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Mittwoch, 10. Dezember 2008

"Tausende Choleratote" in Simbabwe


Wer in den einst reichen Vorstädten von Harare wohnt, der hat zumindest noch den Swimming Pool. "Seit Wochen schöpfen wir unser Trinkwasser aus dem Becken", berichtet Florence Mbala (Name geändert) telefonisch aus der simbabwischen Hauptstadt. "Aus den Wasserhähnen kommt schon lange nichts mehr." In den Armenvierteln wie Mbare bedeutet das: Menschen trinken, was sie kriegen können. "Ich habe Männer gesehen, die aus Pfützen am Wegesrand Wasser geschöpft haben", so Mbala. Weil auch die Kläranlagen nicht mehr funktionieren und rohe Abwässer aus den Kanälen in die Straßen laufen, breitet sich die Cholera rasend schnell aus - trotz internationaler Hilfe. Auf mehr als 600 hat sich die offizielle Zahl der Choleraopfer am Dienstag erhöht, nahezu 14.000 Fälle hat die Weltgesundheitsorganisation bisher registriert - soweit die offiziellen Zahlen. Doch Simbabwer wie Itai Rusike glauben indes, dass die Zahl der Toten in die Tausende geht. "Es ist unmöglich zu sagen, wieviele genau sterben", sagt der Direktor der simbabwischen Hilfsorganisation 'Nachbarschaftshilfe für Gesundheit'. Das gelte vor allem auf dem Land. "Krankenhäuser dort sind zu, es gibt keine Ärzte oder Krankenschwestern, selbst die Telefone sind ausgefallen, so dass man nichts erfährt." Das alles, sagt Rusike, seien die Zeichen eines auseinanderbrechenden Staates.

Dafür, dass in Simbabwe auch die letzten Überreste des Staates auseinanderbrechen, ist die Cholera-Epidemie das bislang deutlichste und erschreckendste Symptom. Selbst Simbabwes Gesundheitsminister David Parirenyatwa muss inzwischen einräumen, dass die Regierung hilflos ist. "Unsere Krankenhäuser funktionieren nicht, wir brauchen dringend internationale Hilfe, um die Versorgung wieder in Gang zu bringen." Solche Töne aus dem Kabinett, das Präsident Robert Mugabe in seinem eisernem Griff hat, waren bislang nicht zu hören. Cholera ist nicht das einzige Problem: Ein achtjähriger Junge, der beim Spielen auf dem Schulhof hinfiel, starb nach einer Woche, weil niemand sein geschwollenes Knie behandeln konnte.

Wer helfen will, ist inzwischen schnell überfordert. Ein Pfarrer, der seit Monaten Mais aus dem Ausland nach Simbabwe schmuggelt, um den Ärmsten zu helfen, stöhnt: "Wir haben einen solchen Ansturm auf unsere Kirche erlebt, dass wir jetzt unsere Tore schließen mussten - alles andere wäre zu gefährlich, weil der Geheimdienst uns genau im Blick hat." Denn viele der Hilfesuchenden vor allem in Harare sind Anhänger der Opposition. Das Maismehl will der Pfarrer, der auch Hilfen aus Deutschland erhält, jetzt über befreundete Gemeinden verteilen. Auch das rare Rehydrierungspulver zur Behandlung der Cholera soll so verteilt werden. "Ich komme aus Uzumba im Umland von Harare, aus meinem Dorf alleine sind 300 Menschen vertrieben worden", erzählt Fiona Musaka (Name geändert), eine derjenigen, die vor dem Kirchentor um Hilfe betteln. Auf dem Rücken hat sie das jüngste ihrer vier Kinder gebunden. "Mindestens fünfzehn Bewohner wurden umgebracht, andere wurden so misshandelt, dass die jetzt behindert sind." Gerne würde sie zurück auf ihren Hof, doch ihr eigenes Haus wurde niedergebrannt, weil sie im Wahlkampf Werbung für die Opposition von Morgan Tsvangirai machte. "Ich habe kein Zuhause mehr."

Auch Givemore Nyakudyas Kind, eine Tochter, ist tot: vor drei Wochen starb sie an Cholera. "Diejenigen, die nicht an Cholera sterben, werden verhungern", prognostiziert er düster. In den Läden gibt es kaum noch etwas zu kaufen, und wenn, dann ist es für die meisten unerschwinglich. 35 Millionen Simbabwe-Dollar kostet derzeit ein Brot; morgen werden es vermutlich 70 Millionen sein, so schnell steigen die Preise. Der ohnehin wertlose Simbabwe-Dollar erreicht derzeit neue Tiefen, seit die Regierung am Freitag neue Millionengeschenke an Militär und Polizei ausgezahlt hat. Doch selbst solch kaum verbrämte Bestechung reicht offenbar nicht mehr aus, um Mugabes letzte Unterstützer bei der Stange zu halten. Zwar wurden Polizei und Militär am Dienstag angewiesen, jeden Protest schon im Keim niederzuschlagen. Doch mit Waffen ausgerüstet wurden die Einheiten nicht. "Die Armeeführung weiß nicht mehr, auf wen sie sich verlassen kann", sagt ein Insider. Spätestens seit Soldaten vor einer Woche Unruhen in Harare anführten, weil sie vor einer Bank stundenlang erfolglos auf Geld gewartet hatten, gilt der Sicherheitsapparat als Risiko für die Regierung. Ein gutes Viertel der Streitkräfte, so schätzen Bewohner in Harare, ist kurz davor, zu desertieren.

(Copyright Aargauer Zeitung, 10.12.08)

Freitag, 12. September 2008

Weltwunder in der Krise


Das Donnern des Sambesi, der hier mehr als 100 Meter in die Tiefe stürzt, ist ohrenbetäubend. 1,7 Kilometer sind die Viktoriafälle breit. Pro Minute brechen jetzt in der Trockenzeit rund 20.000 Kubikmeter Wasser spektakulär die schroffen Felswände herab, nach der Regenzeit sind es mehr als eine halbe Million. Den Titel "Weltwunder" tragen die Viktoriafälle zu Recht. Umso erstaunlicher, dass kaum noch jemand kommt, um das Wunder mit eigenen Augen zu sehen.

Nur knapp 30 Besucher haben sich seit Anfang September in das Besucherbuch eingetragen, das gleich hinter dem Eingang zum Victoria-Falls-Nationalpark ausliegt. Dabei sind nur hier, von der simbabwischen Seite aus, die Fälle in ihrer ganzen Pracht zu bestaunen. Die Katarakte im sambischen Nationalpark jenseits der Schlucht, die beide Länder trennt, sehen im Vergleich kläglich aus. "Alle sind hierhergekommen, um die Fälle zu sehen", erinnert sich Neva Makoni, der vor 30 Jahren in Victoria Falls geboren wurde. "Die Leute sind von Harare und Johannesburg nach Vic-Falls geflogen, haben hier ein paar Tage übernachtet, gut gegessen und auch sonst viel Geld ausgegeben." Doch diese goldenen Zeiten sind lange vorbei. Spätestens seit den Unruhen nach den Wahlen im März ist Victoria Falls vollends zur Geisterstadt verkommen. Vor dem Nationalpark versuchen die wenigen verbliebenen Souvenirverkäufer, den wenigen Besuchern simbabwische 100-Milliarden-Dollar-Scheine zu verkaufen - als wertloses Souvenir, für 1 US-Dollar. "Früher habe ich selbst Skulpturen aus Stein geschliffen und den Touristen verkauft, aber das habe ich inzwischen aufgegeben", erklärt Makoni. "Es lohnt sich nicht, wenn die Käufer fehlen."

