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Freitag, 20. Februar 2009

Quecksilber verboten


Das Gipfeltreffen der Umweltminister geht zwar erst heute zu Ende, doch ein Ergebnis gilt bereits als sicher: Sieben Jahre nach der Aufnahme von Verhandlungen über ein Verbot von Quecksilber habe man sich auf den Ausstieg geeinigt, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) der taz in Nairobi. "Es wird einen echten Verhandlungsauftrag geben, um in zwei Jahren zu einem Ergebnis zu kommen, wie wir Quecksilber weltweit aus dem Verkehr ziehen", sagte Gabriel, der gemeinsam mit seinen EU-Kollegen seit Jahren für das Verbot kämpft. Die USA hatten eine Einigung stets verhindert. Erst eine Kehrtwende in Washington machte den Deal möglich: "Man merkt, wie schnell die Atmosphäre sich verändert hat."

Eine vom Gipfel eingesetzte Arbeitsgruppe hat jetzt den Auftrag, aus dem Ausstiegsbeschluss innerhalb von zwei Jahren ein rechtlich verbindliches Abkommen zu machen. Über dessen Details wurde am Donnerstag bereits heftig diskutiert. "Alle sind sich einig darin, dass es eine rechtlich bindende Verordnung geben soll", sagt der Sprecher des UN-Umweltprogramms (Unep), Nick Nuttall. "Aber es gibt Länder, die die Verordnung perspektivisch um andere Schwermetalle erweitern wollen, andere wollen es beim Quecksilber belassen."

Quecksilber gilt als eine der giftigsten Substanzen. Jedes Jahr werden 6.000 Tonnen des Schwermetalls freigesetzt, ein Drittel von Kohlekraftwerken. "Die Menge nimmt zu, weil vor allem in Asien immer mehr Kohle verbrannt wird", warnt Nuttall. Das aus der Kohleverbrennung stammende Quecksilber gelangt in die Atmosphäre und von dort in die menschliche Nahrungskette. Am gefährlichsten ist der Verzehr von kontaminiertem Fisch. In Schweden gelten Hechte und einige andere Fischarten aus mehr als 50.000 Seen als so sehr kontaminiert, dass die Behörden Frauen im geburtsfähigen Alter davon abraten, sie zu essen. "Der Rest der Bevölkerung darf sie maximal einmal pro Woche zu sich nehmen", so Unep-Chef Achim Steiner. Kein Wunder, dass jeder heute lebende Mensch Quecksilber in sich trägt. "Und die Weltgesundheitsorganisation warnt, dass selbst kleine Mengen schon gesundheitsgefährdend sind." Folgen von Quecksilbervergiftung sind Gehirn-, Leber-, Lungen- und Nervenschäden.

In vielen Entwicklungsländern setzen sich Menschen bis heute freiwillig dem Schwermetall aus. Goldschürfer in Brasilien, Simbabwe, Indien und Papua-Neuguinea waschen das Edelmetall mithilfe von Quecksilber aus und vergiften damit nicht nur sich selbst, sondern ganze Landstriche. Nuttall schätzt die Zahl der betroffenen Goldschürfer samt Familien auf zehn Millionen.

Wenn das Quecksilberverbot in Kraft tritt, müssen sich nicht nur Goldschürfer nach Alternativen umsehen. Viele industrielle Prozesse sind auf Quecksilber angewiesen. Während es kaum noch Quecksilberthermometer gibt, enthalten die meisten LCD-Displays von Elektrothermometern das Schwermetall. Auch Energiesparbirnen enthalten Quecksilber. "Es handelt sich um etwa ein Milligramm, das ist eine winzige Menge, die auf die Spitze eines Kugelschreibers passt", verteidigt sich Philips-Manager Nick Kelso, der an einer Technikmesse auf dem UN-Gelände teilnimmt. "Wer herkömmliche Birnen kauft, verbraucht mehr Energie und produziert dadurch weit mehr Quecksilber, als in einer Energiesparbirne steckt." Doch einen Stand weiter präsentiert die chinesische Firma Megaman bereits quecksilberfreie Energiesparlampen. "Wir haben das Quecksilber durch Amalgam ersetzt", erklärt David Fan. "Die Birnen sind genauso hell."

(Copyright die tageszeitung, 20.2.09)

Montag, 19. Mai 2008

Zehn Milliarden gegen den Hunger


Mit 10 US-Dollar jährlich pro Bewohner eines Industriestaats ließe sich das Hungerproblem lösen - das ist zumindest die Überzeugung des UN-Sonderberaters Jeffrey Sachs. Damit beziffert er die benötigte Summe auf jährlich rund 10 Milliarden US-Dollar. Sachs ist gleichzeitig Chef des New Yorker Earth Institute an der Universität von Columbia, das sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzt - Hunger und Armut sind die Spezialgebiete des Ökonomen.

Im Mittelpunkt von Sachs Konzept steht ein globaler Fonds, in den die 7 Milliarden Euro pro Jahr fließen sollen. Der Fonds soll dazu dienen, Saatgut, Bewässerungssysteme und Dünger für Kleinbauern zu finanzieren und so die Landwirtschaft auf dem ärmsten Kontinent in Gang zu bringen. "Das Problem in Afrika ist, dass die Leute zu arm sind, um sich auch nur die einfachsten Investitionen leisten zu können", sagt Sachs. Während sich Ernteerträge überall auf der Welt erhöht haben, stagniere der Durchschnittsertrag von Afrikas Äckern seit fünfzig Jahren auf niedrigem Niveau bei 1 Tonne pro Hektar. Im gleichen Zeitraum sei die Zahl der zu ernährenden Bewohner um das Vierfache auf 900 Millionen gestiegen, bis 2050 könnten es 2 Milliarden Afrikaner sein.

Sachs Fonds soll das Geld unbürokratisch direkt an Kleinbauern auszahlen - und damit Regierungsbehörden und ähnliche Geldfallen umgehen. Nach zwei bis drei Jahren, so schätzt Sachs, können aus Zuschüssen Darlehen werden, die die Farmer aus ihren Erlösen zurückzahlen. Das Vorbild hat Sachs 2002 selbst initiiert: den globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, der als Vorzeigemodell gilt. Geschätzte zwei Drittel der globalen Malaria- und 20 Prozent der Aids-Hilfen werden heute so finanziert. Das Problem: Sechs Jahre später hat die Bereitschaft von Gebern, in neue Instrumente einzuzahlen, stark nachgelassen.

"Das ist so ein Standardsatz: Statt neue Instrumente zu schaffen, sollten wir die bisherigen stärken. Aber die bisherigen Instrumente haben schlicht versagt", kritisiert Sachs. Vor allem am Internationalen Währungsfonds und der Weltbank lässt er kein gutes Haar. Sie hätten, ebenso wie zwanzig Jahre fehlgeleiteter Entwicklungshilfe, zu verantworten, dass Afrikas Landwirtschaft am Boden liege.

Ein politisches Vorbild hat Sachs bereits: Malawi, wo die Regierung vor wenigen Jahren gegen alle Auflagen von internationalen Kreditgebern verstieß und Farmern Kredite für Düngemittel erteilte. "Ein Sack Dünger pro Farmer und gute Wetterbedingungen haben die Ernte binnen eines Jahres verdoppelt." Woher Geberländer das Geld für den Milliardenfonds nehmen können, weiß Sachs auch: aus der Nahrungsmittelhilfe. "Die Lieferung von Nahrungsmitteln ist die am wenigsten nachhaltige Hilfe für Afrika." Geber hetzten derzeit von Notfall zu Notfall und hätten darüber die langfristigen Ziele aus dem Auge verloren. "Für akute Krisen gibt es das große Geld, während die wirklichen Probleme mit Studien abgespeist werden, die irgendwo verstauben." Für den Aufbau der afrikanischen Landwirtschaft müssten Europa, die USA und auch arabische Ölstaaten aber auch neues Geld in die Hand nehmen.

