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Dienstag, 4. Dezember 2007

Zu viel Regen, zu wenig Wasser


Höhere Temperaturen, mehr Wetterextreme, Dürren und Fluten - der Klimawandel hat das Leben der Menschen in Afrika bereits verändert: In Mauretanien breitet sich die Sahara immer weiter aus, nomadisches Leben ist kaum noch möglich.

Im Victoriasee wird das Wasser wärmer, der Regen bleibt aus, der See schrumpft. Dadurch stirbt der Fischnachwuchs, der verbleibende Fisch ist zu teuer, die Fischer werden arbeitslos.

Im amharischen Hochland regnet es zu viel. Weil die Wälder dort weitgehend abgeholzt sind, zerstört die zunehmende Erosion auch die Äcker der Bauern.

(Feature auf DeutschlandRadio Kultur, 4.12.2007)

Samstag, 1. Dezember 2007

Heiß, zu heiß


Als die Koffer für diese Reise durch Afrika schon gepackt sind, ist es September. Das Fernsehen zeigt die ersten Bilder von Überschwemmungen in Ghana, Uganda und anderen afrikanischen Ländern. Vom Atlantik bis zum Indischen Ozean melden sechzehn Staaten gleichzeitig "Land unter" - genau, wie der Weltklimarat es vorhergesagt hatte.

Wegen der steigenden Temperaturen, heißt es in dessen aktuellem Bericht, müssten die Bewohner Afrikas immer öfter mit extremen Wetterlagen klarkommen - mehr Überschwemmungen, mehr Dürren. Kein Kontinent, prognostizieren die Klimaforscher, werde stärker unter dem Klimawandel zu leiden haben als Afrika - und keiner sei so schlecht auf die Folgen vorbereitet.

Trotzdem wird beim Klimagipfel in Bali nur wenig über Afrika gesprochen, und wie üblich wird sich kaum ein afrikanischer Politiker in die Debatte einmischen. Wangari Maathai, Kenias berühmte Umweltpolitikerin, macht dafür vor allem Unwissen verantwortlich. "Afrika erhebt seine Stimme nicht, weil die Menschen hier nicht genug Erfahrungen gemacht haben", sagt die Friedensnobelpreisträgerin, "Sie müssen erst erleben, dass Temperatursteigerung, lange Dürreperioden und die Schneeschmelze auf dem Mount Kenya keine vorübergehenden Ereignisse sind." Ohne den Druck der Betroffenen aber, so Maathai, würden sich afrikanische Politiker nicht rühren.

Doch auch jene, die die klimapolitischen Hintergründe nicht kennen, müssten doch längst Veränderungen in ihrem täglichen Leben spüren. Diese Reise, einmal quer über den Kontinent, soll dieser Vermutung nachgehen.

Die Tour beginnt auf einem Feld im äthiopischen Hochland. Ato Mulualem Birhane und seine Frau hocken zwischen dem Tef, dem hier am häufigsten angebauten Getreide, sie rupfen Unkraut. Maschinen gibt es nicht auf den kleinen und unebenen Feldern hier, alles geht von Hand. Die Ernte könnte gut werden in diesem Jahr, sagt der 48-jährige Mulualem - wenn das Wetter mitspielt. "Früher gab es einmal im Jahr eine feste Regenzeit", erzählt er, "aber seit ein paar Jahren kommt sie mal, mal kommt sie nicht, dann regnet es zu stark oder zur falschen Zeit." Hinter den beiden Bauern, die hier in Dembecha, 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, ihre Farm betreiben, türmen sich dunkle Wolken auf. In der Ferne donnert es. Ein schweres Gewitter naht.

