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Sonntag, 11. April 2010

Die Jungen haben die Schnauze voll


Die Opposition hatte gerade ihren Boykott angekündigt, da marschierten die Jugendlichen von Girifna bereits mit Transparenten vor der Zentrale der Wahlkommission in der sudanesischen Hauptstadt Khartum auf. "Wir wollen freie Wahlen", stand auf ihren Transparenten", oder auch nur: "Girifna", sudanesisch-arabischer Dialekt für "Wir haben die Schnauze voll". Wenn die Wahlen, die am Sonntag im Sudan beginnen werden, etwas Gutes haben, dann, dass sich erstmals eine zivilgesellschaftliche Opposition gegen den vom Internationalen Strafgerichtshof als Kriegsverbrecher gesuchten Präsidenten Omar al-Bashir regt.

Klare Worte, glaubt Siraj Omar, sind der Schlüssel, um möglichst viele Sudanesen davon zu überzeugen, dass al-Bashir nicht gewinnen darf. "Wir versuchen, die Leute in einer Sprache zu erreichen, die sie verstehen", sagt der Mitgründer von Girifna, einer Organisation, die sich für die Ablösung Bashirs engagiert. Vor einigen Monaten von einer Handvoll Studenten gegründet, hat sie stetig neue, mehrheitlich junge Anhänger gewonnen. Die Spitzenkandidaten der Opposition, zumeist Politgrößen vergangener Jahrzehnte und jenseits der siebzig, hätten verlernt, wie man die Massen erreicht, meint Omar.

Die meisten oppositionellen Parteien und Bewerber haben sich überdies in den letzten Tagen zurückgezogen und den Boykott erklärt. Dass Bashir die Wahl gewinnt, steht außer Frage. Dennoch gibt der 21-jährige Omar nicht auf. "Wir wollen politischen und sozialen Wandel, bei den Wahlen müssen wir anfangen."

Noch haben die Aktionen von Girifna etwas partisanenhaftes, so etwa die Verteilung von Flugblättern, wenn Omar mit schnellem Schritt an allen Sitzreihen eines Busses entlangstürmt und an der nächsten Station herausspringt, bevor jemand die Verfolgung aufnehmen kann. "Ich habe keine Angst um mich selbst", sagt Omar trotzig. "Ich habe allenfalls Angst davor, dass sie mir meine Flugblätter wegnehmen könnten." Auf den Flyern in grellem Orange ist eine Hand zu sehen, die das Victory-Zeichen macht, und wiederum der Girifna-Wahlspruch: "Wir haben die Schnauze voll!"

Omar vertraut auf neue die neuen Medien. In ihrem Blog verbreitet die Bewegung aktuelle Betrugsvorwürfe und Aufrufe zu Versammlungen, zu denen auch per SMS eingeladen wird. Auf einer Facebook-Seite können Unterstützer zu "Fans" werden, kurze Updates werden per Twitter verschickt. Auf YouTube hat die Gruppe ein Rap-Video eingestellt, das für faire Wahlen wirbt. "Zwei Drittel aller Wähler sind Jugendliche. Wenn wir die erreichen können, ändert sich etwas."

Dass die Botschaft wirkt, zeigt die Reaktion des Regimes. Omars Freund Abdallah Mahdi Badawi, ein 18-jähriger Student, wurde Mitte März Opfer eines Überfalls von Geheimagenten. "Ein neues Girifna-Mitglied, Hassan, wollte sich mit mir treffen, er hatte noch einen Freund dabei." Auf dem Weg zu einem nahen Teehaus zerrten die beiden Mahdi in eine enge Gasse, bedrohten ihn mit einer Pistole und brachten ihn in ein Büro, an dessen Wand ein Porträt des gefürchteten ehemaligen Geheimdienstchefs Salah Gosh hing. "Dreizehn Männer haben mich geschlagen, mit Knüppeln, Peitschen und Elektrokabeln. Sie schrien mich an: Was sind eure Pläne, wer sind eure Mitglieder, wo kommt euer Geld her?!" Einmal hielten sie Mahdi eine Pistole an die Schläfe und drohten, abzudrücken. Ein anderes Mal drückten sie Mahdi ein Glas an die Lippen, das angeblich ein tödliches Virus beinhaltete. "Sie haben mir gedroht, sie seien die Leute, die Mohammed Musa umgebracht haben, den Studenten aus Darfur, der im Februar in Omdurman ermordet wurde."

Doch Mahdi überlebte. Bevor die Männer ihn gehen ließen, musste er eine Reihe von Dokumenten unterzeichnen, unter anderem einen Schuldschein über 31.000 Euro. Wegen dieses Schuldscheins kennt Mahdi sogar den Namen seines Peinigers: Armeeleutnant Mohammed Nur Aldaiem.

Es sind nicht zuletzt Vorfälle wie dieser, die die junge Zivilgesellschaft und die Opposition in dem Aufruf an die Weltgemeinschaft vereinen, die Wahlen im Sudan nicht anzuerkennen. Manche wie die Sudan Democracy First Group fordern internationale Wahlbeobachter auf, abzuziehen, um den Wahlen nicht künstlich Legitimität zu verleihen. Ein erster Erfolg: Die Leiterin der EU-Wahlbeobachtungsmission, Véronique De Keyser, kündigte am Mittwoch den Abzug ihrer Beobachter aus Darfur an. "Nicht einmal humanitäre Helfer können dorthin", so De Keyser, "also können wir es auch nicht."