Seit zwei Tagen läuft der 30-Jährige deshalb mit einer unhandlichen Plastiktasche durch die Innenstadt. In ihr steckt eine Steppdecke, die Makonis Frau fein säuberlich zusammengefaltet hat. "Ich will unsere Bettdecke verkaufen, um das Schulgeld für meinen Sohn bezahlen zu können." Im vergangenen Trimester, berichtet Makoni unglücklich, habe die staatliche Vorschule noch umgerechnet 10 US-Dollar verlangt. "Aber jetzt will sie 35, wo soll ich das ohne Arbeit hernehmen?" Zehn Kinder, sagt er, gehen heute noch in die Schule, wo vor ein paar Monaten noch 200 getobt und gelernt haben. Aber der Direktor weigert sich, die Gebühr zu senken. In ein paar Tagen wird die Einrichtung vermutlich ohnehin dichtmachen. "Die Lehrer haben einen Streik angekündigt, weil sie mehr Geld wollen." In der Zeitung wird der Chef der Lehrergewerkschaft zitiert: "In den 80ern konnten sich Lehrer ein Haus leisten, in den 90ern noch ein Auto, heute ist selbst ein paar Schuhe zu teuer." Makoni versteht die Lehrer: "Die meisten sind ja ohnehin schon nach Botswana oder Sambia geflohen, um dort zu arbeiten."

Nicht nur Arbeit ist ein Problem in Robert Mugabes Simbabwe. In dem Gewirr aus Hütten jenseits der Touristenstadt an der Ausfallstraße, wo Makoni lebt, gibt es seit Wochen kein trinkbares Wasser mehr. "Die Leute vom Wasserwerk sagen, sie können wegen der ständigen Stromausfälle das Wasser nicht mehr ordentlich klären", weiß der 18-jährige Tamele, der seinen Nachnamen aus Angst vor Verfolgung nicht nennen will. Hat er denn Strom? "Nein, der war schon lange vor dem Wasser weg." Ein Freund von ihm hat sich kürzlich den Arm gebrochen und ging ins Krankenhaus. "Da haben sie ihn gleich wieder weggeschickt: Wer hier einen Gips will, muss Mull und Gips selber mitbringen." Einen Tag hat es Tamele gekostet, um das Nötigste aufzutreiben. Weil die Vorräte in den Apotheken aufgebraucht waren, brachte eine Bekannte Mullbinden von der anderen Seite der Viktoriafälle aus Sambia mit.

Neva Makoni und Tamele sind Ndebele, wie Morgan Tsvangirai, der Oppositionskandidat, der im fast 1.000 Kilometer entfernten Harare um die politische Macht kämpft. Internationale Beobachter und die meisten Simbabwer sind sich einig, dass Tsvangirai die Wahlen im März gewonnen hat und die "Stichwahl" Ende Juni, die der senile Präsident Mugabe nach einer massiven Einschüchterungskampagne allein bestritt, gegenstandslos ist. Doch Mugabe will die Macht nicht aufgeben, und Tsvangirai bleibt stur. Dass ausgerechnet Südafrikas Präsident Thabo Mbeki, der als Verbündeter Mugabes gilt, zwischen den zerstrittenen Männern vermitteln kann, glaubt in dem Armenviertel am Stadtrand von Victoria Falls niemand. "Mugabe muss abtreten, sonst wird sich nichts ändern", ist Tamele wütend.

Die Ndebele haben es Mugabe nie verziehen, dass er kurz nach der Unabhängigkeit mit Militärgewalt einen Bürgerkrieg vor allem gegen die Ndebele und ihren politischen Führer, Joshua Nkomo, vorging. Mehr als 10.000 Ndebele wurden von einer in Nordkorea ausgebildeten Elitetruppe brutal getötet. Vor den juristischen Folgen dieses Massenmordes zittern heute noch Mugabegetreue in Politik und Militär. "Das ist der Grund, warum sie nicht nachgeben werden", gibt sich Makoni resigniert. "Sie werden Tsvangirai kaltstellen, und dann geht es weiter bergab."

Der Niedergang der einstigen Vorzeigeökonomie Simbabwe, wo die Inflation in diesem Jahr auf mehr als 11 Millionen Prozent geschätzt wird, ist in Victoria Falls auch deshalb so deutlich zu sehen, weil es sich um eine Kunststadt handelt, gebaut für die fehlenden Touristen. 300.000 Übernachtungsgäste zählte Victoria Falls noch 1995. Weil Investoren damals immer mehr neue Hotels bauen wollten, warnten Naturschützer vor schweren Folgen für die Umwelt, sollte sich die jährliche Besucherzahl wie prognostiziert bis 2005 auf fast eine Million erhöhen. Das Hotel Kingdom ist eines der letzten Auswüchse des damaligen Booms: ein monströser Koloss, angeblich der antiken Ruinenstadt Simbabwe nachempfunden. An deren Untergang wird man unweigerlich erinnert, wenn man mit lautem Echo durch die hohen, leeren Hallen in das zentrale Atrium läuft, eine von geschlossenen Restaurants umfriedete Ansammlung von Spielautomaten, die gespenstisch im Halbdunkel leuchten. Wo sind die Gäste? "Das sind Sie", strahlt der verloren wirkende Portier glücklich. "Sie sind derzeit der Einzige hier."

Wer heute überhaupt noch nach Victoria Falls kommt, der übernachtet in Sambia und kommt über die Stahlbrücke, die den unteren Sambesi überquert und beide Staaten verbindet. Ab zehn Uhr früh stürzen sich immer wieder Menschen von der Brücke in die Tiefe. Nicht aus Verzweiflung oder Not, sondern weil sie dafür bezahlt haben: Bungee-Jumping gehört zu den Attraktionen, mit denen sambische Reiseveranstalter vor allem junge Reisende nach Livingstone, dem sambischen Gegenstück zu Victoria Falls, locken. Auch Rafting, Paragliding und Abseilen gehören zu den Rennern. Mit dem Angebot rund ums Adrenalin haben die Sambier aus der Not eine Tugend gemacht. Zusammen mit der Simbabwekrise hat das in der einst verschlafenen Provinzstadt zu einem Bauboom geführt, der Victoria Falls alt aussehen lässt. Wer dennoch nach Simbabwe fährt, um die Fälle zu sehen, tut dies meist ein bisschen ängstlich. "Glaubst du, die lassen uns wirklich wieder raus?", fragt eine österreichische Urlauberin leise ihren Mann, während sie ein Einreiseformular ausfüllt.

Solche Sorgen haben die Simbabwer nicht, die jeden Morgen bei Sonnenaufgang den Weg über die Brücke bis zum ersten sambischen Spar-Supermarkt zurücklegen, zehn Kilometer von der Grenze entfernt. "Um sieben Uhr früh stehen bei uns schon Hunderte Schlange, die Brot kaufen wollen", stöhnt eine der Kassiererinnen, die gerade wieder eine Einkaufswagenladung Toastbrot durchzählt. 40 Stück hat John, einer der Händler, für etwa 50 Euro-Cent pro Stück gekauft. Das Geld zieht er vorsichtig aus seiner linken Socke. Vor der Tür packt er das Brot in große Kartons, dann stellt er sich zu den Simbabwern, die auf der anderen Seite des Parkplatzes auf ein Sammeltaxi warten. In Victoria Falls verkauft John das Brot - für 3 Euro pro Stück. "Ich zahle für das Brot und die Taxifahrt, und die Zöllner wollen natürlich auch Geld sehen." Weil es simbabwisches Brot schon seit Wochen kaum noch gibt, kauft es dennoch jeder, der es sich irgendwie leisten kann. Das Gleiche gilt für Zucker oder Maismehl, das in 25-Kilo-Säcken auf dem Kopf über die Grenze getragen wird. Der kleine Grenzverkehr gehört zu den Absurditäten in Mugabes Simbabwe: Er ist eigentlich verboten, aber jeder toleriert ihn, weil sonst alle hungern würden. Bis ins 500 Kilometer entfernte Bulawayo, Simbabwes zweitgrößte Stadt, und sogar nach Harare reichen die Wege der Kleinhändler, von denen kaum einer mehr als 20 Euro Startkapital hat. Wenn die Sonne rot glühend untergeht über den Viktoriafällen, verstauen sie säckeweise sambische Lebensmittel in den Nachtzug, der ins Landesinnere fährt.

