteilungen, alle im gleichen Tenor, haben die verschiedenen Gruppen in den vergangenen Tagen verschickt in der Hoffnung, im Klimageschäft unerfahrene Journalisten mögen sie ernst nehmen. "Manche Namen kennen wir schon seit Jahren, für jeden Gipfel gründen diese Leute neue fingierte Umweltgruppen", sagt Matthias Duwe vom Dachverband Climate Action Network Europe. Der britische Oberhausabgeordnete Christopher Monckton etwa wirft dem Weltklimarat vor, er sei entweder unfähig oder betrügerisch. "Meine Berechnungen zeigen, wie die Wissenschaftler ihre Zahlen nach oben korrigieren: Den Anstieg des Meeresspiegels um das zehnfache, den Effekt von Klimagasen in der Atmosphäre um das zwanzigfache." Um dies zu belegen, führt Monckton Kalkulationen vor, die das in Bali präsentierte Gemeinschaftswerk von 600 Autoren aus 40 Ländern als Werk Propaganda entlarven sollen. Allerdings muss Monckton zugeben, dass er keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat.

Der Klimatologe Richard Betts, der am britischen Headley-Center arbeitet und ein Kapitel im IPCC-Bericht als Hauptautor geschrieben hat, ist entsetzt. "Es gibt einen mehrstufigen Bearbeitungsprozess, in dem wir zehntausende Kommentare aus aller Welt eingearbeitet haben - die zudem noch alle auf unserer Webseite einsehbar sind." Die Wissenschaftler im Weltklimarat, sagt Betts, würden weder von Regierungen beeinflusst noch hätten sie eine politische Agenda.

Der so selbstbewusste Monckton wird wortkarg, wenn man ihn nach den Finanziers seiner Arbeit fragt - etwa für eine Serie von ganzseitigen Anzeigen gegen Al Gore in allen großen US-Zeitungen. Die Kosten werden auf einen Millionenbetrag geschätzt. "Die wurden von einer anonymen Einzelperson bezahlt - mit der Industrie hat der Spender nichts zu tun." Cindy Baxter, die für Greenpeace arbeitet, bezweifelt das. "Die gleichen Anzeigen stehen auf der Homepage des Heartland-Instituts, eine der aktivsten Gruppe von Leugnern des Klimawandels." Seit Jahren beleuchtet Baxter die Geldgeber hinter diesen Gruppen - allen voran den weltgrößten Mineralölkonzern Exxon. "Exxon hat Heartland im vergangenen Jahr mit mehr als 100000 Euro bezuschusst. Insgesamt hat Exxon fast zwei Millionen Euro an 41 Organisationen gezahlt, die dem Spektrum der Klimaleugner zuzurechnen sind." Auch General Motors gehöre zu den Unterstützern der Klimaleugner, sagt Baxter. Viele der Gruppen, kritisiert sie, hätten zudem enge Verbindungen zur US-Regierung, was ihnen Einfluss deren Haltung in den Klimaverhandlungen sichere.

(Copyright Berliner Zeitung, 10.12.07)

Samstag, 8. Dezember 2007

Bunt und balinesisch


Hätten die Diplomaten, die auf Bali seit Montag über die Zukunft des Kyoto-Protokolls verhandeln, den Aufzug in den Straßen der Inselhauptstadt Denpasar verfolgt - sie hätten vermutlich nicht schlecht gestaunt. "Hare Krishna, hare Rama", tönt es aus den Lautsprechern, dahinter tanzen hinduistische Priester. Bauern, Fischer, Marktfrauen: Aus allen Ecken der indonesischen Ferieninsel sind sie gekommen, mit bunten Kostümen und selbst gemalten Transparenten, um ihre Ängste und Forderungen an die Politik loszuwerden. Doch eine Autostunde vom Konferenzzentrum entfernt verhallen sie weitgehend ungehört.