Copyright die tageszeitung, 10.4.10

Montag, 6. Oktober 2008

Zwei Ziegel vor, drei Ziegel zurück


Wie er so braungebrannt mit löchrigem T-Shirt und kurzer Hose vor seinem selbstgebauten Haus steht, sieht er aus wie Robinson Crusoe, gestrandet an einem Ort, wo die Alltagsgesetze seiner alten Heimat keine Gültigkeit haben. Doch nach drei Jahren hat sich Martin Grütters an vieles gewöhnt, was im südsudanesischen Rumbek anders ist. Zumindest nimmt er es hin. "Seit ein paar Tagen versuche ich, meine Bauarbeiter zu erreichen, aber wenn jemand ans Telefon geht, dann sagt er ganz schnell ,Okay, bye'." Okay bye, das heißt in Rumbek so viel wie: Vergiss es. Und das ist eine schlechte Nachricht für den Architekten, der versucht, auf zwei Baustellen so viele Fortschritte wie möglich zu erzielen, bevor die Regenzeit hereinbricht und alle Arbeit endgültig ruht. Doch langsam geht es in jedem Falle. "Was die Handwerker dir hier als Arbeitszeit in Wochen voraussagen, nimmst du lieber gleich in Monaten."

Vor fünf Jahren war Rumbek kaum mehr als eine Garnison: Die "Volksbefreiungsarmee" des Südsudan hatte hier ihre wichtigste Basis im mehr als zwanzigjährigen Krieg gegen sudanesische Truppen aus dem Norden. Bombenkrater prägen noch heute die unbefestigten Straßen. Im Regen verwandelt sich Rumbek in eine schlammige Seenlandschaft. Drei Jahre, nachdem die Anführer der afrikanisch-christlichen Ethnien im Süden Frieden mit der Regierung im islamisch-arabisch geprägten Norden geschlossen haben, ist von Entwicklung kaum etwas zu sehen - trotz Millionenhilfen aus Europa und den USA und trotz der Ölvorkommen, von denen die autonome Regierung des Südsudan auch profitiert. Rumbek ist seit dem Frieden gewachsen, mehr als 200 000 Bewohner hat die Stadt heute. Doch die Infrastruktur ist die gleiche, die während des Kriegs notdürftig ein paar tausend Soldaten versorgt hat. Statt Häusern stehen Tukuls über die Stadt verteilt, die traditionellen Rundhütten aus Stroh mit einem einzigen Raum, in dem das ganze Leben stattfindet. Latrinen stehen oft Kilometer entfernt.

Warum Martin Grütters Anfang 2005 sein einträgliches Büro in Berlin gegen ein Leben in dieser Halbwüste getauscht hat, wo es keinen Strom, keine Wasserleitungen und auch sonst sehr wenig gibt, kann er selbst nur schwer erklären. "Kein Gehalt zu beziehen, vermittelt mir ein besseres Lebensgefühl", setzt er an und erinnert sich an seine Zeit als selbstständiger Architekt in Berlin: "Beim Rechnungenschreiben hatte ich immer ein schlechtes Gefühl. Am besten ging es mir, wenn ich einen Tag pro Woche in einem Jugendzentrum der Caritas gearbeitet habe." Ohne Bezahlung. Nicht einmal Fahrgeld durfte die Caritas erstatten. "Ich bin sowieso meist mit dem Fahrrad gefahren." Von Tempelhof nach Lichtenberg und zurück.

Fahrradfahren ist die vielleicht größte Leidenschaft des 45-Jährigen. Auch in Rumbek fährt er auf einem Mountainbike zu seinen Baustellen, während die meisten Entwicklungshelfer in weißen Landrovern über die Pisten rasen.

Als Grütters an diesem Morgen sein Fahrrad an der Schule Mabor Ngap parkt, erlebt er eine Überraschung: Es wird gearbeitet. Fünf Zimmerleute ziehen eine Mauer. Grütters grüßt, läuft durch den Rohbau, gestikuliert, zeigt auf die Stricke, die den Verlauf der künftigen Wände abstecken und als Lot fungieren sollen. "Wenn man hier eine Mauer zieht, muss man schon mal mit zehn Zentimetern Toleranz rechnen", kommentiert er später den Baufortschritt.

Aber vor allem ist er glücklich, dass es weitergeht. Dass mehr als zwei Jahre nach Grundsteinlegung überhaupt schon Klassenräume stehen, in denen unterrichtet wird, scheint unglaublich, wenn man die Geschichte des Baus hört. "Einmal war ein Vertragspartner zwei Monate lang verschwunden", erinnert sich Grütters. "Später stellte sich heraus, er hatte einen Verkehrsunfall in der Nachbarstadt und saß zwei Monate im Gefängnis. Niemand, nicht einmal die Familie, wusste davon." Mit dem Nachfolger hatte Grütters noch mehr Scherereien. "Er hat die Frau seines Onkels verführt, und dieser wartete danach zwei Wochen lang mit der Kalaschnikow im Anschlag vor der Hütte des Übeltäters."

Blutrache ist im Südsudan nichts Ungewöhnliches. "Eines Nachts kam der Arme zu mir und bettelte mich um 200 Dollar an für ein Flugticket, damit er dem Onkel entfliehen kann." Schließlich einigten sich die Streitenden gütlich: Sieben seiner besten Kühe musste der Verführer seinem Onkel überlassen. Bis diese Abmachung getroffen war, lag die Baustelle wochenlang brach.

In solchen Fällen oder wenn die Bauarbeiter mal wieder nicht da sind, arbeitet Grütters einfach alleine weiter. Eines Nachmittags, der Architekt schleppte schwere Dachträger auf den Dachstuhl eines neuen Schulgebäudes und hämmerte sie fest, wurde es selbst dem Westfalen zu viel. "Die Lehrer saßen unterm Baum und haben zugeguckt, nicht mal den Hammer hat mir jemand gereicht." Er stieg vom Dach herunter und fuhr die Lehrerschar an, allesamt junge, kräftige Männer: "Kann mir hier vielleicht mal jemand helfen?" Gelacht hat niemand, aber erstaunte Blicke konnten die Lehrer nicht verbergen. "Aber Martin", sagte schließlich einer, "du weißt doch: man soll ohne Bezahlung nicht arbeiten." Dabei hätten die vom Staat bezahlten Lehrer ohne Martin Grütters keinen Job: Statt 120 Schüler wie vor drei Jahren hat Mabor Ngap heute zehn Mal so viele und entsprechend mehr Lehrer. Doch das feste Einkommen und der Stolz darüber, an der beliebtesten Schule der Stadt zu arbeiten, reichen nicht, um sich aus dem Schatten zu erheben. "Ich arbeite auch umsonst", rief Grütters. Die Verwunderung der Lehrer war ehrlich: "Wenn du das nicht willst, geh' doch nach Hause zurück." Den Nachmittag verbrachte Martin Grütters weiter hämmernd auf dem Dach - allein.

