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Sonntag, 30. März 2008

Papierkrieg in Afrika


Seit ich in Nairobi lebe, ist mir ein kleines Buch ans Herz gewachsen: fester Umschlag, bordeauxrot, passt in jede verschwitzte Hemdtasche, schlichter Text, ein eher misslungenes Foto und eine steigende Zahl von Abbildungen. Mein Reisepass. Ich weiß zu schätzen, dass es Pässe mit 48 Seiten gibt, die im grenzoffenen Deutschland vermutlich niemand braucht. Dass auch sie nach einem Jahr voll sind, liegt an den farbenfrohen und riesig großen Stempeln und Aufklebern, die jedes afrikanische Land zur Grundvoraussetzung der Einreise erhoben hat. Dazu muss man den Pass samt mehrerer Formulare, Passbilder und Dollar-Bündel quer durch Afrika schicken, denn nur wenige Länder leisten sich in Kenia eine diplomatische Vertretung.

Erst Stunden vor dem geplanten Abflug erreichte mich kürzlich ein Paket aus der tschadischen Botschaft in Addis Abeba. Inhalt: mein Pass samt neuem Stempel, eineinhalb Seiten. Auf dem Stempel prangte das Porträt des Alleinherrschers Idriss Déby. Das, so dachte ich, sollte reichen, um meine Einreise zur Formsache werden zu lassen.

Die Grenzpolizei im Tschad dachte allerdings anders. Nachdem ich ein vielspaltiges Formular ausgefüllt und ein Beamter eine weitere halbe Seite mit einem dreieckigen Stempel verziert hatte - daneben seine unleserliche, aber raumgreifende Unterschrift - erklärte er, ich hätte mich binnen 72 Stunden bei der Ortspolizei zu registrieren. Am nächsten Morgen füllte ich dort weitere Formulare aus, heftete Passbilder dazu, bekam einen weiteren Stempel, der zum Aufenthalt in der Hauptstadt berechtige. Gedächte ich zu reisen, so der Beamte, müssten Pass, weitere Formulare und mindestens vier Bilder beim Außenministerium eingereicht werden.

Gesagt, getan: Ich füllte aus, klebte Fotos und erfuhr dann im Weggehen vom gelangweilten Beamten: "Übrigens, im derzeitigen Ausnahmezustand darf nur der Präsident persönlich unterschreiben. Der hat aber selten Zeit." Sprach's und gab mir den Pass zurück - ohne Stempel diesmal.

Man kann nicht immer gewinnen. Solange mein bordeauxrotes Buch am Ende immer wieder zu mir zurück findet, ist eine Schlacht, nicht aber der große Papier-Krieg verloren.

(Copyright Berliner Zeitung, 30.3.08)

Freitag, 28. März 2008

Die Stadt als Schlachtfeld


Zum Flanieren hat die Avenue Charles de Gaulle im Zentrum von Tschads Hauptstadt N'Djamena nie wirklich eingeladen. Zu staubig ist die Straße, über die laut dröhnend Lastwagen und mit Passagieren überbesetzte Minibusse rumpeln. Zu wenig gibt es in den Läden zu kaufen - und das sowieso nur, wenn man das Geld dazu hat.

Und doch ging man bis zur fehlgeschlagenen Rebellion Anfang Februar gerne hierher: Der Lichtblick auf N'Djamenas Hauptachse waren die mehrere hundert Jahre alten Bäume, die die Avenue auf beiden Seiten säumten und bei mehr als 40 Grad Sommerhitze den ersehnten Schatten boten. Doch auch damit ist es jetzt vorbei. Mit einem Bagger und Motorsägen haben Bauarbeiter vor wenigen Tagen den letzten Baumriesen gefällt - im Auftrag von Präsi- dent Idriss Déby. Denn diesem waren die Bäume zu gefährlich geworden: Als Rebellen versuchten, ihn aus dem Amt zu jagen, hatten sie die dicken Stämme als Deckung genutzt. Das, so soll Déby angeordnet haben, darf nie wieder passieren. Meterhohe Stämme liegen deshalb am Straßenrand, die ersten werden von Anwohnern bereits fachgerecht zerlegt. Holz ist knapp in der Wüstenstadt und entsprechend kostbar.

