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Freitag, 29. Mai 2009

Die weißen Schwarzen


Die Trommeln schlagen dumpf, eine helle Stimme singt dazu. David Ntanga und seine zehnköpfige Tanzgruppe bewegen sich im Takt. Die Menge hält den Atem an, als die Truppe völlig synchron nach vorne springt. Die Musik erstirbt, Beifall brandet auf. Ein lang gezogener Pfiff aus einer der hinteren Reihen schmerzt in den Ohren. Ein paar hundert Menschen haben sich versammelt, um der Performance zuzusehen; Ntanga ist zufrieden. "Es gibt immer mehr Menschen, die uns zujubeln und sagen: Macht weiter so", freut sich der Mittdreißiger in Jeans und kurzärmeligem Khakihemd. "Aber die Mehrheit glaubt immer noch, wir können nichts. Schließlich sind wir nur Albinos."

"Albino Kulturbefreiungsfront" nennt sich Ntangas Ensemble, und der Name ist Programm. Mit Tanz, Musik, Theater und Filmvorführungen tourt die Gruppe seit Wochen durch Tansania und Nachbarländer, tritt in Clubs und auf staubigen Dorfplätzen auf. "Wir wollen den Leuten zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind", sagt Ntanga. "Für viele einfache Leute ist es das erste Mal, dass sie einen Albino bewusst ansehen und nicht einfach angeekelt wegschauen."

Der Kampf um mehr Verständnis für ihr Anderssein ist in Tansania nicht nur eine Frage der Emanzipation, sondern des Überlebens. Vor rund einem Jahr begannen die ersten Ritualmorde, bei denen Albinos lebend Arme oder Beine abgehackt wurden. Andere wurden umgebracht, bevor man ihnen die Haut abzog. "Nach Sonnenuntergang bin ich nicht mehr auf der Straße unterwegs", sagt Ntanga, der in einem der Armenviertel von Tansanias Drei-Millionen-Metropole Daressalam lebt.

Tansania gilt als das Land mit den meisten Albinos weltweit, schätzungsweise 200.000, wovon aber nur 4.000 registriert sind. Seit zwielichtige Wunderheiler die Parole ausgegeben haben, dass sie ihren Besitzer reich machen können, ist der Handel mit Albinokörperteilen ein Riesengeschäft. Die Polizei schätzt die Zahl der Morde auf mehr als 40. Ernest Kimayo glaubt aber, dass es wesentlich mehr sind, sie seien den Behörden bloß nie gemeldet worden. Auch er überlegt sich zweimal, wohin er geht. "Ich habe sogar Angst, tagsüber in ein Büro zu gehen oder Geschäftspartner zu treffen, weil ich nicht sicher sein kann, ob mich derjenige nicht an die Mörder verkaufen will", sagt der Vorsitzende des tansanischen Albinoverbandes. An die schiefen Blicke, die schwarze Tansanier den bleichen Albinos zuwerfen, hat Kimayo sich gewöhnt. Auch dass Leute die Straßenseite wechseln, wenn er kommt, berührt ihn nicht mehr. "Als Kind wollten mich immer alle betatschen: Wenn wir die Haut anfassen, fließt sofort Blut heraus, haben die gesagt", erinnert sich Kimayo. Doch Unverständnis und Diskriminierung sind das eine. "Es ging uns nie wirklich gut, aber so einen Horror wie jetzt haben wir noch nie erlebt."

In seinem kleinen, stickigen Büro auf dem Gelände des Ocean Road Hospital, einem der größten Krankenhäuser der Stadt, sammelt Kimayo die Geschichten der Opfer. Besonders schlimm, sagt er, sei die Lage im Westen Tansanias, wo der Geisterglaube sehr verbreitet ist. Auffällig viele Tote gab es in den Dörfern am Victoriasee, weil Fischer Albinohaare in ihre Netze flechten und damit auf eine größere Ausbeute hoffen. Auch in den Minen der Region glaubt man, dass der Gebrauch von Albinokörperteilen Glück beim Schürfen bringt.