"Dankbarkeit erfahre ich hier nicht", bilanziert er. Auch nicht von den Eltern, die im Bürgerkrieg groß geworden sind und Schule eigentlich für Zeitverschwendung halten. Nur privat kann Grütters sich darüber freuen, dass heute ein gutes Fünftel der Schüler in Mabor Ngap Mädchen sind - auch das hat er geschafft. Manchmal fallen ihm die potenziellen Partner sogar in den Rücken: Weil sieben Klassen derzeit noch unter Palmen lernen müssen - in der Regenzeit fällt der Unterricht dann stundenlang aus -, wollte der Deutsche seine Spendengelder in den Bau neuer Klassenräume investieren. Doch die Schulbehörde stellte sich quer und forderte stattdessen ein Lehrerzimmer. Zähneknirschend gab Martin Grütters nach - und stoppte den Bau, als ihm 30 Sack Zement im Wert von mehr als 600 Euro von der Baustelle gestohlen wurden.

Es dauerte Wochen, bis die Schulbehörde überredet war, den Schaden zu übernehmen - und noch etliche mehr, um einen Laster aufzutreiben, der die Säcke vom nicht weit entfernten Lagerhaus zum Schulgelände bringen konnte. Lehrer oder Eltern halfen auch dieses Mal nicht. "Die haben gesagt: Was geht uns dein Zement an?", erzählt Martin Grütter ruhig. Aufzuregen scheint ihn das nicht. Seine Engelsgeduld ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung, um irgendwann ans Ziel zu kommen.

Weiter entfernt von seinem Lehrmeister Aldo Rossi, dem Mailänder Architekten, der die Form eines Gebäudes wichtiger als dessen Funktion fand, könnte Martin Grütters kaum sein als hier in Rumbek, wo er sich Stunden vor seiner Abreise nach Deutschland noch um Grundlegendes wie die Höhe der Wände für das Lehrerzimmer kümmern muss. Als er ins Flugzeug steigt, ist klar, dass er in ein paar Wochen auf unfertige Baustellen zurückkehren wird. Aber zurückkehren wird er, das ist sicher. "Ich schmeiße die Flinte nicht ins Korn, das bin einfach nicht ich."

Und dann zitiert er doch Aldo Rossi: "Einfachheit ist gut, hat er immer gesagt. Und das ist auch meine Lebensphilosophie." In Rumbek kann man damit weit kommen.

(Copyright Berliner Zeitung, 6.10.2008)

Dienstag, 3. Juni 2008

Apokalypse in Abyei


Die Vertriebenen von Abyei, die es nach Tagen im unwegsamen Busch bis in die Region südlich des Flusses Kiir geschafft haben, sind froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. "Die Kämpfe haben so plötzlich begonnen, dass die Bewohner Hals über Kopf geflohen sind", sagt der Österreicher Andreas Papp. Der Mediziner ist für die Organisation Ärzte ohne Grenzen in der unwegsamen Region unterwegs, wo Zehntausende Vertriebene notdürftig untergekommen sind. Sie haben alles verloren.

Nach drei Jahren brüchigen Friedens zwischen dem islamisch-arabischen Norden und dem afrikanischen Süden Sudans wird in der ölreichen Grenzregion nördlich des Kiir wieder gekämpft. Seit Mitte Mai liefern sich die 31. Brigade der sudanesischen Armee, unterstützt von arabischen Reitermilizen und Einheiten der Südsudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA/M) heftige Gefechte. Weite Teile der Stadt Abyei sind zerstört, der US-Sondergesandte für den Sudan, Richard Williamson, spricht von Weltuntergangsstimmung. "Es sieht aus wie die Apokalypse, ich habe nirgendwo Menschen gesehen." Fast alle Hütten in der einst lebendigen Marktstadt seien niedergebrannt, überall lägen Kleidungsstücke und andere Gegenstände verteilt. "Es gibt dort nichts als Zerstörung, ganze Wohnviertel sind verschwunden."

Der UN-Sicherheitsrat, seit Sonntag unter US-Vorsitz, reist in dieser Woche durch Afrika und will die Kämpfe von Abyei zum Thema machen. Viele befürchten, dass in Abyei bereits eine mit Darfur vergleichbare Krise begonnen hat. Die Zahl der Vertriebenen wird schon jetzt auf mindestens 60 000 geschätzt. Allein 24 000 drängen sich in Agok, einer kleinen Siedlung, wo es nur zwei feste Gebäude gibt und sonst 2 000 Menschen leben.

Mit Geländewagen fahren Ärzte wie Andreas Papp von Agok aus in die umliegenden Dörfer. Wenn sich herumgesprochen hat, dass die Mediziner da sind, wagen sich auch die Ängstlichen nach und nach aus dem Busch. "Wir haben in den vergangenen Tagen gut 140 Verwundete mit Gefechtsverletzungen behandelt", sagt Papp. Am häufigsten aber diagnostiziert er Unterernährung sowie Augen- und Atemwegserkrankungen, die sich im feuchten Unterholz schnell ausbreiten. Papp hat schon in Darfur gearbeitet, dort sei es in gewisser Weise besser gewesen. "In Darfur gibt es Lager, die gut organisiert sind, hier ist alles noch in der Schwebe: Die Hilfe läuft erst an, uns fehlt der Überblick und oft auch das Material."