Dass ihr Präsident das letzte bisschen Grün abholzen lässt, scheint kaum jemanden zu verwundern. Schließlich lässt der gleiche Mann zur Stunde auch einen Schützengraben rund um die Hauptstadt ausheben. Die Marktfrauen, die zwischen den Baumstümpfen ein paar Zwiebeln und Tomaten ausgebreitet haben, schütteln nur vorsichtig den Kopf, bevor sie wieder auf ihre Waren gucken. Vor offener Kritik fürchten sich fast alle in der Hauptstadt des paranoiden Herrschers.

Die Angst der eingeschüchterten Bevölkerung, glaubt Jean-Claude Nekim, wird nur von dessen eigener Furcht übertroffen. "Déby hat Angst vor allem und jedem, selbst vor seinem eigenen Schatten", sagt der Journalist, der die unabhängige Zeitung N'Djamena Bi-Hebdo herausbringt. Seit dem Rebelleneinmarsch ist das Blatt nicht mehr erschienen. "Damit protestieren wir gegen den Ausnahmezustand; würden wir weiter schreiben, dann würde die Regierung jeden Satz zensieren und in ihrem Sinne verdrehen."

Lieber schreibe er nicht, sagt Nekim, als dass er sich wider Willen zum Sprachrohr der Regierung machen lässt. Nekim glaubt, dass Déby die Stadt derzeit zum letzten Gefecht rüsten lässt: "Die Regierung will einen Krieg und die Stadt soll das Schlachtfeld sein."

Von den Zehntausenden, die Anfang Februar vor den Kämpfen mit mindestens 700 Toten über den Grenzfluss nach Kamerun geflohen sind, sind die meisten zwar wieder zurückgekommen. Doch fast jeder ist bereit, erneut zu fliehen, wenn es wieder losgeht. Und dass es irgendwann so weit sein wird, daran zweifelt niemand. Bis dahin verbreiten Débys verbliebene Getreue Angst und Schrecken.

Es geht um die Macht im Tschad, einem der ärmsten Staaten der Welt, der zugleich über einen gewaltigen Ölreichtum verfügt. Wer das Land in der Vergangenheit regiert hat, behandelte es stets nach Gutsherrenart. Programmatische Unterschiede zwischen Rebellen und Regierung gibt es nicht, auch keine ethnische Feindschaft - im Gegenteil: Viele von Débys Gegnern gehören der gleichen Minderheitenethnie an, den Zaghawa, die in den Wüsten im Nordosten Tschads leben. Déby, der nach den letzten Kämpfen zugab, die Unterstützung seines halben Kabinetts und noch größerer Teile der Armee verloren zu haben, steht mit dem Rücken zur Wand. Seine Unterstützer kennen deshalb kein Pardon.

Mehrere Führer der Zivilgesellschaft und der Opposition wurden schon aus ihren Häusern verschleppt, als die Rebellen noch dabei waren, sich zurückzuziehen; vom Führer der "Koordination zur Verteidigung der Verfassung", Ibni Omar Mohammed Saleh, fehlt jede Spur. Der in Frankreich wieder aufgetauchte Ngarléjy Yorongar berichtete von Scheinexekutionen, hinter denen Soldaten der Präsidialgarde, Débys letztem Aufgebot, gesteckt hätten. Interviews mit Yorongar werden in N'Djamena unter der Hand herumgereicht, weitergemailt und -gefaxt und erreichen auf diese Weise binnen Stunden fast jeden Bewohner - auch wenn der Besitz solcher Schriften zur sofortigen Verhaftung führen könnte.

"Die Rebellen wissen viele Details", sagt Nekim. Dem militärisch erfahrenen Déby, der sich 1990 selbst an die Macht putschte, sei klar, dass er nicht nur den Sudan, der die Rebellen unterstützt, sondern vor allem die Feinde im eigenen Palast fürchten müsse. "Es ist gut möglich, dass die nächste Rebellion von innen passiert." Weite Teile der Armee wurden in den vergangenen Wochen entwaffnet, aus Angst vor einem Militärputsch. Im ganzen Land herrscht eine nächtliche Ausgangssperre, die Wüste jenseits der Hauptstraße in Richtung Osten wird angeblich vermint.

"Déby ist vollkommen wahnsinnig", bilanziert die Mitarbeiterin einer deutschen Hilfsorganisation im Tschad. Ihre Mitarbeiter bekommen derzeit keine Genehmigungen für Reisen innerhalb des Landes mehr, weder Tschader noch Ausländer. "Franzosen müssen für ihre Genehmigung besonders viele Unterlagen einreichen, angeblich wegen der Affäre um ,Arche de Zoe', wo die sogenannten Helfer illegal mehr als 100 Kinder außer Landes fliegen wollten."

