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Montag, 5. Januar 2009

Äthiopien hinterlässt in Somalia ein Trümmerfeld


Zwei Jahre nach ihrem Einmarsch in Somalia hat Äthiopiens Armee nach eigenen Angaben ihren Rückzug begonnen. "Es handelt sich um einen Prozess, der einige Zeit in Anspruch nehmen wird", erklärte Simon Bereket, Berater von Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi. Dagegen, dass mit dem Abzug der militärisch bedeutendsten Kraft in der somalischen Hauptstadt Mogadischu ein Machtvakuum entsteht, habe man vorgesorgt. "Wir haben die nötigen Schritte unternommen, um einen Rückfall in die Gesetzlosigkeit früherer Zeiten zu verhindern", so Bereket.

Von einem möglichen "Rückfall" kann keine Rede sein. Ein Trümmerfeld hinterlässt die äthiopische Armee, die bisher Somalias machtlose Übergangsregierung unter dem inzwischen zurückgetretenen Präsidenten Abdullahi Yusuf im Amt gehalten hatte. Vor dem äthiopischen Einmarsch zur Einsetzung Yusufs Ende 2006 hatte es in Mogadischu erstmals seit fünfzehn Jahren eine Art Stabilität gegeben. Die regierende "Union Islamischer Gerichtshöfe" (UIC) hatte in nur einem halben Jahr an der Macht die illegal errichteten Straßensperren und "Mautstellen" abgebaut und die Warlords mit ihren Privatarmeen entmachtet. Selbst der damals noch gering ausgeprägten Piraterie vor Somalias Küste bereiteten die Islamisten unter der Führung des als vergleichsweise moderat geltenden Scheich Scharif Ahmed ein Ende. Zugleich verboten sie zwar die Vorführung von Fußballübertragungen und anderen Fernsehsendungen und ließen Diebe öffentlich zu Tode steinigen. Doch viele Bewohner Somalias, traditionell einem toleranten Islam verbunden, nahmen den fremden Islamismus zugunsten der Wiederkehr eines friedlichen Alltags in Kauf.

Nach dem äthiopischen Einmarsch und dem Sturz der UIC war es damit vorbei: Die islamischen Gerichtshöfe spalteten sich, die Extremisten gewannen an Gewicht. Ihre Truppen, die Al-Schabab-Milizen, liefern sich seitdem aus dem Untergrund heraus Kämpfe mit den äthiopischen Truppen und jedem, den sie als mit Äthiopien verbündet ansehen. 10.000 zivile Opfer, so UN-Schätzungen, haben diese Kämpfe gefordert.

Anstelle der Äthiopier will Somalias kopflose Übergangsregierung nun offenbar den ehemaligen Gegner einspannen. Augenzeugen berichten, Kämpfer von Scharifs moderater UIC-Fraktion hätten am Wochenende mehrere von den Äthiopiern verlassene Polizeistationen besetzt. "Damit wollen wir einen Ausbruch neuer Gewalt verhindern", sagte einer der Milizenführer lokalen Radiosendern. Scharif hatte sich letztes Jahr auf einen Friedensvertrag mit der Übergangsregierung geeinigt. Die Zahl der Abgeordneten im weitgehend machtlosen Übergangsparlament wurde über Nacht verdoppelt, um Platz für Scharifs Fraktion zu schaffen. Jetzt scheint sich der Deal auszuzahlen: Wenn Scharifs Truppen ihre ehemaligen islamistischen Kampfgenossen aufhalten können, dürfte Scharif die Nachfolge von Präsident Abdullahi Yusuf sicher sein.

In Mogadischu kursieren bereits Gerüchte, nach denen Scharif sich in Kairo mit Schabab-Eminenz Scheich Hassan Dahir Aweys treffen will. Die Aussöhnung mit Aweys, der von den USA als Terrorist gesucht wird, wird von mehreren arabischen Nationen betrieben. Auch Premierminister Hassan Hussein Nur Adde gilt als Befürworter einer Verhandlungslösung mit den radikalen Islamisten.