Esther Charles war erst zehn Jahre alt, als sie von einer Bande in der elterlichen Hütte in ihrem Heimatdorf Shilela aufgespürt wurde. Das fröhliche Mädchen mit dem weißen Haar und den empfindlichen Augen wurde brutal ermordet: mit Macheten regelrecht in Stücke geschnitten. Finger, Augen, Geschlechtsteile oder auch nur ein Stück Haut bringen den Mördern weit mehr Geld, als sie sonst in einem Monat verdienen können, weiß Kimayo.

Auftraggeber der grausamen Verfolger sind anerkannte Wunderheiler. Und die sind aus dem tansanischen Alltag nicht wegzudenken. "Unternehmer legen Albinoschädel auf ihre Goldmine, damit das Gold auf magische Weise an die Oberfläche steigt", berichtet Kimayo. "Fischer benutzen Albinofleisch als Köder, weil sie glauben, dass die gefangenen Fische dann Gold im Bauch haben." Andere sind der Ansicht, dass sich ihre Krankheiten durch Albinokörperteile heilen lassen. Auf der Straße hört Kimayo ständig Getuschel.

Im winzigen Ort Kimnyak im Westen Tansanias, am Fuße des 4.600 Meter hohen Berges Meru, lebt der siebenjährige Metili Mollel bei seinen Großeltern. Er ist ein echter "weißer Maasai" - ein Albinojunge aus dem ostafrikanischen Hirtenvolk. Bis zum vorigen Jahr war sein schlimmster Feind die Sonne, die seine Haut erbarmungslos verbrennt. Dann wollte sein Vater ihn umbringen, weil bei den Maasai Albinos als Inkarnation des Teufels gelten. Großvater Samuel Mollel rettete seinem Enkel das Leben und nahm ihn auf, obwohl die Familie nur von ein paar Kühen und Ziegen und etwas Maisanbau lebt. "Ich darf nicht alleine auf die Straße", sagt der Junge. "Nicht mal zu den Nachbarn kann ich allein gehen." Auf der Straße wird er als "Zero Zero" beschimpft - als Brut des Teufels. Noch versteht er diesen Schimpfnamen nicht, aber seine Großeltern wissen Bescheid. In der schönen, leeren Savannenlandschaft ist die Polizei weit entfernt, und Albinos sind schutzlos. "Eigentlich ist der Kleine nie alleine. Wir haben ihn auch gewarnt, Süßigkeiten von Fremden anzunehmen", erzählt der Großvater.

Selbst die Schule stellt für Metili keinen sicheren Platz dar. "Meine Augen sind schlecht, ich kann oft nicht erkennen, was an der Tafel steht. Der Lehrer will, dass ich in eine Sonderschule gehe", erzählt der Junge mit leiser Stimme. In ganz Tansania gibt es nur eine solche Sonderschule - in der weit entfernten Hauptstadt Daressalam. Metili setzt sich in den Schatten des Hauses. Er ist ein einsamer Junge. Draußen spielen ist gefährlich, weil die Sonne Hautkrebs verursacht und ihm Mörder auflauern könnten. Im Haus zu bleiben ist das Beste, aber es macht einen Gefangenen aus ihm.

Nicht weit von Kimnyak entfernt, in der Stadt Arusha, bereiten sich Albinos auf die Selbstverteidigung vor. "Ich habe die erste Anzahlung für eine Pistole geleistet", erzählt Godson Mollel, Vorsitzender der Arusha-Abteilung der landesweiten Organisation Chama cha Albinos, die allerdings nur etwas mehr als 200 Mitglieder hat. Er ist mit dem kleinen Metili nicht verwandt - die meisten Maasai in der Arusha-Region heißen Mollel oder Leyser. Godson Mollel hat Angst. "Ich muss mich selbst schützen, weil die Behörden das nicht tun."