Noch wahrscheinlicher ist, dass man im Osten derzeit keine Zuschauer gebrauchen kann. Dort werden die Lager der Rebellen vermutet; niemand soll wissen, was die Armee gegen sie plant. Denn Gewalt ist das letzte Mittel, dass Déby gegen die Rebellen hat.

"Unité, Travail, Progrès", Einheit, Arbeit, Fortschritt, lautet der Wappenspruch des Tschad. Doch Déby hat nichts davon erreicht. Seine Bilanz nach 18 Jahren an der Macht: Im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen Platz 172 von 179. Die Korruptionsstatistik von Transparency International kennt nur sieben Länder, in denen noch mehr Geld illegal hinterzogen wird.

Lediglich in der Liste der "gescheiterten Staaten", die das US-Magazin Foreign Policy jährlich herausbringt, steht der Tschad weit oben: Auf Platz 5, direkt nach Simbabwe und Somalia. "Und mit den Rebellen wäre es das Gleiche, die sind auch keine Demokraten", seufzt Journalist Nekim. Allen gehe es letztlich um das Gleiche: den ungehinderten Zugriff auf die Ölmilliarden, mit denen Déby derzeit in Missachtung von Weltbank-Auflagen kräftig Waffen einkauft, vor allem in Libyen und China.

China unterstützt eigentlich den verhassten Nachbarn Sudan, dessen Regime es Waffen liefert und von dem es große Mengen Erdöl kauft. Um seinerseits die Gunst Chinas zu gewinnen, brach Tschads Präsident 2006 sämtliche Verbindungen nach Taiwan ab, das er bis dahin anstelle der Volksrepublik China diplomatisch anerkannt hatte. Für Taiwan vorgesehene Ölexplorationsrechte wurden an die Volksrepublik verschoben, die sich mit umfangreichen Investitionen im Tschad bedankte, ohne allerdings die Beziehungen zum Sudan zu lockern. Überall im Tschad werden nun mit chinesischer Hilfe Straßen gebaut, und auch eine Panzerfabrik ist geplant.

Wenn es nach der kräftig brodelnden Gerüchteküche geht, soll den Chinesen bald noch viel mehr gehören: Rund um den Großmarkt, den "Marché Central" vor der großen Moschee, werden seit Ende der Kämpfe Häuser und Geschäfte niedergerissen. Stattdessen, sagt einer der Arbeiter, soll hier eine riesige Shopping Mall entstehen - und tatsächlich stehen zwischen den Ruinen bereits chinesische Bauingenieure. Es ist ein Geschäft zum beiderseitigen Vorteil: Die Chinesen wollten bauen, Déby vor allem abreißen.

"Die Stadtverwaltung nutzt den seit Februar geltenden Ausnahmezustand, um Gebäude der Oppositionsanhänger zu zerstören", sagt Journalist Nekim. "Das kann man natürlich nicht offen sagen, denn laut der Regierung sind ja alle Rebellen Sudanesen. Aber die Eigentümer dieser Grundstücke sind Tschader, und sie arbeiten gegen Déby."

Manchmal hat ein Grundstück, in dem jetzt Kinder versuchen, zwischen den Trümmern etwas Nutzbares zu finden, eine kuriose Geschichte hinter sich. Große Teile der Innenstadt verstaatlichte Déby vor einem Jahrzehnt, um sie seinem Neffen Timane Erdimi zu schenken - der war bis zum Bruch mit dem Diktator 2005 dessen rechte Hand.

Jetzt führt Erdimi eine der Rebellengruppen - deshalb wird "sein" Land erneut verstaatlicht und verschenkt: diesmal an die Chinesen. Verlierer sind diejenigen, die auf Erdimis Grund und Boden ihre Läden errichtet hatten.

Für durchschnittliche Tschader bleibt ohnehin nichts übrig. Außerhalb der Hauptstadt, wo die Regierung kaum vorkommt, trotzen Bauern dem staubigen Wüstenboden ein bisschen Gemüse ab und haben die Hoffnung auf Entwicklung längst aufgegeben. Ein deutscher Entwicklungshelfer meint: "Die sind schon froh, wenn man sie einfach in Ruhe lässt."