Unter Druck geraten ist die Schabab, die weite Teile Somalias kontrolliert, in den vergangenen Wochen durch eine neue Miliz namens Ahlus-Sunnah wal-Dschama'a, die bereits mehrere von den Islamisten besetzte Gebiete zurückerobert hat. "Wir werden Al-Schabab bekämpfen, bis sie Vergangenheit sind", kündigte einer ihrer Anführer, Scheich Abdullahi Abu Yusuf, am Sonntag an. Ob hinter der neuen Bewegung moderate Islamisten stecken oder entmachtete Warlords, ist derzeit unklar. Womöglich wird die Truppe auch von Äthiopien unterstützt. Denn dass Äthiopien Somalia einer wie auch immer gearteten islamistischen Regierung überlässt, glaubt in Somalia niemand. So überraschen auch Berichte nicht, nach denen mehrere Hundertschaften der äthiopischen Armee am Wochenende im Südwesten Somalias einmarschierten, wo die Schabab ihre Hochburgen hat. Der angebliche äthiopische Rückzug könnte sich schon in den kommenden Tagen als Überraschungsoffensive entpuppen.

(Copyright die tageszeitung, 5.1.09)

Samstag, 17. Mai 2008

Äthiopiens Staat knebelt Zivilgesellschaft


Kritik hat Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi noch nie gut vertragen: Als sich 2005 ein Sieg der Opposition bei den Parlamentswahlen abzeichnete, karrten Lastwagen tausende Oppositionsanhänger in Gefängnisse, ihre Parteichefs wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Proteste von Menschenrechtsgruppen ebenso wie internationaler Organisationen verhallten. Wenn es nach dem Willen von Äthiopiens Regierung geht, dann wird in Zukunft jede Art von Kritik ganz unmöglich sein. Ein Gesetzentwurf, der am 7. Juli im Parlament beschlossen werden soll, wird zivilgesellschaftliches Engagement praktisch unmöglich machen.

So sollen Polizisten oder Ministeriumsvertreter unangemeldet alle Sitzungen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) verfolgen dürfen. Die Regierung soll NGO-Mitarbeiter ohne Gerichtsprozess entlassen, Büros durchsuchen und Eigentum beschlagnahmen können, sobald ein Verdacht auf "ungesetzliches Handeln" vorliegt. Internationalen Organisationen wird praktisch jedes nicht rein humanitäre Engagement untersagt. Die Bereiche Demokratie, Menschenrechte, gutes Regierungshandeln und Konfliktbewältigung sollen für sie ebenso wie für fast alle äthiopischen NGOs tabu sein. Denn ein besonders perfider Paragraf definiert all jene Gruppen als "international", die nicht zu mindestens 90 Prozent aus äthiopischen Quellen finanziert werden. Außer Pseudo-NGOs, die in Wirklichkeit zur Regierungspartei gehören, kann diese Bedingung praktisch niemand erfüllen.

Während die Regierung den Gesetzentwurf mit der Angst vor islamistischer Unterwanderung begründet, ist Äthiopiens NGO-Szene in Aufruhr. "Das ist der Versuch, eine bereits verschüchterte Zivilgesellschaft vollends mundtot zu machen und zu kriminalisieren", bilanziert ein Mitarbeiter einer deutschen NGO, der seinen Namen nicht zitiert sehen möchte. "Für uns wäre das Gesetz die Todesstrafe", befürchtet Minas Hiruy, Chef von Hope, einer äthiopischen Hilfsorganisation für Waisen. "Wir flehen die Regierung an, mit uns zu sprechen, bevor das Gesetz verabschiedet wird."

Doch Äthiopiens Justizminister Assefa Kesito hat bereits Eile angemahnt: "Uns läuft die Zeit davon. Die NGOs können ihre Kommentare in den kommenden Tagen einreichen. Das muss reichen." Diplomaten in Addis Abeba hoffen, das Gesetz noch verhindern zu können. Immerhin zahlen Geberländer jährlich etwa eine Milliarde US-Dollar an rund 3.000 NGOs in Äthiopien, die mit diesem Geld in praktisch allen Bereichen Regierungsaufgaben übernehmen. "Einer Regierung, die ihr eigenes Geld überwiegend aus dem Ausland bekommt, steht es moralisch nicht an, NGOs wegen ihrer Finanzquellen zu disqualifizieren", urteilt Getner Assefa, ein äthiopischer EU-Berater.