Dass Sachs mit solchen Forderungen in Afrika gut ankommt, überrascht kaum. Kenias Präsident Kibaki äußerte sich ebenso begeistert wie sein tansanischer Amtskollege Jakaya Kikwete, der derzeit der Afrikanischen Union vorsteht. Aber auch aus Brüssel kommt zaghaft Zustimmung. Entwicklungskommissar Louis Michel stehe der Idee sehr wohlwollend gegenüber, heißt es aus der EU-Vertretung in Nairobi. In Brüssel soll Sachs sein Modell bereits hinter verschlossenen Türen vorgestellt haben.

(Copyright die tageszeitung, 19.5.08; Photo Columbia University)

Samstag, 15. Dezember 2007

Heiße Nächte auf Bali


Die Klimaexperten des Bundesumweltministeriums rühren am Freitagabend auf Bali in ihren Kaffeetassen und warten auf ihren Minister. Manchmal steht einer auf, um einen neuen Kaffee zu holen. Viel mehr kann man nicht tun. Sigmar Gabriel sitzt seit Stunden in einem Raum mit dem schönen Namen Bougainvillea und redet. Wie lange noch, ist in diesen Stunden bis zuletzt weiter ungewiss. Die UN-Klimakonferenz auf Bali ringt um ein Abschlussdokument. Und der Bundesumweltminister gibt zwischendurch eine optimistische Einschätzung. Er rechne mit einer Einigung, sagt Gabriel und fügt diplomatisch hinzu: "Ob das am Ende zu einem ambitionierten Ergebnis führt oder nicht, wird abzuwarten sein."

Hinter den verschlossenen Türen im Verhandlungsraum in Nusa Dua, vor denen ein muskelbepackter Polizist Wache schiebt, versucht Bundesumweltminister Sigmar Gabriel seit Stunden einen politischen Kraftakt: Er will die USA und ihre Verbündeten Russland, Kanada und Japan davon überzeugen, in der Abschlussdeklaration einem möglichst verbindlichem Zielkorridor für den Abbau von Treibhausgasen nach 2012 zuzustimmen. Zugleich sollen die Entwicklungs- und Schwellenländer zusagen, dass dann auch sie verbindliche Ziele etwa zur Deckelung des Kohlendioxid- Anstiegs eingehen würden. An beidem hängt der Abschluss der Verhandlungen. Auch Gastgeber Indonesien unterstützt am Freitag Kompromissvorschläge.

Ursprünglich hatten die Diplomaten das Tagungsende auf Freitag, 12 Uhr (Ortszeit) festgelegt. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Denn auch nachdem die Sonne auf der indonesischen Ferieninsel längst untergegangen war, zeichnet sich keine Einigung ab. Man sei "am Rande einer Einigung", sagt der Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer, am späten Freitagabend. Der Chef der UN-Klimarahmenkonvention wirkt übernächtigt. Er versucht dennoch, den Krisengesprächen in letzter Minute etwas Positives abzugewinnen: "Besser, man reist hier mit einem mühsam erreichten, aber eindeutigen Mandat ab, als wenn man im kommenden Jahr zunächst versucht herauszufinden, worauf man sich auf Bali eigentlich geeinigt hat."

De Boer verweist darauf, dass in den meisten Bereichen bereits Einigungen erzielt worden sind: Etwa bei den Fragen des Transfers klimafreundlicher Technologien oder der teuren Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Doch die Entwicklungsländern sind am Abend vor allem eines: sauer.

Der Verhandlungsführer der in den G77 zusammengeschlossenen sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer, Munir Akram aus Pakistan, nennt die zweiwöchigen Verhandlungen einen mühsamen Kampf um jeden einzelnen Zentimeter. "Wir haben es von Anfang an schwer gehabt, unsere legitimen Positionen zu behaupten." Industrieländer hätten die mehr als 130 Staaten umfassende Gruppe, unter deren Dach auch die aufstrebenden Industrie-Nationen China und Indien verhandeln, erheblich unter Druck gesetzt. "Schließlich hat man uns sogar mit Handelssanktionen gedroht."

Akram nennt die USA die Hauptverantwortlichen für die verwässerten Ergebnisse von Bali. "Ein mögliches Abschlussdokument wird die Erkenntnisse von Klimawissenschaftlern kaum widerspiegeln." Im Gegenteil hätten die USA noch am Freitagmorgen versucht, ein neues globales Abkommen mit gleichen Reduktionszielen für alle Länder zu propagieren – ohne einen Unterschied zwischen Entwicklungs- und Industriestaaten zu machen. "Ein solches Abkommen würde den Kyoto- Prozess komplett untergraben."

Zudem verweisen die Entwicklungs- und Schwellenländer auf die Blockadehaltung Amerikas. Die USA haben als einziger Industriestaat nicht das 1997 beschlossene Kyoto-Abkommen unterzeichnet, das verbindliche Ziele zum Abbau von Treibhausgasen in den Industriestaaten vorsieht. Weil sie jedoch Mitglied der UN-Klimarahmenkonvention sind, sitzen sie auf Bali mit am Tisch. Geschickt verzögern sie die Verhandlungen mit neuen Vorstößen, zuletzt hatte Umweltminister Sigmar Gabriel gar angedroht, die EU werde einem Klimatreffen von US-Präsident George W. Bush im kommenden Jahr auf Hawaii fernbleiben.

Viele Diplomaten hoffen, dass die Vereinigten Staaten 2008 mit einem neuen Präsidenten an der Spitze bereit sein werden, über einen Beitritt zum Abkommen nach 2012 nachzudenken. Denn dann beginnt die nächste Phase des Kyoto-Protokolls. Deshalb wollen alle den USA eine Tür zum neuen Vertragswerk offen halten.

Doch vor allem Deutschland und die EU haben stets auf klare Eckpunkte für das Verhandlungsmandat bestanden, das hier in Bali beschlossen werden soll. Als Zwischenziel bis 2020 bestehen die Europäer auf den Abbau von 25 bis 40 Prozent der Treibhausgase in den Industriestaaten – so steht es im Bericht des Weltklimarats (IPCC). Zustimmung bekommen sie am Freitag von Michael Bloomberg, dem Bürgermeister von New York.

Bloomberg ist nach Bali gereist, um seine eigene Stadt auf ein Klimagas- Reduktionsziel von 80 Prozent bis 2050 zu verpflichten. "Wir brauchen in diesen Verhandlungen konkrete und messbare Verpflichtungen, und wir Städte müssen voran gehen", so Bloomberg. Die Vereinbarung, die vierzig Weltstädte, darunter auch Berlin, unterzeichnen sollen, richtet sich ebenfalls an den Zahlen des Weltklimarats aus. Bloomberg rief die Vereinten Nationen zudem auf, Städte zum Teil des offiziellen Verhandlungsprozesses für mehr Klimaschutz zu machen. "Wenn man wirklich vorwärts kommen will, führt an uns Bürgermeistern, der wirklich pragmatischen Kraft auf der Weltbühne, kein Weg vorbei." Denn achtzig Prozent aller Treibhausgase weltweit würden schon heute in den Städten erzeugt.

(Copyright Berliner Zeitung, 15.12.07)

Donnerstag, 13. Dezember 2007

Die stillen Mehrheitsbeschaffer


Während die Unterhändler der Industrieländer in den Sälen und Fluren des Kongresszentrums von Bali fieberhaft über eine Reduktion von Treibhausgasen verhandeln, haben viele Afrikaner schon ihre Koffer gepackt. "Wir sind frustriert", sagt ein Delegierter aus Uganda. Viel wichtiger als der Abbau von Treibhausgasen ist den Afrikanern die Anpassung an die Folgen des Klimawandels, die die meist armen Staaten nicht alleine bewältigen können. Doch dazu wird die Abschlusserklärung der Weltklimakonferenz, die am Freitag endet, nur wenig Konkretes enthalten.