Extreme Wetterlagen erleben die Bauern hier inzwischen immer öfter. Im Jahr zuvor sind in einer schlimmen Flut 900 Menschen umgekommen, Hunderttausende haben damals ihren gesamten Besitz verloren. "So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen", sagt der Vorsitzende des Äthiopischen Umweltforums, Negusu Aklilu. "Und nicht nur Überschwemmungen, auch Dürren werden in Äthiopien allmählich vom Phänomen zur Normalität." Die Folgen sind katastrophal, denn in Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Erde, sind die Bauern mehr als anderswo davon abhängig, eine gute Ernte einzufahren. Farmer Mulualem berichtet, dass das Wetter inzwischen selbst dann verrückt spielt, wenn der Himmel blau ist: "Früher hatten wir im Hochland moderate Temperaturen, aber inzwischen ist es hier heiß, zu heiß."

Über die steigende Temperatur klagt auch Peter Mireri von der Umweltgruppe Freunde des Viktoriasees. Nur dass hier in Uganda die Auswirkungen andere sind. Mireri steht am Anfang eines langen Steges, gut 150 Meter ragt der in den Viktoriasee hinein. "Hier, wo wir jetzt stehen" sagt er, "haben wir noch vor drei Jahren unsere Boote vertäut." Er zeigt zum Ende des Stegs: "Inzwischen mussten wir den Steg bis da hinten verlängern!"

Nach drei Jahren Dürre hat es in diesem Jahr am Viktoriasee erstmals wieder geregnet, doch der Pegel ist kaum gestiegen. Die Trockenheit macht dem größten See Afrikas schwer zu schaffen: zu siebzig Prozent speist er sich aus Regenfällen, wichtige Zuflüsse gibt es kaum, erklärt Mireri. "Und weil es jetzt auch noch wärmer geworden ist, verdunstet das Wasser wieder stärker."

Der Umweltaktivist ist sich sicher, dass das Sinken des Pegels einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass es immer weniger Fische im See gibt. Vor allem die Laichplätze litten unter der Klimaerwärmung. "Der in den Uferzonen abgelegte Laich wird so warm, dass die Fische nie schlüpfen." Deshalb bleiben die Netze der wenigen, die noch von Kisumu aus in See stechen, oft leer.

Fischer Nicholas und sein Bootsmann brauchen jeden Tag acht Stunden, um ihre am Abend zuvor ausgelegten Netze zu kontrollieren. Früher, erinnert sich Nicholas, verfingen sich in den Netzen große Tilapiafische, "und auch Viktoriabarsche". Das ist längst vorbei. Der Viktoriabarsch, in den Sechzigerjahren im See ausgesetzt, hat sich massenhaft vermehrt und dafür gesorgt, dass andere Fischarten ausstarben. Heute gibt es hier fast nur noch den Viktoriabarsch, der Fisch wird in den zahllosen Fabriken am Ufer filetiert und gleich nach Europa weiterverkauft.

Als Nicholas am Abend festmacht, kann er den wartenden Zwischenhändlern gerade mal dreißig kleine Fische anbieten. Drei Euro hat er heute verdient. Weil es zu wenig Fische gibt, verrotten im einst größten Fischereihafen von Kisumu die Boote. Verlierer sind aber auch die Bewohner Kisumus, die sich ihren eigenen Fisch immer seltener leisten können: Der Preis hat sich binnen zwei Jahren vervierfacht. Am Straßenrand werden stattdessen Fischgräten gewaschen, die bei der Filetierung des Nilbarschs übrig bleiben. Sie werden getrocknet und dann in heißem Fett ausgebacken. Was übrig bleibt, wird mit scharfer Soße gegessen oder zu Suppe verarbeitet. Mehr gibt der See für seine Anrainer nicht mehr her.

"Natürlich ist der Klimawandel nur ein Faktor von mehreren", sagt Umweltaktivist Mireri. Überfischung, Ablassen des Wassers in Kraftwerke auf der ugandischen Seite und andere Faktoren spielten auch eine Rolle. "Aber der Klimawandel kommt obendrauf, verschlechtert die ohnehin schlimme Lage und gibt dem See den letzten Rest."