(Copyright die tageszeitung, 17.5.08)

Freitag, 1. Februar 2008

Auf der vergeblichen Suche nach Frieden




Kenias umstrittener Präsident Mwai Kibaki hatte gerade Platz genommen, da prasselte zum Auftakt des Gipfeltreffens der Afrikanischen Union (AU) deutliche Kritik auf ihn nieder. "Hört auf, hört auf, hört auf", appellierte AU-Kommissionspräsident Alpha Oumar Konaré an die Konfliktparteien in Kenia. "Der Flächenbrand muss gelöscht werden, sonst bleibt nichts mehr übrig."

Diplomatischer in der Wortwahl, aber ebenso deutlich gab sich UN-Generalsekretär Ban Ki Moon: "Die Gewalt droht das Ausmaß einer Katastrophe anzunehmen." Sowohl Kibaki als auch Kenias Oppositionsführer Raila Odinga, der den Sieg bei der Präsidentenwahl vom 27. Dezember für sich in Anspruch nimmt, hätten eine besondere Verantwortung, die Krise friedlich zu lösen.

Doch Angst vor wirklichen Konsequenzen muss Kibaki nicht haben. Das Thema Kenia soll bis zum AU-Gipfelschluss am Samstag nicht wieder auftauchen, versprach sein Außenminister Moses Wetangula vorsorglich vorab. Für Kibaki ist es Anerkennung genug, dass er in Addis Abeba als Ebenbürtiger empfangen wird. Seine Wahlfälschung wird vermutlich alleine deshalb kein Thema sein, weil viele der mehr als 40 angereisten Staatschefs mit fragwürdigen Mitteln an die Macht gelangt sind oder sich dort halten.

In Kenia spitzte sich die Lage unterdessen weiter zu. Am Mittag wurde der Oppositionsabgeordnete David Kimutai Too in der Stadt Eldoret auf offener Straße erschossen. Ein Mann in der Uniform eines Verkehrspolizisten raste auf einem Motorrad an den Wagen heran und jagte Kimutai Too sieben Schüsse in Kopf und Genick. Eine Polizeibeamtin im Wagen starb später an ihren Verletzungen. Minuten später nahm die Polizei den Schützen fest - und tischte eine Geschichte auf, die Oppositionsanhänger umgehend als Lügenmärchen verdammten. Um ein Beziehungsdrama handele es sich, erklärte Polizeichef Hussein Ali. Der Schütze sei der Freund der toten Beamtin gewesen und habe ihr und dem Abgeordneten ein Verhältnis angelastet.

Doch während in Eldoret, einer der am schlimmsten von den Unruhen erschütterten Städte, Jugendliche protestierend durch die Straßen marschierten und Händler aus Angst vor Plünderungen eilig ihre Geschäfte abschlossen, nahm Oppositionsführer Odinga kein Blatt vor den Mund. "Ich verurteile die Hinrichtung eines zweiten unserer Parlamentarier. Das Ziel dieses Mordes ist es, die Mehrheit der Opposition im Parlament zu verringern." Erst in der Nacht zum Dienstag war ein weiterer Oppositionsabgeordneter in der Hauptstadt Nairobi ermordet worden. Odingas Generalsekretär Anyang Nyongo sprach am Donnerstag offen von einem Auftragsmord der Kibaki-Regierung.

Die für den Nachmittag geplanten Friedensgespräche unter Vermittlung von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte die Opposition ab. Sie will am heutigen Freitag weiter verhandeln, wenn Annans Nachfolger Ban Ki Moon erwartet wird.

(Copyright die tageszeitung, 1.2.08)

Dienstag, 4. Dezember 2007

Zu viel Regen, zu wenig Wasser


Höhere Temperaturen, mehr Wetterextreme, Dürren und Fluten - der Klimawandel hat das Leben der Menschen in Afrika bereits verändert: In Mauretanien breitet sich die Sahara immer weiter aus, nomadisches Leben ist kaum noch möglich.

