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Samstag, 30. Mai 2009

Tausend Hügel begrünen


Als "Land der tausend Hügel" war Ruanda einst bekannt. Wer heute aus der Hauptstadt Kigali hinausfährt, findet jedoch von der einstigen grünen Kulturlandschaft nicht mehr viel vor. Ganze Abhänge sind abgerutscht, die rotbraune Erde ist nackt und unbewachsen. Am Fuß der Hügel wälzen sich schlammige Fluten, gesättigt vom einstigen Ackerland. Erosion ist eines der größten Umweltprobleme in einer der kleinsten Nationen Afrikas.

Neun Millionen Menschen leben hier auf einer Fläche von der Größe Belgiens; fast alle sind Kleinbauern. Brandrodung, Abholzung und Überbewirtschaftung laugen das Land aus. Und dabei steigt die Bevölkerungsdichte rasant. In zwanzig Jahren, so sagen die Demoskopen voraus, wird die Bevölkerung sich verdoppelt haben.

Kaum zu glauben, dass das Land eine ökologische Vorzeigenation sein soll. Doch genau das wird Ruanda vom Global Footprint Network bescheinigt, das jährlich den "Ökologischen Fußabdruck", also den Umweltverbrauch aller Länder, misst. In Ruanda liegt der bei 0,7 und damit deutlich unter dem, was die Bevölkerung an Umweltverbrauch für sich beanspruchen dürfte. 1,0 ist dieser Idealwert, Deutschland etwa liegt mit 4,2 deutlich darüber; die gesamte Erde hat einen Fußabdruck von 2,23 - das bedeutet, mehr als zwei Planeten wären nötig, um die derzeitige Naturzerstörung auszugleichen.

Dass Ruanda als eines der ärmsten Länder der Erde einen niedrigen Fußabdruck hat, ist noch nicht überraschend - dass dieser Fußabdruck aber seit Jahren kleiner wird, obwohl die Wirtschaft wächst, doch. Welches Geheimnis hat Ruanda, das andere Länder nicht haben?

Entschlossenheit, sagt Ruandas Präsident Paul Kagame. "Afrikas Wirtschaftswachstum hängt direkt von Landwirtschaft, Tourismus, Fischerei und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen ab. All das ist nur mit einem effektiven Umweltmanagement möglich." Bei einem Finanzgipfel in Kigali warf Kagame den afrikanischen Regierenden jüngst in brüskem Tonfall vor, in Umweltfragen immer in Verzug zu sein: "Unser generelles Problem in Afrika ist die Umsetzung."

Wer den Mund so voll nimmt, muss zu Hause Erfolge vorweisen können: Dazu gehören in Ruanda etwa die Programme für Aufforstung und Terrassierung, die die Nationale Umweltbehörde REMA im ganzen Land vorantreibt. Inzwischen stammen nach REMA-Angaben bereits achtzig Prozent des in Ruanda verbrauchten Holzes aus einheimischen, nachwachsenden Plantagen.

Eine weitere Kernfrage lautet: Wie kann der Energiebedarf eines Landes gedeckt werden, das innerhalb von zehn Jahren ein Drittel der Bevölkerung ans Stromnetz anschließen will - derzeit sind es gerade einmal sechs Prozent - und auf weitere Industrialisierung baut?

Die Antwort gibt Eva Paul. Die ehemalige Mitarbeiterin der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) gehört zu der großen ausländischen Community, die im Infrastrukturministerium in Kigali arbeitet. Diese Spezialisten sollen dem Land helfen, bis 2020 ökologisch nachhaltig vom Entwicklungs- zum Schwellenland aufzusteigen.

"Seit November vergangenen Jahres pumpen wir Methan aus dem Kivu-See in einen schwimmenden Generator", erklärt Eva Paul in ihrem Büro im Regierungsviertel. In der Tiefe des Kivu-Sees an der Grenze zum Kongo liegen Methan-Vorkommen, die für mehr als 50 Jahre ausreichen könnten. "Im Moment werden vom Kivu-See aus zwei Megawatt ins Netz eingespeist", so Paul. "Gerade haben wir einen Vertrag mit der amerikanischen Firma Contour Global unterschrieben, die die Leistung bis Ende kommenden Jahres auf 100 Megawatt erhöhen wird." 100 Megawatt - das ist fast doppelt so viel wie Ruandas derzeitige Gesamtleistung. Ein Konsortium, an dem der Aga Khan beteiligt ist, verhandelt in diesen Monaten über die Lizenz, weitere 100 Megawatt Strom zu erzeugen. "Ein südafrikanischer Investor will aus dem Methan 1.000 Barrel Treibstoff pro Tag erzeugen, und wir haben eine Studie in Auftrag gegeben, die die Herstellung von Kunstdünger aus Methan prüft", so Paul.

Afrikas größte Solaranlage, nur eine halbe Stunde Fahrt von Kigali entfernt auf einem Hügel gelegen, ist ein Prototyp für Insellösungen. "Solarenergie ist zu teuer, um sie ins Netz einzuspeisen", so Paul. In einem extra Programm werden derzeit Schulen und Krankenhäuser mit Solarzellen ausgestattet. Dem gleichen Zweck dienen die 15.000 Biogasanlagen, die derzeit mit Unterstützung der GTZ vor allem an Latrinen von Kleinbauern installiert werden. "Die Familien kochen mit Biogas statt mit Feuerholz, das schont die Ressourcen", erklärt Koordinator Gerard Hendriksen. Ressourcenarmut, so scheint es, macht - zumindest im Falle Ruanda - erfinderisch.

(Copyright die tageszeitung, 30.5.09)

Dienstag, 7. April 2009

Der gedeckte Mörder


"Hier ist Radio Libre Mille Collines", ruft der Moderator schwer atmend in sein Mikrofon. "Die Gräben sind erst zur Hälfte mit Tutsi-Leichen gefüllt, helft mit, sie aufzufüllen!" Es ist Frühjahr 1994 in Ruanda, seit dem 7. April haben die Morde an Tutsi und moderaten Hutu begonnen. Macheten, die schon vor Monaten lastwagenweise eingeführt worden sind, werden an die Hutu-Bevölkerungsmehrheit verteilt. Angeheizt wird die Stimmung von den Scharfmachern im Freien Radio der tausend Hügel, die später sogar Musikstücke senden, die den Völkermord glorifizieren. Später werden Medienwissenschaftler sagen, dass die Hasssendungen maßgeblich dazu beigetragen haben, den Völkermord am Laufen zu halten.

