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Dienstag, 25. August 2009

Fragen in der Nacht


Sie klopfen an alle Türen, und wer zu Hause ist, muss sie einlassen. Gestern Abend machten sich mit Einbruch der Dunkelheit in Kenias Straßen Volkszähler auf den Weg, die bis Ende des Monats herausfinden wollen, wer in dem ostafrikanischen Land lebt. "Die Zeit für uns alle ist gekommen, uns zählen zu lassen", wandte sich Kenias Präsident Mwai Kibaki in einer TV-Ansprache an die Nation.

"Wir haben Vorkehrungen getroffen, um auch Obdachlose, Straßenkinder und Reisende zu zählen", sagt Anthony Kilele, Direktor der Statistikbehörde. "Selbst Babys, die bis kurz vor Mitternacht geboren sind, werden von uns erfasst." Erste Berechnungen gehen davon aus, dass die Bevölkerung seit der letzten Zählung 1999 deutlich stärker gewachsen ist als bislang geschätzt: von 29 auf 40 Millionen - bisherige Hochrechnungen waren von 35 Millionen ausgegangen.

Was jedoch viele Kenianer gegen die Volkszählung aufbringt, sind Fragen zu ihrer Stammeszugehörigkeit. Gerade erst ein Jahr ist vergangen seit den ethnisch aufgeheizten Unruhen mit mehr als 1 000 Toten. Weite Teile Kenias leiden bis heute unter Spannungen, immer wieder gibt es Ausschreitungen mit Toten.

"Die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung steht bedauerlicherweise im Mittelpunkt dieser Volkszählung", wettert Njoki Ndung'u von der kenianischen Bürgerrechtsbewegung "Mars Group". Nach Ansicht der Gruppe könnten Politiker die Angaben zur ethnischen Zusammensetzung des Landes für Manipulationen im Vorfeld der nächsten Wahlen 2012 missbrauchen. "Dabei gibt es inzwischen so viele Mischehen im Land, dass viele Kenianer keiner einzelnen Ethnie mehr angehören", so Ndung'u.

Statt sich um eine Aufklärung der Unruhen und die Aussöhnung der Nation zu kümmern, setzten viele Politiker weiterhin auf die ethnische Karte, um ihre Macht zu erhalten. "Die Kluft zwischen verschiedenen Stämmen ist immer noch so groß, dass die Regierung ethnische Zugehörigkeit als wichtigstes Einstellungskriterium nutzt", sagt Ndung'u. Vor allem in der Hauptstadt Nairobi haben Kritiker angekündigt, die umstrittenen Fragen bewusst falsch zu beantworten.

Zu der politischen Unsicherheit kommt die Angst vor der Zählung selber. Bei Volkszählungen wurden in der Vergangenheit immer wieder Haushalte überfallen, weil sich Räuber als Volkszähler ausgaben. Dass die Zählung nachts stattfindet, können viele deshalb nicht verstehen.

"Aber es geht nicht anders, wenn wir ein Bild davon bekommen wollen, wer wo wohnt", verteidigt Chef-Statistiker Kilele das Vorgehen. Auch Präsident Kibaki verspricht Sicherheit: "Viele Volkszähler sind direkt aus der Nachbarschaft rekrutiert worden. Die Gezählten kennen also meist diejenigen, die vor der Tür stehen." Doch die Unsicherheit ist groß, auch deshalb, weil Muster der Zählerausweise und Uniformen bis heute nicht veröffentlich worden sind. Manch einer wird so aus Furcht die Tür verschlossen lassen.

(Copyright Berliner Zeitung, 25.9.09)

Donnerstag, 20. August 2009

Kein Wasser, kein Fleisch


Von den Rinderherden, die die farbenfroh gekleideten Massai normalerweise durch die Ebenen am Fuß des Kili-mandscharo treiben, ist in diesen Tagen nichts mehr zu sehen. Die einst grüne Landschaft ist braun und grau, Farben des Todes und der Not. „Noch keine Dürre war so schlimm wie diese“, sagt der Massaihirte Mengeti ole Lomni. Drei Jahre lang hat es hier kaum geregnet, die letzte Regenzeit ist ganz ausgefallen. Wasser ist Mangelware, die meisten Brunnen sind ausgetrocknet. Der Durst ist das Einzige, was für die Bevölkerung derzeit noch schlimmer ist als der Hunger.