Einige hundert Kilometer weiter westlich steht das staatliche Krankenhaus von Hoima. Jeden Tag stirbt hier mindestens ein Kind an Malaria. Die von Moskitos übertragene Krankheit kann in kurzer Zeit schwere Formen annehmen. "Blutarmut, Unterzuckerung, Erkrankungen der Lunge oder des Gehirns - das sind alles Komplikationen, die wir hier regelmäßig sehen", erklärt der Kinderarzt Tom Ediamu, der seit mehreren Jahren hier im Westen Ugandas arbeitet. Ediamu nennt Malaria eine "Killerkrankheit", und das ist sie, nicht nur hier. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sterben jedes Jahr 2,7 Millionen Menschen an der von Anophelesmücken übertragenen Krankheit. Drei Viertel von ihnen sind Kinder.

Monat für Monat kommen zu Ediamu und seinen Kollegen 5.000 neu infizierte Kinder. "Es gab hier schon immer Malaria, sagt der Arzt, "aber seit ein paar Jahren nimmt die Zahl der Fälle ständig zu." Vor der Kinderstation sitzen Familien unter freiem Himmel, sie warten auf ein freies Bett. Den Grund für den Ansturm kennt Ediamu: Es ist der Klimawandel. "In der langen Regenzeit zwischen September und November regnet es seit einigen Jahren viel mehr als üblich", sagt er. Wo immer dann Wasser in Pfützen steht, entwickeln sich die Larven der Anophelesmücke besonders schnell. Die Beobachtung des Arztes deckt sich mit der Analyse des Weltklimarats. Ähnliche Entwicklungen dokumentiert der Rat überall in Afrika, seit sich die Regenzeiten verschoben haben.

Weil es insgesamt wärmer ist, breitet sich die Malaria heute selbst dort aus, wo der Erreger wegen niedriger Temperaturen früher nicht überleben konnte, zum Beispiel im Hochland. "Ich komme aus dem Südwesten Ugandas und hatte nie Malaria, bis ich mit 18 nach Kampala gezogen bin", erinnert sich Achilles Byaruhanga, Direktor von der Umweltschutzorganisation Nature Uganda. An Malariafälle in seiner Heimat am Fuß der Rwenzori-Berge kann er sich nicht erinnern. "Heute wird die gleiche Gegend als endemisches Gebiet für Malaria geführt, die Zahl der Fälle nimmt ständig zu." Vor allem für arme Menschen auf dem Land ist Malaria gefährlich. Oft haben sie schon andere Krankheiten, oder sie leiden unter Fehl- oder Mangelernährung, sodass ihr Immunsystem geschwächt ist.

Letzte Etappe der Reise ist Westafrika. Im leichten Zelt der Nomaden gießt Aïcha den Tee auf. Die Tradition in Mauretanien gebietet es, dass jeder Besucher, der die Sahara durchquert hat, mindestens drei Tassen leeren muss - so soll sein Überleben gesichert werden. Doch entgegen aller Tradition sind im Süden des Wüstenstaats die Nomaden längst sesshaft geworden.
Sidi el Moctar ist aus Schaden klug geworden, seit der ersten schweren Dürre in den 70er-Jahren schützt er die letzte Oase, die hier noch Wasser führt, um den nun sesshaften Nomaden ein bisschen Land- und Viehwirtschaft zu er möglichen. 5.000 Bäume müssen el Moctar und seine Helfer jedes Jahr anpflanzen, um die Dünen aufzuhalten, die wegen der zunehmenden Hitze und der immer größeren Trockenheit schneller vorrücken als je zuvor. Das Vordringen der Wüste in den Sahelgürtel, in Mauretanien das fruchtbarste Land, können selbst die Schutzwälle kaum noch aufhalten. "Wir haben große Angst vor dem Klimawandel", sagt el Moctar. "Wir gehen unter, wenn wir nicht unermüdlich gegen den Vormarsch der Wüsten kämpfen. Zwischen hier und Atar im Norden lebt inzwischen niemand mehr, dort gibt es kein Wasser mehr."

Längst fordern Afrikas Umweltschützer, die ich auf dieser Reise getroffen habe, von der Staatengemeinschaft mehr als nur die Reduzierung der Treibhausgase. Sie wollen von den Verursachern des Klimawandels konkrete Hilfe, um die Folgen abfedern zu können. Negusu Aklilu ist enttäuscht, wie wenig Hilfe Afrika bislang bekommt. "Ein Sprichwort sagt: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit", sagt er. "Ich glaube nicht, dass Politiker überall auf der Welt den ärmsten Teil der Erde hassen, aber wir sind ihnen egal."