Wenn SPLA/M-Generalsekretär Pagan Amum es ernst meint, dann ist das Friedensabkommen mit dem Norden bereits obsolet. "Sudan steht am Rande eines neuen Bürgerkriegs, die Soldaten aus dem Norden haben gezielt Angehörige der Dinka-Ngok-Ethnie vertrieben, das sind ethnische Säuberungen." Ähnlich wie in Darfur rüstet Khartum auch in der Grenzregion von Abyei schon seit langem arabische Milizen aus, um gegen die afrikanische Bevölkerung vorzugehen. Die Missiriya-Milizen, die sich mit den Dschandschawid in Darfur vergleichen lassen, waren gleich zur Stelle, um die ausgebrannten Überreste der Stadt zu plündern, sagt der US-Sondergesandte Williamson. "Es ist eine Schande."

In Abyei und Umgebung, wo sich fast alle Ölvorkommen des Sudan befinden, steht für Sudans Präsident Omar Hassan el Baschir weit mehr auf dem Spiel als in Darfur. Per Referendum könnte sich die Bevölkerung einfach von Khartum lossagen: Die Ölquellen - derzeit von chinesischen Firmen ausgebeutet - wären verloren.

Beide Seiten stehen zudem unter extremem Druck nicht nachzugeben. Baschir muss nach dem Überraschungsangriff von Darfur-Rebellen auf Khartum Anfang Mai Härte zeigen, auch um Kritiker aus den eigenen Reihen zu besänftigen. Den Ex-Rebellen der SPLA/M kommt der Konflikt gelegen, weil sie im Süden wegen Korruption und Misswirtschaft immer mehr an Rückhalt verlieren. Drei Jahre nach dem formellen Ende des Krieges und trotz vieler Millionen Euro Hilfsgelder hat etwa die 200 000-Einwohnerstadt Rumbek noch immer keine asphaltierte Straße. Wasser gibt es nur an den weit verstreuten Handpumpen, Latrinen sind rar, an eine zentrale Stromversorgung ist nicht zu denken. Bombenkrater, die Angriffe sudanesischer Kampfjets überall hinterlassen haben, verwandeln die Wege bei jedem Regenguss in eine Seenlandschaft. Die Stadt im Herzland der Dinka, Südsudans größter Bevölkerungsgruppe, hat sich kaum entwickelt; auf dem Land sieht es noch viel schlimmer aus.

Ausländische Helfer machen für diese Lage die SPLA/M verantwortlich. "Wenn wir über Probleme diskutieren, ist von den zuständigen Behörden nie jemand dabei", sagt ein Arzt, der seit drei Jahren für eine Hilfsorganisation in Rumbek arbeitet. "Da gibt es dieses Missverständnis, wir wären dazu da, das Land aufzubauen, und die Regierung der Ex-Rebellen schaut einfach zu." Wenn die Behörden nicht zuschauen, greifen sie zu, und zwar kräftig. Mehrmals wöchentlich werden Autos der Hilfsorganisationen an Straßensperren durch die SPLA/M konfisziert. Manchmal werden sie wenig später irgendwo stehen gelassen, doch seit Beginn der Kämpfe in Abyei sind schon mehrere dieser Lastwagen, voll besetzt mit Soldaten, in Richtung Norden aufgebrochen. "Der Gouverneur hat die Hilfsorganisationen zwar mit einem Schreiben ausgestattet, das die Beschlagnahme von Autos verbietet", so der Arzt, "aber das hilft wenig, weil die meisten Soldaten an den Straßenblockaden nicht lesen können."

Nach zwanzig Jahren im Busch fehlt den meisten auch sonst jede Fähigkeit, im zivilen Alltag zu bestehen. Weil die Rebellen-Regierung den Soldaten seit Jahresanfang keinen Sold ausgezahlt hat, müssen die Besitzer der wenigen Cafés und Marktstände die Soldaten täglich umsonst verköstigen. Dass sich zudem die Zahl der Überfälle von Uniformierten auf Bewohner Rumbeks ständig erhöht, kontert der zuständige Offizier lässig: "Da haben sicher ein paar Leute Uniformen gestohlen, unsere Soldaten machen so was nicht."

Niemand will die Armee beleidigen und einen Putsch riskieren. Denn der könnte fatale Folgen haben, weil die SPLA/M intern heillos zerstritten ist. Hinter den Kulissen eines gerade beendeten Parteitags, der in einer eigens errichteten Versammlungshalle für mehr als tausend Delegierte stattfand, wurde vor allem über die Frage der möglichen Unabhängigkeit heftig diskutiert. Während die Mehrheit der Bevölkerung einen selbstständigen Südsudan will, gibt es in der Partei viele, die sich nicht vom Norden lossagen wollen. Denn bis heute leben zwei Millionen geflüchtete Südsudanesen rund um Khartum; sie würden im Falle der Unabhängigkeit des Südens über Nacht zu Ausländern.

Doch den Ausschlag zugunsten eines selbstständigen Südsudan, so glaubt ein SPLA/M-Delegierter aus Rumbek, werden letztlich die USA geben. "Dass private Firmen im Auftrag der US-Armee die ehemaligen Rebellen aufrüsten, weiß hier in Rumbek jeder." Auf einem umzäunten Gelände sitzt die zum Rüstungskonzern Lockheed Martin gehörende PAE Group. Auch die DynCorp untersteht der US-Armee. Vor zwei Jahren gab der DynCorp-Vizepräsident öffentlich bekannt, man werde aus den Guerillakämpfern eine professionelle Armee machen. Die Kämpfe in Abyei, so glaubt denn auch ein UN-Mann in Rumbek, seien erst der Anfang. "Egal wie schwach die SPLA/M sein mag: Die USA werden nicht zulassen, dass Khartum einen neuen Krieg für sich entscheidet."