Der Mann, der hinter Radio Libre Mille Collines steckt, ist derselbe, der den Import von zehntausenden Macheten organisierte: Félicien Kabuga, einer der reichsten Männer Ruandas und Hutu-Extremist, für dessen Ergreifung die US-Regierung ein Lösegeld von 5 Millionen US-Dollar ausgesetzt hat. Doch 15 Jahre nach Beginn des Genozids ist der inzwischen 74-Jährige immer noch auf der Flucht. "Von den 97 Angeklagten haben wir 84 festnehmen können", bilanziert Roland Amoussouga, Sprecher des Internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda im tansanischen Arusha. "Nur 13 sind noch auf der Flucht."

Doch unter diesen 13 sind die vielleicht wichtigsten noch lebenden Hintermänner des Genozids: der damalige Verteidigungsminister Augustin Bizimana etwa, und Protais Mpiranya, Chef der besonders brutalen Präsidialgarde. Und Kabuga, der als Finanzier des Völkermordes gilt. "Bei vielen wissen wir ungefähr, wo sie sich aufhalten", sagt Hassan Jallow, der Chefankläger des von den UN eingerichteten Tribunals. Doch das reicht zur Festnahme nicht aus, denn das Tribunal hat keine Polizei. Wenn Jallow weiß, wo sich ein Verdächtiger aufhält, dann muss er die Regierung des Landes um Amtshilfe bitten. "Und nicht alle Regierungen sind so kooperativ, wie wir uns das wünschen würden."

Niemand zweifelt ernsthaft daran, dass sich Félicien Kabuga seit fast 15 Jahren meistens in Kenias Hauptstadt Nairobi aufhält. Am 3. September 1994 stempelten Einreisebeamte seinen Pass am internationalen Flughafen, seine Frau und sechs Kinder folgten kurze Zeit später nach. Kenia war nicht Kabugas erste Wahl: Weder die Schweiz noch das damalige Zaire war bereit, den Völkermörder aufzunehmen.

In Kenia hingegen wurde Kabuga mit offenen Armen empfangen. "Der damalige ruandische Botschafter Cyprien Habimana sorgte dafür, dass eine ganze Reihe von Völkermördern Flüchtlingsstatus bekamen", erklärt ein damaliger Mitarbeiter von Kenias Ausländerbehörde im Schutz der Anonymität. Erst im Dezember wurde Habimana von der neuen Regierung nach Kigali zurückgerufen. Da hatte Kabuga bereits seine erste Wohnung im schicken Gemina Court bezogen, gleich neben der Witwe von Expräsident Juvénal Habyarimana. So groß war der Andrang der Extremisten, dass im September 1994 in der All Saints Basilica eine eigene Schule für 140 ihrer Kinder eröffnet wurde, in der auf Kinyarwanda unterrichtet wurde. Auch die tutsifeindliche Hetzschrift Kangura, die in kongolesischen Hutu-Flüchtlingslagern verteilt wurde, wurde in Nairobi gedruckt.

Die Kenia-Connection der Hutu-Elite um den ermordeten Präsident Juvenal Habyarimana, dessen Flugzeug am Vorabend des 7. April 1994 abgeschossen wurde, hat Tradition. Habyarimana selbst war mit Kenias autokratischem Präsidenten Daniel arap Moi gut befreundet und unterhielt mehrere Firmen in Mombasa und an Kenias Küste. Auch Kabuga hatte Verbindungen. Sein wohl nützlichster Beschützer soll der damalige Chef des gefürchteten Geheimdienstes, Zakayo Cheruiyot, gewesen sein. Vieles spricht dafür, dass es innerhalb von Bürokratie und Politik bis heute zahlreiche Männer gibt, die ihre schützende Hand über Kabuga halten.

Selbst der sonst eher diplomatische Chefankläger des Völkermordtribunals Jallow kritisiert Kenias Regierung mittlerweile öffentlich. "Im Kongo hat die Regierung Probleme mit ihrer Kapazität und kann deshalb viele Flüchtlinge nicht fassen", so Jallow. "In Kenia geht es nicht um Kapazität, es geht um politischen Willen."

Eine von Jallow ins Leben gerufene Taskforce, der Vertreter des Tribunals und der kenianischen Polizei angehören, legte vor nicht einmal einem Jahr einen bestürzenden Bericht vor: Das Netzwerk, das Kabuga zu seinem Schutz aufgebaut habe, umfasse den Expolizeipräsidenten des Landes, zwei persönliche Referenten des Präsidenten, zwei Minister, Kenias obersten Verwaltungschef und Heerscharen von Geschäftsleuten und Rechtsanwälten. Ein Vertrauter des ehemaligen Präsidenten Mois habe zudem mit der neuen Regierung eine Vereinbarung darüber geschlossen, dass Kabuga weiterhin geschützt werde. Die Regierung Kibaki, die bis heute im Amt ist, wies alle Vorwürfe zurück. Der Bericht wurde nie veröffentlicht.

Wer den Fall Kabuga verfolgt, lebt gefährlich. Der kenianische Journalist Cyrus Ombati, der die Spur Kabugas seit Jahren verfolgt, ist sich dessen bewusst. Und dennoch will er nicht schweigen. "Die Regierung behauptet, Kabuga sei nicht im Land, aber gleichzeitig hat sie ihn gerade wegen Steuerhinterziehung angeklagt", weist er auf einen der vielen Widersprüche hin. "Polizeibeamte geben im Vieraugengespräch offen zu, dass er sich in Kenia frei bewegen kann", so Ombati. "Und gleichzeitig sagen sie dir: Pass bloß auf, was du über ihn schreibst!"