Längst ist Klimawandel auch in Indonesien mehr als ein Expertenthema. "Wir fürchten uns sehr", gesteht der Fischer Daha in gebrochenem Englisch. Mit seinen Kollegen aus dem fernen Westen der Insel ist er schon im Morgengrauen in den Bus gestiegen, um es rechtzeitig bis zur Demo zu schaffen. Dahas Ängste haben ernste Gründe: "In den vergangenen Jahren hatten wir mehr Überschwemmungen als sonst, viele von uns haben ihre Häuser und Boote verloren." Von der Regierung fühlt sich der Fischer, der vor allem für den eigenen Bedarf auf See fährt, im Stich gelassen. "Wenn wir nicht selbst handeln, gehen wir unter."

Der Demonstrant Farid ist aus Bogor im Westen Javas nach Bali gekommen. Seine Sorge gilt dem Wald, der nicht nur rund um seine Stadt längst abgeholzt ist. "Indonesiens Wälder sind zum großen Teil zerstört, stattdessen gibt es überall Plantagen mit Ölpalmen und anderen Nutzpflanzen." Indonesien gilt mittlerweile als drittgrößter Emittent von Klimagasen weltweit, rechnet man das durch Abholzung und Brandrodung freigesetzte Kohlendioxid in die Bilanz mit ein. "Viele Indonesier haben mit den Wäldern die Grundlage ihrer Kultur verloren", beschwert sich Farid.

Vom Gipfeltreffen im abgeriegelten Ferienkomplex von Nusa Dua fordert er entschiedene Schritte, um den Erhalt der letzten Wälder in Indonesien lohnender zu machen. "Die Bevölkerung in den Wäldern wird nicht gefragt, die Regierung vergibt das Land einfach an ausländische Investoren." Das energiereiche Palmöl ist seit einigen Jahren gefragt wie nie zuvor, unter anderem für die Biodiesel-Produktion.

"Stoppt die Rückzahlung illegaler Schulden" steht auf dem Transparent von Lidy Napil. Der Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und der Erlass von Auslandsschulden hängen für sie eng zusammen. "Unsere Regierungen sollten das Geld als Entschädigung behalten, um die Folgen des von den Industrieländern geschaffenen Klimawandels abzufedern." Derzeit, kritisiert die Philippinerin, seien die Entwicklungsländer bei der Anpassung an den Klimawandel von der Willkür der Regierungen im reichen Norden abhängig. "Dabei hat doch der Norden den Klimawandel überhaupt verursacht."

Napil lehnt deshalb die von manchen Industrieländern vorgeschlagenen Darlehen zur Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen ebenso ab wie die Verrechnung mit Entwicklungshilfe. "Die Industrieländer müssen ihre Schuld begleichen und dürfen das Geld nicht einfach irgendwo abziehen."

Für Gerechtigkeit ist auch der Hindupriester Sundarananda Bas auf die Straße gegangen. Er ist einer von gut dreißig Geistlichen im orangenen Umhang, mit Glatze und Zimbeln in der Hand. Normalerweise, sagt er, demonstrieren Priester hier nicht. "Aber jetzt befürchten wir zu viel Leid unter den Armen, und da können wir nicht still bleiben." Der Hare-Krishna-Gesang hallt unter den religiösen Männern auch nach Ende des Protestzugs weiter. Ein Teil der Gruppe stimmt dazu Musik auf traditionellen Holzinstrumenten an. "Wir beten zu unseren Göttern, damit sie uns helfen, die Welt zu schützen."

(Copyright epd, 8.12.07)

Dienstag, 4. Dezember 2007

Zu viel Regen, zu wenig Wasser


Höhere Temperaturen, mehr Wetterextreme, Dürren und Fluten - der Klimawandel hat das Leben der Menschen in Afrika bereits verändert: In Mauretanien breitet sich die Sahara immer weiter aus, nomadisches Leben ist kaum noch möglich.

Im Victoriasee wird das Wasser wärmer, der Regen bleibt aus, der See schrumpft. Dadurch stirbt der Fischnachwuchs, der verbleibende Fisch ist zu teuer, die Fischer werden arbeitslos.

Im amharischen Hochland regnet es zu viel. Weil die Wälder dort weitgehend abgeholzt sind, zerstört die zunehmende Erosion auch die Äcker der Bauern.