Für die Vertriebenen von Abyei ist das eine schlechte Nachricht. Denn eine Holding mit Sitz in New York wartet schon auf die Unabhängigkeit, sagt der SPLA/M-Delegierte. "Der Armeechef selbst unterstützt die Firma dabei, nach der Unabhängigkeit nicht weit von Abyei nach Öl zu bohren." Im Kampf um Sudans Ölquellen könnten die derzeitigen Gefechte in Abyei erst der Auftakt sein.

(Copyright Berliner Zeitung, 3.6.2008)

Dienstag, 13. Mai 2008

Angriff auf Sudans Zentrum der Macht


Die Nachricht erreichte Omar Hassan al-Bashir am Samstag auf einer Pilgerfahrt: Sudans Präsident besuchte gerade die Grabstätte des Propheten Mohammed in Saudi-Arabien, als er dringend nach Khartum zurückgerufen wurde. Da hatten, vollkommen unerwartet, Rebellen aus Darfur Khartums Nachbarstadt Omdurman überfallen und nach eigenen Angaben eine Luftwaffenbasis eingenommen.

In den Straßen der Drei-Millionen-Metropole lieferten sich Milizen der "Bewegung für Gleichheit und Gerechtigkeit" (JEM) Kämpfe mit der Armee. Obwohl diese den Rebellen an Ausrüstung und Anzahl hoffnungslos überlegen war, dauerte es bis zum Sonntagabend, dass al-Bashir im staatlichen Fernsehen den Sieg verkünden konnte. Aufnahmen aus Omdurman zeigten unterdessen ausgebrannte Autos und Leichen in den Straßen.

Im seit 2003 währenden Darfur-Konflikt, der sich weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einer mittlerweile fast entvölkerten Halbwüste abgespielt hat, markiert der Angriff vom Wochenende eine entscheidende Wende. Erstmals wird die Regierung in ihrer eigenen Bastion bedroht. Auch am Montag wurde noch von vereinzelten Kämpfen in Khartum berichtet, Details waren zunächst aber unklar.

Dass es die im 600 Kilometer westlich liegenden Darfur operierende JEM schaffte, so dicht an Khartum heranzurücken, feierten ihre Führer am Montag zu Recht als militärischen Erfolg. "Die Regierung steht unter Schock", attestierte Rebellensprecher Achmed Hussein al-Bashirs Kabinett. Rebellenführer Khalil Ibrahim, dem trotz einer groß angelegten Suche und einem Kopfgeld etwa 100.000 Euro die Flucht gelang, frohlockte: "Dies ist der Anfang, das Ziel ist die Auslöschung des Regimes."

Bei seinem Blitzschlag will Ibrahim Fahrzeuge, Waffen und Geld erbeutet haben. "Es kommen noch mehr Kämpfer nach Khartum." Quellen, die der JEM-Führung nahe stehen, bestätigten der taz am Montag, dass es zwei Kolonnen der Rebellen nicht bis nach Omdurman geschafft hätten. "Mehrere JEM-Kommandeure waren zu Beginn der Kämpfe am Samstag tatsächlich überzeugt, dass sie Omdurman erobern könnten."

Doch unabhängige Beobachter sind sich einig, dass es sich beim Angriff auf Sudans Hauptstadt um ein Himmelfahrtskommando handelte, das al-Bashirs Regierung schwächen sollte. "Die JEM ist schon immer entschlossener vorgegangen als die anderen Rebellengruppen in Darfur", berichtet ein Analyst. "Ihr eigentliches Ziel ist der Sturz von al-Bashirs Regierung, nicht eine isolierte Lösung für Darfur."

Unterstützung bekam die JEM vermutlich direkt aus al-Bashirs Staatsapparat, wenn auch nicht so viel, wie erhofft. Ein US-Diplomat in Khartum erklärte, es gebe Anhaltspunkte für eine Palastrevolution. "Die Fakten sprechen für eine gewisse interne Beteiligung, auch wenn das genaue Ausmaß unklar ist." Zudem ist der Angriff der JEM eine Revanche für den Vorstoß von sudanesisch unterstützten Rebellengruppen auf Tschads Hauptstadt NDjamena Anfang Februar, bei denen Präsident Idriss Déby sich nur knapp im Amt halten konnte - auch mit Unterstützung der JEM, die ihre Basen auf tschadischem Boden hat und von Déby finanziert wird. Das war auch al-Bashir klar, als er in einer TV-Ansprache den Tschad für den Angriff verantwortlich machte und die diplomatischen Beziehungen zum Nachbarn abbrach. "Wir behalten uns das Recht auf Vergeltungsschläge vor", schloss al-Bashir düster.

Sudanesische Soldaten attackierten laut Berichten nur kurz darauf die tschadische Botschaft in Khartum. Zwar hat der Tschad jede Beteiligung zurückgewiesen, aber ein Alleingang der JEM scheint kaum denkbar. Die hat am Wochenende mehrere führende Köpfe verloren, unter anderem Jamali Hassan Jelaladin, der als rechte Hand von JEM-Führer Ibrahim galt. Die Polizei nahm am Montag auch den islamistischen Oppositionsführer Hassan al-Turabi und mehrere Führungsmitglieder seiner Partei fest. Turabi gilt als Verbündeter der JEM. Beobachter befürchten, dass a-Bashir in den kommenden Tagen zurückschlagen wird. Schon kleinere Anlässe haben in der Vergangenheit ausgereicht, um Sudans Luftwaffe zur Bombardierung ganzer Dörfer in Darfur zu bewegen - mit tausenden Opfern.