Das kenianische Finanzimperium Kabugas umfasst Immobilien, Farmen, Hotels, Transport- und ein Busunternehmen sowie eine Import-Export-Firma. Zwar hat Kenias Regierung nach langem Zögern Konten und Besitztümer Kabugas eingefroren, doch mindestens zwei Konten, die Jallows Taskforce im vergangenen Jahr überprüfen wollte, scheinen noch intakt zu sein. "Weder die Barclays Bank noch die Family Bank war bereit, uns bei der Aufklärung zu unterstützen", sagt ein Insider. Auch die Konten von Geschäftspartnern und Kabugas Schwiegersohn seien bis heute nicht gesperrt.

Einmal schien es, als seien die Verfolger kurz davor, Kabuga festzunehmen. Der Geschäftsmann William Munuhe vereinbarte ein Treffen mit Kabuga, bei dem die Polizei zugreifen sollte. Als Kabuga nicht wie vereinbart zum Treffen erschien, wurde der Einsatzleiter ungeduldig. Weil Munuhe seinen Telefonhörer nicht abnahm, brachen die Beamten die Tür auf. Sie fanden den 27-Jährigen tot in seinem Bett - er war mit einem Kopfschuss ermordet worden.

Auch weil die Polizei den Tod Munuhes lange geheim hielt, gehen viele bis heute davon aus, dass Polizei-Insider den Geschäftsmann verraten hatten. Vor einem Jahr, Jallow hatte einen kritischen Bericht vor dem UN-Sicherheitsrat angekündigt, meldete die Polizei auf einmal die Festnahme Kabugas. Erst einige Tagen später, die Sicherheitsratssitzung war vorbei und Jallow zurück in Arusha, stellte sich heraus: Der Verhaftete war nicht Kabuga, sondern Charles Nyandwi, ein Mathematikdozent an Nairobis Universität, der Kabuga überhaupt nicht ähnlich sieht.

Doch Jallow will nicht aufgeben. "Kabuga bleibt einer der wichtigsten Flüchtlinge für uns, wir wollen ihn hier vor Gericht sehen, bevor wir Ende des Jahres die Verhandlungen einstellen", so der Chefankläger. Und etwas realistischer setzt er nach: "Diese Verbrechen verjähren nicht." Irgendwann werde man Kabuga finden und festnehmen. "Er kann wegrennen, aber er kann sich nie in Sicherheit wiegen."

(Copyright die tageszeitung, 7.4.09)

Samstag, 24. Januar 2009

Ex-Verbündete setzen Nkunda fest


Seit Jahren galt Laurent Nkunda als Ruandas Mann im Osten Kongos. Geld und Waffen sollen aus dem Nachbarstaat an Nkunda geflossen sein. Als die Rebellen des Generals im Oktober auf die kongolesische Stadt Goma zumarschierten, halfen ihm ruandische Panzer mit Schüssen von jenseits der Grenze. Ein UN-Bericht zitierte vor einigen Wochen gar Belege dafür, dass Nkunda seine Militäroperationen direkt mit dem ruandischen Präsidialamt abgesprochen habe. Dennoch wurde Nkunda jetzt verhaftet - und zwar von denen, die ihn bislang unterstützt hatten.

"Nkunda wurde am Vortag gegen halb elf Uhr abends von ruandischen Soldaten in Bunagana festgenommen, das ist die Grenzstadt vom Kongo nach Ruanda", bestätigt der Sprecher der UN-Mission im Kongo, Jean-Paul Dietrich, am Freitag. Die gemeinsame Truppe aus kongolesischen und ruandischen Soldaten, die seit Tagen im Ostkongo gegen Rebellen vorgeht, hatte Nkunda aufgefordert, sich zu ergeben. Nkunda floh nach Ruanda - und wurde kurz hinter der Grenze auf ruandischem Boden festgesetzt.

Einer von Nkundas engsten Vertrauten, Jean-Desiré Muiti, konnte es am Freitag noch nicht fassen. "Nkunda ist zu Konsultationen nach Kigali gerufen worden", so Muiti. Diese Fehleinschätzung spricht dafür, dass Nkunda womöglich Opfer einer Täuschung wurde.

Kongos Informationsminister Lambert Mende feierte die Festnahme des Abtrünnigen als Beginn des Friedens im Osten Kongos, der seit mehr als zehn Jahren vom Bürgerkrieg erschüttert wird. Er forderte die Auslieferung Nkundas. "Es gibt einen kongolesischen Haftbefehl, er ist Kongolese, und er hat seine Verbrechen im Kongo begangen - sein Fall muss im Kongo verhandelt werden." Mende forderte Nkundas Rebellen auf, sich der Regierungsarmee anzuschließen. "Mit Nkundas Festnahme ist seine Rebellion praktisch vorbei", sagt Mende.

UN-Sprecher Dietrich ist zurückhaltender. Bei Nkunda habe man zumindest gewusst, woran man war. "Jetzt müssen wir abwarten, wer nach Nkunda kommt und hoffen, dass die versprochene Niederlegung der Waffen auch wirklich stattfindet." Dietrichs Skepsis gilt Bosco Ntaganda, der als starker Mann der Rebellengruppe gilt. Der hat zwar versprochen, den Kampf zu beenden, doch wegen des Einsatzes von Kindersoldaten wird er vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht, er hat viel zu verlieren.

Die Festnahme Nkundas ist der erste Erfolg der gemeinsamen ruandisch-kongolesischen Offensive, an der laut UN mehr als 3 500 ruandische Soldaten beteiligt sind. Bislang hatten die Führungen beider Länder davon gesprochen, militante Hutu zu verfolgen, die für den Völkermord in Ruanda verantwortlich gemacht werden. Stattdessen wurde Tutsi-General Nkunda festgenommen, der im Namen der Opfer des Völkermords Angst und Schrecken verbreitete. Beim Einmarsch seiner Truppen vor sechs Jahren in Bukavu etwa schauten UN-Blauhelme zu, während Nkundas Truppen vergewaltigten und plünderten. "Nkundas Truppen haben schwere Menschenrechtsverletzungen zu verantworten", sagt Anneke van Woudenberg von Human Rights Watch. "Ihm muss ein Prozess gemacht werden, der internationalen Standards entspricht."

