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Montag, 9. Juni 2008

Armee des Propheten im Vormarsch


In Gulu, der größten Stadt im Norden Ugandas, haben sie sich gerade erst an den Frieden gewöhnt, der seit knapp zwei Jahren Einzug gehalten hat. Die Geschäfte sind frisch gestrichen, vollbeladene Lastwagen queren die Stadt auf dem Weg von Ugandas Hauptstadt Kampala in Richtung Südsudan. In den Sammellagern, wo sich bis September 2006 in ganz Norduganda mehr als zwei Millionen Bewohner vor den brutalen Angriffen der "Widerstandsarmee des Herrn" (LRA) versteckt haben, stehen die meisten Rundhütten leer. Doch mit der Normalität könnte es schon bald wieder vorbei sein. Denn die LRA unter der Führung des selbsternannten Propheten Joseph Kony führt wieder Krieg, warnt der südsudanesi- sche Informationsminister Gabriel Changson Cheng.

Südsudan als neues Opfer

"Die LRA hat den neuen Krieg begonnen, und diesmal sind wir die ersten Opfer", so Cheng. Bei Angriffen auf die zwei südsudanesischen Garnisonsdörfer Nabanga und Yamba, die in einer entlegenen Region nahe der Grenze zum Kongo liegen, sollen am Donnerstag mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen sein. Die LRA, so Cheng, habe Nahrungsmittel und Waffen gestohlen und bereite sich auf neue Attacken vor. Die Bemühungen um einen Frieden seien damit vorbei. "Es wäre sinnlos für uns, weiterhin als Vermittler zwischen LRA und ugandischer Regierung tätig zu bleiben."

Südsudans Armee, die derzeit in der Grenzregion zum Nordsudan um Abyei in Kämpfe verwickelt ist, behalte es sich vor, gegen die LRA zurückzuschlagen. "Der Südsudan wird nicht zum Kriegsschauplatz für die LRA werden." Hilfsorganisationen berichten zudem, dass einzelne LRA-Kommandos vor Jahren angelegte unterirdische Waffenlager geplündert haben. Konys Truppen scheinen gerüstet wie seit Jahren nicht mehr.

Für Nordugandas Bevölkerung stirbt damit die Hoffnung, dass einer der längsten Bürgerkriege Afrikas vorbei sein könnte. Mehr als 20 Jahre schon massakriert Konys Lumpenarmee auf brutalste Weise ganze Dörfer. Besonders gefürchtet ist die LRA, weil sie in dieser Zeit zehntausende Kinder entführt hat, die zu Kindersoldaten oder Sexsklaven gemacht wurden.

Aus dem regierungslosen Niemandsland zwischen dem Ostkongo, der Zentralafrikanischen Republik und dem Südsudan werden seit Monaten Angriffe nach gleichem Schema gemeldet. Während der auf 600 Kämpfer geschätzte Kern der LRA gut tausend neue Soldaten zwangsverpflichtete, verschob Kony unter fadenscheinigen Ausreden immer wieder die geplante Unterzeichnung eines seit 2006 verhandelten Friedensvertrags. Kony, der ebenso wie zwei seiner engsten Vertrauten vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht wird, zeigte sich praktisch nie in der Öffentlichkeit.

"Kony hat die Verhandlungszeit genutzt, um aufzurüsten und neue Soldaten zu entführen", erklärt Ugandas Armeesprecher Paddy Ankunda wütend. Jetzt will Ugandas Armee gegen den LRA-Stützpunkt im Norden des Virunga-Nationalparks im Ostkongo vorgehen, gemeinsam mit kongolesischen und UN-Truppen. "Auch die US-Armee unterstützt den Vorstoß." Doch ähnliche Versuche, den Konflikt militärisch zu lösen, blieben in der Vergangenheit erfolglos. Zu unkontrolliert ist der Osten Kongos, in dem auch zahlreiche andere Rebellengruppen operieren.

Schon ruft der katholische Erzbischof in Gulu, John Odama, LRA und Regierung auf, das Friedensabkommen zu unterzeichnen. "Wenn wir jetzt in den Krieg ziehen, ist alles bisher Erreichte verloren." Doch damit widerspricht er dem ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni, der in der Vorwoche in einer Staatsansprache den Friedensprozess für beendet erklärte. Auch die südsudanesischen Vermittler haben schon aufgegeben. Am Wochenende ließ Sprecher Cheng verlauten, nicht nur die LRA, auch Ugandas Regierung habe nie wirklich Interesse an den Verhandlungen gezeigt.

(Copyright Der Standard, 9.6.2008)

Dienstag, 5. Februar 2008

Hilfe für die Hoffnungslosen


Die 20 Jugendlichen sitzen im Kreis unter einem großen Baum, der mitten in Onyama steht, einem der vielen Lager am Stadtrand von Gulu im Norden Ugandas. Sie reden, manchmal lachen alle gemeinsam, doch meistens herrscht aufmerksame Stille.

Die Mädchen und Jungen erzählen von der Vergangenheit, die sie alle so gezeichnet hat. Die einen leben seit ihrer Geburt in Lagern wie Onyama, auf der Flucht vor den Kinderräubern der "Widerstandsarmee des Herrn" (LRA), die mehr als 20 Jahre lang geschätzte 40 000 Mädchen und Jungen meist im Schutz der Nacht entführte. Achtjährige Jungen wurden als Soldaten, Mädchen als Sexsklavinnen und Küchenhilfen missbraucht.

Die anderen sind seit Anfang vergangenen Jahres, als der LRA-Anführer und selbsternannte Prophet Joseph Kony Friedensgespräche mit Ugandas Regierung aufnahm, nach und nach aus dem Busch zurückgekehrt. Sie sind ehemalige Kindersoldaten, diejenigen, vor denen die neuen Nachbarn in Onyama einst geflohen sind.

"Wenn Kony nachts beten ging, habe ich ihm seinen Betstuhl hinterhergetragen", berichtet der heute 21-jährige Deogratius Okema. Er ist nach acht Jahren an der Seite Konys der Albtraumwelt entkommen, in der alle einer rigorosen Gehirnwäsche unterzogen wurden. Viele Kinder mussten nahe Verwandte umbringen, um sich selbst den Rückweg in die Gesellschaft abzuschneiden. Bei Deogratius war das nicht anders: Ein Kommando der Kinderarmee nahm damals ihn und zwölf andere Kinder mit, die sich hinter einem Militärlager versteckt hielten. Von den Soldaten der Regierungsarmee war nichts zu sehen.

"Wir sind sieben Tage zu Fuß bei praller Sonne in die LRA-Lager im Südsudan marschiert", erinnert er sich. "Es gab kein Wasser und nichts zu essen - zwei machten schlapp, die wurden erschlagen und mit der Machete in Stücke gehauen." Nur wenn er über Kony spricht, wird die Stimme des starr geradeaus blickenden Jungen etwas weicher.

"Kony will die Armut in Norduganda beenden, er betet Tag und Nacht für die Menschen hier und will niemandem etwas Böses." Für die Gewalt, die Überfälle und all das Schlimme, das er selbst erlebt hat, macht Deogratius "die anderen" verantwortlich, die Konys Befehle missachteten. "Kony kann nichts dafür, er weint oft, weil seine Männer so ungehorsam sind." Der Führer selbst, so behauptet Deogratius, hat ihn vor anderthalb Jahren nach Hause geschickt. Da sei er gegangen, wieder zu Fuß, von den Lagern im Südsudan bis nach Onyama. Deogratius schweigt. Die anderen Jugendlichen schweigen mit ihm.