Dabei hatten alle Seiten beteuert, dass Entwicklung und globaler Klimaschutz Hand in Hand gehen müssen. Doch bei den wenigen Diskussionen, die es gab, setzten sich die reichen Länder durch. So wird der Anpassungsfonds gegen den ausdrücklichen Willen Afrikas beim Globalen Umweltfonds der Weltbank (GEF) angesiedelt, die darin eingestellten Mittel aus dem Mechanismus für saubere Entwicklung gelten als lächerlich gering. Neue Einnahmequellen sollen erst in den kommenden Jahren diskutiert werden.

Die gleiche umstrittene Institution soll ein strategisches Programm für den Transfer von Technologien leiten, in dessen Rahmen zunächst einmal eine Bedarfsanalyse gemacht wird. Ein Plan des Klimagipfels 2006 in Nairobi, Kapazitätsaufbau in den ärmsten Ländern zu betreiben, wurde gar nicht erst behandelt. Auch wenn auf Bali nur ein Verhandlungsfahrplan entschieden wird: Viele Entwicklungsländer hatten sich deutlichere Signale erhofft.

"Afrika hat praktisch keinen Einfluss auf das Gipfelergebnis", zieht Alfred Omenya vom Climate Network Africa Bilanz. Das Prinzip der Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd habe auf Bali keine Rolle gespielt. Dafür, kritisiert Omenya weiter, müsse man auch die afrikanischen Delegierten verantwortlich machen.

Zwar sprechen Gipfelveteranen davon, dass Afrika auf Bali erstmals überhaupt bei einem Klimagipfel die Stimme erhoben hat. In ihrer Rede zur Eröffnung der Ministerrunde sparte Nigerias Umweltministerin Halima Tayo Alao, die die afrikanische Gruppe leitet, nicht an Kritik. "Aber die Afrikaner mischen sich etwa in die Debatte zu den Reduktionsverpflichtungen der Industrieländer gar nicht ein, weil sie der Meinung sind, es geht sie nichts an", so der nigerianische Umweltschützer Adewale Agbojo. Dabei hänge davon ab, wie schlimm der Klimawandel Afrika in Zukunft treffen werde.

Das Schweigen der afrikanischen Delegierten ist umso erstaunlicher, weil die 53 afrikanischen Staaten leicht jede Abstimmung dominieren könnten: Kein anderer Kontinent hat so viele Stimmen. Doch zumindest für die nahe Zukunft hat Eric Kisiangan von "Practical Action Kenia" keine Hoffnung auf eine solche Bündelung der Interessen. Die einzelnen Staaten seien dafür schlicht zu egoistisch. "Viele haben Angst ihre Meinung zu sagen, weil sie fürchten, Fördergelder aus den USA und der EU zu verlieren - andere haben schlicht keine Ahnung."

In einer gemeinsamen Erklärung fordern afrikanische Umweltschützer die Einrichtung eines ständigen Botschafters bei der Afrikanischen Union zum Thema Klimaschutz. Doch der Aufruf "Afrikas Stimme gegen den Klimawandel" unter der Schirmherrschaft der kenianischen Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai kann nur ein erster Schritt sein, sagt Adewale. "Afrikas Zivilgesellschaft braucht einen Plan, sonst werden unsere Regierungen nach Hause zurückkehren, weiter schweigen und bis ans Ende ihrer Tage auf den Geldsegen aus dem Norden warten."

(Copyright epd, 13.12.07)

Auftritt des Klimaretters


Selbst die Polizisten, die in bester Dirty-Harry-Manier die durch die einzig offene Tür strömenden Besucher anschnauzen und jeden mit einer Kamera im Rucksack rauswerfen, tun der Freude keinen Abbruch. "Da kommt endlich jemand, der wie wir das Klima retten will", jauchzt eine junge Inderin. Nicht nur Umweltschützer fiebern der Rede von Al Gore entgegen, die er vor 1.000 Teilnehmern am Rande des Weltklimagipfels hält. Auch manchem Delegierten tut der Auftritt nach zwei Wochen diplomatischer Winkelzüge sichtbar gut. Wie bei einem Rockkonzert erfüllt das Raunen von tausend Stimmen den Raum, bis der Star die Bühne betritt und der Applaus losbricht.

"Ich sehe so viele bekannte Gesichter hier, manche von Euch habe ich doch schon in Rio gesehen", ruft Gore gleich zu Anfang in die Menge. Im aufbrandenden Applaus klatschen viele auch für sich selbst. Viele der Klimaschützer, die seit Jahren um ihre Anerkennung gestritten haben, sehen im frischgebackenen Friedensnobelpreisträger Gore sich selbst und zugleich eine Lichtgestalt, die im Kleinklein der Paragraphen die große Richtung vorgibt. Im Windschatten der Berichte des Weltklimarats, dem Stern-Report und dem Nobelpreis für Gore hatten sie auf einen programmatischen Bali-Gipfel gehofft, auf den großen Durchbruch im zähen Verhandlungsgeschäft. Doch der blieb aus.

"Ich sage Euch eine unbequeme Wahrheit: Es ist mein eigenes Land, das für das Stocken der Gespräche hier verantwortlich ist", ruft Gore und stellt die Delegierten, die direkt vor ihm in der ersten reihe sitzen, vor die Wahl. "Entweder Ihr ärgert Euch darüber, oder aber Ihr geht voran und trefft hier die wirklich wichtigen Vereinbarungen." Bis zum endgültigen Beschluss über die Zukunft des Kyoto-Protokolls werde sich die Ausgangslage noch grundlegend ändern: "Bis dahin werden die USA mitmachen", versichert Gore, und der Saal tobt.

Gore erinnert an die Zeiten, als Klimawissenschaftler vor zehn Jahren vor dem Abschmelzen der Nordpolkappe bis Ende des 21. Jahrhunderts warnten. "Heute sagen sie, es kann auch schon in fünf bis sieben Jahren so weit sein." Er schaut über den engen Horizont hinaus: Die Erde sei im Durchschnitt 15 Grad, die Venus 455 Grad warm. "Es liegt am CO2: Bei uns liegt es noch im Boden, auf der Venus ist schon alles in der Atmosphäre." Nicht zuletzt rührt Gore daran, warum viele im Saal begannen, für den Klimaschutz zu kämpfen: "Wir sind ein Planet, eine Menschheit, eine Zukunft - wir müssen es gemeinsam schaffen, und das können wir auch."

In die Augen mancher Zuhörer kehrt da der Glanz zurück, den 12 harte Verhandlungstage und -nächte längst weggewischt haben. Hier sitzt der Experte für die Details der Artikel 9-Revision, dort der Spezialist zur Bestimmung des Kohlenstoffgehalts von Wäldern - Gore schafft es, sie für den Bruchteil eines Tages zusammenzubringen. Einem UN-Prozess, wo technische Details, kaum durchschaubare Politsemantik und ein Wust von Abkürzungen immer wieder den Blick für das große Ziel verstellt haben, stiftet Gore auf einmal wieder Sinn.

"Wir sind die Generation, die eine historische Wende für die ganze Menschheit herbeiführen kann", endet Gore seine Rede. "Wir haben alles, was wir dafür brauchen, außer vielleicht dem politischen Willen - aber der ist eine erneuerbare Ressource." Dann ist es vorbei, Gore tritt ab, die Türen öffnen sich. Die Besucher strömen zurück in die Arbeitsräume, wo weiter über die Abschlusserklärungen verhandelt wird. Es soll, so heißt es, eine lange Nacht werden.