Um seinen Waffenschein zu lesen, muss sich der 40-Jährige den Zettel ganz dicht vor die Augen halten. Die Frage, ob es nicht gefährlich ist, eine Waffe zu besitzen, wenn er kaum sehen kann, ist für ihn nicht relevant. "Ich habe Angst", rechtfertigt er sich. "Tagsüber traue ich mich kaum auf die Straße, und abends schließe ich mich zu Hause ein. Eine Pistole verschafft mir Beruhigung."

In seinem Innenstadtbüro kann er kaum Gäste empfangen. Es reicht gerade für einen Tisch und einen Stuhl. Durch das offene Fenster dringen Geräusche vom nahen Markt hinein - eine andere Welt. "Ich habe selten Spaß im Leben", sagt Godson Mollel. "Vorige Woche erst ist ein Albino verblutet, während seine Angreifer ihm Beine, Penis und Hodensack abhackten. Dann rasierten sie ihm die Haare ab." Das Grab eines Albinos, der vor Kurzem in Arusha eines natürlichen Todes starb, musste zubetoniert werden. "Nur so kann seine Familie sicher sein, dass nachts nicht die Zauberer kommen, um die Leiche auszugraben", erzählt Godson.

Es ist schwer, Verständnis für seine potenziellen Mörder aufzubringen. Und doch ist es das, was Al-Shaymaa Kwegyir in der fernen Hauptstadt Daressalam jeden Tag aufs Neue versucht. "Die Leute sind arm und ungebildet", verteidigt die einzige Albinoparlamentarierin Tansanias diejenigen, die ihr und anderen Albinos nach dem Leben trachten. "Niemand hat ihnen je gesagt, dass wir ganz normale Menschen sind." Auch Kwegyir wurde als Kind gehänselt, "Niemand" nannten ihre Mitschüler sie oder "Geist". Jetzt wurde Kwegyir von Tansanias Präsident Jakaya Kikwete persönlich zur Parlamentsabgeordneten ernannt. "Als er mich angerufen hat, konnte ich kaum fassen, dass er denkt, dass ich genauso gut arbeiten kann wie ein normaler Mensch", platzt es aus der langjährigen Aktivistin heraus. Die immer wieder gehörten Vorurteile haben Narben hinterlassen. "Wenn ich mich um einen Job beworben habe, wurde ich als Einzige nicht zu einem Gespräch eingeladen, weil die Arbeitgeber dachten: Die kann ohnehin nichts."

Früher, sagt Kwegyir, seien Albinos oft schon nach der Geburt umgebracht worden. "Sie wurden ertränkt, oder man hat ihnen das Genick umgedreht. Ein Albinobaby galt als Fluch." Ihrer Mutter hat Kwegyir nie vergessen, dass sie ihr immer wieder versichert hat, wie sehr sie die Tochter liebt. "Sie hat gesagt, Gott hat mich so gewollt", sagt Kwegyir, und ihre Augen werden feucht. "Das gibt mir bis heute die Kraft, durchs Land zu reisen und Aufklärung zu betreiben."

Die Serie der Morde ist in jüngster Zeit abgeebbt. Dazu hat nach Ansicht der Abgeordneten auch beigetragen, dass die Regierung inzwischen zur Jagd auf die Albinomörder geblasen hat - mit dem Mittel der Denunziation. "Wir haben im ganzen Land Urnen und Wahlkabinen aufgestellt, und im Schutz der Anonymität konnten die Leute die Namen derer aufschreiben, die sie für schuldig halten." Kwegyir glaubt, dass mindestens vier Arten von Gangstern am Albinogeschäft mitverdienen. "Es gibt Scouts, die herausfinden, wo Albinos leben, es gibt die Mörder, dann diejenigen, die die Körperteile abtrennen und verkaufen, und schließlich gibt es noch die Kunden."