Seit Anfang 2007 herrscht eine Ruhe in Nord-Uganda, die viele der Jugendlichen noch nie erlebt haben. Konys Rebellenarmee hat sich irgendwo im Osten Kongos verschanzt - wie viele Jugendliche dort noch unter Waffen stehen, ist ungewiss. Die Verhandlungen mit der Regierung laufen schleppend, aber die Überfälle in Nord-Uganda haben aufgehört. Doch bewältigt ist die Vergangenheit noch lange nicht.

"Man sollte erwarten, dass die Rückkehrer Kony hassen", sagt Lucy Apiyo, die für das Hilfswerk "World Vision" Therapiesitzungen wie die unter dem Baum leitet. Apiyo kennt die Täter, die sich nach den traumatischen Erlebnissen an irgend etwas festhalten müssen - und sei es wie bei Deogratius am ehemaligen Peiniger. "Die Ex-Kindersoldaten halten mühsam ein Bild des strahlenden Führers aufrecht, damit ihnen ihr Leben nicht sinnlos erscheint."
Bei manchen reißt diese selbstgebaute Fassade irgendwann ein, und das kann tödlich enden. Die Selbstmordrate in den Flüchtlingscamps, in denen über Norduganda verstreut mehr als eine Million Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht sind, steigt seit Jahren. Alle paar Wochen erhängt, erschießt oder ersticht sich jemand in Onyama. Meistens sind es Kinder oder Jugendliche. Depressionen, sagt Apiyo, sind ein riesiges Problem in all den Flüchtlingslagern. Bisher hätten Hilfsorganisationen dies als Luxusproblem empfunden.
Erst jetzt ändert sich das langsam. Die Mädchen und Jungen sprechen, malen, spielen und weinen zusammen, immer wieder. "Wir waren sehr skeptisch, ob das klappt", sagt Lucy Apiyo, "schließlich bieten wir nur die Therapie an, kein Geld, kein Essen, nichts sonst." Doch der große Andrang gibt ihr Recht.

Noch mehr als die Täter brauchen die Opfer Apiyos Hilfe. Nordugandas Lagergeneration kennt keine Perspektiven. James Opio, der in Onyama lebt, solange er denken kann, ist gerade einmal 16. "Als ich acht war, ist mein Vater gestorben, ein paar Jahre später meine Mutter - auf einmal war ich allein mit meinen fünf jüngeren Geschwistern." Im Dorf hätte sich wohl die Großfamilie um ihn gekümmert - im Lager war Opio auf sich allein gestellt. "Ich habe versucht, Geld zu verdienen, aber es gab keine Jobs. Ich habe versucht, Lebensmittel oder andere Hilfe von den Organisationen zu bekommen, aber da waren so viele andere, dass ich kaum was abbekommen habe." Irgendwann wusste er nicht mehr weiter. "Ich habe mich nutzlos und wertlos gefühlt und gedacht: Da kann ich mich auch gleich umbringen, dann ist der Druck weg."

Dass er noch lebt, glaubt James, hat er einzig der Hilfe von Lucy Apiyo zu verdanken.

(Copyright Berliner Zeitung, 5.2.08)

Dienstag, 4. Dezember 2007

Zu viel Regen, zu wenig Wasser


Höhere Temperaturen, mehr Wetterextreme, Dürren und Fluten - der Klimawandel hat das Leben der Menschen in Afrika bereits verändert: In Mauretanien breitet sich die Sahara immer weiter aus, nomadisches Leben ist kaum noch möglich.

Im Victoriasee wird das Wasser wärmer, der Regen bleibt aus, der See schrumpft. Dadurch stirbt der Fischnachwuchs, der verbleibende Fisch ist zu teuer, die Fischer werden arbeitslos.

Im amharischen Hochland regnet es zu viel. Weil die Wälder dort weitgehend abgeholzt sind, zerstört die zunehmende Erosion auch die Äcker der Bauern.

(Feature auf DeutschlandRadio Kultur, 4.12.2007)

Samstag, 1. Dezember 2007

Heiß, zu heiß


Als die Koffer für diese Reise durch Afrika schon gepackt sind, ist es September. Das Fernsehen zeigt die ersten Bilder von Überschwemmungen in Ghana, Uganda und anderen afrikanischen Ländern. Vom Atlantik bis zum Indischen Ozean melden sechzehn Staaten gleichzeitig "Land unter" - genau, wie der Weltklimarat es vorhergesagt hatte.

Wegen der steigenden Temperaturen, heißt es in dessen aktuellem Bericht, müssten die Bewohner Afrikas immer öfter mit extremen Wetterlagen klarkommen - mehr Überschwemmungen, mehr Dürren. Kein Kontinent, prognostizieren die Klimaforscher, werde stärker unter dem Klimawandel zu leiden haben als Afrika - und keiner sei so schlecht auf die Folgen vorbereitet.

Trotzdem wird beim Klimagipfel in Bali nur wenig über Afrika gesprochen, und wie üblich wird sich kaum ein afrikanischer Politiker in die Debatte einmischen. Wangari Maathai, Kenias berühmte Umweltpolitikerin, macht dafür vor allem Unwissen verantwortlich. "Afrika erhebt seine Stimme nicht, weil die Menschen hier nicht genug Erfahrungen gemacht haben", sagt die Friedensnobelpreisträgerin, "Sie müssen erst erleben, dass Temperatursteigerung, lange Dürreperioden und die Schneeschmelze auf dem Mount Kenya keine vorübergehenden Ereignisse sind." Ohne den Druck der Betroffenen aber, so Maathai, würden sich afrikanische Politiker nicht rühren.

Doch auch jene, die die klimapolitischen Hintergründe nicht kennen, müssten doch längst Veränderungen in ihrem täglichen Leben spüren. Diese Reise, einmal quer über den Kontinent, soll dieser Vermutung nachgehen.

Die Tour beginnt auf einem Feld im äthiopischen Hochland. Ato Mulualem Birhane und seine Frau hocken zwischen dem Tef, dem hier am häufigsten angebauten Getreide, sie rupfen Unkraut. Maschinen gibt es nicht auf den kleinen und unebenen Feldern hier, alles geht von Hand. Die Ernte könnte gut werden in diesem Jahr, sagt der 48-jährige Mulualem - wenn das Wetter mitspielt. "Früher gab es einmal im Jahr eine feste Regenzeit", erzählt er, "aber seit ein paar Jahren kommt sie mal, mal kommt sie nicht, dann regnet es zu stark oder zur falschen Zeit." Hinter den beiden Bauern, die hier in Dembecha, 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, ihre Farm betreiben, türmen sich dunkle Wolken auf. In der Ferne donnert es. Ein schweres Gewitter naht.

Extreme Wetterlagen erleben die Bauern hier inzwischen immer öfter. Im Jahr zuvor sind in einer schlimmen Flut 900 Menschen umgekommen, Hunderttausende haben damals ihren gesamten Besitz verloren. "So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen", sagt der Vorsitzende des Äthiopischen Umweltforums, Negusu Aklilu. "Und nicht nur Überschwemmungen, auch Dürren werden in Äthiopien allmählich vom Phänomen zur Normalität." Die Folgen sind katastrophal, denn in Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Erde, sind die Bauern mehr als anderswo davon abhängig, eine gute Ernte einzufahren. Farmer Mulualem berichtet, dass das Wetter inzwischen selbst dann verrückt spielt, wenn der Himmel blau ist: "Früher hatten wir im Hochland moderate Temperaturen, aber inzwischen ist es hier heiß, zu heiß."