(Copyright Berliner Zeitung, 24.1.09)

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Colonel Tod tritt vor seinen Richter


Die Stufen, die in die Katakomben unter der Kirche von Ntarama führen, knarren in der Stille. Nur wenige Meter abwärts führt die schmale Treppe in eine kalte und staubige Gruft, in der die sterblichen Überreste tausender Opfer des Genozids von 1994 aufgebahrt sind. Särge stapeln sich an den Wänden, doch von den meisten Toten ist nicht mehr übrig geblieben als der Schädel. Wie groteskes Obst an einem Marktstand liegen sie auf Brettern aufgereiht.

Als im April 1994 die Verfolgung der Tutsi und moderaten Hutu begann, verschanzten sich die Verfolgten von Ntarama in der Kirche, weil sie sich dort sicher fühlten. Doch die Verfolger kannten kein Erbarmen: Sie warfen erst Granaten und stürmten dann das Gotteshaus. Mehr als 10 000 Menschen, so berichten die wenigen überlebenden Augenzeugen, wurden mit Macheten und bloßen Händen umgebracht. Im ganzen Land waren es bis zum Ende des Völkermords mindestens 800 000.

In Ntarama wurden so viele ermordet, dass auch heute, 14 Jahre nach dem Genozid, nicht alle Gebeine unter der Erde sind. Im Seitenschiff der Kirche stehen Plastiksäcke voller Knochen, die noch beigesetzt werden müssen. "Niemand soll jemals sagen können, den Genozid habe es nicht gegeben", hofft André Kamana, der Touristen durch die Gedenkstätte führt.

Der Mann, der den Völkermord an der ethnischen Bevölkerungsminderheit der Tutsi minutiös vorbereitet haben soll, sitzt seit elf Jahren in einer Zelle im tansanischen Arusha, wo er sich dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal für Ruanda stellt. Heute geht sein Prozess zu Ende: Nach 408 Verhandlungstagen verkündet der erste Senat das Urteil gegen Théoneste Bagosora, genannt Colonel Tod. Das Urteil gilt als das bedeutendste seit der Einrichtung des Tribunals.

Die Anklage gegen den 1941 geborenen Militär, der im Genozid als Kabinettsdirektor das Verteidigungsministerium leitete, lautet unter anderem auf Verschwörung, Aufhetzung und Anstiftung zum Völkermord sowie diverse Verbrechen gegen die Menschlichkeit. "Bagosora nahm an der Planung, Vorbereitung und Ausführung einer Strategie (für den Völkermord) teil", heißt es in der Klageschrift. "Die Verbrechen wurden von ihm persönlich, mit seiner Hilfe oder von seinen Untergebenen mit seinem Wissen und Einverständnis ausgeführt." Auch Morde und Vergewaltigungen warfen ihm Zeugen der Anklage im Laufe des Prozesses vor. Bagosora gab offenkundig nicht nur die Befehle, sondern war bei den blutigen Massakern gerne selbst dabei. Er selbst will davon nichts wissen: Bis heute weist Bagosora alle zwölf Anklagepunkte zurück. "Ich glaube nicht an die Theorie, dass es einen Genozid gegeben hat", ließ er das verblüffte Tribunal wissen.

Dabei war Bagosora zweifellos einer seiner Organisatoren. Nach dem gewaltsamen Tod von Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana - sein Flugzeug wurde beim Landeanflug auf Ruandas Hauptstadt Kigali abgeschossen - riss Bagosora sofort die Macht an sich; Stunden später begannen die ersten Massaker. "Bagosora übernahm die Kontrolle über Ruanda", sagte der kanadische General Roméo Dallaire im Prozess aus. An sein Treffen mit Bagosora an besagtem Abend erinnert er sich genau: "Bagosora erklärte mir, das Militär werde jetzt die Regierung übernehmen, und ich erinnerte ihn daran, dass Ruanda immer noch eine Premierministerin habe, die jetzt an der Spitze des Staates stehe."

Bagosora habe sich aufgeregt, niemals werde er das akzeptieren. Wenige Stunden später waren Premierministerin Agathe Uwilingiyimana und ihre Schutztruppe, zehn belgische UN-Blauhelme, tot. Bagosora trifft da bereits alle Entscheidungen: Er verhängt eine Ausgangssperre und ruft das Komitee zusammen, das eine ihm genehme Übergangsregierung wählt. Bei einer Party erklärt er Zeugen zufolge in bester Laune: "Wir müssen alle Tutsi umbringen, um jeden Preis. Eine solche Chance kriegen wir nie wieder." Moderate Offiziere, die das nicht mittragen wollen, entlässt er oder stellt sie kalt. Vor allem aber setzt er den Völkermord ins Werk.

Listen habe Bagosora verteilt, berichtet ein Zeuge, der im Prozess von Den Haag aus über Video gegen Bagosora aussagt. "Ab dem 9. April gab es eine Liste von ihm, auf der prominente Tutsi standen, die als erste umgebracht werden sollten." Wer darauf stand, sei meist einen Tag später tot gewesen. Bagosora ist kein Opportunist, er ist Überzeugungstäter. Seine erste Liste von "Staatsfeinden" stellte er bereits drei Jahre vor dem Genozid auf, als Präsident Habyarimana ihm den Auftrag gibt, eine Antwort auf die Frage zu finden: Was müssen wir tun, um den Feind militärisch, propagandistisch und politisch zu besiegen? Habyarimanas Hutu-dominierte Einparteienregierung spürte den Druck der Ruandischen Patriotischen Front (RPF), einer mehrheitlich aus Tutsi bestehenden Rebellenbewegung, die von Uganda aus operierte.

Bagosoras Bericht liest sich bereits wie die Hetzreden, die er während des Genozids im Radio verbreiten lässt. "Der Feind, das sind die Tutsi, regierungskritische Hutu und Ausländer, die mit Tutsi verheiratet sind." Bei mehreren öffentlichen Veranstaltungen spricht Bagosora noch unverblümter: "Wir brauchen einen Krieg, der das Land in ein apokalyptisches Chaos stürzt, damit wir alle Tutsi eliminieren können, dann erst haben wir Frieden." Als Habyarimana 1993 einen Friedensvertrag mit der RPF unterschreibt, verlässt Bagosora unter Protest den Saal. Mehrere wollen gehört haben, wie er sich mit dem Satz verabschiedete: "Ich kehre nach Ruanda zurück, um die Apokalypse vorzubereiten."