Im Victoriasee wird das Wasser wärmer, der Regen bleibt aus, der See schrumpft. Dadurch stirbt der Fischnachwuchs, der verbleibende Fisch ist zu teuer, die Fischer werden arbeitslos.

Im amharischen Hochland regnet es zu viel. Weil die Wälder dort weitgehend abgeholzt sind, zerstört die zunehmende Erosion auch die Äcker der Bauern.

(Feature auf DeutschlandRadio Kultur, 4.12.2007)

Samstag, 1. Dezember 2007

Heiß, zu heiß


Als die Koffer für diese Reise durch Afrika schon gepackt sind, ist es September. Das Fernsehen zeigt die ersten Bilder von Überschwemmungen in Ghana, Uganda und anderen afrikanischen Ländern. Vom Atlantik bis zum Indischen Ozean melden sechzehn Staaten gleichzeitig "Land unter" - genau, wie der Weltklimarat es vorhergesagt hatte.

Wegen der steigenden Temperaturen, heißt es in dessen aktuellem Bericht, müssten die Bewohner Afrikas immer öfter mit extremen Wetterlagen klarkommen - mehr Überschwemmungen, mehr Dürren. Kein Kontinent, prognostizieren die Klimaforscher, werde stärker unter dem Klimawandel zu leiden haben als Afrika - und keiner sei so schlecht auf die Folgen vorbereitet.

Trotzdem wird beim Klimagipfel in Bali nur wenig über Afrika gesprochen, und wie üblich wird sich kaum ein afrikanischer Politiker in die Debatte einmischen. Wangari Maathai, Kenias berühmte Umweltpolitikerin, macht dafür vor allem Unwissen verantwortlich. "Afrika erhebt seine Stimme nicht, weil die Menschen hier nicht genug Erfahrungen gemacht haben", sagt die Friedensnobelpreisträgerin, "Sie müssen erst erleben, dass Temperatursteigerung, lange Dürreperioden und die Schneeschmelze auf dem Mount Kenya keine vorübergehenden Ereignisse sind." Ohne den Druck der Betroffenen aber, so Maathai, würden sich afrikanische Politiker nicht rühren.

Doch auch jene, die die klimapolitischen Hintergründe nicht kennen, müssten doch längst Veränderungen in ihrem täglichen Leben spüren. Diese Reise, einmal quer über den Kontinent, soll dieser Vermutung nachgehen.

Die Tour beginnt auf einem Feld im äthiopischen Hochland. Ato Mulualem Birhane und seine Frau hocken zwischen dem Tef, dem hier am häufigsten angebauten Getreide, sie rupfen Unkraut. Maschinen gibt es nicht auf den kleinen und unebenen Feldern hier, alles geht von Hand. Die Ernte könnte gut werden in diesem Jahr, sagt der 48-jährige Mulualem - wenn das Wetter mitspielt. "Früher gab es einmal im Jahr eine feste Regenzeit", erzählt er, "aber seit ein paar Jahren kommt sie mal, mal kommt sie nicht, dann regnet es zu stark oder zur falschen Zeit." Hinter den beiden Bauern, die hier in Dembecha, 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, ihre Farm betreiben, türmen sich dunkle Wolken auf. In der Ferne donnert es. Ein schweres Gewitter naht.

Extreme Wetterlagen erleben die Bauern hier inzwischen immer öfter. Im Jahr zuvor sind in einer schlimmen Flut 900 Menschen umgekommen, Hunderttausende haben damals ihren gesamten Besitz verloren. "So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen", sagt der Vorsitzende des Äthiopischen Umweltforums, Negusu Aklilu. "Und nicht nur Überschwemmungen, auch Dürren werden in Äthiopien allmählich vom Phänomen zur Normalität." Die Folgen sind katastrophal, denn in Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Erde, sind die Bauern mehr als anderswo davon abhängig, eine gute Ernte einzufahren. Farmer Mulualem berichtet, dass das Wetter inzwischen selbst dann verrückt spielt, wenn der Himmel blau ist: "Früher hatten wir im Hochland moderate Temperaturen, aber inzwischen ist es hier heiß, zu heiß."