(Copyright die tageszeitung, 28.3.08)

Donnerstag, 13. März 2008

Gendarmen der Wüste


Die Lehmhütte von Urban Britzius liegt so weit ab vom Schuss, dass er manches gar nicht mitbekommt. Etwa als das Dorf Iriba im Nordosten Tschads, wo er seit fast drei Jahren lebt, von Rebellen eingenommen wurde. "Das habe ich erst im Radio erfahren", berichtet der ergraute deutsche Wasserbauingenieur, der eine Pfeife im Mundwinkel und ein weites tschadisches Gewand trägt: In Iriba steigen die Mittagstemperaturen derzeit über 50 Grad.

Früher war der Marktflecken mit etwa 2 000 Einwohnern Anlaufpunkt für den Handel mit dem Sudan, die Grenze zu Darfur liegt nur knapp 60 Kilometer entfernt. Doch seit Ausbruch der Darfur-Krise vor fünf Jahren ist Iriba vor allem Basis für Flüchtlingshelfer. Britzius versorgt im Auftrag der Hilfsorganisation Help 16 000 Menschen mit Wasser, viele von ihnen in den drei nahen Lagern. Insgesamt leben mehr als 250 000 Darfur-Flüchtlinge im unwirtlichen Osten Tschads, dazu kommen mindestens 180 000 intern vertriebene Tschader.

Durch das grenznahe Dorf jagen seit ein paar Monaten außer Darfur-Rebellen und verfeindeten Milizen auch tschadische Rebellen, die gegen die Regierung von Präsident Idriss Déby kämpfen. "Da braust irgendein Konvoi durch, und hinterher erzählt mir einer: Das war die oder jene Gruppe. Aber wirkliche Bedeutung für uns hier hat das nicht", sagt Britzius. Dass das Leben in Iriba derzeit dennoch gefährlicher ist denn je, erklärt er so: "Als Vertreter des Staates haben wir hier gerade mal einen Polizisten mit fünf Handlangern." Als die Rebellen nach Iriba kamen, flohen die sechs in den Busch, so war die Stadt plötzlich "in Rebellenhand". Als die Rebellen zum Sturm auf N'Djamena weiterzogen, kamen die sechs Repräsentanten der fernen Regierung zurück: Die Stadt war den Radionachrichten zufolge, wie Britzius am Abend überrascht zur Kenntnis nahm, wieder unter Kontrolle der Regierung. So sei es fast überall im Osten Tschads: "Es gibt hier einfach keinen Staat."

Mehr als 40 Autos sind alleine in Iriba in den vergangenen Monaten gestohlen worden, ohne dass jemand Täter verfolgt hätte. Immer wieder überfallen Banditen Häuser in Iriba. Das Umland kann nur im Konvoi bereist werden, der von der Armee begleitet werden muss. Deren Angehörige sind wiederum dafür berüchtigt, dass sie, wie in der vergangenen Woche, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen eher verprügeln als schützen.

In dieser gesetzlosen Gegend sollen von dieser Woche an Soldaten der europäischen Eingreiftruppe Eufor für mehr Sicherheit sorgen. Einen Monat nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Déby hält Eufor-Sprecher Patrick Poulain die Lage für sicher genug, um die Militärjeeps, die gepanzerten Fahrzeuge und anderes schweres Gerät von der Hauptstadt N'Djamena im fernen Westen des Landes ins 600 Kilometer östlich gelegene Abeche zu bringen. Auf der Straße, die die Soldaten dafür benutzen müssen, waren die Rebellen binnen weniger Tage ohne Widerstand bis zur Hauptstadt marschiert. "Derzeit ist die Lage sehr ruhig, wir erwarten keine Probleme", versichert Poulain.

Das ist auch gut so, denn Sicherheit für jeden kann und darf die Eufor gar nicht garantieren. Ihr Mandat sieht ausschließlich den Schutz von Flüchtlingen und Vertriebenen vor. Selbst dafür darf die Eufor nicht die Camps betreten, das ist der tschadischen Polizei vorbehalten. Für diese soll die Mission Einheiten ausbilden. In interne Konflikte darf sich die Eufor keinesfalls einmischen. "Gegen die Rebellen, die im Februar N'Djamena gestürmt haben, hätten wir nichts unternommen", bestätigt Poulain, "außer, sie hätten Flüchtlinge oder Vertriebene angegriffen."