Über die steigende Temperatur klagt auch Peter Mireri von der Umweltgruppe Freunde des Viktoriasees. Nur dass hier in Uganda die Auswirkungen andere sind. Mireri steht am Anfang eines langen Steges, gut 150 Meter ragt der in den Viktoriasee hinein. "Hier, wo wir jetzt stehen" sagt er, "haben wir noch vor drei Jahren unsere Boote vertäut." Er zeigt zum Ende des Stegs: "Inzwischen mussten wir den Steg bis da hinten verlängern!"

Nach drei Jahren Dürre hat es in diesem Jahr am Viktoriasee erstmals wieder geregnet, doch der Pegel ist kaum gestiegen. Die Trockenheit macht dem größten See Afrikas schwer zu schaffen: zu siebzig Prozent speist er sich aus Regenfällen, wichtige Zuflüsse gibt es kaum, erklärt Mireri. "Und weil es jetzt auch noch wärmer geworden ist, verdunstet das Wasser wieder stärker."

Der Umweltaktivist ist sich sicher, dass das Sinken des Pegels einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass es immer weniger Fische im See gibt. Vor allem die Laichplätze litten unter der Klimaerwärmung. "Der in den Uferzonen abgelegte Laich wird so warm, dass die Fische nie schlüpfen." Deshalb bleiben die Netze der wenigen, die noch von Kisumu aus in See stechen, oft leer.

Fischer Nicholas und sein Bootsmann brauchen jeden Tag acht Stunden, um ihre am Abend zuvor ausgelegten Netze zu kontrollieren. Früher, erinnert sich Nicholas, verfingen sich in den Netzen große Tilapiafische, "und auch Viktoriabarsche". Das ist längst vorbei. Der Viktoriabarsch, in den Sechzigerjahren im See ausgesetzt, hat sich massenhaft vermehrt und dafür gesorgt, dass andere Fischarten ausstarben. Heute gibt es hier fast nur noch den Viktoriabarsch, der Fisch wird in den zahllosen Fabriken am Ufer filetiert und gleich nach Europa weiterverkauft.

Als Nicholas am Abend festmacht, kann er den wartenden Zwischenhändlern gerade mal dreißig kleine Fische anbieten. Drei Euro hat er heute verdient. Weil es zu wenig Fische gibt, verrotten im einst größten Fischereihafen von Kisumu die Boote. Verlierer sind aber auch die Bewohner Kisumus, die sich ihren eigenen Fisch immer seltener leisten können: Der Preis hat sich binnen zwei Jahren vervierfacht. Am Straßenrand werden stattdessen Fischgräten gewaschen, die bei der Filetierung des Nilbarschs übrig bleiben. Sie werden getrocknet und dann in heißem Fett ausgebacken. Was übrig bleibt, wird mit scharfer Soße gegessen oder zu Suppe verarbeitet. Mehr gibt der See für seine Anrainer nicht mehr her.

"Natürlich ist der Klimawandel nur ein Faktor von mehreren", sagt Umweltaktivist Mireri. Überfischung, Ablassen des Wassers in Kraftwerke auf der ugandischen Seite und andere Faktoren spielten auch eine Rolle. "Aber der Klimawandel kommt obendrauf, verschlechtert die ohnehin schlimme Lage und gibt dem See den letzten Rest."

Einige hundert Kilometer weiter westlich steht das staatliche Krankenhaus von Hoima. Jeden Tag stirbt hier mindestens ein Kind an Malaria. Die von Moskitos übertragene Krankheit kann in kurzer Zeit schwere Formen annehmen. "Blutarmut, Unterzuckerung, Erkrankungen der Lunge oder des Gehirns - das sind alles Komplikationen, die wir hier regelmäßig sehen", erklärt der Kinderarzt Tom Ediamu, der seit mehreren Jahren hier im Westen Ugandas arbeitet. Ediamu nennt Malaria eine "Killerkrankheit", und das ist sie, nicht nur hier. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sterben jedes Jahr 2,7 Millionen Menschen an der von Anophelesmücken übertragenen Krankheit. Drei Viertel von ihnen sind Kinder.

Monat für Monat kommen zu Ediamu und seinen Kollegen 5.000 neu infizierte Kinder. "Es gab hier schon immer Malaria, sagt der Arzt, "aber seit ein paar Jahren nimmt die Zahl der Fälle ständig zu." Vor der Kinderstation sitzen Familien unter freiem Himmel, sie warten auf ein freies Bett. Den Grund für den Ansturm kennt Ediamu: Es ist der Klimawandel. "In der langen Regenzeit zwischen September und November regnet es seit einigen Jahren viel mehr als üblich", sagt er. Wo immer dann Wasser in Pfützen steht, entwickeln sich die Larven der Anophelesmücke besonders schnell. Die Beobachtung des Arztes deckt sich mit der Analyse des Weltklimarats. Ähnliche Entwicklungen dokumentiert der Rat überall in Afrika, seit sich die Regenzeiten verschoben haben.

Weil es insgesamt wärmer ist, breitet sich die Malaria heute selbst dort aus, wo der Erreger wegen niedriger Temperaturen früher nicht überleben konnte, zum Beispiel im Hochland. "Ich komme aus dem Südwesten Ugandas und hatte nie Malaria, bis ich mit 18 nach Kampala gezogen bin", erinnert sich Achilles Byaruhanga, Direktor von der Umweltschutzorganisation Nature Uganda. An Malariafälle in seiner Heimat am Fuß der Rwenzori-Berge kann er sich nicht erinnern. "Heute wird die gleiche Gegend als endemisches Gebiet für Malaria geführt, die Zahl der Fälle nimmt ständig zu." Vor allem für arme Menschen auf dem Land ist Malaria gefährlich. Oft haben sie schon andere Krankheiten, oder sie leiden unter Fehl- oder Mangelernährung, sodass ihr Immunsystem geschwächt ist.

Letzte Etappe der Reise ist Westafrika. Im leichten Zelt der Nomaden gießt Aïcha den Tee auf. Die Tradition in Mauretanien gebietet es, dass jeder Besucher, der die Sahara durchquert hat, mindestens drei Tassen leeren muss - so soll sein Überleben gesichert werden. Doch entgegen aller Tradition sind im Süden des Wüstenstaats die Nomaden längst sesshaft geworden.
Sidi el Moctar ist aus Schaden klug geworden, seit der ersten schweren Dürre in den 70er-Jahren schützt er die letzte Oase, die hier noch Wasser führt, um den nun sesshaften Nomaden ein bisschen Land- und Viehwirtschaft zu er möglichen. 5.000 Bäume müssen el Moctar und seine Helfer jedes Jahr anpflanzen, um die Dünen aufzuhalten, die wegen der zunehmenden Hitze und der immer größeren Trockenheit schneller vorrücken als je zuvor. Das Vordringen der Wüste in den Sahelgürtel, in Mauretanien das fruchtbarste Land, können selbst die Schutzwälle kaum noch aufhalten. "Wir haben große Angst vor dem Klimawandel", sagt el Moctar. "Wir gehen unter, wenn wir nicht unermüdlich gegen den Vormarsch der Wüsten kämpfen. Zwischen hier und Atar im Norden lebt inzwischen niemand mehr, dort gibt es kein Wasser mehr."

Längst fordern Afrikas Umweltschützer, die ich auf dieser Reise getroffen habe, von der Staatengemeinschaft mehr als nur die Reduzierung der Treibhausgase. Sie wollen von den Verursachern des Klimawandels konkrete Hilfe, um die Folgen abfedern zu können. Negusu Aklilu ist enttäuscht, wie wenig Hilfe Afrika bislang bekommt. "Ein Sprichwort sagt: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit", sagt er. "Ich glaube nicht, dass Politiker überall auf der Welt den ärmsten Teil der Erde hassen, aber wir sind ihnen egal."