Über die steigende Temperatur klagt auch Peter Mireri von der Umweltgruppe Freunde des Viktoriasees. Nur dass hier in Uganda die Auswirkungen andere sind. Mireri steht am Anfang eines langen Steges, gut 150 Meter ragt der in den Viktoriasee hinein. "Hier, wo wir jetzt stehen" sagt er, "haben wir noch vor drei Jahren unsere Boote vertäut." Er zeigt zum Ende des Stegs: "Inzwischen mussten wir den Steg bis da hinten verlängern!"

Nach drei Jahren Dürre hat es in diesem Jahr am Viktoriasee erstmals wieder geregnet, doch der Pegel ist kaum gestiegen. Die Trockenheit macht dem größten See Afrikas schwer zu schaffen: zu siebzig Prozent speist er sich aus Regenfällen, wichtige Zuflüsse gibt es kaum, erklärt Mireri. "Und weil es jetzt auch noch wärmer geworden ist, verdunstet das Wasser wieder stärker."

Der Umweltaktivist ist sich sicher, dass das Sinken des Pegels einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass es immer weniger Fische im See gibt. Vor allem die Laichplätze litten unter der Klimaerwärmung. "Der in den Uferzonen abgelegte Laich wird so warm, dass die Fische nie schlüpfen." Deshalb bleiben die Netze der wenigen, die noch von Kisumu aus in See stechen, oft leer.

Fischer Nicholas und sein Bootsmann brauchen jeden Tag acht Stunden, um ihre am Abend zuvor ausgelegten Netze zu kontrollieren. Früher, erinnert sich Nicholas, verfingen sich in den Netzen große Tilapiafische, "und auch Viktoriabarsche". Das ist längst vorbei. Der Viktoriabarsch, in den Sechzigerjahren im See ausgesetzt, hat sich massenhaft vermehrt und dafür gesorgt, dass andere Fischarten ausstarben. Heute gibt es hier fast nur noch den Viktoriabarsch, der Fisch wird in den zahllosen Fabriken am Ufer filetiert und gleich nach Europa weiterverkauft.

Als Nicholas am Abend festmacht, kann er den wartenden Zwischenhändlern gerade mal dreißig kleine Fische anbieten. Drei Euro hat er heute verdient. Weil es zu wenig Fische gibt, verrotten im einst größten Fischereihafen von Kisumu die Boote. Verlierer sind aber auch die Bewohner Kisumus, die sich ihren eigenen Fisch immer seltener leisten können: Der Preis hat sich binnen zwei Jahren vervierfacht. Am Straßenrand werden stattdessen Fischgräten gewaschen, die bei der Filetierung des Nilbarschs übrig bleiben. Sie werden getrocknet und dann in heißem Fett ausgebacken. Was übrig bleibt, wird mit scharfer Soße gegessen oder zu Suppe verarbeitet. Mehr gibt der See für seine Anrainer nicht mehr her.

"Natürlich ist der Klimawandel nur ein Faktor von mehreren", sagt Umweltaktivist Mireri. Überfischung, Ablassen des Wassers in Kraftwerke auf der ugandischen Seite und andere Faktoren spielten auch eine Rolle. "Aber der Klimawandel kommt obendrauf, verschlechtert die ohnehin schlimme Lage und gibt dem See den letzten Rest."

Einige hundert Kilometer weiter westlich steht das staatliche Krankenhaus von Hoima. Jeden Tag stirbt hier mindestens ein Kind an Malaria. Die von Moskitos übertragene Krankheit kann in kurzer Zeit schwere Formen annehmen. "Blutarmut, Unterzuckerung, Erkrankungen der Lunge oder des Gehirns - das sind alles Komplikationen, die wir hier regelmäßig sehen", erklärt der Kinderarzt Tom Ediamu, der seit mehreren Jahren hier im Westen Ugandas arbeitet. Ediamu nennt Malaria eine "Killerkrankheit", und das ist sie, nicht nur hier. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sterben jedes Jahr 2,7 Millionen Menschen an der von Anophelesmücken übertragenen Krankheit. Drei Viertel von ihnen sind Kinder.