Derzeit stellt die Regierung Listen aller Personen zusammen, die in eine dieser Kategorien fallen. Was genau mit den Verdächtigten geschehen soll, weiß Kwegyir nicht - schließlich gibt es auch in Tansania Gesetze, die die Strafverfolgung regeln. "Wir wollten den Mördern vor allem Angst machen, und das ist uns gelungen." Mehr als 200 Menschen wurden verhaftet, bestätigt Godson Mollel in Arusha - verurteilt wurde noch niemand.

Die Albino-Selbsthilfegruppen lassen nicht locker. Sie haben zusammen mit Menschenrechtsorganisationen Klage beim Obersten Gericht eingereicht, weil die Regierung Leben und Gesundheit von Albinos nicht schütze und damit die tansanische Verfassung verletze. Letzte Woche begannen die Anhörungen in der Sache.

Die Sensibilisierung der tansanischen Öffentlichkeit für die Albinos ist neu - wie auch die Aufmerksamkeit für die geheime Welt der Wunderheiler. Maimuna Ramadhani hat in Arusha ein winziges Geschäft, eingeklemmt zwischen einer Schneiderei und einem Friseursalon. Sie verkauft Kräuter gegen eine Vielzahl von Krankheiten und Beschwerden. Sie benutze keine Albinokörperteile, sagt sie, "nicht mal Blut von Tieren. Ich verarbeite bloß Pflanzen und Wurzeln. Ich bin eine Naturheilerin, kein Zauberer." Dennoch bietet auch sie ein Öl für die Stirn an, das Glück bringen soll.

"Ich glaube nicht, dass die tansanianischen Zauberer verantwortlich sind", sagt sie zu den Morden und hat dafür eine professionelle Erklärung: "Man muss die Haut vom Fleisch trennen. Dazu braucht man Chemikalien, und die haben wir in Tansania genauso wenig wie Kenntnisse darüber." Die Regierung hat vorläufig allen Naturheilern und Zauberern die Arbeit verboten. Aber die Geschäfte gehen weiter wie früher.

Keiner scheint zu wissen, warum die Gewaltwelle gegen Albinos 2007 anfing. Godson Mollel glaubt, nigerianische TV-Filme sind schuld. Das sind Dramen voller Geister, Zauberer und Wunder. In Nigeria ist der Glaube, dass Albinos außerordentliche Kräfte besitzen, weit verbreitet. Sie werden oft eingeladen, um Segnungen auszusprechen, etwa beim Bezug eines neuen Hauses oder der Eröffnung eines neuen Betriebes. Dort ist ihr Anderssein positiv besetzt.

Die billig produzierten und verkauften nigerianischen Videos, als "Nollywood" bekannt, sind in ganz Afrika verbreitet. "Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwindet für dumme Menschen", meint Godson Mollel. "Irgendwie muss es ein paar Menschen auf tödliche Gedanken gebracht haben." Auch der Aktivist Kimayo warnt: "Im Fernsehen laufen immer mehr nigerianische Serien und Filme, in denen Geisterheiler eine schier unbegrenzte Macht haben. Das stärkt natürlich die traditionell ohnehin schon mächtigen Heiler im Dorf."

Dazu kommt die Gier. Am Anfang gruben die Beschaffer noch Leichen von Albinos auf Friedhöfen aus, um die Nachfrage zu bedienen. Als aber ein vollständiger Albinokörper bis zu 350.000 Euro einbrachte, schlossen sich überall im Land Kopfjäger der Hatz an. Auch in Kenia hat es die ersten Morde gegeben. In Burundi, wo am 19. Mai in der Stadt Ruyigi nahe der Grenze zu Tansania der erste Prozess wegen einer Serie von Albinomorden begann, hat der oberste Staatsanwalt der Grenzregion alle Albinos der Gegend in sein Haus einquartiert, das er wie eine Festung schützt. Den langen Marsch nach Ruyigi legen die meisten fernab der Hauptstraßen im Schutz der Dunkelheit zurück.