Mit Unterstützung eines faschistoiden Zirkels von Hutu-Extremisten, der von der Frau des Präsidenten geführt wird, schafft Bagosora die militärische Basis für den Völkermord. Sein 1993 geschriebenes Programm für "Zivile Selbstverteidigungsgruppen", das er zunächst nicht umsetzen darf, ist ein Leitfaden für die mit Macheten und kruden Waffen ausgerüsteten Mordtrupps, die ein Jahr später binnen Wochen in ganz Ruanda aufgestellt werden.

Bagosora selbst soll entschieden haben, dass Gewehre für die Massenmorde zu teuer seien, auf sein Geheiß wurden hunderttausende Macheten importiert. Verantwortlich für die Aufstellung der Trupps blieb bis zuletzt Bagosora. "Das Modell der Zivilen Verteidigungsgruppen, für welches aufgerüstete Zivilisten zur Eliminierung aller Tutsi aufgehetzt wurden, machte aus einem potenziellen Bürgerkrieg einen Genozid", konstatiert die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch. Im Prozess wurden Filme gezeigt, die Bagosora zeigen, während er den Milizen Befehle gibt.

Doch trotz der erdrückenden Beweislast gibt sich Bagosora als Opfer einer politischen Verschwörung. "Ich erkläre feierlich, dass ich niemals einen Menschen getötet oder die Ermordung von irgendjemandem angeordnet habe", erklärte er in seinem Schlussplädoyer. Seine Verteidiger haben geschuftet, um diesen Eindruck zu untermauern. 160 Zeugen haben sie aufgeboten, fast doppelt so viele wie die Anklage. Am Gesamteindruck änderte das wenig. Der Architekt der ruandischen "Endlösung" steht vor ernsthaften Richtern.

(Copyright Berliner Zeitung, 18.12.08)

Donnerstag, 13. März 2008

Journalistenpreis Weltbevölkerung











Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) hat mit ihrem Journalistenpreis "Weltbevölkerung" 2007 meinen Artikel zur "Drei-Kind-Politik" in Ruanda geehrt (zum Artikel geht's mit einem Klick auf die Überschrift). Die feierliche Preisverleihung fand am 13. März im historischen Kassensaal der KfW Berlin in Anwesenheit der Schirmherrin, Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, sowie etwa 100 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit statt.

In der Jurybegründung heißt es: "Marc Engelhardt gelingt eine differenzierte Darstellung rund um Armutsbekämpfung und Bildungspolitik, um Geburtenkontrolle und Bevölkerungswachstum in Ruanda. Ein sachlich und emotional sehr eindrucksvoller Artikel!"

Der im Jahr 2007 erstmals ausgeschriebene Journalistenpreis "Weltbevölkerung" wird von UNFPA unterstützt. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung will mit der Auszeichnung den engen Zusammenhang zwischen der rasanten Bevölkerungsentwicklung, Armut, reproduktiver Gesundheit und Umweltschutz in den Entwicklungsländern stärker in die öffentliche Diskussion einbringen. Sie will verdeutlichen, dass das Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern durch Aufklärungs- und Familienplanungsprojekte verlangsamt werden muss, um die Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) der Vereinten Nationen zu erreichen.

(Photo Copyright DSW)

Mittwoch, 27. Juni 2007

Sechs Kinder sind drei zu viel


Vor dem Büro von John Ruzibuka verpackt ein Wachmann Kondome in grell orangefarbene Pappschachteln. Beherzt greift er in den folienverschweißten Berg vor sich auf dem Tisch, eins, zwei, drei, wieder ein Paket fertig, das der UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) in den kommenden Tagen irgendwo in Ruanda verteilen wird. "Die Bevölkerung nimmt explosionsartig zu", sagt Ruzibuka, der UNFPA-Landeskoordinator in Ruandas Hauptstadt Kigali. "Jede Ruanderin bekommt im Schnitt sechs Kinder." Seit den 50er Jahren hat sich die Bevölkerung in dem zentralafrikanischen Staat von der Größe Belgiens auf fast neun Millionen vervierfacht. Schon heute ist kein Land in Afrika so dicht besiedelt wie Ruanda. Rechnerisch teilen sich 343 Ruanderinnen und Ruander - die meisten davon Subsistenzfarmer - einen Quadratkilometer. Nach Ende des Völkermords im Frühjahr 1994 ist die Geburtenrate noch einmal drastisch gestiegen. Wenn sich nichts ändert, wird Ruanda bis 2030 seine Bevölkerung erneut verdoppeln. Dann wäre Land noch knapper als heute schon. "Wir geben den Leuten die Mittel, um ihre Geburten zu kontrollieren", sagt Ruzibuka. "Aber wir können niemanden zwingen, weniger Kinder zu haben."

Einem Genozid vorbeugen

Das sieht Earnest Rwamucyo anders. Er leitet den Planungsstab im ruandischen Ministerium für Wirtschaft und Finanzen. Rwamucyo propagiert eine "Drei-Kind-Politik", angelehnt an die "Ein-Kind-Politik", mit der China seit 1979 sein enormes Bevölkerungswachstum begrenzt hat. "Wenn wir es schaffen, die Geburtenrate um die Hälfte zu senken, dann werden wir die Armut doppelt so schnell bekämpfen können", hofft Rwamucyo. Größter Fürsprecher der gesetzlichen Geburtenbegrenzung ist Ruandas Präsident Paul Kagame, der einem neuen Genozid im Keim vorbeugen will. "Die alte Regierung hat Hass gesät mit der Behauptung, unser Land sei zu klein für alle", erklärte Kagame jüngst offiziell. "Wir haben immer versichert, das Land ist groß genug für jedermann - aber das kann nicht alle Ungeborenen mit einschließen."

Kagame hat ehrgeizige Ziele für Ruanda, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Bis 2020 soll Ruanda vom Entwicklungs- zum Schwellenland transformiert sein. Das Pro-Kopf-Einkommen soll sich auf 900 US-Dollar vervierfachen, das Agrarland Ruanda eine Dienstleistungsnation werden. Mit einem modernen, satellitengestützten Telefonnetz wirbt die Regierung für die Ansiedlung von Callcentern in Kigali. Dabei hilft, dass Englisch offizielle Zweitsprache ist. "Diese Ziele können wir nicht erreichen, wenn wir mehr Kinder ausbilden und mehr Menschen medizinisch versorgen müssen, als wir uns leisten können", so Rwamucyo. Deshalb will Ruanda als erster afrikanischer Staat aktiv die Geburtenzahl begrenzen.