(Copyright die tageszeitung, 1.12.07)

Sonntag, 20. Mai 2007

Made in Africa


Der Stoff war wie für Hollywood gemacht: Ein größenwahnsinniger Diktator, der mit einer Mischung aus Charme und Brutalität sein Land und die Welt in Atem hält. Kein Wunder also, dass Der letzte König von Schottland über Ugandas Diktator Idi Amin auch an den Kinokassen ein Erfolg ist. Ein kleines Wunder war hingegen, dass der Film an Originalschauplätzen in Uganda gedreht wurde - glaubt Joanitta Bewulira-Wandera, die für das Casting der rund 6.000 Schauspieler und Statisten in dem ostafrikanischen Land zuständig war. "Zum ersten Mal wurde in Uganda ein richtiger Film gedreht - so etwas hat es hier vorher nicht gegeben."

Weil Ugandas Regierung keine Ansprechpartner in Sachen Film hat, gab der Präsident persönlich das Okay für den Dreh. Das Team von Regisseur Kevin Macdonald konnte so problemlos im größten Hospital der Stadt, im ugandischen Parlament und am Flughafen von Entebbe drehen. Logistisch war die Arbeit dagegen ein Albtraum, sagt die Produzentin Andrea Calderwood. "Uns wurde jede Nacht das Benzin aus den Autos geklaut, und viele unserer Requisiten waren noch nie für einen Film benutzt worden - alles dauerte ewig."

Improvisieren ist alles

In Uganda gibt es zudem nur eine Handvoll professioneller Schauspieler, die Fernsehen oder Theater machen. "Die waren schnell für die aufwändigeren Szenen in Kampala verplant", erinnert sich Bewulira-Wandera. Für die Tausende Statisten ging die 46-jährige Fernsehregisseurin in die Dörfer nahe der Drehorte - oder ließ sie von Ugandas Regionalverwaltung rekrutieren. "Es gibt am Anfang des Films diese Szene, wo Forest Whitaker als Idi Amin vor die jubelnde Menge tritt und seine Antrittsrede hält, dafür brauchten wir 2.000 Statisten." Es kostete Bewulira-Wandera viele Stunden Geduld, um den Bauern und Hausfrauen zu erklären, was das Team vorhatte. "Die haben mich ausgebuht und angeschrien: Du lügst doch - Amin ist längst tot." Als beim Dreh Forest Whitaker im Amin-Kostüm auf die Bühne trat, kannten die Hilfsschauspieler kein Halten mehr. "Das Johlen und die Begeisterung waren echt, davon war nichts gespielt."

Bewulira-Wandera ist bis heute beeindruckt, wie Regisseur und Produzenten solche Hürden mit Bereitschaft zu Improvisation und viel Humor genommen haben. "Das ist überhaupt nicht üblich", weiß Mario Zvan, der nebenan in Kenia die Produktionsfirma Blue Sky leitet. Blue Sky hat sich seit zehn Jahren auf Produktionen im Hollywood-Maßstab spezialisiert und war für die Dreharbeiten zu Tomb Raider 2 mit Angelina Jolie oder Der ewige Gärtner verantwortlich. "Wenn wie bei Tomb Raider 2 ein Drehtag 100.000 US-Dollar kostet, wollen die Produzenten Effizienz und Zuverlässigkeit wie zu Hause - und außerdem noch ordentlichen Komfort." Über die Jahre hat Zvans Firma sich einen Fundus an Equipment angeschafft und kann alles andere schnell besorgen. "Zu Tomb Raider 2 haben die Produzenten noch eine Boeing gechartert, die 300 Leute und tonnenweise Geräte hergebracht hat - ein paar Jahre später beim Ewigen Gärtner hatten wir nicht mehr als 35 Ausländer am Set."

Fachkundiges Personal ist aus Zvans Sicht das größte Hemmnis für Filme in Afrika. Zwar gibt es immer mehr Kenianer, die in Europa und den USA die Filmschule besuchen und danach nach Hause zurückkehren. "Aber die studieren zwei Jahre und nennen sich danach Cutter oder Kameramann - ohne jede praktische Erfahrung." Die zu sammeln, ist in Afrika schwer. Erst in den vergangenen Jahren hat sich in Kenia parallel zum Fernsehen ein lokaler Markt für Billigfilme etabliert, die nur auf DVD veröffentlicht werden. "Riverwood" werden die so anspruchslosen wie beliebten Streifen genannt, die wie Nigerias "Nollywood"-Movies aktuelle Gesellschaftsprobleme aufgreifen und im Regelfall mit einer Kamera binnen einer Woche abgedreht werden. "Riverwood ist gut, um überhaupt ein Bewusstsein für Filmemachen in Kenia zu schaffen", glaubt Jim Shamoon, der auch für Blue Sky arbeitet. Professionell brächten die Produktionen aber niemanden weiter. "Das Einzige, das in Kenia für den lokalen Markt auf internationalem Niveau gedreht und produziert wird, sind Musikvideos." Die MTV-gewohnten Zuschauer geben sich nicht mit weniger als dem zufrieden, was sie aus den USA kennen. Außerdem gibt es für Musikvideos Kapital, das sonst knapp ist. "Da wird man in der Zukunft den einen oder anderen wirklich guten Mann auch für große Produktionen abgreifen können."

Konkurrenten Kenia und Südafrika

Kenia ist nur eines von vielen afrikanischen Ländern, das um Hollywood-Präsenz buhlt. Der Konkurrenzkampf ist groß. Immer mehr Regierungen gründen spezialisierte Agenturen, die ihre Länder international vermarkten sollen. Kenias "Film Commission" wirbt außerdem in Bollywood, dem zweitgrößten Produktionsstandort der Welt. "Indische Regisseure machen immer mehr Spielfilme mit einer traditionellen Handlung, für die sie neue Locations suchen", erklärt Marketingchef Elijah Kahara die Orientierung nach Osten. Als größten Vorteil Kenias verkauft er die Vielfalt der Landschaften. "Wir haben Strände, Savanne, Wüste, Berge, Dörfer - alles weniger als eine Flugstunde voneinander entfernt." Gut für Bollywood-Stars mit ihren engen Zeitplänen, die oft mehrere Filme in unterschiedlichen Settings zur gleichen Zeit drehen. Ein handfestes Argument sind außerdem die Kosten: In Kenia lässt es sich noch einmal billiger drehen als in Indien - oder in Südafrika.

Südafrika ist der mit Abstand größte Player im afrikanischen Movie-Business und arbeitet hart daran, seine Vorreiterrolle auszubauen. Ausländische Filmemacher bekommen nicht nur ohne Abstriche westlichen Lebens- und Arbeitsstandard, sondern auch Steuererlasse und andere Incentives der Regierung. Drei Ministerien beschäftigen sich in Südafrika mit Film, und auch die eigenen Filmemacher kommen nicht zu kurz. Filme mit westlichem Produktionsniveau wie der Oscar-Preisträger Tsotsi oder der FESPACO-Gewinner Drum sind möglich, weil es in Südafrika eine gut ausgestattete Filmförderung gibt. Dazu kommen die zahlreichen Produktionsfirmen, die zu einem guten Teil von der Werbung leben, dem Fundament des südafrikanischen Filmbusiness.