(Copyright die tageszeitung, 1.12.07)

Mittwoch, 28. November 2007

Wenn die Wüste Bücher verschlingt


Wenn die Sonne in einem diffusen Schimmer den Horizont grau färbt, ist das Leben in Chinguetti bereits voll im Gang. In weiße Kaftane gehüllte Männer treiben ihre Kamelherden hinaus in die Dünen, die die Karawanenstadt inmitten der Sahara umgeben. Hier, im Nordosten des Wüstenstaats Mauretanien, hat sich in den mehr als 700 Jahren seit der Gründung Chinguettis vieles kaum verändert. Natürlich gibt es inzwischen Mobiltelefone, mit denen die Kameltreiber sich irgendwo da draußen in der Wüste verabreden können. Manche haben Autos, mit denen sie durch den meist trocken liegenden Wadi preschen. Doch wer irgendwo anklopft und um Auskunft bittet, wird zunächst zu einem Glas süßen Tee mit einem Hauch Minze eingeladen. Der Tee muss mehrmals hin und her geschüttet werden, damit er ausreichend schäumt. Drei Gläser muss der Gast trinken, erst ein viertes darf er ausschlagen.

Mit solchen Traditionen soll das Überleben derjenigen gesichert werden, die den weiten Weg durch die Wüste hinter sich gebracht haben. Wer es nach Chinguetti geschafft hat, ist zweifellos weit gereist. Wie die Karawanen, die im 12. Jahrhundert aus Arabien kamen, um Gold, Elfenbein und andere afrikanische Kostbarkeiten einzukaufen. Mit ihnen kam der Islam. Chinguetti gilt als "das siebte Mekka" und ist seit jeher für seine Schriftgelehrten berühmt, die schon vor hunderten von Jahren Traktate zur Auslegung des Korans verfassten, ebenso wie wissenschaftliche Schriften. Bis heute sind Religion und Handel die Taktgeber im Leben Chinguettis.

Auf der Marktstraße im Schatten der neuen Moschee haben sich wie jeden Morgen fliegende Händlerinnen und Händler vor den wenigen Läden versammelt. Während sie ein paar Tomaten, gelbleuchtende frische Datteln oder in kostbares Wasser getauchte Minze feilbieten, erzählen sie von den Veränderungen. "Es ist heißer geworden, immer heißer", sagt Fatimah, deren Gesicht schwarz verschleiert ist. "Viele meiner Verwandten waren Nomaden und sind jetzt sesshaft geworden, weil es selbst das wenige, was wir früher in der Wüste hatten, nicht mehr gibt." Unvorhersagbar sei die Sahara geworden, pflichtet Fatimas Nachbarin bei: Wo es früher stets Wasserlöcher gegeben hätte, seien sie heute im Sand verschwunden. "Das wenige Ackerland ist von Dünen förmlich überspült worden."

Klimaforscher führen den noch schnelleren Vormarsch der Dünen, die Desertifikation, direkt auf gestiegene Temperaturen zurück. Diese begünstigen stärkere Winde, die den Sand vor sich hertreiben und seine zerstörerische Kraft verstärken. Eine halbe Stunde Fahrt in die Sahara bringt uns zu einem kleinen Dorf mit quadratischen Hütten aus Lehm. Haus und Palmenhain, gespeist aus einem nahen Brunnen, sind von Zäunen aus Palmblättern und Holz umgeben, die den Sand aufhalten sollen. "Das ist eine traditionelle Technik, denn Wüstenvormarsch hat es schon immer gegeben", erklärt Lemine, der aus dieser Gegend stammt. "Aber die Wucht des Sandes ist so stark geworden, dass die Zäune nicht mehr halten. Dieses Dorf wird langsam vom Sand eingeschlossen. Man kann nichts dagegen tun."