(Copyright die tageszeitung, 12.9.08)

Donnerstag, 26. Juni 2008

König der Bettler


Nach seiner Niederlage im März war Robert Mugabe schon abgemeldet, jetzt ist er zurück. Und wenn man seinen Anhängern glauben will, wird er bleiben: bis zum bitteren Ende. Porträt eines Mannes, der die Macht in Simbabwe seit 28 Jahren nicht abgeben will.

(Zum Lesen des kompletten Artikels auf die Überschrift klicken)

Mittwoch, 25. Juni 2008

Schmierstoff aus München


Jugendmilizionäre, die in Simbabwe im Auftrag von Präsident Robert Mugabe Angst und Schrecken verbreiten, gehören zu den wenigen, die in dem bankrotten Land noch bezahlt werden. Für Massenvertreibungen und Einsatz in Folterlagern bekommen sie Geld, das aus Deutschland stammt: Das Münchner Unternehmen Giesecke und Devrient liefert unablässig frisches Spezialpapier für Banknoten nach Simbabwe.

"Noch vor zwei Wochen ist ein Flugzeug in Harare gelandet, das mehr als 400.000 Bögen Spezialpapier von Giesecke und Devrient für Banknoten an Bord hatte", weiß ein simbabwischer Journalist. Dass Mugabes Geld aus Deutschland kommt, ist in Simbabwe hinter vorgehaltener Hand weithin bekannt. Zwei Angestellte der Zentralbank bestätigen, dass die Lieferungen einmal wöchentlich aus Johannesburg kommen. Das können sie mit Eingangsquittungen belegen.

Die Lieferungen, so bezeugen die Angestellten der Zentralbank, kommen über Johannesburg. Mit South African Airways, einer international renommierten Fluglinie für Werttransporte, braucht das auf Frachtlisten nur als "VAL" (Valuable für Wertgegenstand) ausgewiesene Spezialpapier nicht mehr als 13 Stunden, bis es von München über die südafrikanische Metropole in Harare landet. Die mit Wasserzeichen und Sicherheitsstreifen ausgestatteten Papierbögen werden vom Flugfeld im Polizeikonvoi zur Staatsdruckerei am Rand der simbabwischen Hauptstadt gebracht. Dort wird aus dem Papier per Aufdruck von immer mehr Nullen Geld gemacht - oder das, was man in Simbabwe Geld nennt.

Denn Simbabwe ist ein Land mit einer wertlosen Währung. Die Inflation wird auf zwei Millionen Prozent geschätzt, die Zentralbank hat gerade den 75-Milliarden-Schein eingeführt. Noch vor drei Monaten waren 10-Millionen-Scheine im Umlauf. 75 Milliarden Simbabwe-Dollar sind auf dem Schwarzmarkt etwa vier Euro wert.

Für Gorden Moyo von der oppositionsnahen Organisation "Bulawayo Agenda" ist das Geld aus Deutschland Mugabes wichtigste Waffe. "Ohne die ständigen Lieferungen aus München wäre die Terrorkampagne längst zusammengebrochen," sagt er. Denn das frisch gedruckte Geld ist Schmiergeld für die Regimetreuen und Kapital für das Regime. Angestellte der Zentralbank tragen die frisch gedruckten Scheine auf den Schwarzmarkt, um damit Dollar und Euro zu kaufen. "Damit schmiert die Regierung weitere Anhänger und kauft Waffen oder Munition."

Der stete Geldfluss ermöglicht es den Mächtigen zudem, ansonsten unerschwingliche Luxusgüter auf Kosten der Staatskasse zu kaufen. Denn Simbabwe hat drei verschiedene Wechselkurse. Auf dem Schwarzmarkt ist ein US-Dollar 12 Milliarden Zim-Dollar wert und ein Euro 18 Milliarden. Den Schwarzmarkt nutzen Normalbürger, beispielsweise um Studiengebühren für ihre Kinder im Ausland oder nur im Ausland erhältliche Medikamente bezahlen zu können, oder für Visagebühren zur Ausreise in die USA, nach Großbritannien oder Südafrika. Simbabwische Unternehmen, die Devisen für Auslandsgeschäfte brauchen, können einen etwas günstigeren Interbankkurs benutzen, aber hier werden die Devisen von der Zentralbank zugeteilt, so dass viele Geschäftsleute doch auf den Schwarzmarkt angewiesen sind. Und schließlich gibt es einen komplett surrealen staatlich festgesetzten Wechselkurs, demzufolge ein US-Dollar 30.000 Zim-Dollar wert ist und ein Euro etwa 50.000 Zim-Dollar.

Dieser "offizielle" Kurs ist es, der Simbabwes Elite ein flottes Leben ermöglicht. Wer als Einreisender nach Simbabwe zu diesem Kurs die einheimische Währung erwirbt, müsste für den Gegenwert eines Brotes (derzeit 3,5 Milliarden Zim-Dollar) 70.000 Euro hinblättern. Umgekehrt ist der 75-Milliarden-Schein - auf dem Schwarzmarkt knapp vier Euro - nach diesem Wechselkurs 1,5 Millionen Euro wert.

So konnte vor wenigen Monaten ein hoher Politiker, der zu den wenigen gehört, die Zim-Dollar zum "offiziellen" Kurs tauschen dürfen, eine 100.000 Euro teure Luxuskarosse für weniger als ein Zehntel Euro-Cent erwerben, weil er in Zim-Dollar zum "offiziellen" Kurs zahlte.

Selbstredend stehen solche Geschäfte nur denjenigen offen, die als unverzichtbare Stützen des Regimes gelten. Regierungsangehörige und die Präsidentenfamilie nutzen diesen Wechselkurs auf Auslandsreisen. Die Differenz zwischen den Wechselkursen übernimmt die Zentralbank.

Dass durch solche Machenschaften die Inflation weiter angeheizt wird, stört die Herrschenden nicht. Ist das Geld nichts mehr wert, wird das Papier aus München einfach mit noch mehr Ziffern bedruckt. Die Ersparnisse der meisten Simbabwer sind derweil schon lange wertlos geworden. Kein Wunder, dass Giesecke und Devrient (Jahresumsatz 2007: 1,5 Milliarden Euro) sich von Mugabe in Devisen bezahlen lässt. 500.000 Euro sollen pro Lieferung fließen.

Giesecke und Devrient will die Lieferungen weder bestätigen noch dementieren. "Mit der Produktion von Banknoten nehmen wir eine hoheitliche Aufgabe wahr und dürfen zu einzelnen Kundenbeziehungen keine Stellung nehmen", erklärt Unternehmenssprecher Heiko Witzke. "Customer Intimacy" nennt das die PR-Abteilung.

Anrüchig mag der Mugabe-Deal sein, illegal ist er nicht. "Es gibt keine europäischen Handelssanktionen gegen Simbabwe", erklärt der zuständige EU-Sprecher François Head. Einzig Waffen dürfen europäische Unternehmen nicht nach Simbabwe liefern.