"Nach Südafrika geht man eigentlich, um Europa zu drehen, nicht Afrika", urteilt Blue Sky-Manager Zvan. Südafrika habe keine archetypischen afrikanischen Landschaften. "Außerdem hat Südafrika nur eine starke eigene Geschichte, die Apartheid." Trotzdem werden nicht nur Filme wie Goodbye Bafana am Kap gedreht. "Wenn ein Hollywood-Produzent sagt, wir wollen einen Film wie Blood Diamond drehen, dann antworten die Südafrikaner, kein Problem, wir haben alle Locations hier, die ihr braucht - nur eine Flugstunde entfernt, in Mosambik." Die Dreharbeiten werden zwar deutlich teurer, als wenn man in Mosambik direkt gedreht hätte - doch fehlt dort die nötige Infrastruktur noch ganz. "Natürlich hätte man Blood Diamond auch in Kenia drehen können, aber auf die Idee kommen die meisten Filmemacher nicht."

Das bestätigt der Kenianer Robin Hollister, der weltweit als Location-Scout im Einsatz ist. "Bei der Verfilmung von Der Geist und die Dunkelheit, der in Kenias Tsavo-Nationalpark spielt, hatten wir alle Originalschauplätze zur Hand - aber Produzent Michael Douglas kannte Südafrika von Werbedrehs und hat sich für Johannesburg entschieden." Nach Hollisters Erfahrung wird die Entscheidung, in welchem afrikanischen Land gedreht wird, viel öfter im Bauch als im Kopf getroffen. Wer sich auf den "dunklen" Kontinent wagt, der will so viel Sicherheit wie möglich - ein schlechter Ruf hält sich im Gerüchtesumpf von Hollywood fast unbegrenzt. "Immer wieder treffe ich in Hollywood Regisseure, die mir sagen: Ich würde gerne mal in Kenia drehen, aber die Regierung macht ja so viel Schwierigkeiten." Schwierigkeiten, die Hollister in seinen 27 Jahren als Location-Scout nie erlebt hat: im Gegenteil. Die Regierung, so Hollister, hilft, wo sie kann. "Aber so richtig begriffen, welches Potenzial das Film-Business hat, hat sie noch nicht."

(Copyright epd film, Mai 2007)

Montag, 30. April 2007

Weltbank-Geld bedroht Victoriasee


Im tosenden Wasserfall des Victoria-Nils, so glaubt die Bevölkerung in diesem Teil Ugandas, lebt der Bujagali, ein mächtiger Geist. In der Vergangenheit soll er sich in mehr als 30 Anführern manifestiert haben, die zum Beweis ihrer Kräfte auf einem heiligen Stück Baumrinde durch den Wasserfall schwimmen mussten. Für die Zukunft sind die Aussichten dafür düster: Am Freitag hat die Weltbank 360 Millionen US-Dollar in Krediten und Garantien zugesagt. Damit steht fest: Spätestens 2011 wird der Bujagali-Wasserfall wohl von einem Stausee überspült sein, der ein riesiges Wasserkraftwerk speisen soll.

"Das Bujagali-Kraftwerk ist wichtig für die verlässliche Stromversorgung, die Uganda für wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung braucht", rechtfertigt der Infrastruktur-Direktor der Weltbank, Rashad Kaldany, die Entscheidung. Tatsächlich fällt in ganz Uganda fast täglich der Strom aus. Seit 13 Jahren wird deshalb über das 250-Megawatt-Kraftwerk diskutiert, das insgesamt fast 800 Millionen Dollar kosten soll. Der Stromgigant AES investierte bis 2002 Millionen in das Projekt; dann zog die Weltbank wegen Korruption und Zweifeln am Sinn des Projekts ihre Unterstützung vorerst zurück. Inzwischen hat ein amerikanisch-kenianisches Konsortium den Bau übernommen. Nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung ist die Weltbank wieder eingestiegen, obwohl Umweltschützer das Projekt unverändert kritisieren. Sie befürchten vor allem, dass der Damm die Austrocknung des Victoriasees, des zweitgrößten Binnenmeers der Welt, beschleunigen wird.

Seit 1959 steht der Nalubaale-Damm in Jinja, wo der Nil aus dem Victoriasee abfließt. Kaum einen Kilometer stromabwärts nutzt der Kiira-Damm das gleiche Wasser. Der Bujagali-Damm - weitere acht Kilometer flussabwärts - soll die gleiche Wassermenge zum dritten Mal nutzen. Das ist wichtig, weil Uganda Ägypten vertraglich zugesichert hat, nur wenig Seewasser zu entnehmen - so soll der Nil weiterhin ungehindert fließen.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, wie eine Studie des Internationalen Flüsse-Netzwerks IRN belegt. Tatsächlich nutzen die Dämme viel mehr Seewasser als erlaubt und tragen damit dazu bei, dass der Pegel des Victoriasees seit Jahren sinkt. Mit Folgen auch für Ugandas Wasserkraftwerke: Wegen des geringeren Wasserdrucks produzieren sie weniger als ein Drittel der technisch möglichen 380 Megawatt - Tendenz fallend.

"Die Investition in Bujagali rentiert sich nur, wenn man nochmal mehr Wasser aus dem See entnimmt", rechnet Ambrose Mugisha von "Nature Uganda" vor. Effektiver seien Investionen in die veralteten Netze. Dass der durchschnittliche Ugander von Bujagali profitiert, glaubt Mugisha nicht. "Das Stromnetz erreicht derzeit nur 3 Prozent der Bevölkerung, und selbst dort, wo es Strom gibt, ist er zu teuer." Dezentrale erneuerbare Energien würden deutlich mehr helfen, so Mugisha. "Mit 800 Millionen US-Dollar könnte man sehr, sehr viele Leute mit Solar- oder Windkraft versorgen."

(Copyright die tageszeitung, 30.4.2007; Photo IRN)

Samstag, 21. April 2007

Frieden ist ein schweres Los


Seit September sind keine Kindersoldaten mehr aus dem Busch gekommen. Die Auffangstation, wo das Kinderhilfswerk World Vision normalerweise hunderte geflohene oder von der Armee gefangene Exrebellen der Lord's Resistance Army (LRA) an ein Leben nach dem Buschkrieg gewöhnt, liegt still und verlassen da. Irgendwo, sagt Stationschef Sam Kilara mit suchendem Blick, muss noch ein Waisenjunge sein, der hier versorgt wird, bis entfernte Verwandte gefunden sind. "Aber es werden sicher wieder neue Kinder kommen, wenn der Friedensprozess weiter so stockt." Ein halbes Jahr Ruhe und Frieden haben die Gespräche zwischen Regierung und LRA den Nordugandern geschenkt - zum ersten Mal seit zwanzig Jahren. Doch an einen dauerhaften Frieden glauben die wenigsten, auch wenn am kommenden Donnerstag weiter verhandelt werden soll.

Wie viele Kinder der selbsternannte Prophet Gottes und LRA-Chef Joseph Kony derzeit noch unter Waffen hält, ist nicht bekannt. Seit Beginn seiner Fehde vor zwanzig Jahren haben Kony und seine Soldaten zehntausende Kinder entführt. Achtjährige Jungen werden als Soldaten, Mädchen als Sexsklavinnen und Küchenhilfen abgestellt. Die neuen Rekruten werden einer rigorosen Gehirnwäsche unterzogen, viele von ihnen müssen nahe Verwandte umbringen, um sich selbst den Rückweg in die Gesellschaft abzuschneiden. Wer nicht spurt, wird gefoltert und hingerichtet - von anderen Kindern, vor den Augen der ganzen Kompanie.