Monat für Monat kommen zu Ediamu und seinen Kollegen 5.000 neu infizierte Kinder. "Es gab hier schon immer Malaria, sagt der Arzt, "aber seit ein paar Jahren nimmt die Zahl der Fälle ständig zu." Vor der Kinderstation sitzen Familien unter freiem Himmel, sie warten auf ein freies Bett. Den Grund für den Ansturm kennt Ediamu: Es ist der Klimawandel. "In der langen Regenzeit zwischen September und November regnet es seit einigen Jahren viel mehr als üblich", sagt er. Wo immer dann Wasser in Pfützen steht, entwickeln sich die Larven der Anophelesmücke besonders schnell. Die Beobachtung des Arztes deckt sich mit der Analyse des Weltklimarats. Ähnliche Entwicklungen dokumentiert der Rat überall in Afrika, seit sich die Regenzeiten verschoben haben.

Weil es insgesamt wärmer ist, breitet sich die Malaria heute selbst dort aus, wo der Erreger wegen niedriger Temperaturen früher nicht überleben konnte, zum Beispiel im Hochland. "Ich komme aus dem Südwesten Ugandas und hatte nie Malaria, bis ich mit 18 nach Kampala gezogen bin", erinnert sich Achilles Byaruhanga, Direktor von der Umweltschutzorganisation Nature Uganda. An Malariafälle in seiner Heimat am Fuß der Rwenzori-Berge kann er sich nicht erinnern. "Heute wird die gleiche Gegend als endemisches Gebiet für Malaria geführt, die Zahl der Fälle nimmt ständig zu." Vor allem für arme Menschen auf dem Land ist Malaria gefährlich. Oft haben sie schon andere Krankheiten, oder sie leiden unter Fehl- oder Mangelernährung, sodass ihr Immunsystem geschwächt ist.

Letzte Etappe der Reise ist Westafrika. Im leichten Zelt der Nomaden gießt Aïcha den Tee auf. Die Tradition in Mauretanien gebietet es, dass jeder Besucher, der die Sahara durchquert hat, mindestens drei Tassen leeren muss - so soll sein Überleben gesichert werden. Doch entgegen aller Tradition sind im Süden des Wüstenstaats die Nomaden längst sesshaft geworden.
Sidi el Moctar ist aus Schaden klug geworden, seit der ersten schweren Dürre in den 70er-Jahren schützt er die letzte Oase, die hier noch Wasser führt, um den nun sesshaften Nomaden ein bisschen Land- und Viehwirtschaft zu er möglichen. 5.000 Bäume müssen el Moctar und seine Helfer jedes Jahr anpflanzen, um die Dünen aufzuhalten, die wegen der zunehmenden Hitze und der immer größeren Trockenheit schneller vorrücken als je zuvor. Das Vordringen der Wüste in den Sahelgürtel, in Mauretanien das fruchtbarste Land, können selbst die Schutzwälle kaum noch aufhalten. "Wir haben große Angst vor dem Klimawandel", sagt el Moctar. "Wir gehen unter, wenn wir nicht unermüdlich gegen den Vormarsch der Wüsten kämpfen. Zwischen hier und Atar im Norden lebt inzwischen niemand mehr, dort gibt es kein Wasser mehr."

Längst fordern Afrikas Umweltschützer, die ich auf dieser Reise getroffen habe, von der Staatengemeinschaft mehr als nur die Reduzierung der Treibhausgase. Sie wollen von den Verursachern des Klimawandels konkrete Hilfe, um die Folgen abfedern zu können. Negusu Aklilu ist enttäuscht, wie wenig Hilfe Afrika bislang bekommt. "Ein Sprichwort sagt: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit", sagt er. "Ich glaube nicht, dass Politiker überall auf der Welt den ärmsten Teil der Erde hassen, aber wir sind ihnen egal."