(Copyright die tageszeitung, 13.5.08)

Donnerstag, 29. März 2007

Mit Charme, Bibel und Koran


Nach zwei Jahren als Werkzeugmacher in Deutschland empfing Reinhold Strähler einen Ruf, der sein Leben verändern sollte. “Ich empfinde es als Ruf von Gott, als Missionar in der moslemischen Welt zu arbeiten”, sagt der dreifache Familienvater, der 15 Jahre lang in Khartum gelebt und gewirkt hat. Ein Schritt, den nur wenige ergreifen. Von den tausenden Missionaren, die in Afrika aktiv sind, wendet sich nur ein Bruchteil an Moslems. Die Mission unter Moslems oder Anhängern anderer monotheistischer Weltreligionen wie dem Judentum ist umstritten, weiß Strähler. “Selbst einheimische Christen im Sudan müssen ermutigt werden, aktiv auf Moslems zuzugehen.”

Doch für Strähler und ein paar hundert anderer Missionare, die sich auf die Mission in islamischen Ländern eingelassen haben, führt kein Weg an der Mission von Moslems vorbei. “Ich sehe das als Gehorsam gegenüber dem Auftrag, den Jesus seinen Jüngern hinterlassen hat”, erklärt Strähler. “Jesus selbst hat als Zeuge seines Glaubens in der jüdischen Gesellschaft gelebt, und so machen wir es in der moslemischen Gesellschaft auch.”

Zeugnis Jesu zu sein, das ist für Missionare wie Strähler der Kern ihres Auftrags. Sie predigen nicht von der Kanzel, sie kommen mit Moslems ins Gespräch. Sie diskutieren über Religion im allgemeinen und das Verhältnis von Islam und Christentum im Besonderen. Im Sudan, lächelt Strähler, sei das viel einfacher, als man denkt. “Gespräche über den Glauben sind was ganz Normales in einer tief religiösen Gesellschaft, das ist anders als etwa in Deutschland, wo Glauben als Gesprächsthema allenfalls toleriert wird.” Doch bei aller Offenheit ist Strähler unbeirrt in seinem Auftrag: “Mein Ziel ist es, dass Moslems zu Jüngern Jesu werden.”

Christliche Missionare im Sudan müssen vorsichtig sein. Ihre Arbeit in einem islamischen Land läuft im Privaten ab. Im islamischen Norden Sudans sind alleine Schon Informationen über das Christentum Mangelware. Zwar genießen die christlichen Kirchen im Sudan eine erstaunliche Menge an Privilegien: Sie sind von der Steuer befreit, anerkannte Gemeinden zahlen weder für Strom noch für Wasser. Auch Bibelschulen sind geduldet. Doch der Versuch, Moslems vom Christentum zu überzeugen, wird nicht toleriert. Noch schlimmeres droht jenen Moslems, die schließlich zum Christentum konvertieren. Denn auf den Abfall vom Islam steht die Todesstrafe.

Sowohl im Koran als auch im Hadith wird kein Zweifel daran gelassen, dass Konvertierte im Diesseits wie im Jenseits verdammt sind. “Tötet den, der seine Religion wechselt”, soll Mohammed seinem Cousin Ibn Abbas zufolge gesagt haben. Im Koran selbst heißt es: “Wenn sie... ihre Eide brechen und hinsichtlich Eurer Religion ausfällig werden, dann kämpft gegen die Vorbilder des Unglaubens.” Diejenigen, die sich von ihrer Religion abbringen lassen, so heißt es weiter, werden ewig im Höllenfeuer schmoren. In einer traditionellen islamischen Gesellschaft wie dem Nord-Sudan sind Konvertierte dementsprechend geächtet: Sie werden von Familien oder Freunden verstoßen und müssen sich eine neue Existenz aufbauen, während sie um ihr Leben fürchten.

Doch solche Folgen halten Missionare nicht davon ab, für den Übertritt zum Christentum zu werben. Von der “moslemischen Herausforderung” spricht der südafrikanische Baptist John Gilchrist, der zahlreiche Bücher über die Mission unter Moslems veröffentlicht hat. In einem heißt es: “Es handelt sich um einen epischen Kampf, den Kampf zwischen Islam und Christentum um die Seelen aller Erdenbürger.” Seine Konzepte sind weniger martialisch. Gilchrist ermutigt Christen, den Islam verstehen zu lernen und Moslems in ihre Herzen zu schließen. Dies, so sagt er, sei die Grundlage ihrer Mission. Methodisch schlägt Gilchrist vor, Moslems dort abzuholen, wo sie stehen: Etwa durch die Vergleiche von Bibel- und Koranversen. Über die niedrige Erfolgsquote lässt Gilchrist seine Leser nicht im Unklaren: Übertritte zum Christentum seien selten, und man müsse auf Rückschläge gefasst sein.

Den Bemühungen der Christen, Moslems zu ihrem Glauben zu bekehren, stehen Moslems in nichts nach. Im “10/40-Fenster”, wie das zwischen Islam und Christentum besonders umkämpfte Gebiet zwischen dem 10. und 40. Grad nördlicher Breite auch genannt wird, bemühen sich Männer wie Abdul darum, Ungläubige – also auch Christen - zum Islam einzuladen. Abdul sitzt unter einem Mangobaum im Hof der “Dawah Islamiyah” in Juba, der Hauptstadt des Südsudans. Während der Norden ganz überwiegend von moslemischen Sudanesen arabischer Herkunft bewohnt wird, ist der Süden von afrikanischen Ethnien bewohnt, die Christen sind oder traditionellem Glauben anhängen.

Seit zwei Jahren ist der zwanzigjährige Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd vorbei. Rund um Juba sind Flüchtlingslager entstanden, in denen die Dawah besonders aktiv ist. “Dawah” ist arabisch für “Einladung” – so will Abdul, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, seine Arbeit auch verstanden wissen. “Wir laden die Menschen ein, an unseren Veranstaltungen teilzunehmen, damit sie sich ein Bild vom Islam machen können.” Dazu kommen soziale Projekte vor allem in den Flüchtlingslagern, die Verteilung von Lebensmitteln oder anderen Hilfsgütern. “Wir bieten das alles an, und wer zum Islam übertreten möchte, der kann das tun.”