Doch eigentlich müsste die Führung von Giesecke und Devrient die Geschäfte mit Mugabe von sich aus einstellen, jedenfalls dann, wenn sie den hauseigenen "Verhaltenskodex" (laut Vorwort der "ethische Handlungsrahmen" des Unternehmens) ernst nimmt. Darin heißt es gleich zu Beginn unter der Überschrift "Menschenrechte": "Wir achten die persönliche Würde ... und die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen." Dass die Geldlieferungen für Mugabe dem entgegenstehen, scheint offensichtlich. Doch Unternehmenssprecher Witzke sieht das anders: "Wir halten uns an die Bewertung der Völkergemeinschaft und alle Vorgaben und Regeln, die es von nationaler und internationaler Seite gibt." Soll heißen: Ohne Handelssanktionen wird weiter deutsches Geld für Mugabe fließen.

(Copyright die tageszeitung, 25.6.08)

Dienstag, 3. Juni 2008

Ein Mann mit Zukunft


Arthur Mutambaras Anhänger glauben, dass nur er Simbabwe in eine bessere Zukunft führen kann. Von Zukunft versteht der ehemalige Professor für Robotik, der auch schon für die US-Weltraumbehörde Nasa gearbeitet hat, immerhin so einiges. Doch jetzt muss der 42-Jährige sich erst mal um seine ganz private Zukunft kümmern. Denn Mutambara sitzt seit Sonntag in Haft, weil er Simbabwes Alleinherrscher Robert Mugabe beleidigt haben soll. Das Auswärtige Amt in Berlin sprach gestern von einem Einschüchterungsversuch und forderte die Freilassung Mutambaras. Ihm wurde ein Artikel zum Verhängnis, in dem er Mugabes Regierung als "illegitim" verurteilt hatte.

Die vergleichsweise sanfte Kritik passt zu Mutambaras Image. Mehr taktisch als konfrontativ nennen ihn seine Freunde, einen hundertprozentigen Pragmatiker seine Gegner. Vor drei Jahren hat sich Mutambara mit Morgan Tsvangirai, dem Chef der oppositionellen "Bewegung für demokratischen Wandel" überworfen und kurze Zeit später die Führung einer Abspaltung der Bewegung übernommen. Viele schlossen sich ihm deshalb an, weil sie einen Kompromiss zwischen den beiden lautstarken Autokraten an der Spitze von Regierung und Opposition suchten. Südafrikas Präsident Thabo Mbeki, selbst ein Pragmatiker, soll Mutambara seine Unterstützung auf dem Weg nach oben zugesagt haben.

Im Wahlkampf wollte Mutambara, zuletzt Direktor des Afrikanischen Instituts für Wirtschaft und Technologie, es allen recht machen: Wir wollen Menschenrechte und ein Ende der Wirtschaftskrise sofort, griff er den seit der Unabhängigkeit regierenden Mugabe an. Doch zugleich warf er dem Westen vor, für die Wirtschaftskrise mit verantwortlich zu sein. Zudem dürfe Landpolitik nicht im Interesse weißer Farmer, sondern aller Simbabwer gemacht werden. Auch deshalb wurde Mutambara nie den Ruf los, ein Mann von Mugabes Gnaden zu sein.

Auch deshalb glauben manche, dass die Festnahme Mutambaras gerade noch rechtzeitig kam, um politisch relevant zu bleiben. Der ehemalige Studentenführer will vom erhofften Sieg Tsvangirais bei der Stichwahl Ende Juni profitieren. Einen Schritt ist Mutambara seinem ehemaligen Widersacher schon entgegen gekommen: Die zehn Abgeordneten seiner Partei, so kündigte Mutambara unlängst an, würden mit Tsvangirais Fraktion zusammenarbeiten. Der braucht die Stimmen, um im Parlament seine Mehrheit gegen Mugabe zu behaupten.

Doch selbst wenn Mugabe, wie viele erwarten, die Wahl zu seinen Gunsten fälschen sollte - ohne Fälschung ist ein Sieg Mugabes unmöglich - wüsste Mutambara die Chance wohl zu nutzen. Gemeinsam mit seinem Mitstreiter Simba Makoni, der für Mutambaras Partei als Präsidentschaftskandidat antrat, könnte er eine "konstruktive" Opposition für sich in Anspruch nehmen - anders als Tsvangirai, der für Mugabe und seine Anhänger ein rotes Tuch ist.

Zwar will die Mehrheit der Wähler den Wandel, weshalb Pragmatiker in der schlimmsten politischen und wirtschaftlichen Krise in Simbabwes Geschichte nicht hoch im Kurs stehen. Doch auf lange Sicht könnte Mutambaras Strategie des Sowohl-als-auch sich auszahlen. Kein Wunder - mit Zukunft kennt der Mann sich schließlich aus.

(Copyright Berliner Zeitung, 3.6.2008)

Montag, 19. Mai 2008

Tod und Terror in Simbabwe


Am Vorabend der angekündigten Rückkehr nach Simbabwe gab der Sprecher von Oppositionsführer Morgan Tsvangirai erneut einen Rückzieher bekannt. „Wir haben Informationen aus verlässlichen Quellen, nach denen ein Attentat gegen Morgan Tsvangirai geplant ist“, erklärte George Sibotshiwe in Johannesburg. Eigentlich hätte Tsvangirai, der seit den Wahlen Ende März nicht mehr in Simbabwe gewesen ist, am Samstag die Abgeordneten seiner Partei treffen sollen, die erstmals seit Simbabwes Unabhängigkeit 1980 im Parlament die Mehrheit stellen. Wann der Oppositionschef, der im vergangenen Jahr von Polizisten krankenhausreif geprügelt wurde, in seine Heimat zurückkehrt, ist unklar.

Simbabwische Zeitungen, die der Opposition nahe stehen, berichteten am Wochenende von einem geplanten Anschlag im Stile des Mordes an Pakistans Oppositionschefin Benazir Bhutto. Milizen in Zivil hätten demnach Tsvangirai nach seiner Ankunft am Flughafen von Harare vor den Augen der Öffentlichkeit erschießen sollen. Simbabwes Regierungssprecher Bright Matonga wies die Vorwürfe nicht nur zurück, er machte auch keinen Hehl aus seiner Genugtuung darüber, dass Tsvangirai trotz der näher rückenden Stichwahl gegen Präsident Robert Mugabe am 27. Juni vorerst nicht in Simbabwe Wahlkampf machen wird. „Außerhalb des Landes herumzuhängen wird seiner Sache kaum helfen“, ließ Matonga in Harare wissen.

Tatsächlich mehrt sich in der Opposition der Unmut darüber, dass Tsvangirai im sicheren Ausland weilt, während seine Anhänger Gewalt und Vertreibung ausgesetzt sind. Mindestens 40 Oppositionelle, so Schätzungen, sind seit den Wahlen umgebracht worden. Zehntausende sind auf der Flucht. Diejenigen, die es bis in die Hauptstadt Harare schaffen, berichten von minutiös geplanten Verfolgungen auf dem Land. „Die Namen von Oppositionsanhängern stehen säuberlich auf Listen eingetragen“, berichtet ein Lehrer aus dem Mudzi-Distrikt.

Das Vorgehen der Milizen, die aus Geheimdienst, Mugabes Parteijugend und Kriegsveteranen genannten Unabhängigkeitskämpfern rekrutiert seien, sei immer das gleiche: „Sie holen ganze Familien aus ihren Höfen, brennen alles nieder und töten das Vieh.“ Die Überfallenen würden dann in Camps eingepfercht, wo sie misshandelt oder vergewaltigt würden.