(Copyright die tageszeitung, 1.12.07)

Donnerstag, 26. April 2007

Zweite Front zwischen Äthiopien und Somalia


Die Sonne stand noch nicht am Himmel, als die gut 200 Kämpfer der "Ogaden-Befreiungsfront" am Dienstag unerwartet zuschlugen. Eine Stunde dauerte der Kampf nahe dem Dorf Abole im Nordosten Äthiopiens, wo eine chinesische Staatsfirma nach Öl bohrt. Als die Rebellen abzogen, waren 65 Äthiopier und neun chinesische Ölarbeiter tot. Sieben weitere wurden entführt, die äthiopische Armee entsandte gestern Suchtrupps. "Die Verantwortlichen werden für diesen Überfall bezahlen", sagte Premierminister Meles Zenawi. Ein Separatistensprecher erklärte, der Angriff sei die natürliche Reaktion auf die Unterdrückung der somalischen Bevölkerung im Ogaden, um den Somalia und Äthiopien schon zweimal Krieg geführt haben. "Wir haben die Chinesen und die Äthiopier gewarnt. Sie haben kein Recht, im Ogaden nach Bodenschätzen zu suchen."

Der erste Anschlag auf äthiopischem Boden seit dem Einmarsch äthiopischer Truppen in Somalia Ende Dezember gibt Ängsten Auftrieb, die somalische Krise könne die ganze Region mit in kriegerische Auseinandersetzungen reißen. Zenawi machte gestern für den Anschlag im Ogaden den Erzfeind Eritrea verantwortlich, wo führende Mitglieder der aus Mogadischu vertriebenen Islamisten Unterschlupf gefunden haben. "Eritreas Regierung führt den Terror in der Region an und die internationale Gemeinschaft sieht untätig zu." Analysten schlossen nicht aus, dass Zenawi die Armee auf einen neuen Krieg mit dem nördlichen Nachbarn einstimmen will.

Der Anschlag im Ogaden trifft Äthiopien besonders, weil unter den Opfern Chinesen sind. China investiert seit Jahren in die Infrastruktur des bitterarmen Landes. Vor allem aus politischen Gründen, denn Ölvorkommen vom Ausmaß etwa des Sudans werden in der Gegend nicht vermutet. Die Angst in Addis Abeba ist groß, dass Peking das Massaker zum Anlass nehmen könnte, sich zurückzuziehen. Aus Peking hieß es gestern, Addis Abeba solle sich besser um die Sicherheit der Chinesen im Land kümmern. Einen Anschlag wie im Ogaden hat China, das sein Handelsvolumen mit Afrika seit 1999 um das 25-fache gesteigert hat, bislang nicht erlebt. Die Toten passen nicht ins Bild des "afrikanischen Traums", den Peking willigen Unternehmern verkauft.

Zunehmenden Druck erhält Zenawi auch aus dem Westen, der das brutale militärische Vorgehen der äthiopischen Armee in Mogadischu offen kritisiert. Nach den USA hat Deutschlands Botschafter Walter Lindner in Nairobi für die EU ein sofortiges Ende der wahllosen Bombardierung von Wohnvierteln mit schwerer Artillerie gefordert. "Die Versuche internationaler Hilfsorganisationen, den Vertriebenen zu helfen, werden zudem durch Plünderungen und bürokratische Auflagen der somalischen Übergangsregierung behindert", heißt es in einem Schreiben an Somalias Übergangspräsident Abdullahi Jusuf.

Während Jusuf zu den Vorwürfen schweigt, warf Zenawi, der die militärische Machtbasis der Übergangsregierung stellt, Hilfsorganisationen und den UN vor, die Opferzahlen aus politischem Kalkül zu übertreiben. Zudem werde der Krieg nicht mehr lange dauern. "Noch ein bis zwei Wochen, dann haben wir Mogadischu von den Terroristen gesäubert."

Aus der somalischen Hauptstadt berichteten gestern Augenzeugen, die äthiopische Armee habe ihre Angriffe intensiviert. Panzer und schwere Geschütze waren in zahlreichen Vierteln der somalischen Hauptstadt zu hören. Mehr als eine Woche nach Beginn der letzten Kämpfe schätzen Hilfsorganisationen die Zahl der Toten auf mehr als 250. Bis zu einer halben Million Somalis, die Hälfte der Stadtbevölkerung, soll inzwischen aus Mogadischu ins Umland geflohen sein.

(Copyright die tageszeitung, 26.4.2007)