(Copyright epd, 13.12.07)

Montag, 10. Dezember 2007

Letztes Aufgebot der Leugner des Klimawandels


Sie nennen sich das "Klimawandel-Netzwerk", die "Internationale Koalition für Klimawissenschaft" oder die "Zivilgesellschaftliche Koalition zum Klimawandel" und sie haben nur eine Mission: Die Welt davon zu überzeugen, dass es den Klimawandel gar nicht gibt. "Genauso gut könnte ein Gipfel über die Gefahr eines Angriffs von Marsbewohnern diskutieren", behauptet etwa Alan Caruba vom "National Anxiety Centre" in den USA, zu deutsch etwa "Nationales Ängste-Zentrum". Caruba und seine Anhänger halten den menschengemachten Klimawandel für unbewiesen - ungeachtet der selbst von der besonders klimaskeptischen Bush-Regierung akzeptierten Berichte des Weltklimarats (IPCC), der heute gemeinsam mit Al Gore den Friedensnobelpreis bekommt.

Mehr als 30 Pressemitteilungen, alle im gleichen Tenor, haben die verschiedenen Gruppen in den vergangenen Tagen verschickt in der Hoffnung, im Klimageschäft unerfahrene Journalisten mögen sie ernst nehmen. "Manche Namen kennen wir schon seit Jahren, für jeden Gipfel gründen diese Leute neue fingierte Umweltgruppen", sagt Matthias Duwe vom Dachverband Climate Action Network Europe. Der britische Oberhausabgeordnete Christopher Monckton etwa wirft dem Weltklimarat vor, er sei entweder unfähig oder betrügerisch. "Meine Berechnungen zeigen, wie die Wissenschaftler ihre Zahlen nach oben korrigieren: Den Anstieg des Meeresspiegels um das zehnfache, den Effekt von Klimagasen in der Atmosphäre um das zwanzigfache." Um dies zu belegen, führt Monckton Kalkulationen vor, die das in Bali präsentierte Gemeinschaftswerk von 600 Autoren aus 40 Ländern als Werk Propaganda entlarven sollen. Allerdings muss Monckton zugeben, dass er keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat.

Der Klimatologe Richard Betts, der am britischen Headley-Center arbeitet und ein Kapitel im IPCC-Bericht als Hauptautor geschrieben hat, ist entsetzt. "Es gibt einen mehrstufigen Bearbeitungsprozess, in dem wir zehntausende Kommentare aus aller Welt eingearbeitet haben - die zudem noch alle auf unserer Webseite einsehbar sind." Die Wissenschaftler im Weltklimarat, sagt Betts, würden weder von Regierungen beeinflusst noch hätten sie eine politische Agenda.

Der so selbstbewusste Monckton wird wortkarg, wenn man ihn nach den Finanziers seiner Arbeit fragt - etwa für eine Serie von ganzseitigen Anzeigen gegen Al Gore in allen großen US-Zeitungen. Die Kosten werden auf einen Millionenbetrag geschätzt. "Die wurden von einer anonymen Einzelperson bezahlt - mit der Industrie hat der Spender nichts zu tun." Cindy Baxter, die für Greenpeace arbeitet, bezweifelt das. "Die gleichen Anzeigen stehen auf der Homepage des Heartland-Instituts, eine der aktivsten Gruppe von Leugnern des Klimawandels." Seit Jahren beleuchtet Baxter die Geldgeber hinter diesen Gruppen - allen voran den weltgrößten Mineralölkonzern Exxon. "Exxon hat Heartland im vergangenen Jahr mit mehr als 100000 Euro bezuschusst. Insgesamt hat Exxon fast zwei Millionen Euro an 41 Organisationen gezahlt, die dem Spektrum der Klimaleugner zuzurechnen sind." Auch General Motors gehöre zu den Unterstützern der Klimaleugner, sagt Baxter. Viele der Gruppen, kritisiert sie, hätten zudem enge Verbindungen zur US-Regierung, was ihnen Einfluss deren Haltung in den Klimaverhandlungen sichere.

(Copyright Berliner Zeitung, 10.12.07)

Samstag, 8. Dezember 2007

Bunt und balinesisch


Hätten die Diplomaten, die auf Bali seit Montag über die Zukunft des Kyoto-Protokolls verhandeln, den Aufzug in den Straßen der Inselhauptstadt Denpasar verfolgt - sie hätten vermutlich nicht schlecht gestaunt. "Hare Krishna, hare Rama", tönt es aus den Lautsprechern, dahinter tanzen hinduistische Priester. Bauern, Fischer, Marktfrauen: Aus allen Ecken der indonesischen Ferieninsel sind sie gekommen, mit bunten Kostümen und selbst gemalten Transparenten, um ihre Ängste und Forderungen an die Politik loszuwerden. Doch eine Autostunde vom Konferenzzentrum entfernt verhallen sie weitgehend ungehört.

Längst ist Klimawandel auch in Indonesien mehr als ein Expertenthema. "Wir fürchten uns sehr", gesteht der Fischer Daha in gebrochenem Englisch. Mit seinen Kollegen aus dem fernen Westen der Insel ist er schon im Morgengrauen in den Bus gestiegen, um es rechtzeitig bis zur Demo zu schaffen. Dahas Ängste haben ernste Gründe: "In den vergangenen Jahren hatten wir mehr Überschwemmungen als sonst, viele von uns haben ihre Häuser und Boote verloren." Von der Regierung fühlt sich der Fischer, der vor allem für den eigenen Bedarf auf See fährt, im Stich gelassen. "Wenn wir nicht selbst handeln, gehen wir unter."

Der Demonstrant Farid ist aus Bogor im Westen Javas nach Bali gekommen. Seine Sorge gilt dem Wald, der nicht nur rund um seine Stadt längst abgeholzt ist. "Indonesiens Wälder sind zum großen Teil zerstört, stattdessen gibt es überall Plantagen mit Ölpalmen und anderen Nutzpflanzen." Indonesien gilt mittlerweile als drittgrößter Emittent von Klimagasen weltweit, rechnet man das durch Abholzung und Brandrodung freigesetzte Kohlendioxid in die Bilanz mit ein. "Viele Indonesier haben mit den Wäldern die Grundlage ihrer Kultur verloren", beschwert sich Farid.

Vom Gipfeltreffen im abgeriegelten Ferienkomplex von Nusa Dua fordert er entschiedene Schritte, um den Erhalt der letzten Wälder in Indonesien lohnender zu machen. "Die Bevölkerung in den Wäldern wird nicht gefragt, die Regierung vergibt das Land einfach an ausländische Investoren." Das energiereiche Palmöl ist seit einigen Jahren gefragt wie nie zuvor, unter anderem für die Biodiesel-Produktion.

"Stoppt die Rückzahlung illegaler Schulden" steht auf dem Transparent von Lidy Napil. Der Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und der Erlass von Auslandsschulden hängen für sie eng zusammen. "Unsere Regierungen sollten das Geld als Entschädigung behalten, um die Folgen des von den Industrieländern geschaffenen Klimawandels abzufedern." Derzeit, kritisiert die Philippinerin, seien die Entwicklungsländer bei der Anpassung an den Klimawandel von der Willkür der Regierungen im reichen Norden abhängig. "Dabei hat doch der Norden den Klimawandel überhaupt verursacht."

Napil lehnt deshalb die von manchen Industrieländern vorgeschlagenen Darlehen zur Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen ebenso ab wie die Verrechnung mit Entwicklungshilfe. "Die Industrieländer müssen ihre Schuld begleichen und dürfen das Geld nicht einfach irgendwo abziehen."