Die Lage könnte sich noch verschlimmern, wenn Berichte zutreffen, nach denen eine umstrittene Waffenlieferung aus China Simbabwe erreicht hat. Demnach sind einige der 1500 Raketen, 2500 Mörsergranaten, fast 100 Granatwerfer und dreieinhalb Millionen Schuss Munition von Bord des Frachters „An Yue Jiang“ bereits an Polizei und Militär verteilt worden. Das „Schiff der Schande“ war wochenlang vor Afrikas Küste gekreuzt, weil Gewerkschafter die Entladung in Südafrika, Mosambik und Namibia verhindert hatten. Angeblich wurden die Waffen jetzt im Hafen von Pointe-Noire in Kongo-Brazzaville entladen und von der in Großbritannien registrierten Fluggesellschaft Avient Aviation nach Harare geflogen.

Die Irrfahrt soll nur deshalb erfolgreich gewesen sein, weil auf persönlichen Befehl von Südafrikas Präsident Thabo Mbeki hin ein südafrikanischer Militärversorger den chinesischen Frachter mit dem nötigen Diesel versorgt haben soll. „Alles Propaganda“, ließ Mbekis Sprecher am Wochenende verlauten. Doch wie das Schiff, das Beobachter längst auf dem Heimweg nach China wähnten, es sonst so weit geschafft haben soll, ist rätselhaft.

(Copyright Der Standard, 20.5.08)

Donnerstag, 15. Mai 2008

Mathe mit Mugabe


Als Junge habe ich im Laden meiner Eltern gestanden und war stolz, wenn ich abends die Einnahmen zählen durfte. Das Größte war es, Münzen in ein Raster zu schieben und später zu rollen. Kaufmännisches Rechnen habe ich also kurz nach der Muttermilch aufgesogen. Das rächte sich, als ich in Simbabwes Hauptstadt Harare frühstücken ging. Ein Nescafé, ein Doughnut, die Rechnung betrug 55 Millionen simbabwische Dollar. Ich zückte sechs 10-Millionen-Scheine. Verlegen sagte die Kellnerin: "Wir haben kein Kleingeld zum Wechseln, haben Sie fünf Millionen?"

In meinem Umhängebeutel findet sich ein Umschlag, den mir ein Freund mitgegeben hat: Simbabwe-Dollar von seiner Reise im Dezember. Ich nehme einen dicken Stapel 50 000-Dollar-Scheine heraus und zähle 100 davon ab. Drei entsprachen im Dezember einem Bier. Später sah ich auf der Straße einen 50 000-Dollar-Schein liegen. Niemand bückte sich, 50 000 gibt es schon lange nichts mehr. Gerade hat die Zentralbank den 250-Millionen-Dollar-Schein präsentiert.

Irgendwann waren meine Millionen alle und ich machte einen großen Fehler. Ich betrat zum Wechseln eine Bank. "Für einen Euro bekommen Sie hier 42 576 Simbabwe-Dollar", sagte der Angestellte an der Kasse. Das kaufmännische Rechnen setzte ein: 42 576 Simbabwe-Dollar für einen Euro, das hieße mein Nescafé mit Doughnut würde mich mehr als 1 000 Euro kosten. Das erschien mir viel. Ich packte meinen 50 000 Simbabwe-Dollar-Stapel und sagte: "Dafür hätte ich gerne Euro." Er lachte, schloss den Schalter und lud mich zu Kaffee und Aufklärung ein: Natürlich könne ich zum staatlich festgesetzten Kurs keine Euro kaufen. Das gehe nur auf dem Schwarzmarkt, zum echten Wechselkurs: ein Euro 60 gegen Millionen Simbabwe-Dollar. Nur einer kann in Simbabwe zum offiziellen Kurs in Euro wechseln: der Präsident.

Fährt Mugabe in den Urlaub, laufen die Druckmaschinen in der Zentralbank von Harare besonders schnell, dann tauschen Bankangestellte die frischen Scheine auf dem Schwarzmarkt in Euro. Der Bankangestellte geht zurück zum Schalter, um die Inflation zu beobachten.

(Copyright Berliner Zeitung, 15.5.08)

Montag, 5. Mai 2008

Angst vor einem gewaltsamen Wahlkampf


Fünf Wochen nach der Präsidentenwahl und knapp 48 Stunden nach der Verkündung des Ergebnisses ließ Simbabwes Opposition am Sonntag offen, ob ihr Kandidat Morgan Tsvangirai an einer Stichwahl teilnehmen wird. "Bevor wir uns entscheiden, gibt es noch eine Menge Fragen zu klären", erklärte der Sprecher der "Bewegung für Demokratischen Wandel" (MDC), Nelson Chamisa, der Präsident Robert Mugabe und seiner ZANU-PF nach Veröffentlichung der offiziellen Ergebnisse Diebstahl vorgeworfen hatte: "Wir haben diese Wahl im ersten Wahlgang mit 50,3 Prozent klar gewonnen." Der Wahlkommission zufolge hat Tsvangirai mit 47,9 Prozent die absolute Mehrheit verfehlt und muss deshalb erneut gegen Mugabe (43,2 Prozent) antreten.

Die MDC-Führung traf am Sonntag in Johannesburg zusammen, um über ihre Strategie zu beraten. Doch die Zeichen mehren sich, dass Tsvangirai an der Stichwahl teilnehmen wird. "Ich werde zurückkehren", kündigte Tsvangirai, der sich kurz nach der Wahl ins Ausland abgesetzt hatte, an. "Mugabe tut so, als sei Simbabwe sein Privateigentum, das können wir nicht zulassen." Und MDC-Vizechefin Thokozani Khupe meint: "Wir sind überzeugt, dass eine Stichwahl unnötig ist, aber wenn es eine gibt, dann werden wir mit noch größerem Vorsprung gewinnen." Dafür spricht, dass die 8 Prozent, die für den zweiten Oppositionskandidaten Simba Makoni gestimmt haben, kaum Mugabe wählen werden.

"Wenn Mugabe gegen ein Maultier antreten würde, würde das Maultier gewählt, so sehr wollen die Leute, dass er verschwindet", beschreibt der in Ungnade gefallene Exminister Jonathan Moyo die Stimmung. Beim Internationalen Kunstfestival, das derzeit in Harare stattfindet, gibt es kein anderes Thema. "Um eine Diktatur zu erhalten, muss man die Leute ständig beschäftigen", beantwortet etwa der Schauspieler Daves Guzha in seinem neuen Stück die Frage nach dem Hintersinn des Überlebenskampfes, dem die arbeitslosen Simbabwer täglich ausgeliefert sind.

Dass die Opposition dennoch zögert, liegt daran, dass Mugabe bei der Stichwahl vermutlich auf Nummer sicher gehen wird. Diesmal würden noch mehr Namen aus den Wählerlisten gestrichen, mutmaßt anonym ein Kirchenvertreter. "Vor allem aber wird Mugabe mit Gewalt dafür sorgen, dass Wähler aus Oppositionshochburgen vertrieben oder eingeschüchtert werden, dass sie sich nicht trauen, zur Wahl zu gehen." Gerade erst hat Mugabe die Pensionen der "Kriegsveteranen", seinen militanten Unterstützern aus dem Befreiungskrieg, um mehr als das Fünffache erhöht. Mehrere Musiker und Künstler wurden brutal verprügelt, zehn Journalisten sind seit der Wahl verhaftet worden. Berichte, die vom Land durchdringen, bestätigen die schlimmsten Befürchtungen.

Im nördlichen Sambesital müssen sich Flüchtlinge, die vor Mugabes Milizen geflohen sind, nachts im hohen Gras verstecken. "Meine achtjährige Tochter ist verschwunden, ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde", berichtet Familienvater Clever Chiusaro, der nie wieder auf seine Farm zurückkehren will: "Die bringen mich um, wenn ich das tue." In der Nähe der Stadt Bulawayo sollen Milizen Kirchen stürmen. Den Terror gegen die Bevölkerung wollen Mugabes Unterstützer offenbar lange aufrecht erhalten. Sein Sprecher Bright Matonga kündigte bereits an, die Wahlkommission habe ein Jahr Zeit, den Urnengang vorzubereiten.