Die Zahl der Moslems in Juba nimmt zu, bestätigen UN-Helfer, die seit Ende des Kriegs im Südsudan arbeiten. Sudanesische Rückkehrer aus Uganda oder Flüchtlinge aus Somalia sind der Nukleus der wachsenden islamischen Gemeinschaft. Dazu kommt, dass die Dawah anders als die südsudanesische Regierung handfeste Hilfe leistet. Viele der mittellosen Flüchtlinge sehen darin und in der freien Ausbildung für moslemische Kinder in den Koranschulen Grund genug, sich zum Islam zu bekennen. “Es ist schon erstaunlich, wie viel die islamische Dawah von der Arbeitsweise der christlichen Mission übernommen hat”, wundert sich ein auf Anonymität bedachter christlicher Missionar im Südsudan.

(Copyright Deutsche Welle/ qantara.de, 29.3.2007)

Dienstag, 9. Januar 2007

In Wildwest-Afrika


Der aufgeschüttete Sandstrand am Nil ist bei Jubas Entwicklungshelfern der letzte Schrei. Auf den Liegestühlen im Civicon Camp, das von einem Österreicher betrieben wird, treffen sich die zahlreichen Mitarbeiter von UN und Hilfsorganisationen in der südsudanesischen Hauptstadt zum Sonnenuntergang auf ein kühles Bier, die Flasche für 5 Euro. Es wird getrunken, gegrillt und getanzt, bis um 23 Uhr die nächtliche Ausgangssperre beginnt. Denn draußen vor der schwerbewachten Tür herrscht zwei Jahre nach dem Friedensschluss zwischen Sudans Regierung und der südsudanesischen SPLA (Sudanesische Volksbefreiungsarmee) bittere Armut und zunehmend Gewalt. Viele sagen, die Hauptstadt des Südsudan sei inzwischen unsicherer als noch im Krieg.

Die 16-jährige Lucy steht mit einigen Freundinnen an der holprigen Sandpiste und schaut erwartungsvoll den weißen Landcruisern entgegen, die vom Nilstrand nach Hause fahren. Wenn die Autos nahe genug sind, hebt sie ihren giftgrünen Wickelrock bis zum Oberschenkel. "Manchmal hält ein Auto an, und einer der Fahrer nimmt mich mit zu sich ins Bett", erzählt Lucy freimütig. Ein paar hundert Dinar bekommt sie für eine Nacht, knapp 1 Euro.

Ihre Freier, sagt Lucy, arbeiten für die UN oder internationale Hilfswerke und kommen aus verschiedenen Ländern. "Auch viele meiner Freundinnen verkaufen sich an die Ausländer. Anders können wir nicht überleben." Die Berichte über die Vergewaltigungen hat sie gehört, von gerade mal 12-jährigen Kindern, die nach dem Missbrauch aus den Dienstwagen geworfen wurden wie ein Sack Kartoffeln. "Aber mir ist so was nie passiert, und ich habe auch keine Angst." Sie hält inne. "Und selbst wenn, ich hätte auch keine Wahl."

Lucy hat keine Eltern mehr. Eine Schule hat sie nie besucht. Sie lebt auf der Straße, wie viele andere, die im Bürgerkrieg zu Waisen geworden sind. Juba ist ein Brennglas der Zerstörung, die der jahrzehntelange Krieg in Südsudan angerichtet hat: Hunderttausende Flüchtlinge haben sich in den vergangenen zwei Jahren rund um die Stadt angesiedelt, die Bevölkerung ist von 300.000 auf mehr als 800.000 explodiert.

Staatliche Hilfe für Kriegswaisen oder gar Kinderheime gibt es nicht im Südsudan, weiß Paul Obura vom britischen Kinderhilfswerk Save the Children. "Wir versuchen, innerhalb der Dörfer und Stadtviertel Patenschaften oder anderen Schutz für die Kinder zu organisieren", erklärt der 36-jährige Kenianer. Mit mäßigem Erfolg. "Die Armut ist riesig hier, eine solche Masse an Hilfsbedürftigen habe ich noch nie gesehen." Viele Straßenkinder würden schon im frühen Alter Opfer von Prostitution oder Missbrauch. Dass die Täter oft diejenigen sind, die eigentlich helfen sollen, hat Obura selbst erlebt. "Wir mussten hier im Sudan schon mehrere Leute rauswerfen, die sich an Kindern vergangen haben."

Die UN, die wegen der Missbrauchsvorwürfe besonders am Pranger stehen, haben seit ihrer Stationierung vor zwei Jahren einen einzigen Soldaten nach Hause geschickt. "Der ist nachts aus dem Camp geflohen und hat sich mit ein paar Keksen und Lebensmitteln Sex von einem Mädchen erkauft", erklärt der oberste Befehlshaber der UN-Truppe in Juba, Oberst Elahi Rahman aus Bangladesch. Seit den skandalösen Vergewaltigungen durch UN-Soldaten im Kongo gilt auch für die Blauhelme im Sudan die Auflage: Kein Sex mit Einheimischen. Die Baracken dürfen nur nach vorheriger Abmeldung verlassen werden. Und ohne Auto geht kaum etwas: Vom Stützpunkt an Jubas Flughafen bis zur ersten Disco, der Kololo-Bar, ist es eine zehnminütige Fahrt.

Kekse gegen Sex

Seit einigen Wochen ist die Bar ohnehin geschlossen. "Aber ausschließen kann man natürlich trotzdem nichts, bei der Anzahl der UN-Angestellten hier", sagt der Oberst. Nicht alle der 10.000 UN-Soldaten in Südsudan sind kaserniert, manch einer lebt in der Stadt. Kein Mensch kontrolliert, was sie am Abend treiben. Das Gleiche gilt für die Polizisten unter UN-Mandat und die Mitarbeiter der UN-Hilfswerke.