Für Gerechtigkeit ist auch der Hindupriester Sundarananda Bas auf die Straße gegangen. Er ist einer von gut dreißig Geistlichen im orangenen Umhang, mit Glatze und Zimbeln in der Hand. Normalerweise, sagt er, demonstrieren Priester hier nicht. "Aber jetzt befürchten wir zu viel Leid unter den Armen, und da können wir nicht still bleiben." Der Hare-Krishna-Gesang hallt unter den religiösen Männern auch nach Ende des Protestzugs weiter. Ein Teil der Gruppe stimmt dazu Musik auf traditionellen Holzinstrumenten an. "Wir beten zu unseren Göttern, damit sie uns helfen, die Welt zu schützen."

(Copyright epd, 8.12.07)

Dienstag, 4. Dezember 2007

Zu viel Regen, zu wenig Wasser


Höhere Temperaturen, mehr Wetterextreme, Dürren und Fluten - der Klimawandel hat das Leben der Menschen in Afrika bereits verändert: In Mauretanien breitet sich die Sahara immer weiter aus, nomadisches Leben ist kaum noch möglich.

Im Victoriasee wird das Wasser wärmer, der Regen bleibt aus, der See schrumpft. Dadurch stirbt der Fischnachwuchs, der verbleibende Fisch ist zu teuer, die Fischer werden arbeitslos.

Im amharischen Hochland regnet es zu viel. Weil die Wälder dort weitgehend abgeholzt sind, zerstört die zunehmende Erosion auch die Äcker der Bauern.

(Feature auf DeutschlandRadio Kultur, 4.12.2007)

Samstag, 1. Dezember 2007

Heiß, zu heiß


Als die Koffer für diese Reise durch Afrika schon gepackt sind, ist es September. Das Fernsehen zeigt die ersten Bilder von Überschwemmungen in Ghana, Uganda und anderen afrikanischen Ländern. Vom Atlantik bis zum Indischen Ozean melden sechzehn Staaten gleichzeitig "Land unter" - genau, wie der Weltklimarat es vorhergesagt hatte.

Wegen der steigenden Temperaturen, heißt es in dessen aktuellem Bericht, müssten die Bewohner Afrikas immer öfter mit extremen Wetterlagen klarkommen - mehr Überschwemmungen, mehr Dürren. Kein Kontinent, prognostizieren die Klimaforscher, werde stärker unter dem Klimawandel zu leiden haben als Afrika - und keiner sei so schlecht auf die Folgen vorbereitet.

Trotzdem wird beim Klimagipfel in Bali nur wenig über Afrika gesprochen, und wie üblich wird sich kaum ein afrikanischer Politiker in die Debatte einmischen. Wangari Maathai, Kenias berühmte Umweltpolitikerin, macht dafür vor allem Unwissen verantwortlich. "Afrika erhebt seine Stimme nicht, weil die Menschen hier nicht genug Erfahrungen gemacht haben", sagt die Friedensnobelpreisträgerin, "Sie müssen erst erleben, dass Temperatursteigerung, lange Dürreperioden und die Schneeschmelze auf dem Mount Kenya keine vorübergehenden Ereignisse sind." Ohne den Druck der Betroffenen aber, so Maathai, würden sich afrikanische Politiker nicht rühren.

Doch auch jene, die die klimapolitischen Hintergründe nicht kennen, müssten doch längst Veränderungen in ihrem täglichen Leben spüren. Diese Reise, einmal quer über den Kontinent, soll dieser Vermutung nachgehen.

Die Tour beginnt auf einem Feld im äthiopischen Hochland. Ato Mulualem Birhane und seine Frau hocken zwischen dem Tef, dem hier am häufigsten angebauten Getreide, sie rupfen Unkraut. Maschinen gibt es nicht auf den kleinen und unebenen Feldern hier, alles geht von Hand. Die Ernte könnte gut werden in diesem Jahr, sagt der 48-jährige Mulualem - wenn das Wetter mitspielt. "Früher gab es einmal im Jahr eine feste Regenzeit", erzählt er, "aber seit ein paar Jahren kommt sie mal, mal kommt sie nicht, dann regnet es zu stark oder zur falschen Zeit." Hinter den beiden Bauern, die hier in Dembecha, 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, ihre Farm betreiben, türmen sich dunkle Wolken auf. In der Ferne donnert es. Ein schweres Gewitter naht.

Extreme Wetterlagen erleben die Bauern hier inzwischen immer öfter. Im Jahr zuvor sind in einer schlimmen Flut 900 Menschen umgekommen, Hunderttausende haben damals ihren gesamten Besitz verloren. "So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen", sagt der Vorsitzende des Äthiopischen Umweltforums, Negusu Aklilu. "Und nicht nur Überschwemmungen, auch Dürren werden in Äthiopien allmählich vom Phänomen zur Normalität." Die Folgen sind katastrophal, denn in Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Erde, sind die Bauern mehr als anderswo davon abhängig, eine gute Ernte einzufahren. Farmer Mulualem berichtet, dass das Wetter inzwischen selbst dann verrückt spielt, wenn der Himmel blau ist: "Früher hatten wir im Hochland moderate Temperaturen, aber inzwischen ist es hier heiß, zu heiß."

Über die steigende Temperatur klagt auch Peter Mireri von der Umweltgruppe Freunde des Viktoriasees. Nur dass hier in Uganda die Auswirkungen andere sind. Mireri steht am Anfang eines langen Steges, gut 150 Meter ragt der in den Viktoriasee hinein. "Hier, wo wir jetzt stehen" sagt er, "haben wir noch vor drei Jahren unsere Boote vertäut." Er zeigt zum Ende des Stegs: "Inzwischen mussten wir den Steg bis da hinten verlängern!"

Nach drei Jahren Dürre hat es in diesem Jahr am Viktoriasee erstmals wieder geregnet, doch der Pegel ist kaum gestiegen. Die Trockenheit macht dem größten See Afrikas schwer zu schaffen: zu siebzig Prozent speist er sich aus Regenfällen, wichtige Zuflüsse gibt es kaum, erklärt Mireri. "Und weil es jetzt auch noch wärmer geworden ist, verdunstet das Wasser wieder stärker."

Der Umweltaktivist ist sich sicher, dass das Sinken des Pegels einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass es immer weniger Fische im See gibt. Vor allem die Laichplätze litten unter der Klimaerwärmung. "Der in den Uferzonen abgelegte Laich wird so warm, dass die Fische nie schlüpfen." Deshalb bleiben die Netze der wenigen, die noch von Kisumu aus in See stechen, oft leer.

Fischer Nicholas und sein Bootsmann brauchen jeden Tag acht Stunden, um ihre am Abend zuvor ausgelegten Netze zu kontrollieren. Früher, erinnert sich Nicholas, verfingen sich in den Netzen große Tilapiafische, "und auch Viktoriabarsche". Das ist längst vorbei. Der Viktoriabarsch, in den Sechzigerjahren im See ausgesetzt, hat sich massenhaft vermehrt und dafür gesorgt, dass andere Fischarten ausstarben. Heute gibt es hier fast nur noch den Viktoriabarsch, der Fisch wird in den zahllosen Fabriken am Ufer filetiert und gleich nach Europa weiterverkauft.

Als Nicholas am Abend festmacht, kann er den wartenden Zwischenhändlern gerade mal dreißig kleine Fische anbieten. Drei Euro hat er heute verdient. Weil es zu wenig Fische gibt, verrotten im einst größten Fischereihafen von Kisumu die Boote. Verlierer sind aber auch die Bewohner Kisumus, die sich ihren eigenen Fisch immer seltener leisten können: Der Preis hat sich binnen zwei Jahren vervierfacht. Am Straßenrand werden stattdessen Fischgräten gewaschen, die bei der Filetierung des Nilbarschs übrig bleiben. Sie werden getrocknet und dann in heißem Fett ausgebacken. Was übrig bleibt, wird mit scharfer Soße gegessen oder zu Suppe verarbeitet. Mehr gibt der See für seine Anrainer nicht mehr her.