Doch die Unparteilichkeit nehmen viele Tschader, voran die Rebellen, der Eufor nicht ab. Zwar beteuert Poulain immer wieder, die Europäer stünden auf keiner Seite, doch niemand hier glaubt, das gelte auch für die französischen Soldaten, die Déby seit seinem Putsch 1990 schon oft stützten. Mehr als die Hälfte des Eufor-Kontingents sind Franzosen, dazu kommen gut tausend Soldaten, die als Teil der französischen "Sperber"-Mission im Tschad stationiert sind.

"Unparteilichkeit, das ist doch nur Gewäsch", ärgert sich Mohammed, ein Taxifahrer in der Hauptstadt N'Djamena. "Wären die Franzosen wirklich unparteiisch, hätten wir längst einen neuen Präsidenten." Dass Déby nach Tagen der Belagerung in seinem Palast es doch noch schaffte, die zerstrittenen Rebellen zu verjagen, verdankt er nach Mohammeds Ansicht tschadischen Kampfhubschraubern: "Und die waren nur einsatzfähig, weil die Franzosen den Flughafen verteidigt haben." Freilich glaubt Mohammed auch nicht, dass die Rebellen den nötigen Wandel in einem der ärmsten Länder der Welt herbeigeführt hätten: "Die wollen auch nur ran an die Öl-Milliarden."

Nach der zweiten misslungenen Revolte in zwei Jahren kennt Déby kein Pardon mehr. Oppositionelle oder auch nur Kritiker sind geflohen oder verhaftet worden. Unabhängige Zeitungen erscheinen nicht mehr, der private Radiosender Liberté ist geschlossen. Rund um N'Djamena wird ein Schützengraben ausgehoben, Bäume, hinter denen sich Rebellen verstecken könnten, werden abgeholzt. Landesweit gilt nächtliche Ausgangssperre, kaum jemand darf reisen.

"Déby ist paranoid", bilanziert die Mitarbeiterin einer deutschen Hilfsorganisation. Zu der Gefahr durch die Rebellen komme die wachsende Wahrscheinlichkeit einer Palastrevolution. Déby selbst gab nach den Kämpfen mit offiziell 700 Toten zu, den Großteil des Rückhalts in seiner Armee verloren zu haben. Ihm bleibt die Hilfe aus Paris, wo ein Außenamtssprecher auf die Frage, warum man Déby unterstütze, antwortete: "Kennen Sie einen Besseren? Wir nicht."

Für die Eufor-Mission ist der Boden heiß. "Wir kennzeichnen alle unsere Fahrzeuge mit Flaggen der EU und Österreichs", erklärt der österreichische Major Manfred Prantl. Man will auf keinen Fall für Franzosen gehalten werden. Das Bundesheer ist mit gut 160 Soldaten an der Mission beteiligt. Oberst Heinz Assmann, der Kommandant des österreichischen Kontingents, spricht zwar von einer generell guten Zusammenarbeit, räumt aber auch Probleme ein. "Es ist ohne Frage schwierig für uns, wir müssen langsam die Kontakte aufbauen und für uns Aufgaben finden, die wir auch erledigen können." Andere werden in aller Vertraulichkeit deutlicher: Frankreich, so heißt es, behalte sicherheitsrelevante Informationen für sich, von einem gemeinsamen Einsatz könne noch keine Rede sein.

Dass es dank der Eufor bald sicherer sein könnte im Osten Tschads, glauben auch humanitäre Helfer nicht. Und an das erklärte Ziel, Vertriebenen in den vergleichsweise sicheren und gut versorgten Camps die Rückkehr in ihre Heimatdörfer schmackhaft zu machen, glaubt Maurizio Giuliano von der UN-Koordination für humanitäre Hilfe im Tschad schon gar nicht. "Die zunehmende Gewalt in der Region macht es eher fraglich, ob die Menschen jemals zurückkehren werden."

(Copyright Berliner Zeitung, 13.3.08)

Mittwoch, 6. Februar 2008

Rebellion wird zum Regionalkonflikt


Was vergangene Woche als Putschversuch tschadischer Rebellen gegen den autoritären Präsidenten Idriss Déby begonnen hat, weitet sich immer mehr zu einer regionalen Krise aus. Die Rebellenorganisation JEM aus dem sudanesischen Darfur erklärte gestern, ihre Truppen seien in den Osten Tschads eingerückt. "Dort haben wir sudanesische Truppen zurückgeschlagen, die die Grenzstadt Adré angegriffen hatten", sagte ihr Kommandeur Abdelaziz el Nur.