(Copyright die tageszeitung, 29.5.09)

Mittwoch, 11. März 2009

Kontinent meistbietend zu verkaufen


Tröstende Worte hatte IWF-Chef Dominic Strauss-Kahn für die Finanzminister und Funktionsträger aus Afrika in der tansanischen Hafenstadt nicht übrig: "Auch wenn es gedauert hat, bis die Krise Afrika erreicht hat: Sie kommt, und ihre Folgen werden schwer sein." Strauss-Kahn sprach seine Warnung auf dem Gipfeltreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus, der am Dienstag in Daressalam begann. "Afrikas Aufschwung wird enden, Millionen werden erneut verarmen", sagte der IWF-Chef. Schon die bislang befürchtete Halbierung des afrikanischen Wirtschaftswachstums auf 3 Prozent sei kaum zu halten, so Strauss-Kahn.

Vor allem Afrikas reichere Nationen spüren die Krise schon seit Monaten. Händeringend suchen Regierungen nach neuen Einnahmequellen - und haben eine der letzten begehrten Ressourcen entdeckt, die ihnen noch zum Verkauf bleibt: Land. Weil Erz- und Ölpreise gesunken sind, Investoren und Touristen ausbleiben und afrikanische Auswanderer immer weniger Geld aus dem Ausland nach Hause überweisen können, klingen die Angebote vor allem aus Asien und Arabien immer attraktiver. Schon in wenigen Wochen wird der saudische Konzern Hadco auf seinen Feldern im Sudan die erste Ernte einfahren. Gemüse, Weizen und Viehfutter von 10.000 Hektar Land sollen helfen, den seit Jahren steigenden Bedarf an Lebensmitteln in Saudi-Arabien zu decken. Für das Land an den fruchtbaren Bänken des Nils hat Hadco unbestätigten Informationen zufolge 95 Millionen US-Dollar Pacht an die Regierung in Khartum gezahlt - und mehr Geld soll folgen. Sudans Regierung hat den Golfstaaten angeblich bereits 900.000 Hektar bestes Farmland zugesagt, für 99 Jahre Pacht. Offiziell will das in Khartum freilich niemand bestätigen. Denn der Verkauf von Ackerland an ausländische Investoren ist bei den Bürgern, fast überall in Afrika überwiegend Kleinbauern, nicht sonderlich beliebt. Am höchsten hinaus will der koreanische Mischkonzern Daewoo, der auf Madagaskar Futtermais und Ölpalmen anbauen will. 1,3 Millionen Hektar hat die Regierung des bettelarmen Inselstaats dafür bereitgestellt. In Kenias Tana-Flussdelta sollen 40.000 Hektar Land an den Golfstaat Katar verpachtet werden - zum Anbau von Früchten und Gemüse. Ein Viertel Ersparnis gegenüber dem Weltmarktpreis erwarten die Regierungen, die mit den Verpachtungen praktisch ihr Hoheitsgebiet erweitern. Von "Neokolonialismus" sprechen denn auch Kritiker wie der britische Umweltschützer George Monbiot. "Früher haben die reichen Nationen Kanonenschiffe und Glasperlen eingesetzt, heute sind es Anwälte und Scheckbücher", so Monbiot. "Der Westen will sich mit aller Kraft vor der drohenden Nahrungsmittelkrise retten, auch wenn das heißt, das Menschen anderswo verhungern werden."

Doch diese Kritik teilen nicht alle. Der Nahrungsmittelexperte des UN-Umweltprogramms, Christian Nellemann, betont, es führe kein Weg daran vorbei, die vorhandenen Ackerflächen besser zu bewirtschaften. "Wir müssen auch verhindern, dass mehr als die Hälfte aller geernteten Güter bei Transport und Lagerung verloren gehen", so Nellemann. "Aber wir müssen auch die Ernteerträge erhöhen, wenn wir angesichts des Bevölkerungswachstums die drohende Hungerkrise aufhalten wollen."