"Natürlich ist der Klimawandel nur ein Faktor von mehreren", sagt Umweltaktivist Mireri. Überfischung, Ablassen des Wassers in Kraftwerke auf der ugandischen Seite und andere Faktoren spielten auch eine Rolle. "Aber der Klimawandel kommt obendrauf, verschlechtert die ohnehin schlimme Lage und gibt dem See den letzten Rest."

Einige hundert Kilometer weiter westlich steht das staatliche Krankenhaus von Hoima. Jeden Tag stirbt hier mindestens ein Kind an Malaria. Die von Moskitos übertragene Krankheit kann in kurzer Zeit schwere Formen annehmen. "Blutarmut, Unterzuckerung, Erkrankungen der Lunge oder des Gehirns - das sind alles Komplikationen, die wir hier regelmäßig sehen", erklärt der Kinderarzt Tom Ediamu, der seit mehreren Jahren hier im Westen Ugandas arbeitet. Ediamu nennt Malaria eine "Killerkrankheit", und das ist sie, nicht nur hier. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sterben jedes Jahr 2,7 Millionen Menschen an der von Anophelesmücken übertragenen Krankheit. Drei Viertel von ihnen sind Kinder.

Monat für Monat kommen zu Ediamu und seinen Kollegen 5.000 neu infizierte Kinder. "Es gab hier schon immer Malaria, sagt der Arzt, "aber seit ein paar Jahren nimmt die Zahl der Fälle ständig zu." Vor der Kinderstation sitzen Familien unter freiem Himmel, sie warten auf ein freies Bett. Den Grund für den Ansturm kennt Ediamu: Es ist der Klimawandel. "In der langen Regenzeit zwischen September und November regnet es seit einigen Jahren viel mehr als üblich", sagt er. Wo immer dann Wasser in Pfützen steht, entwickeln sich die Larven der Anophelesmücke besonders schnell. Die Beobachtung des Arztes deckt sich mit der Analyse des Weltklimarats. Ähnliche Entwicklungen dokumentiert der Rat überall in Afrika, seit sich die Regenzeiten verschoben haben.

Weil es insgesamt wärmer ist, breitet sich die Malaria heute selbst dort aus, wo der Erreger wegen niedriger Temperaturen früher nicht überleben konnte, zum Beispiel im Hochland. "Ich komme aus dem Südwesten Ugandas und hatte nie Malaria, bis ich mit 18 nach Kampala gezogen bin", erinnert sich Achilles Byaruhanga, Direktor von der Umweltschutzorganisation Nature Uganda. An Malariafälle in seiner Heimat am Fuß der Rwenzori-Berge kann er sich nicht erinnern. "Heute wird die gleiche Gegend als endemisches Gebiet für Malaria geführt, die Zahl der Fälle nimmt ständig zu." Vor allem für arme Menschen auf dem Land ist Malaria gefährlich. Oft haben sie schon andere Krankheiten, oder sie leiden unter Fehl- oder Mangelernährung, sodass ihr Immunsystem geschwächt ist.

Letzte Etappe der Reise ist Westafrika. Im leichten Zelt der Nomaden gießt Aïcha den Tee auf. Die Tradition in Mauretanien gebietet es, dass jeder Besucher, der die Sahara durchquert hat, mindestens drei Tassen leeren muss - so soll sein Überleben gesichert werden. Doch entgegen aller Tradition sind im Süden des Wüstenstaats die Nomaden längst sesshaft geworden.
Sidi el Moctar ist aus Schaden klug geworden, seit der ersten schweren Dürre in den 70er-Jahren schützt er die letzte Oase, die hier noch Wasser führt, um den nun sesshaften Nomaden ein bisschen Land- und Viehwirtschaft zu er möglichen. 5.000 Bäume müssen el Moctar und seine Helfer jedes Jahr anpflanzen, um die Dünen aufzuhalten, die wegen der zunehmenden Hitze und der immer größeren Trockenheit schneller vorrücken als je zuvor. Das Vordringen der Wüste in den Sahelgürtel, in Mauretanien das fruchtbarste Land, können selbst die Schutzwälle kaum noch aufhalten. "Wir haben große Angst vor dem Klimawandel", sagt el Moctar. "Wir gehen unter, wenn wir nicht unermüdlich gegen den Vormarsch der Wüsten kämpfen. Zwischen hier und Atar im Norden lebt inzwischen niemand mehr, dort gibt es kein Wasser mehr."

Längst fordern Afrikas Umweltschützer, die ich auf dieser Reise getroffen habe, von der Staatengemeinschaft mehr als nur die Reduzierung der Treibhausgase. Sie wollen von den Verursachern des Klimawandels konkrete Hilfe, um die Folgen abfedern zu können. Negusu Aklilu ist enttäuscht, wie wenig Hilfe Afrika bislang bekommt. "Ein Sprichwort sagt: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit", sagt er. "Ich glaube nicht, dass Politiker überall auf der Welt den ärmsten Teil der Erde hassen, aber wir sind ihnen egal."

(Copyright die tageszeitung, 1.12.07)

Sonntag, 14. Oktober 2007

Klima-Countdown


Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse erscheint "Klima-Countdown", eine Sammlung von Reportagen zum Klimawandel. Zwar ist die Tatsache, dass der Klimawandel nicht erst in der Zukunft droht, sondern längst Realität ist, fast schon eine moderne Binsenweisheit. Doch er kommt langsam und auf leisen Sohlen. Oft merken wir den Wandel nicht - und selbst wenn, sind uns die vollen Konsequenzen nicht bewusst. Missernten nehmen zu, Krankheitserreger breiten sich aus, Jahrtausende alte Lebensweisen gehen verloren - von all dem und mehr berichten Markus Steigenberger und Marc Engelhardt im "Klima-Countdown", erschienen in Stuttgart (Schmetterling-Verlag), ISBN 978-3896 5756 61, 12,80 Euro.

Dienstag, 14. August 2007

Wo das Wasser in die Falle geht


Wo sonst der Kiboko fließt, treibt der Wind Sand und Staub vor sich her. Das Rumpeln der Trucks, die die nahe Brücke überqueren, hallt dumpf vom leeren Flussbett wider. "Der letzte Regen ist hier vor neun Monaten gefallen", erklärt Peter Njoroge, der in der Gegend um Makueni für die Deutsche Welthungerhilfe arbeitet. Fast alle Flüsse hier sind trockengefallen. Für die Bewohner der weiten Ebene im Niemandsland von Kenia ist das nichts Ungewöhnliches: Allenfalls zwei Mal im Jahr regnet es hier im Niemandsland zwischen Kenias Hauptstadt Nairobi und der Hafenstadt Mombasa. Den Rest der Zeit ist es heiß und trocken. Dass die große Regenzeit im Mai dieses Jahres ausgefallen ist, hat die Lage noch verschlimmert. Wasser ist Mangelware.

Juliana Kinibios Hof liegt sechs Kilometer vom nächsten Wasserloch entfernt. Die 45-Jährige hat sieben Kinder, ihr Mann ist seit zehn Jahren tot. Auf dem roten, staubigen Boden vor ihren Hütten baut sie Mais an und das hirseähnliche Sorghum. Zudem hält sie ein paar Hühner. "Ohne Wasser überlebt hier nichts und niemand", sagt sie und schaut auf die dornigen Zweige, die um den Hof herum aufgeschichtet sind und vor wilden Tieren schützen sollen. "Sechs Kilometer durch den Busch, das ist ein weiter Weg. Manchmal habe ich an einem Tag nicht mehr als einen 20-Liter-Kanister hierher tragen können, weil ich nach dem Marsch durch die pralle Sonne so erschöpft war." Dabei braucht ihre Familie eigentlich fünfmal so viel Wasser - zum Trinken, Kochen und Waschen. Wasser für Vieh und Getreide ist da nicht eingerechnet. Doch Juliana Kinibio hatte Glück.