Auch als die Familien, von denen die meisten wie Kony der Ethnie der Acholi angehören, in große Lager flüchteten, gingen die Überfälle und Entführungen weiter. Kony brauchte ständig Nachschub, um gefallene oder vor Hunger und Erschöpfung gestorbene Kinder zu ersetzen.

Deogratius Okema ist einer von denen, der Konys Albtraumwelt entkommen sind. Der heute 20-Jährige hat acht Jahre an der Seite des LRA-Führers verbracht. "Wenn Kony nachts beten ging, habe ich ihm seinen Betstuhl hinterhergetragen." Die LRA nahm damals ihn und zwölf andere Kinder mit, die sich in einem Busbahnhof hinter einem Militärlager versteckt hielten. Keiner half ihnen, von den Soldaten der Regierungsarmee war nichts zu sehen. "Wir sind sieben Tage zu Fuß bei praller Sonne in die LRA-Lager im Südsudan marschiert", erzählt Deogratius. "Es gab kein Wasser und nichts zu essen - zwei machten schlapp, die wurden erschlagen und mit der Machete in Stücke gehauen." Seine Stimme zittert, aber sein Blick ist fest auf die Wand gerichtet, während er weitererzählt. "Im Camp war ein Commander, der mich umbringen wollte. Aber Joseph Kony hat mich gerettet."

Okemas Stimme wird fester, wenn er von Kony erzählt. "Kony hat mich mit nach Khartum genommen, mich an der Waffe ausbilden lassen und schließlich zum Captain befördert." Wegen seiner Treue habe Kony ihn schließlich als Leibwächter eingesetzt. "Da konnte mir niemand mehr etwas anhaben." Schließlich, sagt Okema, habe Kony selbst ihm gesagt: "Geh nach Hause." Da sei er aus dem Busch geflohen.

Nur Gutes über den Schlächter

Auf Kony lässt Okema nichts kommen: "Kony will die Armut in Norduganda beenden, er betet Tag und Nacht für die Menschen hier und will niemandem etwas Böses." Für die Gewalt, die Überfälle und all das Schlimme, das er selbst erlebt hat, macht Okema "die anderen" verantwortlich, die Konys Befehle missachteten und das Acholi-Volk plünderten. "Kony kann nichts dafür, er weint oft, weil seine Männer so ungehorsam sind."

Der 20-jährige Okema hat nie eine Schule besucht, er hat keine Frau, keine Kinder und keinen festen Job. "Eigentlich sollte man erwarten, dass die Rückkehrer Kony hassen", meint Lucy Apiyo, die für World Vision im Flüchtlingslager Onyama am Rand von Gulu, der größten Stadt Nordugandas, arbeitet. "Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Opfer halten sich mühsam ein Bild des strahlenden Führers aufrecht, damit ihnen ihr Leben nicht sinnlos erscheint." Apiyo weiß, wovon sie spricht. Die Selbstmordrate in den Flüchtlingscamps, in denen über Norduganda verstreut mehr als eine Million Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht sind, steigt seit Jahren. Alle paar Wochen erhängt, erschießt oder ersticht sich jemand in Onyama. Meistens sind es Kinder oder Jugendliche.

Dabei waren nur die wenigsten Selbstmörder früher Kindersoldaten. Denn während die sich trotz aller erlebten Grausamkeiten an etwas - und sei es an Kony - festhalten können, hat Nordugandas Lagergeneration nichts dergleichen. Die Hälfte der ugandischen Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, so wie James Opio, der im Onyama-Lager lebt, solange er sich erinnern kann. "Als ich acht war, ist mein Vater gestorben, ein paar Jahre später meine Mutter - auf einmal war ich allein mit meinen fünf jüngeren Geschwistern."

Im Dorf wäre das ein klassischer Fall für die Großfamilie - im Lager war Opio auf sich allein gestellt. "Ich habe versucht, Geld zu verdienen, aber es gab keine Jobs. Ich habe versucht, Lebensmittel oder andere Hilfe von den Organisationen zu bekommen, aber da waren so viele andere, dass ich kaum was abbekommen habe." Irgendwann wusste er nicht mehr weiter. §Ich habe mich nutzlos und wertlos gefühlt und gedacht: Da kann ich mich auch gleich umbringen, dann ist der Druck wenigstens weg."

Dass er noch lebt, hat James wahrscheinlich Lucy Apiyo zu verdanken, die seit einigen Monaten Gruppentherapien mit den besonders schweren Fällen ausprobiert. "Depressionen sind ein riesiges Problem in den Flüchtlingslagern. Aber bisher hat sich niemand darum gekümmert, selbst Hilfsorganisationen empfinden so etwas als Luxusproblem." Erst seit die Selbstmorde so stark zunehmen, ändert sich das. Derzeit werden 56 Kinder von Psychotherapeuten wie Apiyo behandelt. Die etwa gleich vielen Mädchen und Jungen sprechen, malen, spielen gemeinsam. Und sie weinen, immer wieder. All das hilft ihnen, mit der Hoffnungslosigkeit im Lager fertig zu werden. "Wir waren sehr skeptisch, ob das klappt", sagt Lucy Apiyo, "schließlich bieten wir nur die Therapie an, kein Geld, kein Essen, nichts sonst." Doch der Andrang ist riesig.

Die 16-jährige Jacqueline Akumo ist stolz, dass sie seit ihrer Therapie wieder arbeiten geht. Samstags klopft sie Steine im nahen Steinbruch, für umgerechnet einen Euro am Tag, "aber es gibt mir Kraft". Und die gleichaltrige Jennifer Adoteh hat den Mut gefunden, ihren zehn Monate alten Sohn Sunday allein großzuziehen. "Das konnte ich mir vorher nicht vorstellen." Kinderschwangerschaften sind normal im Flüchtlingslager, wo es kaum Zerstreuung gibt.

Nur Alkohol gibt es in Massen: Wer kann, braut abenteuerliche Mixturen, denen nur gemeinsam ist, dass sie hochprozentig sind. Schon am Morgen hängen vor allem Männer mit glasigen Augen in den engen Gassen zwischen den Hütten aus Lehm. Traditionell sollten sie die Felder bestellen, doch die gibt es nicht in Lagern wie Onyama. Die ersten Männer sind in sogenannte Satellitenlager gezogen, wo die Regierung Parzellen bereitstellt. Doch viele haben seit zwanzig Jahren keine Schaufel mehr in der Hand gehalten, und sie sind ohnehin skeptisch, ob sie die Ernte auf diesem Land tatsächlich noch einbringen werden oder ob nicht die Rebellen, die Regierungsarmee oder beide ihnen nicht einfach alles wieder stehlen.

Aus diesem Grund hat Sophia Ayena versucht, auf den Hof zurückzukehren, von dem sie vor zehn Jahren geflohen ist. Seitdem hat sie in einem Flüchtlingscamp in Lira gelebt, sechzig Kilometer von ihrer Heimat entfernt. "Aber als ich nach mehreren Tagen Reise zu Hause angekommen bin, waren da schon Leute auf meinem alten Hof", berichtet die fünffache Mutter mit belegter Stimme. "Als ich gesagt habe, ich will mein Land zurück, haben sie mich nur ausgelacht und fortgeschickt."

Wieder zurück ins Lager

Jetzt sitzt Sophia Ayena wieder in Lira und weiß nicht, was sie tun soll. Die Polizei hat ihr erklärt, dass sie nicht helfen kann. "Von denen habe ich auch keine Hilfe erwartet, die Regierung selbst verscherbelt ja gerade unser Land." Während die Armee Flüchtlinge mit Straßensperren und Einschüchterungen von der Rückkehr abhält, sollen die Filetstücke des fruchtbaren Acholi-Lands angeblich schon an die meistbietenden Großfarmer verkauft worden sein.