Doch was aus Technokratenmund so logisch klingt, trifft vor allem Ruanderinnen oft mitten ins Herz. Geburtenplanung ist ein schwieriges Thema in einem Land, wo auch 13 Jahre nach dem Genozid viele Opfer noch nicht begraben sind. Zwischen 800.000 und einer Million ethnische Tutsi und moderate Hutu wurden in nur 100 Tagen brutal ermordet, unter ihnen zehntausende Babys und Kinder. Vor allem auf dem Land haben viele Menschen bis heute das Gefühl, ihre Familien wieder zu alter Größe bringen zu müssen. "Meine Mutter hatte zwölf Kinder", sagt etwa die Marktverkäuferin Maria Munyazaki. "Nach dem Völkermord waren zehn meiner Geschwister tot. Was wäre gewesen, wenn meine Mutter nur drei Kinder gehabt hätte?" In den Gehöften nahe der Zuckerrohrplantagen, die die Hügel über Gisenyi am Kivusee bedecken, entscheiden bis heute vor allem zwei Dinge über Ansehen und Respekt: Ein möglichst großes Feld - und viele Kinder. "Ich habe gerade meine dritte Tochter zur Welt gebracht", erklärt die 22-jährige Yolande stolz. "Wenn die Regierung ihren Willen durchsetzt, dann werde ich keinen Sohn mehr haben." Doch wenn nicht, dann kann sich Yolande gut vorstellen, es noch weiter zu probieren. "Ich habe so viele Freunde und Verwandte im Genozid verloren, dass ich nicht ganz einsehen kann, warum ich nicht mehr Kinder als nur drei haben soll." Für Nziranza, eine Nachbarin, ist das Ganze einfach eine Frage des Glaubens. "Gott hat gesagt: Gehet hin und mehret Euch. Wie viele Kinder man bekommt, ist allein Gottes Plan."

Eine Freundin von Yolande hat hingegen nie eine Wahl gehabt. "Ich ziehe elf Kinder groß", sagt Mama Rose, die Mitte 40 ist. "Nur zwei Söhne sind meine leiblichen - die anderen neun sind Waisen, Kinder von nahen und entfernten Verwandten, die irgendwo unterkommen mussten." Sie selbst hätte sich nie so eine große Familie ausgesucht, glaubt sie. "Alles ist knapp, alles ist teuer, so viele Kinder kann man einfach nicht ordentlich versorgen." Keines ihrer Kinder geht zur Schule - das Geld für Bücher, Transport oder Unterkunft kann sich die Farmerin einfach nicht leisten. So geht es vielen. Selbst in den Kirchen ist der Widerstand gegen die Drei-Kind-Politik der Regierung nicht so groß, wie man vermuten mag. Mehrere katholische Priester versichern (wenn auch anonym): Sie würden zwar nicht für eine Drei-Kind-Politik eintreten - aber auch nicht dagegen predigen. Die einst so mächtige katholische Kirche, die wegen ihrer Rolle im Genozid massiv an Einfluss verloren hat, legt sich generell ungern mit der Regierung Kagames an. Anders ist das bei den seit Jahren wachsenden Pfingstkirchen, die die Bibel wörtlich nehmen und jede Art von Verhütung als Teufelswerk verdammen.

Kondome sind unbeliebt

Eine der wenigen, die auch mit radikalen Christen über Familienplanung reden kann, ist Marie Mukabatsinda. Die füllige Mutter von zweien leitet ein Programm namens Awareness - Aufmerksamkeit. Ziel des Programms, das zu einem großen Teil vom konservativen US-Entwicklungsdienst USAID finanziert wird, ist die Verbreitung einer neuen Methode zur Familienplanung. Es ist eine Art Rosenkranz aus Plastik mit weißen, braunen und einer roten Kugel. "An den braunen Tagen ist die Frau nicht empfängnisbereit, an den weißen besteht die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft", erklärt Mukabatsinda. Jeden Tag wird der Plastikring eine Kugel weitergeschoben. So weiß die Frau, ob sie verhüten muss - oder nicht. Mediziner, die die Testreihe begleitet haben, bescheinigen der Methode in Ruanda so viel Erfolg wie der Anti-Baby-Pille. Sie ist leicht zu begreifen, auch für die, die weder lesen noch schreiben können. Der Einsatz der Kette, sagt Mukabatsinda, hat zudem positive Nebenwirkungen. "Frauen in Ruanda haben traditionell nicht zu widersprechen, wenn der Mann mit ihnen schlafen will", berichtet sie. Doch wo die Zyklus-Kette deutlich sichtbar über der Schlafstatt baumelt, bestimme immer häufiger die Frau, ob oder ob nicht. "Selbst in einfachen Bauernfamilien hat das die Beziehung ganz oft grundlegend verändert."

Natürlich gibt es auch andere Verhütungsmethoden - doch da gibt es ebenfalls Probleme: In Kigali, wo die Pille in manchen Apotheken zu haben ist, hält der hohe Preis die potenziellen Käuferinnen ab. "Viele Frauen haben außerdem Angst, dass Pille, Spirale oder Hormonspritzen sie auf Dauer unfruchtbar machen - das Risiko wollen sie nicht eingehen", erläutert Marie Mukabatsinda. Überhaupt werden seit dem Genozid in Ruanda kaum noch Verhütungsmittel benutzt, wie das Gesundheitsministerium mitteilt: Heute verhüten gerade einmal vier Prozent der Frauen. "Anfang der 90er waren es noch mehr als 13 Prozent, vor allem in den Städten, die eine moderne Verhütungsmethode benutzt haben." Marie Mukabatsinda glaubt, für diesen Rückschritt sei nicht nur das Trauma des Genozids verantwortlich. "In Ruanda stehen außer Kondomen kaum Verhütungsmittel zur Verfügung, und Kondome sind - nun ja, viele Männer wollen sie nun mal einfach nicht." Selbst die hohe Aids-Rate - die UN schätzen sie auf bis zu 10 Prozent, in den Ballungszentren deutlich höher - hat daran nichts geändert. Nur 28 Prozent der Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren haben beim letzten Sex mit einem Gelegenheitspartner ein Kondom benutzt, so eine aktuelle UNAIDS-Umfrage.