Seit einem Jahr hat sich ihr Leben radikal verändert. "Jetzt stehe ich morgens auf, schnappe mir meine Kanister und bin kurze Zeit später mit genug Wasser für den ganzen Tag zurück." Die Quelle des Wassers ist von hier aus gut zu sehen: ein Berg aus Granit, der im Sonnenlicht glänzt. Die hier lebenden Kamba nennen ihn Uvilio, Handfläche.

Am Fuß des Bergs stehen Frauen und Kinder in einer langen Reihe vor einer Holzhütte und warten geduldig, dass Peter Kioko ihre Kanister auffüllt. Der alte Mann dreht den Hahn erst auf, wenn die Kunden bezahlt haben: 20 Liter Wasser kosten 2 Kenianische Schilling, etwa 3 Euro-Cent. "Das Geld ist dazu da, um die Anlage in Schuss zu halten", erklärt Kioko, zeigt auf den Berg und lacht. "Da oben machen wir aus Granit Wasser." Dreißig bis fünfzig Kunden kommen täglich, am Wochenende noch mehr. Dass das Wasser ausgehen könnte, befürchtet Kioko trotz der seit neun Monate anhaltenden Dürre nicht. "Die Hälfte der Tanks ist noch voll, das wird bis zum Regen im November reichen."

Acht solcher Tanks stehen am Fuß des Uvilio-Bergs. Nach der letzten Regenzeit waren sie alle voll: mit Regenwasser, das früher im Boden versickert ist. Welthungerhilfe-Mann Njoroge strahlt. "Es ist eigentlich ganz einfach: Wir nutzen den Berg, um Regenwasser zu ernten." Dazu haben Arbeiter den Berg radikal umgestaltet, nach Anweisungen eines Wasserbauingenieurs. "Da, wo das Wasser sonst die Flanken herunterfließt, werden Mauern gebaut, so dass das abfließende Regenwasser ungelenkt wird", beschreibt Njoroge den Prozess. Die wie ein Labyrinth über den Berg verteilten Mauern sind aus Natursteinen gebaut, aber mit Beton verstärkt: Weil die seltenen Regengüsse in den Subtropen so heftig sind, müssen die Mauern einiges aushalten. Das Gleiche gilt für das Reservoir, in dem das Wasser schließlich landet. "Von hier fließt das Wasser dann noch durch einen groben Filter aus Kieselsteinen, weiter in Rohre und schließlich in die Tanks."

Anders als in den überdimensionalen Wassertonnen, die in Afrika derzeit vor allem an Schulgebäuden installiert werden, lassen sich mit solchen Bergwasserfängen Mengen an Wasser gewinnen, die ganze Dörfer versorgen können. Die Tanks von Uvilio haben zusammen eine Kapazität von 900 Kubikmetern und versorgen eine Gegend, in der es in weitem Umkreis weder permanente Flüsse noch Wasserlöcher gibt. Gut ist das vor allem für die Frauen und Kinder, die in Kenia traditionell für das Wasserholen zuständig sind. Die 21-jährige Alfe Kumundi ist hellauf begeistert, auch wenn sie den schweren 20-Liter-Kanister immer noch zwei Kilometer weit auf ihrem Rücken tragen muss. "Im letzten Jahr musste ich viel weiter laufen, jetzt habe ich wieder Zeit, zur Schule zu gehen." Für das fünfjährige Mädchen, das mit einer Fünf-Liter-Flasche ansteht, bedeutet die neue Wasserstelle mehr Zeit zum Spielen - und weniger Krankheiten. "Das trübe Wasser aus den Wasserlöchern ist oft voller Bakterien, vor allem die Kinder hatten ständig Durchfall und andere Krankheiten", erinnert sich Peter Kioko. Die Zahl der Erkrankten sei im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. "Alle erzählen, dass es weniger Kranke gibt."

Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein. Christina Mwanggangi, die wie Njoroge für die Welthungerhilfe arbeitet, musste vor dem Bau des Bergreservoirs viele Skeptiker überzeugen. "Da war zunächst mal das Land am Fuß des Berges, das wegen des abfließenden Regens natürlich fruchtbar ist und Bauern gehörte." Bei Treffen mit der Bevölkerung mussten diese Landbesitzer vom Sinn des Projekts ebenso überzeugt werden wie diejenigen, die beim Bau Hand anlegen mussten. "Wir haben eine klare Philosophie: Wir bezahlen Baumaterialien wie Beton, aber was es lokal gibt, etwa Sand und Steine, muss von der Bevölkerung besorgt werden." Das Gleiche gilt für Arbeitskraft: Die Welthungerhilfe zahlt die Handwerker - die vielen ungelernten Arbeiter, die für den Bau benötigt werden, rekrutieren sich aus Freiwilligen. Doch wirkliche Probleme hat es bei den acht Bergwasserfängen, die bisher rund um Makueni entstanden, nicht gegeben. "Wenn die Leute erst mal überzeugt sind, dass es funktioniert, machen sie mit." Selbst der traditionelle Priester, der den jahrhundertealten Schrein am Fuß des Berges bewacht, gab schließlich sein Einverständnis. Die meisten der über das Land verteilten Inselberge gelten der einen oder anderen Gemeinde als Heiligtum.

Für die Unterhaltung der Anlage sind die Nutzer selbst verantwortlich. "Die Anlagen sind so gebaut, dass sie jeder kenianische Handwerker reparieren kann", versichert Peter Njoroge. Auf diese Weise sollen die Anlagen auch dann weiterlaufen, wenn die ausländischen Geldgeber längst schon wieder abgezogen sind. Ökologische Bedenken hat Njoroge nicht. "Die Berge sind kahl, wir fällen keine Bäume und vertreiben keine Tiere." Für die Bewohner gibt es zudem wenig Alternativen zur Wassergewinnung: Brunnen etwa bringen in Mkueni nichts, weil das wenige Grundwasser versalzen ist.

Dass die Nutzung von Regenwasser eine große Zukunft hat, glaubt auch das UN-Umweltprogramm Unep. "Selbst ein vergleichsweise trockenes Land wie Kenia hat das Potenzial, mit dem hiesigen Niederschlag sechs- bis siebenmal mehr Wasser zu gewinnen, als die Bevölkerung braucht", zitiert Unep-Chef Achim Steiner aus einer aktuellen Studie. Dabei sei klar, dass nicht alles Regenwasser nur für menschliche Bedürfnisse genutzt werden könne. "Aber gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels brauchen wir eine breite Palette von Möglichkeiten zur Gewinnung und Lagerung von Wasser. Und Regenwasser spielt dabei eine wichtige Rolle."

Njoroge und sein Team suchen deshalb bereits nach neuen Inselbergen. Mindestens 35 Stück, so glaubt er, sind in der Gegend von Makueni für den Bau neuer Regenwasserfallen geeignet. "Besonders wichtig ist das Gestein. Es muss hart sein, damit das Wasser nicht versickert." Dass die seltsamen Labyrinthe auf den Bergen funktionieren, hat sich herumgesprochen. Manche Gemeinden, sagt Njoroge mit einem Lächeln, fangen schon einmal ungefragt mit Vorarbeiten an: um einen Bergwasserfang in ihrer Nähe zu sichern.

(Copyright die tageszeitung, 11.8.07)

Mittwoch, 11. April 2007

Hilfsprogramme ignorieren Klimawandel


Wenn im Amboseli-Nationalpark die Zebras vor dem schneebedeckten Kilimandscharo grasen, strahlt der Tourist - und mit ihm Kenias Reiseindustrie. Umgerechnet fast 525 Millionen Euro hat das ostafrikanische Land im vergangenen Jahr im Geschäft mit Urlaubern umgesetzt, so viel wie mit keinem anderen Wirtschaftszweig. Doch der Klimawandel droht das Geschäft schon bald zunichte zu machen. "Bis 2020 wird der Kilimandscharo eisfrei sein, und Zebras werden in vielen Gegenden Afrikas nicht mehr leben können", warnt Anthony Nyong vom Internationalen Forschungszentrum für Entwicklung in Nairobi, der das Afrika-Kapitel im Bericht des UN-Klimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) koordiniert hat.