Mary Fosi, Staatssekretärin in Kameruns Umweltministerium, bettelt förmlich um Investoren: "Hauptsache, jemand entwickelt unsere Landwirtschaft." Natürlich wäre es schöner, wenn Kamerun Unterstützung beim Aufbau seiner eigenen Landwirtschaft bekäme, sagt Fosi. "Aber wir können es uns eben nicht aussuchen."

(Copyright die tageszeitung, 11.3.09)

Mittwoch, 4. Februar 2009

Das Elend der Bleichen


Wenn die Sonne rot glühend im indischen Ozean vor Daressalaam versinkt, schlägt Ernest Kimayo einen schnelleren Schritt ein, um rechtzeitig vor der Dunkelheit zu Hause zu sein. Früher hat der vierfache Vater die Nacht geliebt, wenn die gleißenden Sonnenstrahlen verschwunden sind und Kimayo sich ohne Kopfbedeckung durch die Straßen von Tansanias Hauptstadt bewegen konnte. Doch diese Zeiten sind vorbei. Seit einem Jahr fürchtet sich der Albino vor seinen potenziellen Mördern, die ihn in Stücke hacken und seine Körperteile an Zauberheiler verkaufen wollen. Überall im Land sind solche Morde passiert, auf mehr als 40 schätzt die Polizei die Zahl der Opfer. Kimayo fürchtet, er könnte der nächste sein.

"Ich habe Angst, in eine Bar zu gehen oder an den Strand", sagt Kimayo, der in einem engen, stickigen Büro sitzt, das dem Ocean Road Hospital, einem der größten Krankenhäuser der Stadt, angeschlossen ist. "Ich habe sogar Angst, tagsüber in ein Büro zu gehen oder Geschäftspartner zu treffen, weil ich nicht sicher sein kann, ob derjenige mich an die Mörder verkaufen will."

An die schiefen Blicke, die schwarze Tansaniern den bleichen Albinos zuwerfen, hatte Kimayo sich gewöhnt. Auch dass Leute die Straßenseite wechseln, wenn er kommt, berührt ihn nicht. "Als ich ein Kind war, wollten die anderen mich immer betatschen: wenn wir die Haut anfassen, fließt das Blut sofort raus, haben sie gesagt", erinnert sich Kimayo. "Unverständnis und Diskriminierung gab es immer, aber so einen Horror wie jetzt haben wir noch nie erlebt."

Besonders schlimm ist es auf dem Land, im Westen Tansanias, wo der Geisterglaube bis heute weit verbreitet ist. Die kleine Esther Charles war erst zehn Jahre alt, als eine Bande sie in der Hütte der Eltern in ihrem Heimatdorf Shilela aufspürte. Das fröhliche Mädchen mit seinem weißen Haar und den empfindlichen Augen wurde mit Macheten in Stücke geschnitten. Finger, Augen, Geschlechtsteile oder auch nur ein Stück Haut bringen den Mördern mehr Geld, als sie sonst in einem Monat verdienen können, sagt Kimayo. Auftraggeber der grausamen Verfolger sind anerkannte Geisterheiler, die ihren Kunden Reichtum versprechen. "Unternehmer haben Albinoschädel auf ihre Goldmine gelegt, damit das Gold auf magische Weise an die Oberfläche wandert", weiß Kimayo. "Fischer benutzen Albinofleisch als Köder, weil sie glauben, dass die gefangenen Fische dann Gold im Bauch haben." Andere sagen, Krankheiten könnten mit Hilfe von Albino-Körperteilen geheilt werden. Auf der Straße hört Kimayo ständig Getuschel. "Da geht unser Glück vorbei, sagen die einen. Lass es uns tun, wir brauchen das Geld, sagen andere."