Zwei Jahre nach dem formalen Ende des Bürgerkriegs hat Juba das Flair von Afrika-Wildwest. Wenige Tage genügen, um dem Besucher ein Gefühl von genereller Gesetzlosigkeit zu geben. Wer sich ein Auto leisten kann, malt sich selbst ein imposantes Nummernschild und rast ohne Rücksicht auf Verluste über die holprigen Schlaglochpisten. Polizisten, die Gesetzesverstöße ahnden könnten, werden erst noch ausgebildet, unter Mithilfe der deutschen Polizei. Die ersten vierzig haben gerade ihre Fahrprüfung abgelegt, doch Streifenwagen oder Funkgeräte haben sie nicht. Viele Polizisten sind in der Grundausbildung auf Piktogramme angewiesen, weil sie weder lesen noch schreiben können. Kein Wunder, dass bislang kein einziger Fall von Kindesmissbrauch zur Anzeige gebracht wurde.

Die wahren Herren über Recht und Unrecht im "neuen Sudan" sind ohnehin andere. "Wir haben kürzlich einen SPLA-Soldaten wegen einer Vergewaltigung eingebuchtet", berichtet ein deutscher Polizeiausbilder. "Ein paar Stunden später kamen zehn seiner Kameraden mit Kalaschnikows und haben den Mann wieder mitgenommen." Beschwerden oder Einsprüche vor Gericht verlaufen ergebnislos im Sand. Die ehemalige Rebellenarmee, die jetzt Südsudan als autonome Region regiert, kann sich alles erlauben in Juba.

Das mussten selbst die Armeeführer lernen, die inzwischen als Regierungspolitiker in die zahlreichen klimatisierten Flachbauten am Rande Jubas eingezogen sind. Eine Woche vor Weihnachten tranken sich Soldaten in der Kololo-Bar Mut an, bevor sie hackedicht und schwerbewaffnet durch die Straßen marschierten, in die Gegend schossen und die Auszahlung ihres Soldes forderten. Als ihr Kommandeur sie per Radio aufforderte, in die Kasernen zurückzukehren, stürmte die Truppe kurzerhand den Regierungssender und forderte die verdutzte Radiomannschaft auf, den Sendebetrieb einzustellen. "Aber die Generatoren für den Sender stehen bei den UN, und deshalb standen die Soldaten kurze Zeit später vor unserer Tür", erinnert sich der deutsche Oberst Jürgen Bergmann, der nach Rahman ranghöchste Mann im Unmis-Bataillon.

Erst als Südsudans Präsident Salva Kiir persönlich mit den Soldaten verhandelte, beruhigte sich die Lage wieder. Zwei Zivilisten waren da bereits gestorben. Besonders pikant: Die Soldaten gehörten zu dem Teil der Truppen, der von Sudans Regierung in Khartum bezahlt werden muss. Doch das hatte die Zentralregierung, die mit aller Macht die Unabhängigkeit des ölreichen Südens verhindern will, irgendwie vergessen.

Armee und Staat sind eins

Bergmann, seit sieben Monaten in Juba, befürchtet, dass der auf sechs Jahre angelegte Friedensprozess an den zunehmenden Spannungen im Südsudan selber scheitern könnte. "Die ethnischen Dinka haben ein klares Übergewicht in der Führung von Armee und Staat und vergrätzen die anderen Volksgruppen mit einer kaum glaublichen Überheblichkeit." Armee und Staat sind im Südsudan ohnehin bis heute eins, das Führungsmodell der Autonomieregierung erinnert in seinen Zügen an eine Militärdiktatur. "Aber die SPLA ist immer noch eine Rebellentruppe, keine richtige Armee", warnt Bergmann.

Weil es keine funktionierende Befehlskette gibt, mussten bei Gefechten mit von Khartum unterstützten Milizen in der Ölstadt Malakal hunderte Menschen sterben, bevor die Generäle in Juba die Kämpfe beenden konnten. "Die Befehlshaber in Malakal haben ihre Satellitentelefone nicht abgenommen - schließlich mussten wir in einem UN-Flugzeug nach Malakal, damit der Befehl persönlich vor Ort gegeben werden konnte", sagt der Deutsche. In einer unterbezahlten Armee, die laut Bergmann zudem unter Disziplinlosigkeit und hohem Alkoholkonsum leidet, kann auf diese Weise ein Bürgerkrieg beginnen. Vor allem deshalb, weil die Soldaten der verschiedenen bewaffneten Gruppen im Südsudan nie gefragt wurden, ob sie sich der nördlichen oder der südlichen Armee anschließen wollen.

Bei der heutigen offiziellen Feier in Juba zum zweijährigen Jubiläum der Befreiung werden all diese Probleme kein Thema sein. Stattdessen präsentiert die Regierung einen neuen Meilenstein auf dem Weg in die Unabhängigkeit. Der im Süden ungeliebte Dinar, der vom Khartumer Regime nach der Machtergreifung von Präsident Omar al-Baschir 1989 eingeführt wurde, wird ab heute durch eine neue Währung ersetzt, das sudanesische Pfund.

"Die Scheine sind von Symbolen der Einigkeit geziert: Kamele, Kühe, der Nil", freut sich der Chef der südsudanesischen Zentralbank, Elijah Aleng. Angeblich ist das neue Geld bereits gedruckt, nur gesehen hat es noch niemand. Eine großzügige Übergangsfrist verspricht Aleng deshalb schon einmal vorsorglich. Theoretisch soll das Pfund den Dinar auch im islamischen Norden ablösen, in Juba soll die Einheitswährung auch die inoffiziellen Zahlungsmittel US-Dollar, kenianische und ugandische Schilling ersetzen. Doch für die meisten Bewohner der Stadt dürfte es schlicht egal sein, welche Währung es ist, die sie nicht besitzen.

(Copyright die tageszeitung, 9.1.2007)