Tschadische Rebellen warfen der von Débys Regierung unterstützten JEM vor, dem Präsidenten im Kampf gegen die Aufständischen beistehen zu wollen. Die Zahl der loyalen Soldaten, die Déby unterstützen, wird auf wenige tausend geschätzt. Tschads Außenminister hatte schon am Montag den Sudan für die Rebellion im Tschad verantwortlich gemacht und mit einer Invasion im Nachbarland gedroht.

Die Aussichten waren jedoch unklar. Die Armee hat die Hauptstadt N'Djamena unter Kontrolle, dennoch ist die Lage nach den Kämpfen der vergangenen Tage angespannt. Eine Sprecherin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sagte, die Straßen seien voller fliehender Bewohner. Nach Angaben des Roten Kreuzes sind bei den jüngsten Kämpfen mehrere hundert Zivilisten getötet worden. Die Zahl der Verletzten wurde auf 1 000 geschätzt.

Débys Präsidialgarde macht unterdessen Jagd auf Regimekritiker. Journalisten im Tschad berichteten von mindestens drei Bürgerrechtlern, die aus ihren Häusern an unbekannte Orte verschleppt worden seien. Eine Menschenrechtsanwältin sei knapp entkommen.

In der kamerunischen Grenzstadt Kousseri harren 20 000 Flüchtlinge aus, viele von ihnen unter freien Himmel. Insgesamt sollen 30 000 Menschen auf der Flucht sein. Das UN-Flüchtlingshilfswerk vor der Stadt ein Auffanglager vor.

(Copyright Berliner Zeitung, 6.2.08)

Dienstag, 5. Februar 2008

Der Unverwüstliche


Knapp mit der Macht und dem Leben davonzukommen, das ist für Tschads Präsident Idriss Déby längst etwas Selbstverständliches. Tausende Rebellen aus dem Osten des Landes standen am Sonntag wenige hundert Meter von seinem Büro entfernt in der Hauptstadt N'Djamena, der Westen hatte ihn schon abgeschrieben. Doch dann vertrieb Débys treu ergebene Restarmee die Rebellen wieder, so wie zwei Jahre zuvor, als die Rebellen noch Mühe gehabt hatten, nach ihrem Einmarsch in N'Djamena den Präsidentenpalast zu finden. Auch einen Anschlag auf die Präsidentenmaschine, in der er saß, überstand Déby. Es scheint, als sei der Mann, den seine Studienkollegen an der renommierten Pariser "École de guerre" - der Kriegsschule - "Wüstencowboy" nannten, unverwüstlich.

Déby, Sohn eines Hirten, 1952 in Fada nahe der sudanesischen Grenze geboren, hat den afrikanischen Ölstaat seit 18 Jahren fest im Griff. Ohne das Militär wäre seine Karriere nie möglich gewesen: Sein Eintritt in die Armee ermöglichte Déby den Besuch der Militärschule in N'Djamena und die Ausbildung zum Kampfpiloten in Paris. Als er in den Tschad zurückkehrte, half Déby Rebellenführer Hissène Habré bei seinem Putsch - und führte für den Herrscher, der als Petrodollar-Pinochet berüchtigt wurde, sieben Jahre lang die Armee. Er schlug libysche Streitkräfte zurück und wurde so mächtig, dass Habré ihn verstieß. Vom Sudan aus organisierte Déby eine Rebellenarmee und marschierte am 2. Dezember 1990 unbehelligt in N'Djamena ein. Déby kennt also Aufstände - aus vielen Perspektiven.

Die jetzigen Angreifer gehören nicht nur Débys Ethnie an, den Zaghawa, die gerade mal eineinhalb Prozent der zehn Millionen Bewohner des Tschad ausmachen. Selbst ein Neffe Débys ist unter den Rebellen, ebenso wie viele desertierte Offiziere und Soldaten. Viele halten Débys Bevorzugung des Zaghawa-Clans, dessen Mitglieder alle wichtigen Stellen in Politik und Verwaltung inne haben, für seinen größten politischen Fehler. Dennoch werfen viele Zaghawa ihm vor, nicht genug für sie und vor allem die Zaghawa-Rebellen im benachbarten Darfur zu tun, die dort gegen Sudans Regierung kämpfen. Auf den Unmut im Osten reagierte Déby wie gehabt: Mit einer Aufrüstung seiner Armee, für die er zuletzt auch Öl-Gelder verwendete, die nach einer Vereinbarung mit der Weltbank für humanitäre Hilfe im armen Land reserviert waren.