Kimayo kennt fast alle Geschichten. Er ist Vorsitzender des tansanischen Albinoverbandes, der in dem stickigen Büro seinen Hauptsitz hat. Dass die Zentrale auf dem Krankenhausgelände liegt, nicht weit von der Krebsstation entfernt, hat seine Gründe. "Es ist ein Fluch, in Afrika ohne schützende Hautpigmente geboren zu werden", seufzt Kimayo, der selbst in geschlossenen Räumen eine Sonnenbrille trägt. Die Sonne scheint so stark, dass viele Albinos schon im Teenageralter Hautkrebs entwickeln. Viele sterben vor ihrem dreißigsten Geburtstag. Eine medizinische Behandlung können sich die meisten der auf 200 000 geschätzten tansanischen Albinos schlicht nicht leisten. "Viele von uns brechen die Schule ab, weil unsere Augen sehr schwach sind und es in den Schulen keine Unterstützung gibt", sagt Kimayo.

Andere Tansanier schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch; das können Albinos nicht. "Erntehelfer, Straßenverkäufer, Autowäscher arbeiten alle unter der brennenden Sonne, gegen die wir keinerlei natürlichen Schutz haben." Deshalb leiden die meisten Albinos Armut. Bisher war das wichtigste Projekt von Kimayos Organisation, genug Geld für Sonnencreme und breitkrempige Hüte zusammenzubekommen. Sonntags traf man sich, um gemeinsam zu essen und sich um die besonders Bedürftigen zu kümmern. Doch die knapp 12 000 Euro, die ihm im vergangenen Jahr Spender, vor allem in Tansania lebende Ausländer, zur Verfügung stellten, reichten schon dafür vorne und hinten nicht. Gegen die neue Gefahr haben die Albinos erst recht kaum Mittel.

Kimayo, 41, zeigt achselzuckend auf ein Telefon, das auf dem staubigen Holztisch steht. "Die Polizei hat uns das geschenkt, damit wir sie im Notfall alarmieren können." Doch einem Verfolgten auf dem Land nutzt das wenig. Dabei hat Tansanias Präsident Jakaya Kikwete die grausamen Morde zur Chefsache gemacht. "Diese Morde sind eine Schande für unsere Gesellschaft", erklärte er in einer eigens angesetzten Fernsehansprache. "Man wird nur durch harte Arbeit reich und nicht, indem man Mitbürger ermordet und zerstückelt." Kikwete hat die Registrierung von Albinos angeordnet, um sie besser schützen zu können. Eine Albinoaktivistin ernannte er zur Abgeordneten, als Signal, dass Albinos vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sind. Zauberheilern im ganzen Land entzog man die Lizenzen, jetzt müssen sie sich prüfen lassen. Kimayo wurde dieser Tage für sein Engagement mit einem Staatspreis ausgezeichnet. Doch der Horror geht weiter: Gerade erst wurde in der Nähe des Viktoriasees wieder ein Albino ermordet.

"Die Menschen glauben ihren Heilern, sie stellen keine Fragen", glaubt Kimayo. "Viele denken, die sind so bleich, die sind eh keine Menschen, sondern Geister, das macht die Grausamkeit umso leichter." Dazu kommt die Gier. Anfangs gruben die Zulieferer der Zaubermeister Leichen von Albinos auf Friedhöfen aus, um die Nachfrage zu bedienen. Heute, wo ein vollständiger Albinokörper für angeblich 350 000 Euro verkauft wird, haben sich überall im Land Kopfjäger der Hatz angeschlossen. "Einer Frau schlugen sie beide Beine über den Knien ab und ließen sie einfach verbluten lassen, weil ein Heiler Beine brauchte", berichtet Kimayo mit stockender Stimme.

Längst müssen auch Albinos in den Nachbarländern um ihr Leben fürchten. In Burundi hat der oberste Staatsanwalt einer Grenzregion zu Tansania alle Albinos der Gegend in sein Haus einquartiert, das er wie eine Festung schützt. Den langen Marsch in die Provinzhauptstadt Ruyigi legen die meisten nur im Schutz der Dunkelheit, fernab der Hauptstraßen zurück. Auch in Kenia hat es die ersten Morde gegeben.