In Chinguetti selbst ist es ähnlich. Während das Leben in der höher gelegenen Neustadt mit ihrer Marktstraße blüht, ist in der Altstadt jenseits des Wadis kaum eine Menschenseele unterwegs. Einer der wenigen, der hier noch die Stellung hält, ist Saif Islam, 59. Er ist der Spross einer Familie, die seit Jahrhunderten die einzigartigen Bücher und Schriften der Glaubensgelehrten in einer Privatbibliothek aufbewahrt. Mehrere solche Bibliotheken in ihren historischen Gebäuden sind der Grund dafür, dass die Unesco Chinguetti zum Weltkulturerbe ernannt hat. "Das Haus ist fast so alt wie die Schriften", erklärt Islam, der mit einem Schlüssel von der Größe eines Handfegers das rappelnde Schloss öffnet und den schweren Holzriegel zurückschiebt. Er öffnet ein zweites Portal, das vom Innenhof abgeht, bückt sich durch die Tür, die kaum höher als einen Meter ist, und steht in seiner Bibliothek. "Dies ist eines der größten Bücher, die ich habe, es stammt aus dem 17. Jahrhundert: der Hadith, die Worte des Propheten", sagt Islam und zieht ein gebundenes Buch aus einem einfachen Pappschuber, mit dem er die unersetzlichen Werke gegen Staub und Termiten schützt.

Islam kennt seine Bücher, die sich seit 1698 im Besitz seiner Familie befinden. Blind greift er in die Regale und fördert Kostbarkeiten zu Tage. "Dies ist der einzige Koran in Chinguetti, der auf Gazellenhaut geschrieben ist, und hier eine Grammatik aus dem 15. Jahrhundert - der Text in Rot, die Anmerkungen in Schwarz." Der mehrfache Großvater und seine Familie leben davon, dass diese Bücherei existiert. "Dies ist eine Privatsammlung, keine öffentliche Bücherei", sagt er. Die Regierung im fernen Nouakchott hat einmal versucht, die Besitzer zu enteignen und die Schriften in eine öffentliche Bücherei zu legen. In dem leeren Gebäude verstauben heute die Regale. Heute bangt Islam aus anderen Gründen um seine Bibliothek. Er kennt den vor zwei Jahren veröffentlichten Bericht des Unesco-Komitees für das Welterbe: "Antike Stätten sind für ein bestimmtes Mikroklima gebaut worden und werden durch den Klimawandel in ihrem Bestand bedroht." Gebäude bröckeln weg, weil Hitze oder starke Regenfälle den Boden auflösen, auf dem sie stehen. In Timbuktu im Norden Malis, wie Chinguetti eine Saharastadt, seien antike Gebäude von den vormarschierenden Dünen regelrecht erdrückt worden.

Dass sich das Klima geändert hat, bestätigt Saif Islam. Er bemerkt, wie Papiere brüchiger werden, weil die Temperaturen seit Beginn der 90er-Jahre stetig steigen. Weil es generell heißer und trockener geworden ist als in der Wüste ohnehin schon, rücken zudem die Dünen viel stärker vor. "Diese Stadt ist akut bedroht", konstatiert Saif Islam. "Wenn die Wüste noch weiter in die Stadt vormarschiert, wird die Bibliothek verschüttet und muss in die Neustadt evakuiert werden."

Schon jetzt ist von Chinguettis Altstadt kaum mehr übrig als Ruinen, die mit Sand vollgelaufen sind. Auch um Saif Islams Bibliothek liegt ein Ring aus Sand. Neuerdings tragen auch seltene, aber heftige Regenfälle in Chinguetti zur Zerstörung der Fundamente bei. "Die Leute freuen sich über den Regen, jeder Niederschlag ist hier ein Grund zum Feiern", räumt Saif Islam ein. Doch im Wechselspiel der Extreme droht Chinguettis einzigartiges kulturelles Erbe unterzugehen - und damit ein ganzer Wirtschaftszweig. Gerade in Entwicklungsländern wie Mauretanien, so warnt die Unesco, gehe durch den Klimawandel nicht nur Bewusstsein für die Geschichte verloren. "Es geht um Existenzen: Die Leute leben von Touristen, die die Kulturdenkmäler sehen wollen. Bleiben sie weg, breitet sich Armut aus."