Bis 2085 werden Nyong zufolge mehr als 40 Prozent der rund 5.000 bekannten Pflanzenarten aussterben, bei den Tieren soll die Hälfte des Bestandes verloren gehen: In Südafrikas Krüger- Nationalpark werden zwei Drittel aller Tiere verschwinden, glaubt Nyong, in Malawi würden Zebras und Antilopen zu Attraktionen der Vergangenheit.

Das ist auch für die in vielen Ländern noch junge Tourismusindustrie eine Katastrophe, die ein Lieblingskind der Entwicklungshilfe ist. "Der Klimawandel und seine Auswirkungen spielen in zu vielen Entwicklungsprojekten keine Rolle", kritisiert der Chef des UN-Umweltprogramms (Unep), Achim Steiner.

Der IPCC-Bericht zeichnet ein düsteres Bild vom Afrika der Zukunft: Seuchen breiten sich in bislang sichere Regionen aus, Dürren und Überflutungen führen zu Mangelernährung. Weil Brunnen und Flüsse austrocknen, könnten bis Ende des Jahrhunderts 1,8 Milliarden Afrikaner unter Wasserknappheit leiden, drei Viertel der prognostizierten Bevölkerung.

Vorsorgemaßnahmen würden das Schlimmste verhindern - die Kosten dafür schätzt Nyong auf bis zu 15 Prozent der Bruttosozialprodukte. "Aber bislang fehlt in den meisten afrikanischen Staaten das Bewusstsein, wie wichtig diese Investitionen wären." Wenn der Klimawandel jedoch die ohnehin fragile wirtschaftliche Basis erschüttert, wird auch noch das Geld fehlen. Das gilt auch in der Landwirtschaft, einem weiteren Top-Devisenbringer. Kokos- und Palmöl-Plantagen an den Küsten Benins und der Elfenbeinküste würden vom vorhergesagten Meeresspiegelanstieg ebenso weggeschwemmt wie Reisfelder in Guinea. Mindestens vier Prozent des Bruttosozialprodukts sollen allein in Westafrika durch Krisen im Agrarbereich verloren gehen. "Afrika ist weder vorbereitet noch in der Lage, die massiven Folgen des Klimawandels zu schultern", bilanziert Steiner. Doch dass der Westen die Kosten für die Vorsorge übernimmt, hält Nyong für unwahrscheinlich. "Solange keine sterbenden afrikanischen Kinder zu sehen sind, fließt auch kein Geld." So habe Mosambik ein Jahr vor den Fluten im Jahr 2000 erfolglos um zehn Millionen Dollar für den Bau von Dämmen geworben. "Erst als Hunderte in den Fluten gestorben waren, floss Geld - hunderte Millionen."

Deshalb setzen Afrikas Klimaschützer zunehmend auf Strategien jenseits der Regierungen. "Lokale Farmer haben traditionelle Wege, ihre Ernten vor Wetterextremen zu schützen, die wir wiederentdecken müssen", sagt Nyong.

(Copyright die tageszeitung, 11.4.2007)

Mittwoch, 14. Februar 2007

Ende eines Handelszentrums


Zum Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation (WTO) vor einem Jahr hatte sich Hongkong in Schale geworfen. Die chinesische Millionenstadt, gemessen am Bruttosozialprodukt die neuntgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, versteht sich als Zentrum der wirtschaftlichen Globalisierung. Auf Bannern wurde die Freihandelsorganisation WTO folglich mit dem Spruch “Willkommen zu Hause” begrüßt. Doch der Klimawandel könnte dem brummenden Handelszentrum am Perlflussdelta bald den Saft abdrehen. Überschwemmungen, die in der Region seit Jahren an Intensität zunehmen, sind die größte Gefahr für das hochindustrialisierte Delta, dessen Küstenlinie oft nur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel liegen.

Und der steigt kontinuierlich. In weniger als 25 Jahren, so sagt die Hongkonger Klimaforscherin Alexandra Tracey voraus, wird der Meeresspiegel mindestens 30 Zentimeter höher liegen als heute. “Das bedeutet noch mehr Überschwemmungen und in der Folge die Beschädigung von Straßen, Kraftwerken, Stromleitungen oder Wasserwerken.” Auch stärkere Taifune erwartet die Klimaforscherin, so wie in anderen Teilen Asiens bereits zu sehen. Im Hinterland von Hongkong sind bei den Überschwemmungen der vergangenen drei Sommer hunderte ums Leben gekommen, zehntausende mussten aus ihren Dörfern umgesiedelt werden, hunderttausende Hektar Farmland, die Brotkammer Hongkongs, wurden verwüstet. Hongkong selbst kam noch vergleichsweise glimpflich davon.

“Aber wenn erstmal Hongkong und die Industriegebiete am Perlfluss selbst unter Wasser stehen, sind die wirtschaftlichen Folgen ungleich größer”, warnt Christine Loh. Die Geschäftsführerin der Organisation “Civic Exchange” sieht die größte Gefahr darin, dass Hongkong sich – anders als andere Weltmetropolen – nicht auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet. “Dabei lebt die Industrie hier vom Just-in-time-Prinzip – selbst kurzzeitige Stromausfälle könnten die Exportwirtschaft beschädigen, von einer wetterbedingten Schließung der Häfen oder Flughäfen ganz zu schweigen.” Die Auswirkungen, so Loh, blieben dabei nicht auf Hongkong beschränkt. So vernetzt sei die Hongkonger Wirtschaft, dass die ganze Welt die Folgen zu spüren bekäme.

Die miesen Umweltbedingungen in Hongkong verschlechtern den Ruf des Hongkongs schon jetzt. Rating-Agenturen wie Merrill Lynch haben den Standort herabgestuft, weil kaum ein Manager willens ist, in einer Stadt zu arbeiten, wo fast jeden dritten Tag Smog-Alarm herrscht. Durch den Klimawandel wird die Lebensqualität weiter sinken: So ist selbst die Trinkwasserversorgung in Hongkong bis hin zum weiter flussaufwärts gelegenen Wirtschaftszentrum Kanton gefährdet. Der steigende Meeresspiegel sorgt für die Versalzung des Flusses, aus dem das Gros des Trinkwassers gewonnen wird.

Loh glaubt, dass die Wirtschaft nicht lange fackeln wird. “Wenn die Industrie erst einmal das Gefühl hat, dass Hongkong nicht mehr wie bisher zuverlässig wie ein Uhrwerk funktioniert, werden sie ihre Produktion irgendwo außerhalb der Region ansiedeln.” Für den riesigen Dienstleistungssektor in Hongkong wäre das eine Katastrophe. Selbst Hongkongs gleichgeschaltete Regierung hat das Problem erkannt und ärgert sich über die Untätigkeit der Unternehmen, die mit ihren veralteten Anlagen selbst massiv zum Klimawandel beitragen. “Den Wirtschaftsführern mangelt es an sozialer Verantwortung”, beschwert sich ein enger Mitarbeiter von Hongkongs Regierungschef Donald Tsang. Eine Selbstverpflichtung, den Ausstoß von Klimagasen zu reduzieren, unterzeichneten gerade einmal 100 von zehntausenden Firmen in Hongkong. Besonders peinlich: Unter den Firmenbossen, die nichts vom Klimaschutz wissen wollen, sitzen viele in Tsangs Kabinett.

(Copyright Frankfurter Rundschau 14.2.07)