Dass die Armen auf dem Land ihre Hoffnung auf skrupellose Geisterheiler setzen, hat viele Gründe. Die meisten der vierzig Millionen Tansanier leben unterhalb der Armutsgrenze, wie Generationen vor ihnen. Allerdings ist das Fernsehen in ihr Leben getreten, "Da laufen immer mehr nigerianische Serien und Filme, in denen Geisterheiler eine schier unbegrenzte Macht haben, das stärkt natürlich die traditionell ohnehin schon mächtigen Heiler im Dorf," sagt Kimayo.

In der Stadt ist es kaum anders: In Daressalaam leben drei Millionen Menschen, Slums umringen die Innenstadt mit ihrer Kolonialarchitektur. In den wuchernden Armenvierteln regeln die Menschen ihr Zusammenleben vielfach bis heute wie in einer dörflichen Gemeinschaft. Um weitere Morde zu verhindern, glaubt Kimayo, muss man auf diese Menschen zugehen. "Wir versuchen, in Schulen und anderswo aufzuklären und Diskussionen zu veranstalten, aber das ist nicht leicht."

Kimayo verriegelt am Abend die Tür seines Hauses besonders früh, um sich in Sicherheit zu bringen. Zumindest um seine Kinder, sagt Kimayo, muss er sich nicht sorgen. Er ist mit einer schwarzen Tansanierin verheiratet. "Alle meine vier Söhne sind schwarz." Welch eine Erleichterung für den Vater.

(Copyright Berliner Zeitung, 4.2.09)

Mittwoch, 12. März 2008

MERIAN live! Kenia, Tansania, Sansibar


Aktuell erschienen ist der von mir geschriebene Reiseführer Kenia, Tansania, Sansibar in der Reihe MERIAN live!, der auf fast 130 Seiten kompakte Informationen zu einer der schönsten Regionen Afrikas bietet:

Weiße Traumstrände, weite Savannen, hohe Berge und vor allem gastfreundliche Menschen machen Kenia, Tansania und Sansibar zu einem abwechslungsreichen Traumziel. Hier versammeln sich auf engem Raum so viele Möglichkeiten, den Urlaub zu gestalten, dass es schwer ist, sich für etwas zu entscheiden. Wer den Großteil seines Urlaubs am Strand verbringt, sollte zumindest einen Abstecher auf Safari machen, um die sagenhafte Wildnis Ostafrikas kennenzulernen. Deren Ausmaß ist nach europäischen Maßstäben kaum zu fassen: In Kenia stehen nahezu zehn Prozent der Landesfläche unter Schutz, in Tansania sind es sogar 20 Prozent. Zu den Schutzgebieten zählt auch der höchste Berg Afrikas, der 5.895 Meter hohe, schneebedeckte Kilimanjaro, und der fast 5.000 Meter hohe Mount Kenya, die beide ohne Steigeisen erklommen werden können. Auch die großen Städte Nairobi und Mombasa sind eine Erkundung wert: Hier spielt sich das »echte Leben« ab. An der Küste, vor allem auf den Inseln Sansibar und Lamu, kann man weitgehend unverfälschte Suahelikultur kennen lernen, die Jahrhunderte zurückreicht - Ruinenstädte an der Küste zeugen davon. An den Traumstränden mit Kokospalmen, blendend weißem Sand und türkisenem Wasser kann man zudem nicht nur sonnenbaden. An den meist gut erhaltenen Riffen sollte man unbedingt einen Tauchgang wagen. (Aus dem Einführungskapitel)

Das Buch ist ab sofort im Handel erhältlich oder kann mit einem Klick auf die Überschrift direkt bei amazon.de bestellt werden.

Marc Engelhardt: MERIAN live! Kenia, Tansania, Sansibar; München 2008 (Travel House Media)