(Copyright die tageszeitung, 5.5.08)

Donnerstag, 1. Mai 2008

Vom Paria zum Liebling


Freunde bezeichnen den Mann als Vollblutpolitiker: Im Kampf gegen einen allmächtigen Präsidenten und das politische Establishment, so ihre Bilanz, lässt er sich auch von Schauprozessen und brutaler Ellbogentaktik nicht aufhalten. Anders als der abgehobene "Alte" stehe der langjährige Gewerkschafter mit beiden Beinen auf den Füßen und sei ein Mann der "kleinen Leute". Nein, nicht von Morgan Tsvangirai ist die Rede, dem kämpferischen simbabwischen Oppositionsführer, sondern von Jacob Zuma, dem neuen Chef des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC). Doch die Ähnlichkeiten zwischen beiden Politikern sind so groß, dass Anhänger der Opposition im gebeutelten Simbabwe den Südafrikaner Zuma als neuen Hoffnungsträger entdeckt haben. Von dem 1942 geborenen Zulu erhoffen sie sich ein Ende der ergebnislosen "stillen Diplomatie", die Südafrikas Präsident Thabo Mbeki seit Jahren propagiert. Erst kürzlich verkündete Mbeki, in Simbabwe gebe es gar keine Krise. Mehr als alles andere dürften solche Äußerungen dafür gesorgt haben, dass Zuma sich in den vergangenen Tagen stärker als zuvor für einen Wandel im vom 84-jährigen Robert Mugabe zu Grunde gerichteten Nachbarland aussprach. Denn Zuma will vor allem eins: Sich innerhalb und außerhalb der Partei gegen Mbeki profilieren, um seine Präsidentschaftskandidatur für die Wahlen 2009 perfekt zu machen.

Zwar kann der Chef der unbestritten mächtigsten Partei in Südafrika den politisch perfekten Lebenslauf vorweisen: Aufgewachsen als Sohn einer Witwe und ohne formale Schulausbildung, trat Zuma mit 17 Jahren dem im Apartheidsstaat verbotenen ANC bei und wurde später in dessen militärischem Flügel aktiv. Zuma wurde verhaftet und verbrachte zehn Jahre auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island, wo auch Nelson Mandela inhaftiert war. Aus dem Exil in Mosambik und Sambia kehrte Zuma unmittelbar nach der Legalisierung des ANC zurück nach Südafrika und verhandelte mit über die Post-Apartheids-Regierung. Doch all die politischen Meilensteine werden seit 2006 überschattet von Zumas Skandalen: Ungeschützter Sex mit einer HIV-positiven Frau ("ich habe danach geduscht, um kein AIDS zu bekommen"), die Zuma Vergewaltigung vorwirft - ein Gericht sprach ihn frei. Doch im August wird der bekennende Polygamist, der mindestens 18 Kinder von fünf verschiedenen Frauen hat, erneut vor Richtern stehen, diesmal wegen Korruption und Betrugsvorwürfen. Zwar stehen seine Unterstützer, allen voran der linke Flügel des ANC, unerschütterlich zu ihm - doch in Finanz- und Wirtschaftskreisen ist Zuma ebenso unten durch wie im Ausland. Die Krise in Simbabwe kommt Zuma gerade recht, um sich als präsidiabel zu verkaufen.

"Man darf eine Nation und im Effekt die internationale Gemeinschaft nicht in solch Anspannung versetzen", kritisierte Zuma schon Anfang April die simbabwische Wahlkommission, die auch einen Monat nach der Präsidentenwahl noch kein Ergebnis verkündet hatte. Da hatte Mbeki gerade erklärt, man könne gelassen auf ein Ergebnis warten. Auf Besuch in London wählte Zuma zwei Wochen später noch einmal kämpferische Worte: "Ich glaube kaum, dass in der simbabwischen Verfassung steht: Wahlergebnisse können bekannt gegeben werden, wann immer es der Wahlkommission beliebt." Gemeinsam mit Großbritanniens Premierminister Gordon Brown veröffentlichte Zuma eine Erklärung, in der beide eine sofortige Bekanntgabe der Ergebnisse und ein Ende der Gewalt in Simbabwe fordern. Und auf einmal stand Jacob Zuma, der einstige Paria, als neuer Darling des Westens im Rampenlicht. "Ich habe Morgan Tsvangirai getroffen, er ist ein Arbeiter wie ich und ein tapferer Mann", erklärte Zuma kurz darauf.

Zumas Kritik an der Situation in Simbabwe soll ihm zudem an der Heimatfront helfen, beim südafrikanischen Gewerkschaftsbund COSATU, der ANC-Jugendbewegung und den Kommunisten, die ihn innerhalb des ANC stützen. Seit er Parteichef ist, hat Zuma seine Basis mit Beschwichtigungen irritiert. "An der südafrikanischen Wirtschaftspolitik wird sich unter meiner Führung nichts ändern", sagte Zuma etwa kürzlich. Was die Wirtschaft aufmuntern soll, verunsicherte diejenigen, die in Mbekis Südafrika ein Wirtschaftswachstum ohne neue Arbeitsplätze kritisieren. Dass Zuma seine Stimme zu Simbabwe erhebt,kommt hingegen gut an: COSATU und die Kommunisten hatten die Wahl in Simbabwe schon vor dem Urnengang als unzulässig gebrandmarkt, weil die Opposition unterdrückt werde. "Robert Mugabe hat uns missbraucht", erklärte etwa der ANC-Finanzchef und Zuma-Verbündete Mathews Phosa. Erst vergangene Woche stoppten Gewerkschaften einen Waffentransport ais China nach Simbabwe, indem ihre Mitglieder sich weigerten, einen Frachter im Hafen von Durban zu entladen. Das mit mehr als 70 Tonnen Waffen beladene Schiff musste nach China zurückkehren.

Doch die Kritik des Populisten Zuma richtet sich, anders als bei seinen Verbündeten, nicht primär gegen Mugabe, sondern vor allem gegen seinen politischen Erzfeind Mbeki. Denn in Wirklichkeit haben Zuma und Mugabe mehr als nur einige Gemeinsamkeiten. So verlangen Zumas Berater, dass ein Drittel des Farmlandes bis 2014 in Händen schwarzer Bauern sein soll - bei weißen Bauern, die bis heute den Großteil der Landwirtschaft am Kap kontrollieren, weckt das unerfreuliche Erinnerungen an Mugabes Vertreibungen weißer Farmer in den vergangenen Jahren. Beide politischen Führer sind für ihre Brandreden bekannt - die britische "Times" titelte kurz nach Zumas Wahl zum Parteichef: "Ist das der neue Mugabe?" Mugabe war der erste Staatschef, der Zuma nach seiner Wahl zum ANC-Vorsitzenden ein Telegramm schickte. "Glückwünsche vom Bruder Führer", stand darin.

Mit Kritik an Mugabe selbst hat sich Zuma denn auch zurück gehalten. "Was nutzt es, Mugabe zu beleidigen?", verteidigte Zuma Südafrikas Blockade einer Simbabwe-Diskussion im UN-Sicherheitsrat. Auch für ein Waffenembargo sei es zu früh, urteilte Zuma, und konnte nicht umhin, Mbeki doch zumindest ein wenig Respekt zu zollen: "Südafrika tut mehr als die meisten." Dem Spiegel sagte Zuma vor einem Jahr: "Mugabe ist bei den Afrikanern sehr beliebt, die Europäer ignorieren das oft." Er, Zuma, habe Mugabe nicht widersprechen können, als er dem Westen bei einem persönlichen Gespräch Doppelzüngigkeit vorgeworfen habe: Der gewählte Mugabe werde vom Westen kritisiert, während die USA und Großbritannien Militärherrscher wie Pervez Musharraf unterstützten. "Da konnte ich nichts drauf erwidern."