(Feature auf DeutschlandRadio Kultur, 4.12.2007)

Der blutige Untergang von Mogadischu


Dort, wo die Wassertanker halten, stehen Kinder und Frauen mit gelben Kanistern in einer langen Reihe. Schon vor Sonnenaufgang, berichtet einer der Helfer dort, stellen sich die Flüchtlinge an. Ähnlich ist es bei den Lebensmittelausgaben. Wer es bis nach Afgooye schafft, nur gut 30 Kilometer von Somalias Hauptstadt Mogadischu entfernt, ist zwar den Kämpfen entronnen, doch von ihrem Besitz haben die wenigsten der 200.000 Flüchtlinge etwas retten können. Den meisten geht es wie Anab, einer Mutter von zehn Kindern, der vor einer Woche äthiopische Soldaten mit vorgehaltenen Gewehren befahlen, sofort ihr Haus zu räumen. Wo ihr Mann ist, weiß sie nicht - ihn hat sie auf der Flucht verloren.

Früher war Afgooye kaum mehr als der Schlagbaum an der aus dem Stadtzentrum Mogadischus führenden Straße in Richtung Flughafen. Inzwischen ist hier eine Großstadt aus Behelfshütten entstanden, bespannt mit Plastikplanen von Hilfsorganisationen. Doch auch Hütten gibt es nicht genug: Viele Familien schlafen unter Bäumen, selbst jetzt, wo die Regenzeit begonnen hat. Latrinen gibt es kaum, UN-Helfer warnen vor Cholera. "Fast alle Babys und älteren Menschen hier sind unterernährt, und jeden Tag kommen neue dazu", sagt Mohammed, der Säcke mit Mehl von der deutschen Diakonie-Katastrophenhilfe verteilt.

Mohammed ist nicht sein richtiger Name. Seit sich die Kämpfe um Mogadischu zu einem regelrechten Krieg ausgewachsen haben, traut sich kaum noch jemand in Somalia, seinen Mund aufzumachen. Die meisten Journalisten, die in Somalia schon immer gefährlich lebten, sind geflohen. Acht Reporter wurden seit Anfang des Jahres kaltblütig ermordet, teils von Untergrundkämpfern, teils von Regierungsanhängern. Von den gut zehn unabhängigen Radiostationen in Mogadischu sind die drei wichtigsten geschlossen, weil sie zu kritisch berichteten.

Knapp ein Jahr nachdem Truppen der somalischen Übergangsregierung an der Seite der äthiopischen Armee die ein halbes Jahr lang herrschenden Islamisten aus Mogadischu vertrieben haben, wird der Bürgerkrieg immer blutiger. Nach jüngsten Schätzungen des Elman-Zentrums für Frieden und Menschenrechte haben die Kämpfe 2007 bislang fast 6.000 Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Nahezu 8.000 wurden verwundet, mehr als 715.000 sind auf der Flucht.

"Wir stehen alle zwischen den Fronten", sagt Mohammed. "Die Truppen der Übergangsregierung sind Milizen der früher herrschenden Warlords: Sie plündern und töten jeden, der ihnen nicht passt - Intellektuelle, Journalisten, islamische Würdenträger." Die durchorganisierte und gut ausgerüstete äthiopische Armee, die 55.000 Soldaten in Somalia stationiert haben soll, sei keinen Deut besser. "Die äthiopischen Soldaten hier sind meist sehr jung: Wenn sie angegriffen werden, schießen sie auf jeden, der sich bewegt." Ihnen steht eine Allianz aus unzufriedenen Milizen vor allem des Hawiye-Clans und Anhängern der Islamisten gegenüber, die mit ferngezündeten Bomben und - neu für Somalia - Selbstmordattentaten Terror verbreiten.

"Das Leiden der Flüchtlinge ist die direkte Folge von schweren Kriegsverbrechen", warnt Steve Crawshaw von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. "Im November haben äthiopische Soldaten viele Massenexekutionen durchgeführt, und immer wieder verschwinden mutmaßliche Oppositionelle spurlos." Berichte wie diese erhöhen den Druck auf Somalias Präsident Abdullahi Yusuf, seine bisherige Hardlinerhaltung aufzugeben. Erstmals machte der vor einer Woche vom Parlament gewählte neue somalische Premier Hussein Hassan Nur, genannt Nur Adde, den Islamisten ein Gesprächsangebot.