Nach solchen Wirrnissen scheint unklar, ob Déby, der 2003 die Verfassung änderte, um lebenslang an der Macht bleiben zu können, wie oft in der Vergangenheit mit französischer Militärhilfe rechnen kann. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte ihm im November erklärt, er könne stets auf seine Wertschätzung zählen. Da hatte Déby gerade sechs Mitarbeiter einer Hilfsorganisation nach Frankreich überstellt, die mehr als hundert Kinder außer Landes hatten bringen wollen. Jetzt bot Paris an, Déby auf Wunsch ins Exil auszufliegen. Für mehr reicht die französische Wertschätzung offenbar nicht mehr aus.

(Copyright Berliner Zeitung, 5.2.08)

Freitag, 2. November 2007

Schmutzige Geschäfte mit den Kindern und der Hoffnung


Aus dem Waisenhaus der Kleinstadt Abéché im Osten des Tschad dringt fröhlicher Kinderlärm. Kleine Jungen kicken einen Ball über den Hof. Mädchen mit großen braunen Augen sitzen kichernd zusammen, wenden sich aber scheu ab, wenn Fremde mit ihnen reden. Doch die Fremden müssen reden und Fragen stellen, damit die Kinder wieder nach Hause können, zu Eltern und Geschwistern. Es ist eine Suche, die noch lange dauern kann und vielleicht erst dann ein Ende findet, wenn die Öffentlichkeit den „gestohlenen Kindern“ von Abéché keine Aufmerksamkeit mehr schenkt.

Das Waisenhaus von Abéché ist im Moment ziemlich überfüllt. Hierher sind die 82 Jungen und 21 Mädchen, die am vergangenen Donnerstag um ein Haar in einer Chartermaschine Richtung Europa geflogen wären, gebracht worden. „Wir haben mit den Kindern erste Gespräche führen können“, sagt die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) in Abéché, Annette Rehrl. Und immer häufiger gibt es da Widersprüche zu den Behauptungen der inhaftierten Mitarbeiter der französischen Organisation „Arche de Zoé“, die Kinder seien Kriegswaisen aus der nahen Krisenregion Darfur. „91 Kinder haben mit mindestens einem Elternteil zusammengelebt“, heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht, den das UNHCR mit dem UN-Kinderhilfswerk Unicef und dem Roten Kreuz erstellt hat. Die Geschichte von zwölf Kindern ist noch ungeklärt – auch deshalb, weil das jüngste gerade einmal ein Jahr alt ist.

Die Mehrheit der Kinder stammt aus dem Grenzgebiet zwischen Tschad und Darfur, die Nationalität ist schwer festzustellen. „Es wird lange dauern, bis wir die Eltern dieser Kinder gefunden haben“, seufzt Rehrl. Andere Behauptungen der sechs für „Arche de Zoé“ arbeitenden Franzosen, die wegen Kinderhandels und Betrugs angeklagt sind, haben sich ebenfalls zerschlagen: etwa die, dass die Kinder in Europa medizinisch behandelt werden sollten. Betreuer in Abéché fanden weder Krankheiten noch Verletzungen bei den Kindern. Unter angelegten Verbänden war unversehrte Haut.

Es mehren sich die Anzeichen, dass „Arche de Zoé“ möglicherweise afrikanische Kinder an betuchte Adoptiveltern in Europa verkaufen wollte. Christine Peligat, die Ehefrau eines der Verhafteten, gab in einem Interview offen zu, dass die Kinder in Familien untergebracht werden sollten. Dafür seien unterschiedlich hohe „Spenden“ an die Organisation gezahlt worden. Zugleich räumt sie ein, dass Tschads Regierung nicht involviert war: „Die Verhandlungen zum Ausfliegen der Kinder sind nur mit dem Flughafen in Abéché geführt worden.“ Den Vorwurf des Kinderhandels weist Peligat dennoch von sich.