Doch auch wenn seine Motive opportunistischer Natur sein mögen: Südafrikas Kritik, und sei sie noch so verhalten, ist für Simbabwes Opposition so wichtig, dass sie sich schon mangels Alternative an Zuma klammern muss. Das Land am Kap gilt neben China als einziges, das einen Regimewechsel in Harare herbeizwingen könnte. Zweifellos hat Zuma dafür im ANC das nötige Backing. "Er ist ein Mann, der zuhört", sagt einer seiner Anhänger über Jacob Zuma. Wenn das wirklich stimmt, dann wird Zuma auf Dauer nicht um härtere Kritik an Robert Mugabe herumkommen.

(Copyright Rheinischer Merkur, 1.5.2008)

Montag, 14. April 2008

Keine Kritik an Diktator Mugabe


Die Diskussion des Sondergipfels der Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft (SADC) zur Lage in Simbabwe dauerte 13 Stunden, zehn Stunden länger als geplant. Doch als Sambias Außenminister Kabinga Pande gegen fünf Uhr früh am Sonntag in der sambischen Hauptstadt Lusaka vor die Presse trat, gab es dennoch keine Neuigkeiten. "In Simbabwe herrscht nicht im Geringsten eine Krise", bekräftigte Pande die bisherige SADC-Position. Dem Staatenbund gehören Simbabwe und seine 13 Nachbarn im südlichen Afrika an.

Über die Frage "Krise oder nicht" war dem Vernehmen nach die ganze Nacht gestritten worden. Simbabwes umstrittener Präsident Robert Mugabe selbst hielt es nicht einmal für nötig, sich in Lusaka selbst zu verteidigen, und ließ sich von drei Ministern vertreten. Schließlich hatte der mächtigste Mann am Tisch, Südafrikas Präsident Thabo Mbeki, schon Tage zuvor verlauten lassen, dass es auch mehr als zwei Wochen nach der Stimmabgabe in Simbabwe noch kein Ergebnis der Präsidentenwahl gebe, sei kein Grund zur Sorge: "Wir können in Ruhe abwarten."

Mit dieser Einschätzung stehen Mbeki und seine Amtskollegen ziemlich alleine da. Als Zugeständnis an die Kritik aus dem Westen appellierten sie deshalb an die Wahlbehörde, sie möge die Wahlergebnisse doch zügig veröffentlichen - nach einer genauen Prüfung. Genau die gab Simbabwes Wahlkommission zeitgleich zum Lusaka-Gipfel bekannt: In 23 Wahlkreisen sollen die Stimmen am Samstag neu ausgezählt werden, in 22 davon ist nach Ansicht der regierenden Zanu-PF das Ergebnis zugunsten der Opposition gefälscht worden. Die Kampagne gegen angebliche Fälscher im Auftrag der oppositionellen Bewegung für demokratischen Wandel (MDC) läuft schon seit Tagen: Immer wieder wird im Herald, der einzigen erlaubten Tageszeitung, von Verhaftungen berichtet. Die MDC befürchtet, dass Mugabe mit der "Überprüfung" den Wahlsieg der Opposition im Parlament rückgängig machen will. "Wir werden keine neuen Ergebnisse akzeptieren, die offensichtlich gefälscht sind", so MDC-Sprecher Nelson Chamisa. Heute soll eine Klage gegen die Neuauszählung eingereicht werden.

Der 84-jährige Mugabe, der allen inoffiziellen Ergebnissen zufolge nach 28 Jahren Herrschaft als Staatsoberhaupt abgewählt wurde, regiert weiter wie gehabt. Er verlängerte gesetzeswidrig die Amtszeit seines Kabinetts und ließ alle politischen Demonstrationen verbieten. MDC-Chef Morgan Tsvangirai, der zu einem Generalstreik ab Dienstag aufgerufen hat, warnt vor der Errichtung eines Polizeistaats. "Soldaten verprügeln bereits auf dem Land vermeintliche Oppositionsanhänger." Die Bedingungen für eine mögliche Stichwahl für das Präsidentenamt seien demnach "weder frei noch fair". Während die MDC behauptet, dass Tsvangirai im ersten Wahlgang am 29. März mehr als die nötige absolute Mehrheit der Stimmen gewonnen hat, gehen Wahlbeobachter davon aus, dass er sie knapp verpasst hat.

(Copyright die tageszeitung, 14.4.08)

Freitag, 11. April 2008

Warten auf die Zeit nach Mugabe


Auf ein unsichtbares Zeichen hin rennen auf einmal alle los. Die Schritte hallen laut wider im Inneren von Eastgate, Harares modernstem Shopping- und Bürokomplex. Wer den Supermarkt erreicht hat, reiht sich geübt in die Schlange ein, die sich binnen Sekunden gebildet hat. "Es soll tatsächlich Brot kommen", flüstert eine Frau und schüttelt ungläubig den Kopf. "Hoffentlich stimmt es diesmal." Zehn Minuten lang passiert nichts, keiner in der Schlange sagt ein Wort. Dann ein Raunen, als zwei Männer tatsächlich vier Plastikkisten mit Toastbrot durch das Foyer in den Laden schieben.

Noch einmal zehn Minuten vergehen, dann kommen vier Angestellte heraus. Einer fragt den Ersten in der Schlange: "Ein Brot kostet 40 Millionen, hast Du genug Geld dabei?" Der Mann nickt, der Angestellte sagt: "Nur eins, nicht mehr", dann darf der Glückliche eintreten. Fünfzig Brote später ist der Zauber vorbei, der Rest der Schlange löst sich schnell auf. Zwei Jungen laufen zwischen den frustrierten Büroangestellten herum und flüstern: "Wollen Sie ein Brot kaufen? Nur 80 Millionen." Die meisten schütteln den Kopf. 80 Millionen simbabwische Dollar, zum Schwarzmarktkurs knapp 1,50 Euro, das ist für viele ein Fünftel des Monatsgehalts.

Eastgate liegt mitten im Zentrum von Simbabwes Hauptstadt Harare, Zweite Straße Ecke Robert Mugabe Avenue. Das Gebäude galt bei der Einweihung vor mehr als zehn Jahren als architektonisches Weltwunder, wegen seiner natürlichen Klimaanlage. Ein System von Röhren und Kanälen sorgt dafür, dass der Bau mit rund 5 500 Quadratmetern Verkaufsfläche und 26 000 Quadratmetern für Büroräume quasi von selbst seine Temperatur hält. Nachempfunden ist das Prinzip einem Termitenbau. Doch die ruhmreiche Vergangenheit von Simbabwe und von Eastgate ist lange vorbei.

"Wir waren so weit vorne, wir waren die Vorzeigenation Afrikas", erinnert sich Franklin, ein Bankangestellter im Eastgate, wehmütig. "Und wo sind wir jetzt? Die Läden sind leer, nicht einmal Strom gibt es. Unser Land steht am Abgrund." Dass es einmal so viel besser war, macht den tristen Alltag in Harare für viele noch deprimierender.