Nur gilt vielen in Somalia als Hoffnungsträger, vor allem weil er nach der Flucht des Diktators Siad Barre 1991 im Ausland gelebt hat. Einen Namen machte sich der 70-Jährige als Direktor des somalischen Roten Halbmonds. Doch sein Gesprächsangebot ist vor allem eine symbolische Geste: Denn die in Eritrea lebenden Anführer der Islamisten haben schon mehrfach jede Verhandlung abgelehnt, solange die äthiopischen Truppen nicht abziehen.

UN-Sonderbeauftragter Ahmedou Ould Abdallah sagt: "Die Situation in Somalia ist die schlimmste in Afrika überhaupt." Fast wehmütig denkt er an die Zeit zurück, wo noch die Islamisten herrschten. "Das waren für Somalia geradezu goldene Jahre."

(Copyright die tageszeitung, 4.12.07)

Samstag, 1. Dezember 2007

Heiß, zu heiß


Als die Koffer für diese Reise durch Afrika schon gepackt sind, ist es September. Das Fernsehen zeigt die ersten Bilder von Überschwemmungen in Ghana, Uganda und anderen afrikanischen Ländern. Vom Atlantik bis zum Indischen Ozean melden sechzehn Staaten gleichzeitig "Land unter" - genau, wie der Weltklimarat es vorhergesagt hatte.

Wegen der steigenden Temperaturen, heißt es in dessen aktuellem Bericht, müssten die Bewohner Afrikas immer öfter mit extremen Wetterlagen klarkommen - mehr Überschwemmungen, mehr Dürren. Kein Kontinent, prognostizieren die Klimaforscher, werde stärker unter dem Klimawandel zu leiden haben als Afrika - und keiner sei so schlecht auf die Folgen vorbereitet.

Trotzdem wird beim Klimagipfel in Bali nur wenig über Afrika gesprochen, und wie üblich wird sich kaum ein afrikanischer Politiker in die Debatte einmischen. Wangari Maathai, Kenias berühmte Umweltpolitikerin, macht dafür vor allem Unwissen verantwortlich. "Afrika erhebt seine Stimme nicht, weil die Menschen hier nicht genug Erfahrungen gemacht haben", sagt die Friedensnobelpreisträgerin, "Sie müssen erst erleben, dass Temperatursteigerung, lange Dürreperioden und die Schneeschmelze auf dem Mount Kenya keine vorübergehenden Ereignisse sind." Ohne den Druck der Betroffenen aber, so Maathai, würden sich afrikanische Politiker nicht rühren.

Doch auch jene, die die klimapolitischen Hintergründe nicht kennen, müssten doch längst Veränderungen in ihrem täglichen Leben spüren. Diese Reise, einmal quer über den Kontinent, soll dieser Vermutung nachgehen.

Die Tour beginnt auf einem Feld im äthiopischen Hochland. Ato Mulualem Birhane und seine Frau hocken zwischen dem Tef, dem hier am häufigsten angebauten Getreide, sie rupfen Unkraut. Maschinen gibt es nicht auf den kleinen und unebenen Feldern hier, alles geht von Hand. Die Ernte könnte gut werden in diesem Jahr, sagt der 48-jährige Mulualem - wenn das Wetter mitspielt. "Früher gab es einmal im Jahr eine feste Regenzeit", erzählt er, "aber seit ein paar Jahren kommt sie mal, mal kommt sie nicht, dann regnet es zu stark oder zur falschen Zeit." Hinter den beiden Bauern, die hier in Dembecha, 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, ihre Farm betreiben, türmen sich dunkle Wolken auf. In der Ferne donnert es. Ein schweres Gewitter naht.

Extreme Wetterlagen erleben die Bauern hier inzwischen immer öfter. Im Jahr zuvor sind in einer schlimmen Flut 900 Menschen umgekommen, Hunderttausende haben damals ihren gesamten Besitz verloren. "So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen", sagt der Vorsitzende des Äthiopischen Umweltforums, Negusu Aklilu. "Und nicht nur Überschwemmungen, auch Dürren werden in Äthiopien allmählich vom Phänomen zur Normalität." Die Folgen sind katastrophal, denn in Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Erde, sind die Bauern mehr als anderswo davon abhängig, eine gute Ernte einzufahren. Farmer Mulualem berichtet, dass das Wetter inzwischen selbst dann verrückt spielt, wenn der Himmel blau ist: "Früher hatten wir im Hochland moderate Temperaturen, aber inzwischen ist es hier heiß, zu heiß."