"Immer mehr finden sich deshalb damit ab, dass sie für immer hier bleiben werden", weiß Mike Odur, der für eine Partnerorganisation der Kindernothilfe in Lira arbeitet. Weil die LRA-Rebellen Hütten und Höfe niedergebrannt haben, ist der Neustart in der alten Heimat beschwerlich. Hinzu kommt eine neue Gefahr: Seit die LRA nicht mehr angreift, haben die Karamajong, Viehdiebe aus dem Nordosten Ugandas, ihre Attacken bis ins Umland von Lira ausgeweitet. Diejenigen, die noch Vieh hatten, haben es verkauft, um nicht Opfer der neuen Angreifer zu werden. Dass sie damit ihre letzte Hoffnung auf einen Neuanfang als Farmer aufgegeben haben, stört sie nicht. Hoffnung steht in Norduganda derzeit eben nicht sonderlich hoch im Kurs.

(Copyright die tageszeitung, 21.4.2007)

Mittwoch, 14. März 2007

"Du lügst doch! Amin ist längst tot!"


Das schafft sonst nur Ugandas Präsident Yoweri Museveni: Am Tag nach der Oscar-Prämiserung für seine Rolle als ugandischer Diktator Idi Amin grinst Forest Whitaker von den Titelseiten aller ugandischen Zeitungen. Selbst das Boulevardblatt Red Pepper hat die obligatorische Halbnackte zur Seite gerückt, um Platz zu machen für die Schlagzeile: "Whitaker: Bade-Orgie nach der Verleihung". In Uganda kommt so etwas einem Ritterschlag gleich. Auf den Straßen, in den Bretterbuden-Cafés am Straßenrand und in den vollgestopften Matatu-Bussen gibt es nur drei Gesprächsthemen: Whitaker, Amin und der erste in Uganda gedrehte Hollywood-Film, "Der letzte König von Schottland". Jeder Ugander fühlt sich mit geehrt, es herrscht die Stimmung: Wir sind König.

Im Film flieht der schottische Arzt Nicholas Garrigan aus dem muffigen Schottland der 70er in das exotisch-aufregende Uganda und verfällt der Ausstrahlung und Macht des frisch gebackenen Alleinherrschers Idi Amin. Als sein Leibarzt erfährt Garrigan im Film vor allem die lustvolle Dekadenz des Amin-Regimes - die grausame Wirklichkeit der Diktatur erfahren Garrigan und die Zuschauer erst zum Ende des Films hin, als die gewalttätige Fratze des manisch- depressiven Diktators immer offener zutage tritt.

Joanitta Bewulira-Wandera gehört zu denjenigen, die Amins Herrschaft miterlebt haben. Wie die meisten ihrer Zeitgenossen, so erinnert sich auch die heute 46-Jährige an den grausamen Tod eines Verwandten. "Mein Großonkel war ein kritischer Richter, eines Tages fand man ihn in seinem Mercedes: Amins Leute hatten eine schwere Metallstange in seinen Rachen gewuchtet und ihn danach angezündet."

Sein Schicksal hatte die ugandische Filmemacherin immer wieder vor Augen, als sie die gut 6.000 Statisten aussuchte, die für die erste Hollywood-Produktion auf ugandischem Boden benötigt wurden. Keine einfache Aufgabe in einem Land, in dem die wenigsten überhaupt wissen, was genau ein Kinofilm eigentlich ist.

"Es gibt am Anfang des Films diese Szene, wo Forest Whitaker als Idi Amin vor die jubelnde Menge tritt und seine Antrittsrede hält", erzählt Bewulira-Wandera. Für die Einstellung, die mitten auf dem Land gedreht wurde, musste sie irgendwie 2.000 Darsteller herbeischaffen. "Was sollte ich tun - ich bin in die Dörfer gegangen und habe Bauern und Hausfrauen überredet, mitzumachen." Schwierigkeiten gab es erst, als sie den neuen Statisten erklärte, dass sie in der Szene Idi Amin bei einer Rede zujubeln sollten. "Die haben mich ausgebuht und angeschrien: Geh nach Hause, Mädchen, Du lügst doch -Amin ist längst tot!" Als dann aber am Morgen des Drehs Forest Whitaker auf die Bühne trat, kannten die Hilfsschauspieler kein Halten mehr. "Das Johlen und die Begeisterung waren echt, davon war nichts gespielt." Zum Glück hatte Bewulira-Wandera dem Regisseur Kevin Macdonald vorher geraten, die als Generalprobe geplante Szene komplett zu drehen. Eine Wiederholung war nicht mehr nötig.

Ein anderes Mal war die Uganderin zu nett zu ihren Komparsen: Weil der Bus, in dem der schottische Arzt Nicholas Garrigan zu seiner Missionsstation reist, in den Sonnenaufgang hineinfahren sollte, begannen die Dreharbeiten mitten in der Nacht. Also ließ Bewulira-Wandera für die Schauspieler ein ausgiebiges nächtliches Frühstück bereitstellen. "Als es losging, haben wir den Leuten gesagt: Okay, ihr habt eine lange nächtliche Busreise hinter euch, seht möglichst müde aus." Doch das wollten die Schauspieler nicht einsehen. "Die sagten: Warum, wir haben doch gerade erst gefrühstückt, wir sind nicht mehr müde." Weil alles Bitten nicht half und der Sonnenaufgang immer näher rückte, griff Bewulira-Wandera schließlich zum Äußersten: "Entweder ihr seid müde, oder es gibt kein Geld." So müde Passagiere wie in dieser Szene, lacht sie heute, hat sie danach nie wieder gesehen.

Doch nicht nur für die Hilfskräfte vom Land war der Dreh eine andere Welt. Obwohl Bewulira-Wandera schon mehrere Produktionen beim ugandischen Fernsehen verantwortet hat - zuletzt eine Art ugandisches "Emergency Room" -, war auch sie von der schieren Größe des Unternehmens "Letzter König von Schottland" erschlagen. "Bei unseren Produktionen setzen wir uns zur Besprechung unter einen Mangobaum, hier wurden wir in Abteilungen aufgeteilt und nach und nach behandelt." Auch sonst hat die Uganderin eine Menge gelernt. Das Wissen will sie bei künftigen Produktionen einsetzen: "Ich hoffe, dass noch mehr solcher Filme in Uganda gedreht werden - Stoff gibt es jedenfalls genug."

Vom Hollywood-Standard lernen will auch Musarait Kashmiri, die in Kampala gemeinsam mit der indischstämmigen Regisseurin Mira Nair eine Filmschule für Ostafrikaner leitet. Den "Letzten König von Schottland" mag sie trotzdem nicht. Den Filmemachern wirft sie vor, Uganda als Schauplatz missbraucht zu haben, mehr nicht. "Es wäre interessant gewesen, was Ugander selbst zu Amin zu sagen hätten, aber das kommt in diesem Film nicht vor." Viele historische Details seien zudem falsch, was die Filmemacher damit entschuldigen, dass es sich um einen Spielfilm, keine Dokumentation handelt. Schließlich ist sogar die Hauptfigur des Films, der schottische Arzt Garrigan, eine von Autor Giles Foden erfundene Kunstfigur. "Aber mal ehrlich: Für die Zuschauer selbst hier ist ein so gut gemachter Film doch wie das Evangelium, das wird doch von niemandem hinterfragt."