Ob die nun geplante Geburtenbegrenzung alleine ausreicht, um Ruanda den Weg in eine wirtschaftlich glänzende Zukunft zu ebnen, bezweifelt hingegen Alex Musila, der in Ruandas Nationaler Umweltbehörde zu nachhaltiger Stadtentwicklung arbeitet. "Belgien ist nur etwas größer als Ruanda und hat mehr als zehn Millionen Einwohner, aber kein Mensch käme auf die Idee, Belgien als ein überbevölkertes Land zu bezeichnen." Der Geograf hat ein anderes Rezept parat: Verstädterung. "Wenn wir es hinbekommen, dass ein Großteil der Bevölkerung vom Land in die Stadt zieht, dann können wir den Flächenbedarf pro Person reduzieren. Genauso hat sich Europa zu einem prosperierenden Kontinent entwickelt."

Noch zirkuliert die Drei-Kind-Politik als Entwurf im Parlament. Die Abgeordneten diskutieren darüber, ob es empfindliche Strafen für die geben soll, die zu viele Kinder bekommen - oder reichen positive Anreize für die Drei-Kind-Familie aus? Doch daran, dass die Drei-Kind-Regelung kommen wird, zweifelt niemand mehr. Selbst im afrikanischen Ausland wird diese Politik schon als Erfolgsmodell für den Rest des Kontinents gefeiert. "Die abnormal hohe Geburtenrate ist Afrikas größtes Entwicklungshemmnis und führt dazu, dass es auf Dauer weniger Verdienende als Abhängige gibt", sagt der ruandische Ökonom Kenneth Tayebwa. Überbevölkerung ist überall in Afrika ein heißes Thema: Die UN erwarten, dass sich die Zahl der AfrikanerInnen bis 2050 auf 1,8 Milliarden verdoppeln wird.

(Copyright die tageszeitung, 27.6.07)

Freitag, 11. Mai 2007

Anne will helfen


Auf einer Bastmatte zwischen den Zuckerrohrplantagen häkeln drei Ruanderinnen, vier andere flechten Körbe aus Sisal. Dazwischen sitzt Anne Will, Noch-Tagesthemen-Moderatorin, und versucht sich selbst an der Handarbeit. Vorsichtig sticht sie mit der Nadel durch den ersten Ring aus Sisal, den Jeanne Ntawaguruje für sie vorbereitet hat. "Ich brauche vier Arbeitstage für einen Korbö, erklärt die 31-Jährige, und Anne Will, die nach ein paar Minuten den zweiten Stich durch die harte Faser gemeistert hat, schaut entgeistert. "Wie lange würde ich wohl brauchen?" Die Handarbeit der Frauen aus den Plantagen von Gisenyi oberhalb des Kivusees ist Teil ihres Plans, die Armut in der entlegenen Region nahe der Grenze zum Kongo zu mildern.

Anne Will ist als Botschafterin von "Gemeinsam für Afrika" nach Ruanda gekommen. Solche Reisen nennt sie "Herzensbildung": "Nur so bleibt man aufmerksam für die Nöte der Menschen."

Für die Armutsbekämpfung haben sich nicht erst seit der Verleihung des Friedensnobelpreises 2006 an Muhammad Yunus Mikrokredite bewährt. Mit dem gemeinsamen Ansparen von Kapital und der selbstverwalteten Vergabe kleiner Kreditsummen sollen viele kleine Wirtschaftswunder entstehen, so wie bei den Frauen von Gisenyi, die vor knapp einem Jahr mit dem Sparen begannen. "Früher hat hier jede allein vor sich hin gewurschtelt, ich hatte täglich Angst, das Gemüse aus dem Garten würde nicht für die Familie reichen oder jemand würde erkranken", sagt Asteria Bavugamaneshi, 31. "Jetzt sprechen wir über Probleme und helfen uns." 25 Frauen sind in Bavugamaneshis Spargruppe versammelt, jede zahlt wöchentlich 100 Ruandische Francs ein, umgerechnet 20 Euro-Cent. Was mit dem Geld angestellt wird, beraten die Frauen einmal die Woche auf drei Holzbänken unter Bananenstauden.

"Zuerst haben wir gemeinsam ein Stück Land gekauft, auf dem wir jetzt Zuckerrohr anbauen und ernten", erklärt Bavugamaneshi. Weil ein Teil des Kaufpreises bar zu zahlen war, hätte keine Frau alleine kaufen können. Bei der Feldarbeit sahen die Mütter bald das nächste Problem kommen: "Wir mussten unsere Kinder zu Hause zurücklassen." Als die Frauen bei einem ihrer Treffen den Missbrauch mehrerer Kleinkinder besprechen mussten, war klar, dass es so nicht weitergehen konnte.

Die Mütter gründeten ihren eigenen Kindergarten, ein flaches Lehmhaus nahe der Felder, in dem sich vier angestellte Frauen um die Kinder der Arbeiterinnen kümmern. Für Miete und Gehälter nahmen die Frauen einen Kredit bei einer Bank auf, den sie mit den Erlösen aus dem Verkauf von Zuckerrohr, Körben und Häkeltaschen Stück für Stück abzahlen. Den Vorschuss hätten sie nie bekommen ohne die Bürgschaft der Kindernothilfe, die das Sparprojekt angeregt hatte. "Wir trainieren die Frauen und bürgen bei der Bank für diejenigen, die willens sind, ihre Kredite zurückzuzahlen", beschreibt Antoine Rutayisire die Rolle der deutschen Hilfsorganisation. "Den Rest machen die Frauen selber."