Über die steigende Temperatur klagt auch Peter Mireri von der Umweltgruppe Freunde des Viktoriasees. Nur dass hier in Uganda die Auswirkungen andere sind. Mireri steht am Anfang eines langen Steges, gut 150 Meter ragt der in den Viktoriasee hinein. "Hier, wo wir jetzt stehen" sagt er, "haben wir noch vor drei Jahren unsere Boote vertäut." Er zeigt zum Ende des Stegs: "Inzwischen mussten wir den Steg bis da hinten verlängern!"

Nach drei Jahren Dürre hat es in diesem Jahr am Viktoriasee erstmals wieder geregnet, doch der Pegel ist kaum gestiegen. Die Trockenheit macht dem größten See Afrikas schwer zu schaffen: zu siebzig Prozent speist er sich aus Regenfällen, wichtige Zuflüsse gibt es kaum, erklärt Mireri. "Und weil es jetzt auch noch wärmer geworden ist, verdunstet das Wasser wieder stärker."

Der Umweltaktivist ist sich sicher, dass das Sinken des Pegels einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass es immer weniger Fische im See gibt. Vor allem die Laichplätze litten unter der Klimaerwärmung. "Der in den Uferzonen abgelegte Laich wird so warm, dass die Fische nie schlüpfen." Deshalb bleiben die Netze der wenigen, die noch von Kisumu aus in See stechen, oft leer.

Fischer Nicholas und sein Bootsmann brauchen jeden Tag acht Stunden, um ihre am Abend zuvor ausgelegten Netze zu kontrollieren. Früher, erinnert sich Nicholas, verfingen sich in den Netzen große Tilapiafische, "und auch Viktoriabarsche". Das ist längst vorbei. Der Viktoriabarsch, in den Sechzigerjahren im See ausgesetzt, hat sich massenhaft vermehrt und dafür gesorgt, dass andere Fischarten ausstarben. Heute gibt es hier fast nur noch den Viktoriabarsch, der Fisch wird in den zahllosen Fabriken am Ufer filetiert und gleich nach Europa weiterverkauft.

Als Nicholas am Abend festmacht, kann er den wartenden Zwischenhändlern gerade mal dreißig kleine Fische anbieten. Drei Euro hat er heute verdient. Weil es zu wenig Fische gibt, verrotten im einst größten Fischereihafen von Kisumu die Boote. Verlierer sind aber auch die Bewohner Kisumus, die sich ihren eigenen Fisch immer seltener leisten können: Der Preis hat sich binnen zwei Jahren vervierfacht. Am Straßenrand werden stattdessen Fischgräten gewaschen, die bei der Filetierung des Nilbarschs übrig bleiben. Sie werden getrocknet und dann in heißem Fett ausgebacken. Was übrig bleibt, wird mit scharfer Soße gegessen oder zu Suppe verarbeitet. Mehr gibt der See für seine Anrainer nicht mehr her.

"Natürlich ist der Klimawandel nur ein Faktor von mehreren", sagt Umweltaktivist Mireri. Überfischung, Ablassen des Wassers in Kraftwerke auf der ugandischen Seite und andere Faktoren spielten auch eine Rolle. "Aber der Klimawandel kommt obendrauf, verschlechtert die ohnehin schlimme Lage und gibt dem See den letzten Rest."

Einige hundert Kilometer weiter westlich steht das staatliche Krankenhaus von Hoima. Jeden Tag stirbt hier mindestens ein Kind an Malaria. Die von Moskitos übertragene Krankheit kann in kurzer Zeit schwere Formen annehmen. "Blutarmut, Unterzuckerung, Erkrankungen der Lunge oder des Gehirns - das sind alles Komplikationen, die wir hier regelmäßig sehen", erklärt der Kinderarzt Tom Ediamu, der seit mehreren Jahren hier im Westen Ugandas arbeitet. Ediamu nennt Malaria eine "Killerkrankheit", und das ist sie, nicht nur hier. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sterben jedes Jahr 2,7 Millionen Menschen an der von Anophelesmücken übertragenen Krankheit. Drei Viertel von ihnen sind Kinder.