In Kashmiris "Maisha"-Filmschule bewerben sich seit drei Jahren Nachwuchsautoren und -regisseure mit ihren eigenen afrikanischen Geschichten. Inzwischen bildet "Maisha" auch Kameraleute, Tonassistenten und Cutter aus. Das Ziel: Ostafrikaner sollen ostafrikanische Geschichten mit ostafrikanischen Schauspielern und Crews drehen können. "Solche Crews stehen dann in Zukunft auch den ausländischen Regisseuren zur Verfügung, die immer häufiger in Afrika drehen: Es ist doch absurd, dass die ganzen Crews bislang aus Europa und Amerika eingeflogen werden." Kashmiri ärgert sich darüber, wie großzügig der ugandische Staat und Präsident Museveni persönlich die Macher aus Hollywood hofiert haben. Ihnen wurde die Mehrwertsteuer erlassen, Genehmigungen wurden ohne Rückfrage erteilt, Armeesoldaten ohne Murren als Statisten bereitgestellt. "Wenn ich als Uganderin einen Film machen will, muss ich mich monatelang mit den Behörden herumschlagen, nur um eine Drehgenehmigung zu bekommen." Auch eine staatliche Kulturförderung gibt es nicht in Uganda.

Mit dem Ergebnis des von ihm unterstützten Drehs war Ugandas Staatschef Museveni jedenfalls zufrieden. Nach der Premiere, angeblich Musevenis erster Kinobesuch seit 47 Jahren, bescheinigte er dem Hauptdarsteller volle Authentizität: "Ich gratuliere Herrn Whitaker, er ist ein echter Amin." Anders sieht das jemand, der den Titel "echter Amin" für sich selbst beanspruchen kann: einer von Idi Amins Söhnen, der 41-jährige Geschäftsmann Jaffar Amin. "Der Film zeigt nichts anderes als die gängigen Vorurteile, die der Westen über meinen Vater hatte." Idi, so erinnert sich Jaffar, sei ein strenger, aber guter Mann gewesen, der ihm schon mit 12 Jahren Autofahren und Schießen beigebracht habe. "Als Präsident hat er totale Kontrolle über Dinge gehabt, aber genau das mögen viele Ugander noch bis heute: In den 80ern, nach meinem Vater, kamen die großen Unruhen."

Trotz der neu angefachten Diskussionen über Amins blutiges Erbe ist sich der Sohn des letzten Königs von Schottlands keiner Schuld bewusst. Im Gegenteil.

Bei der nächsten Präsidentenwahl im Jahr 2011, so sinniert Amin junior, könne er sich gut vorstellen, selbst anzutreten und in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

(Copyrigth die tageszeitung, 14.3.2007 - Photo 20th Century Fox)

Donnerstag, 1. März 2007

Ugandas Kriegsopfer trotzen der Angst


Die Geschäfte im Zentrum von Kitgum sind frisch gestrichen. Manche leuchten rot in der Farbe des einen, andere gelb in der Farbe des anderen Mobilfunkanbieters. Entlang der Hauptstraße parken vollbeladene Lastwagen. Noch vor einem Jahr konnte diese Kleinstadt im Norden Ugandas nur aus der Luft erreicht werden - heute hat sie sich zu einem brummenden Handelsposten entwickelt, seit die vom selbsternannten Propheten Joseph Kony geführte "Lord's Resistance Army" (LRA) im vergangenen Herbst nach 20 Jahren Partisanenkrieg einen Waffenstillstand ankündigte und Friedensgespräche mit der Regierung von Yoweri Museveni begann. Doch der Traum vom Frieden ist vorbei: Ab heute, so hat LRA-Vizekommandeur Vincent Otti angekündigt, greifen Konys Kindersoldaten wieder zu den Waffen.

Von Angst ist dennoch nichts zu spüren in Kitgum, das unter den brutalen Übergriffen der LRA vielleicht am schlimmsten gelitten hat. 48 Bewohner eines Dorfs nahe Kitgum wurden Ende Juli 2002 in einem Massaker ermordet, das selbst für die Verhältnisse der sehr brutalen LRA besonders blutrünstig war: Erwachsene wurden mit Macheten und Messern in Stücke gehackt, Kinder mit ihrem Kopf so lange gegen Bäume geschlagen, bis der Schädel entzweibrach. Solche Traumata vergisst eine Bevölkerung nicht, glaubt der katholische Pater Josef Gerner, der in Kitgum mit dem deutschen Hilfswerk Missio arbeitet.

"Irgendwann war es selbstverständlich, dass jeden Tag aufs Neue Kinder verschwanden", erinnert sich Gerner an die schlimmste Zeit des Krieges. Ständig neue Kinder brauchte Joseph Kony: Jungen ab acht Jahren für seine Armee, Mädchen für die Hausarbeit und als Sexsklavinnen. Auf einem umzäunten Hof zwischen einem Krankenhaus und einem Mädchenpensionat kümmerte sich Gerner in der besonders schlimmen Zeit zwischen 2002 und 2006 um bis zu 900 Kinder. Mehr als 7.000 kamen jede Nacht aus den umliegenden Flüchtlingslagern hinzu, um während der Dunkelheit Konys Häschern zu entgehen.

Heute ist Gerners Hof leer, trotz der neuen LRA-Drohungen. "Vor Weihnachten sind die letzten großen Gruppen von Kindern hier abgezogen", sagt der 72-Jährige. Die meisten leben in neu aufgebauten "Satellitenlagern", in deren Umland sie Felder bestellen und Vieh hüten können. Mehr als 100.000 Flüchtlinge, so schätzen Hilfswerke, leben in den Lagern rund um Kitgum, in ganz Norduganda sind es mehr als eine Million. Die meisten brennen darauf, endlich wieder ein normales Leben zu führen. "Eigentlich wollen die Leute in die Dörfer auf ihr angestammtes Land zurück, aber die Armee lässt sie nicht, angeblich aus Sicherheitsgründen," so Gerner. Berichte, dass die Regierung in Kampala Ländereien im großen Stil verkauft, haben die Flüchtlinge verunsichert. Sie wollen zurück und ihren Besitz sichern - das Risiko eines LRA-Angriffs nehmen sie dafür in Kauf.

"Aber die LRA wird nicht angreifen", sagt anonym ein Oberst der ugandischen Armee. "Nachdem Konys Soldaten sechs Monate lang an den Sammelpunkten im Südsudan ausgeharrt haben, hat er die militärische Initiative verloren. Die LRA ist nur noch auf der Flucht." Im unerschlossenen Osten der Zentralafrikanischen Republik soll ein Teil der Rebellen gelandet sein, andere werden im sudanesisch-kongolesischen Grenzgebiet vermutet. Weit genug weg von Kitgum.

Doch Armee und Regierung sind im Norden Ugandas jetzt noch ungeliebter als die Rebellen aus dem Busch. Schuld an dem Scheitern des Friedensprozesses, da sind sich die Kitgumer einig, ist Ugandas Regierung. Viele der oft schwer traumatisierten LRA-Rückkehrer glauben bis heute an Konys Unschuld. "Es sind nur seine Kommandeure, die sich wie Gorillas aufführen, er selbst ist ein gottesfürchtiger Mann", sagt der 21-jährige Godfrey Odokonyero. Und der 29-jährige Schuldirektor Cyprian Komakech, der in einem Flüchtlingslager unterrichtet, ist sich sicher: "Die LRA will den Frieden, aber Museveni lässt sie nicht. Er will den Norden klein halten." Wenn Konys verwahrloste Truppen bald doch wieder in Kitgum einfallen sollten, so scheint es, könnte der Hass der Bevölkerung vor allem Konys Gegner treffen.

(Copyright die tageszeitung, 1.3.07)