Doch dass Franklin, der wie die meisten in Simbabwe seinen vollen Namen nicht gedruckt sehen will, solche Sätze offen sagt, ist alleine schon ein Zeichen des Wandels. Seit den Wahlen vor fast vierzehn Tagen, bei denen die Opposition die Mehrheit im Parlament gewonnen hat, ist die Angst vor der allgegenwärtigen Geheimpolizei, dem CIO, bei vielen abgeflaut. Zwar flüstern viele noch, wenn sie über die Regierung sprechen. Den Namen von Präsident Robert Mugabe, der sich an die Macht klammert und dessen Partei die Verkündung des Wahlergebnisses hinauszögert und eine Nachzählung der Stimmen fordert, nehmen die wenigsten in den Mund. "Aber selbst der Geheimdienst ist gespalten, deshalb rede ich mittlerweile auf offener Straße über Politik", sagt der Unternehmensberater Gibson.

Seinen Namen freilich will auch er geheim halten. Dafür teilt der ehemalige Unternehmer, dem Mugabes Partei ZANU-PF schon einmal erfolglos einen Ministerposten angeboten haben soll, freimütig sein Wissen. "Mugabe und die Polizeiführung wollten schon vor Tagen Unruhen in Harare schüren." Doch die jungen Polizeioffiziere eine Ebene tiefer seien nicht dazu bereit gewesen: "Die haben gesagt: Wenn Mugabe Leute umbringen will, dann soll er sich ein Maschinengewehr nehmen und selbst auf die Straße gehen, wir tun es nicht", sagt Gibson und lacht. Die Zeichen mehren sich, dass selbst die Unterstützung durch Polizei und Militär bröckelt, die bisher die unerschütterliche Basis für Mugabes Machterhalt waren.

Diejenigen, die in Mbare leben, der ältesten Armensiedlung der Stadt, haben schon lange keine Zweifel mehr daran, dass der seit der Unabhängigkeit regierende 84-jährige Präsident endlich abtreten muss. "Es gibt keine Baustellen und auch sonst keine Arbeit, deshalb bleiben die Leute hier", erklärt Robert, der auf seinem Lastwagen sonst Arbeiter zu Baustellen fährt. Jetzt liegt er im Schatten des Lkw, rechnet nicht damit, dass er bald aufbrechen muss.

Selbst für die Glücklichen, die eine Stelle haben, ist es schwer. "Zur Arbeit und zurück kostet mich der Bus heute 35 Millionen simbabwische Dollar", beschwert sich Gloria, die am Straßenrand auf einen der nur selten vorbeikommenden Busse wartet. "Und morgen ist es vielleicht schon wieder teurer, mindestens zwei Mal die Woche wird der Preis hochgesetzt, weil der Benzinpreis täglich steigt." Obwohl ihr Arbeitgeber Gloria einen Zuschuss zu den Fahrtkosten zahlt, muss sie oft laufen. "Für den einfachen Weg brauche ich drei Stunden", klagt sie. Ihre kleine Tochter sieht sie an solchen Tagen nur schlafend.

Mbare ist eine Hochburg der simbabwischen Opposition, weswegen Mugabe vor drei Jahren Hunderttausende von hier vertreiben ließ. In der Operation "Murambatsvina", das Shona-Wort für Müllabfuhr, rissen Bulldozer mitten im Winter tausende Hütten ab, die meisten Bewohner flohen aufs Land. Wer blieb, der hat bei dieser Wahl für die oppositionelle "Bewegung für demokratischen Wandel" (MDC) und ihren Chef, den langjährigen Regimekritiker Morgan Tsvangirai, gestimmt. An dessen Sieg glauben nicht nur hier in Mbare alle. Wenn er nicht bald verkündet wird, so warnt der schon grauhaarige George, dann wird ganz Mbare auf die Straße gehen. "Ich werde der erste sein, der gegen Mugabe demonstriert." Doch bislang warten die meisten Bewohner nur ab, nervös, aber tatenlos. Regina, Mutter eines Sohnes, flüstert: "Angeblich bereiten ein paar Leute schon etwas vor, aber Genaues weiß man nicht." Sie hat den ganzen Tag vor einem Laden gestanden und vergebens auf Brot gewartet. Für einen Aufstand scheint sie, wie die meisten, viel zu erschöpft.

Selbst ein Beamter im maßgeschneiderten Anzug, der vor einem Laden seinen schwarzen Mercedes aufschließt und mit einem Bündel 50-Millionen-Dollar-Scheine wedelt, erregt sich. "Maismehl, Zucker oder Pflanzenöl habe ich schon seit Monaten nicht mehr in den Regalen gesehen." Trotzdem hat er erneut für die Regierung gestimmt, gibt er zu. Warum, das sagt er nicht. Aber viele Beamte machen sich zu Recht Sorgen, dass sie nach einem Regierungswechsel die über Jahre angesammelten Privilegien und ihre Arbeit verlieren könnten.

Auch deshalb hat Mugabe bei dieser Wahl selbst nach Ansicht der Opposition mehr als 40 Prozent der Stimmen bekommen, trotz einer Rekordinflation von mehr als 164 000 Prozent. Auch viele Soldaten haben für Mugabe gestimmt, angeblich mussten sie ihre Dienstnummer auf den Wahlzetteln vermerken. Doch ein Luftwaffengeneral ließ im staatlichen Radio vorgestern mitteilen, man werde im Falle eines Falles unparteiisch bleiben. Es ist ein weiteres Zeichen für die Zerrissenheit der kleinen Elite des heruntergewirtschafteten Landes - denn zeitgleich sind andere Generäle aufs Land entsandt worden, um Milizen und Soldaten gegen Oppositionsanhänger aufzuhetzen. Wo früher weiße Siedler verfolgt wurden, sind jetzt auch Schwarze die Opfer, wenn sie unter dem Verdacht stehen, Oppositionsanhänger zu sein.

"Das Establishment, das sind auch Menschen, wir dürfen sie nicht überschätzen", erklärt der Methodistenpriester Johnny Dube. "Die sind verwirrt, sie können nicht vorwärts und nicht zurück und wissen nicht, was sie als nächstes tun sollen." Dube gehört zu den wenigen, die schon seit Jahren offen gegen die Regierung zu Felde ziehen. In einem Buch hat er den simbabwischen Kirchenverband und seine eigene Kirche beschuldigt, das System zu stützen. Dabei, glaubt er, könnten die Kirchen ein entscheidender Faktor zur Veränderung sein. "Wir sind überall im Land, auch da, wo die Politiker nur einmal vor der Wahl hingehen und dann nie wieder." Doch auch jetzt schweigen die Pfarrer. "Dabei stehen wir vor einem Umschwung, und wir hätten seine Speerspitze sein können."

In all der Unsicherheit hat sich dennoch eine Zuversicht ausgebreitet, die es vorher nicht gab. "Es kann einfach nicht so weiter gehen", sagt der Unternehmensberater Gibson. Früher oder später, so glaubt er, wird das System implodieren. Es gebe Anzeichen dafür, dass ein Großteil der Elite sich ins Ausland absetzen will. "Die wollen, dass die absehbare Stichwahl um das Präsidentenamt erst in drei Monaten stattfindet, damit sie Zeit genug haben, abzuziehen." Dafür spricht auch, dass die Regierung gerade noch einmal die Summe verringert hat, die täglich bei den Banken abgehoben werden darf. Eine Milliarde simbabwischer Dollar pro Tag, etwa 17 Euro, sind jetzt die Obergrenze. So viel haben die wenigsten Simbabwer, aber als Stopp für eine Kapitalflucht der Reichen und Mächtigen ist das Verbot effektiv.

Dass Mugabe die Wahl bei einer Stichwahl in drei Monaten gewinnen würde, ist für Gibson ein Ding der Unmöglichkeit. "Auf den wenigen bestellten Feldern erwarten wir eine Missernte wegen Düngermangels und Dauerregens, in drei Monaten hungert das ganze Land."

(Copyright Berliner Zeitung, 11.4.08)