Schon beim Treffen unter den Bananenstauden hat Anne Will sich sichtlich mit den Frauen gefreut. "Man sagt den Leuten: Wir vertrauen euren Ideen, eurer Kreativiät, eurer Leidenschaft. Ich glaube, respektvoller kann man gar nicht helfen." Beim Besuch des Kindergartens bringt sie der johlenden Schar zuerst das Handspiel im Fußball bei und macht beim Seilspringen mit, umringt von Drei- bis Fünfjährigen. "Wie viele Kinder hast Du?", wollen sie wissen. Sie selber haben vier bis acht Geschwister. Dass Anne Will gar keine Kinder hat, können sie gar nicht glauben. "Dann grüß all die anderen Kinder in Deutschland", rufen sie der Moderatorin nach, als sie sich auf den Weg zur schlammigen Zuckerrohrplantage macht.

Bei all der Freude über die verlockende Zukunft kann man schnell vergessen, dass hier in den Hügeln vor dreizehn Jahren Nachbarn ihre Nachbarn ermordeten und Leichen in den Feldern oder am Straßenrand gestapelt lagen. In hundert Frühlingstagen wie diesen wurden zwischen 800 000 und eine Million Ruander getötet. Extremisten der Hutu, die in Ruanda die Bevölkerungsmehrheit stellen, hatten damals zur Vernichtung der Tutsi-Minderheit und moderater Hutus aufgerufen. "Ich habe die Hälfte meiner Familie verloren, vergessen werde ich das nie", sagt Asteria Bavugamaneshi. "Aber es muss weitergehen, vor allem für die Kinder."

Die Vergangenheit erwischt Anne Will mit voller Wucht, als sie die Kirche von Ntarama betritt, einen unscheinbaren Backsteinbau, der Innenraum ist bis auf den Altar leer. Noch vor wenigen Jahren bedeckten die Gebeine der Ermordeten, vermischt mit Kochtöpfen, Schlafmatten, Kleidungsstücken den Kirchenboden. André Kamana hat schon immer in Ntarama gelebt. 1994 suchten Tutsi in der Kirche Schutz vor den Mörderbanden. Doch die Extremisten haben Granaten in die Kirche geworfen und die mehr als 10 000 Menschen in der Kirche mit Macheten und bloßen Händen ermordet." Der neunfache Vater Kamana war da schon mit seiner Familie nach Burundi geflohen, sonst wäre er auch tot.

Graue Flecken an der Wand sind die letzten Reste von jenen, die von Granaten zerfetzt wurden. An den Wänden klebt getrocknetes Blut. Heute ist die Kirche eine Gedenkstätte. Die Schädel der Toten sind aufgebahrt, die Gebeine in Katakomben unter der Erde beigesetzt. Anne Will atmet schwer durch, als sie die Treppen in eine der Gruften herabsteigt. Der Schein der Taschenlampe bleibt an einem Sarg hängen, auf dem das vergilbte Bild einer Frau liegt. Zögernd nimmt sie es in die Hand und setzt sich auf eine der Treppenstufen. "Das ist Anunciate Mukandori, eine Mutter aus Ntarama, die hier mit ihren Kindern gemeinsam begraben liegt", erklärt Kamana. "Woher weiß man das?" will Anne Will wissen. Nach all dem Grauen kann sie sich nicht mehr vorstellen, dass man noch bestimmen kann, wer wer war. "Das hat uns ihr Mörder erzählt", sagt Kamana schlicht.

Auf den Hügeln und in den Tälern, wo Anne Will noch mehr Frauen trifft, hört sie stets das Gleiche. Fast jede Mutter hat Waisen ihrer Verwandten aufgenommen. Die meisten haben Angehörige verloren, jeder kannte die Täter. "Aber es muss weitergehen" - an diesem Wort halten sich alle fest. Eine neue Kuh, ein neues Feld, ein Generator, der Strom und Einnahmen erzeugen soll, all das ist einfacher zu begreifen als der Völkermord.

Beschwiegenes Massentrauma

Madeleine Ntagahira, die einer Spargruppe in Rolindo im Zentrum Ruandas vorsitzt, glaubt, dass das Sparen nur ein erster Schritt ist. "Wir haben hier auch manche Ehe geradegebogen." Nach und nach sei unter den Frauen in Rolindo eine Vertrauensbasis entstanden, auf der früher oder später vielleicht auch über den Genozid und seine Folgen gesprochen werden könne. "Aber noch ist es dafür zu früh."

Anfang Juni wird Anne Will aus Heiligendamm vom G8-Gipfel berichten, ihr wahrscheinlich letzter Großeinsatz für die Tagesthemen. "Ich wünschte, die Staats- und Regierungschefs könnten das hier sehen", sagt sie. Wenn auf Gipfeltreffen im großen Bogen diskutiert werde, müsse sie stets vermeiden, zynisch zu werden. "Denn das will ich nicht. Ich will einfach, dass die G8 im Großen das tun, was hier im Kleinen funktioniert: Den Armen helfen, sich selbst zu helfen."

Copyright Berliner Zeitung, 11.5.2007

Donnerstag, 3. Mai 2007

Bei den Toten von Ntarama





Als der weiße Landrover Ruandas Hauptstadt Kigali verlässt, steigt der Morgennebel noch aus den Tälern empor. Früher war Ruanda berühmt als "Land der tausend Hügel” und Ziel von Rucksacktouristen, die in den Bergen an der Grenze zu Kongo Gorillas besuchten. Heute kennt man Ruanda vor allem wegen des Völkermords, während dessen in kaum hundert Frühjahrstagen vor 13 Jahren eine Million Ruander brutal ermordet wurden. Extremisten, ethnische Hutu, die in Ruanda bei weitem die Bevölkerungsmehrheit stellen, hatten damals zur Vernichtung der Tutsi-Minorität und moderater Hutus aufgerufen.
Die Stimmung ist so friedlich hier, man kann sich gar nicht vorstellen, dass hier vor so kurzer Zeit solche Massaker stattgefunden haben”, schüttelt Anne Will den Kopf. Die Tagesthemen-Moderatorin ist hier, um als Botschafterin von "Gemeinsam für Afrika” mit Ruandern über ihre Ideen und Vorhaben für die Zukunft des Landes im Herzen Afrikas zu sprechen. Als ihr Wagen nach einer guten Stunde Fahrt vor der Kirche von Ntarama anhält, schlägt die Vergangenheit mit aller Macht zu.

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