Saif Islam schließt sein schweres Portal wieder ab. "Vielleicht lässt die Verwüstung ja doch wieder nach, inschallah", seufzt er. Moderne Schutzwälle oder irgendwelche technischen Wunderwerke kann sich hier in der Sahara niemand leisten. Hoffnung hingegen kostet nichts, auch wenn sie vergebens scheint. Ein paar Straßen von Saif Islams Bücherei entfernt hat jemand eine dreieinhalb Meter hohe Messlatte aufgestellt. "Hier wurden im Juli 2003 3,5 Meter Dünensand abgetragen", heißt es daneben. Gut die Hälfte der Latte ist schon wieder vom Sand eingeschlossen.

(Copyright Berliner Zeitung, 28.11.07)

Dienstag, 27. März 2007

Junta-Freund siegt in Mauretanien


Die Tage für Mauretaniens Putschregierung sind gezählt: Wenn alles nach Plan geht, wird die Junta von Ely Ould Mohammed Vall spätestens Mitte April ihre Geschäfte an den neuen Präsidenten Sidi Ould Cheikh Abdellahi abgeben. Der 68-jährige Exfinanzminister setzte sich bei der Stichwahl am Sonntag mit 53 Prozent der Stimmen gegen Oppositionsführer Ahmed Ould Daddah durch und soll als erster frei gewählter Präsident seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 in den "grauen Palast" in der Hauptstadt Nouakchott einziehen.

Die Chancen stehen gut. Bislang hat Militärführer Vall sein Versprechen eingehalten, die Macht schrittweise an demokratisch legitimierte Zivilisten abzugeben, nachdem er in einem unblutigen Putsch im August 2005 den mehr als 20 Jahre herrschenden Diktator Mohammed Ould Taya abgelöst hatte. Mitglieder der Militärregierung durften bei den Wahlen nicht kandidieren. Doch dass Wahlsieger Abdellahi von Anfang an der Favorit Valls war, dürfte den reibungslosen Übergang befördern. Während die alte Oppositionsgarde dem traditionell starken Militär im Land feindlich gegenüber steht, gilt der Technokrat Abdellahi als Vermittler.

Der zunächst fast langweilige Wahlkampf hatte zum Schluss an Fahrt gewonnen, als beide Kandidaten in einer dreistündigen Fernsehdebatte zusicherten, gegen die weit verbreitete Sklaverei im Land vorzugehen. Abdellahi hat neue Gesetze angekündigt, die die Versklavung der schwarzen Bevölkerung effektiv unterbinden sollen. Valls Junta hatte sich in dieser Frage nicht bewegt.

Unklar ist die Zukunft der diplomatischen Beziehungen Mauretaniens zu Israel. Auf einer Wahlversammlung hatte Abdellahi angekündigt, über ihren Abbruch nachzudenken. "Das ist eine Entscheidung des Volkes, nicht einer Person allein." Volkes Meinung ist bekannt: Der einsame Entschluss des Exdiktators Taya, als einer von wenigen islamischen Staaten Israel anzuerkennen, stößt bei den meisten der drei Millionen Einwohner, die fast ausschließlich muslimischen Glaubens sind, auf Unverständnis. Es bleibt abzuwarten, ob Abdellahi tatsächlich wagt, mit einem Abbruch der Beziehungen zu Israel auch die USA zu brüskieren, die im "Kampf gegen den Terror" bislang auf die Kooperation Mauretaniens setzen. Auch das ist im Volk umstritten.

Wirtschaftlich muss sich der neue Präsident, der bis 2012 gewählt ist, weniger Sorgen machen. Ölvorräte vor der Küste, die seit einem Jahr sprudeln, könnten der Entwicklung eines der ärmsten Länder der Welt Flügel verleihen.

(Copyright die tageszeitung, 27.3.2007)