Doch Kenner der Szene wundern sich nicht, dass im Osten Tschads Kinder womöglich verschoben werden sollten. In der Region führen Rebellen seit Jahren einen Bürgerkrieg mit der Regierung, Milizen aus dem nahen Darfur fallen immer wieder über Dörfer her. Dazu kommen Lager mit Hunderttausenden Flüchtlingen, die aus Darfur und dem Tschad stammen. Die Menschen sind arm und hoffnungslos, der Staat ist schwach, die Lage unübersichtlich – für Kinderhändler ideal. „Kinderhändler nutzen die Hoffnungen derjenigen, die unter schlimmsten Bedingungen leben, schamlos aus und müssen praktisch keine Strafverfolgung befürchten“, bilanziert Unicef-Regionaldirektor Per Engebak.
Es geht um ein Milliardengeschäft: Jährlich, so schätzt das Büro für Drogen und Kriminalität bei den Vereinten Nationen, werden bis zu sieben Milliarden Euro im Menschenhandel umgeschlagen. Nach Drogen- und Waffenhandel steht der Verkauf vor allem von Frauen und Kindern an Platz drei der illegalen Einnahmequellen, die die organisierte Kriminalität längst für sich erschlossen hat. In Afrika ist die Lage besonders schlimm: 49 der 53 afrikanischen Staaten gaben in einer 2003 veröffentlichten Studie offen zu, dass es bei ihnen Menschenhandel gebe. „Die Fälle, bei denen Kinder in den Westen geschleust werden, machen natürlich die meisten Schlagzeilen“, weiß Victor Chinyama von Unicefs Afrikabüro. „Doch das Gros des Kinderhandels findet zwischen afrikanischen Staaten statt oder sogar innerhalb eines Staates.“

Genaue Zahlen sind deshalb schwer zu erheben. 200000 bis 300000 Kinder, so eine Schätzung, sind jedes Jahr allein in West- und Zentralafrika Opfer des schmutzigen Geschäfts. Sie landen als Zwangsarbeiter auf Plantagen, in Haushalten oder auf dem Strich. Der Kinderhandel in Afrika ist zudem die Quelle, aus der sich internationale Menschenhändlerringe bedienen. Vor wenigen Tagen hat die Polizei im westafrikanischen Ghana einen Mädchenhändlerring ausgehoben, der 18 junge Nigerianerinnen als Prostituierte nach Europa schicken wollte. Andere Mädchen aus westafrikanischen Ländern wie Benin, Togo und Burkina Faso waren bereits auf diesem Wege in die Prostitution nach Europa geschickt worden.

Aus Äthiopien verschwinden jährlich mehrere Tausend Mädchen, um im Nahen Osten als Hausmädchen zu arbeiten. „Die Kinder haben oft schon eine Odyssee vom Land in die Stadt hinter sich, wo sie sich Arbeit erhofft haben“, erklärt Chinyama. Weil dieser Wunsch nur für die wenigsten in Erfüllung geht, lassen sie sich auf das nächste Geschäft mit der Hoffnung ein und verlassen ihr Land.

Die Schicksale der Hausmädchen, die oft im Haus eingesperrt sind und deren Pässe weggeworfen werden, damit sie nicht fliehen können, kennt Chinyama genau. „Die Kinder müssen rund um die Uhr arbeiten, sie werden geschlagen und sexuell missbraucht – es handelt sich um moderne Sklaverei.“ In den Westen werden Kinder hingegen oft schon im Babyalter verschleppt, wo sie an gut zahlende Adoptiveltern verkauft werden.

„Ein afrikanisches Kind zu adoptieren ist hip, seit Stars wie Madonna oder Angelina Jolie es hoffähig gemacht haben“, kritisiert Irene Baumgärtner, die in Nairobi ein Kinderheim leitet. Die Mühlen der afrikanischen Bürokratie mahlen langsam, und teuer ist ein offizieller Adoptionsprozess auch. „Der eine oder andere in der Bürokratie ist durchaus bereit, für Geld diese Wege zu umgehen“, sagt Chinyama. Auf diese Weise kommen Kinderhändler an ihre Papiere, die angeblich auch die Mitarbeiter von „Arche de Zoé“ besaßen. Klar ist: 103 Kinder im Osten des Tschad einzusammeln, der nur mit einer Sondergenehmigung bereist werden darf, wäre ohne zumindest Duldung durch Mitglieder des Staatsapparats unmöglich gewesen.

(Copyright Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2.11.07)