Monat für Monat kommen zu Ediamu und seinen Kollegen 5.000 neu infizierte Kinder. "Es gab hier schon immer Malaria, sagt der Arzt, "aber seit ein paar Jahren nimmt die Zahl der Fälle ständig zu." Vor der Kinderstation sitzen Familien unter freiem Himmel, sie warten auf ein freies Bett. Den Grund für den Ansturm kennt Ediamu: Es ist der Klimawandel. "In der langen Regenzeit zwischen September und November regnet es seit einigen Jahren viel mehr als üblich", sagt er. Wo immer dann Wasser in Pfützen steht, entwickeln sich die Larven der Anophelesmücke besonders schnell. Die Beobachtung des Arztes deckt sich mit der Analyse des Weltklimarats. Ähnliche Entwicklungen dokumentiert der Rat überall in Afrika, seit sich die Regenzeiten verschoben haben.

Weil es insgesamt wärmer ist, breitet sich die Malaria heute selbst dort aus, wo der Erreger wegen niedriger Temperaturen früher nicht überleben konnte, zum Beispiel im Hochland. "Ich komme aus dem Südwesten Ugandas und hatte nie Malaria, bis ich mit 18 nach Kampala gezogen bin", erinnert sich Achilles Byaruhanga, Direktor von der Umweltschutzorganisation Nature Uganda. An Malariafälle in seiner Heimat am Fuß der Rwenzori-Berge kann er sich nicht erinnern. "Heute wird die gleiche Gegend als endemisches Gebiet für Malaria geführt, die Zahl der Fälle nimmt ständig zu." Vor allem für arme Menschen auf dem Land ist Malaria gefährlich. Oft haben sie schon andere Krankheiten, oder sie leiden unter Fehl- oder Mangelernährung, sodass ihr Immunsystem geschwächt ist.

Letzte Etappe der Reise ist Westafrika. Im leichten Zelt der Nomaden gießt Aïcha den Tee auf. Die Tradition in Mauretanien gebietet es, dass jeder Besucher, der die Sahara durchquert hat, mindestens drei Tassen leeren muss - so soll sein Überleben gesichert werden. Doch entgegen aller Tradition sind im Süden des Wüstenstaats die Nomaden längst sesshaft geworden.
Sidi el Moctar ist aus Schaden klug geworden, seit der ersten schweren Dürre in den 70er-Jahren schützt er die letzte Oase, die hier noch Wasser führt, um den nun sesshaften Nomaden ein bisschen Land- und Viehwirtschaft zu er möglichen. 5.000 Bäume müssen el Moctar und seine Helfer jedes Jahr anpflanzen, um die Dünen aufzuhalten, die wegen der zunehmenden Hitze und der immer größeren Trockenheit schneller vorrücken als je zuvor. Das Vordringen der Wüste in den Sahelgürtel, in Mauretanien das fruchtbarste Land, können selbst die Schutzwälle kaum noch aufhalten. "Wir haben große Angst vor dem Klimawandel", sagt el Moctar. "Wir gehen unter, wenn wir nicht unermüdlich gegen den Vormarsch der Wüsten kämpfen. Zwischen hier und Atar im Norden lebt inzwischen niemand mehr, dort gibt es kein Wasser mehr."

Längst fordern Afrikas Umweltschützer, die ich auf dieser Reise getroffen habe, von der Staatengemeinschaft mehr als nur die Reduzierung der Treibhausgase. Sie wollen von den Verursachern des Klimawandels konkrete Hilfe, um die Folgen abfedern zu können. Negusu Aklilu ist enttäuscht, wie wenig Hilfe Afrika bislang bekommt. "Ein Sprichwort sagt: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit", sagt er. "Ich glaube nicht, dass Politiker überall auf der Welt den ärmsten Teil der Erde hassen, aber wir sind ihnen egal."

(Copyright die tageszeitung, 1.12.07)