Für mehr als zwanzig Millionen Menschen in Kenia, Somalia und Äthiopien ist die Nahrungsmittelversorgung nicht mehr gesichert. Mit dem Regen bleibt auch die Ernte aus, entsprechend steigen die Preise. Ein Paket Maismehl, Grundnahrungsmittel der meisten Kenianer, kostet derzeit 120 Schillinge (1,10 Euro), fast einen Tageslohn. Die zwei Kilo reichen einer vierköpfigen Familie für ein paar Tage, vorausgesetzt, es gibt genug Wasser zum Strecken. Kenias Landwirtschaftsminister William Ruto rechnet frühestens in einem Jahr mit einer Entspannung der Versorgungslage.

Eigentlich sollten in Zeiten der Not die staatlichen Maisreserven auf den Markt gebracht werden, teils als Nothilfe, teils, um den Preis zu drücken. Doch offiziellen Angaben zufolge liegen in den staatlichen Maissilos nur noch zweieinhalb statt normalerweise acht Millionen Sack Mais. Einen guten Teil der Differenz sollen korrupte Ministerialbeamte und sogar der Landwirtschaftsminister selbst für Millionengewinne ans Ausland verkauft haben. Zwar hat die Regierung angekündigt, Armee und Polizei aufs Land zu schicken, um Hilfslieferungen zu verteilen. „Aber ich frage mich, was die verteilen wollen“, sagt sich Iris Krebber von der Deutschen Welthungerhilfe in Kenia. „Nach meinem Wissen fehlt es nicht an Verteilern, sondern an Hilfsgütern zum Verteilen.“

Die Preise auf den Märkten sind so hoch, dass Bewohner der Armenviertel sich inzwischen von Schweinefutter ernähren. „Ein Sack mit 90 Kilo kostet 1200 Schillinge“, erklärt Jane Wanjiru, alleinerziehende Mutter von vier Kindern. „Für einen Sack Weizenmehl müsste ich mehr als das Dreifache zahlen, das kann ich mir nicht leisten.“ So legt die 35-Jährige mit fünf Freundinnen zusammen, um Schweinefutter zu kaufen. „Ein Sack ernährt sechs Familien für mehr als eine Woche.“ Die Zubereitung, sagt Wanjiru, ist schwierig: Um aus dem stinkenden Pflanzen- und Tiermehl eine Art Fladen zu backen, muss sie eine Handvoll des teuren Weizenmehls zugeben und einen Löffel Öl in der Pfanne erhitzen. Das Ergebnis sieht eher aus wie ein bröckliger Keks, doch Wanjirus Kinder greifen zu. Unter Magenschmerzen leiden sie, sagt die Mutter, und unter Durchfall. „Aber was soll ich ihnen sonst geben? Hilfslieferungen hatten wir hier schon seit einem Monat nicht mehr.“

Massaihirten wie Mengeti ole Lomni sehen unterdessen zu, wie sich ihr einziger Reichtum, die Rinderherden, dezimieren. Weil es überall im Land trocken ist, kehren immer mehr Herden in die Heimat zurück, wo sie notgeschlachtet werden. Der Verkauf lohnt sich nicht. Für die klapperdürren Kühe bekommen sie auf dem Markt gerade mal noch umgerechnet zehn Euro – normalerweise ist es vierzigmal so viel. Durch die Schlachtungen haben die Massai zumindest für den Moment etwas Fleisch. Doch wie er ohne Vieh in Zukunft überleben will, bleibt für ole Lomni ein unlösbares Rätsel.

(Copyright Rheinischer Merkur, 20.8.09)

Dienstag, 18. August 2009

Rationierter Alltag


Dieser Text ist eine Montagsproduktion. Das ist nicht im übertragenen Sinne gemeint. Weder hat dieses Global Village erkennbare Macken, noch ist es aus minderwertigen Bausteinen von einem vom Wochenende ermüdeten Arbeiter zusammengesetzt worden. Nein, es ist schlicht an einem Montag geschrieben. Denn nur am Montag, so legt es ein zweiseitiger, eng bedruckter Plan der kenianischen Elektrizitätswerke dar, gibt es Strom für meinen Computer. Dann erst wieder am Mittwoch, und schließlich am Freitag. An den restlichen Wochentagen bleibt die Steckdose tot: So will es die neu eingeführte Stromrationierung.

Damit umzugehen will gelernt sein. Frische Milch kaufen wir nur noch sonntags, dienstags und donnerstags, möglichst abends, damit die Kühlregalkälte (große Supermärkte haben dank eigener Generatoren Strom rund um die Uhr) bis zum nächsten Morgen vorhält. Das gilt für alle verderblichen Waren. Das Eisfach ist sowieso längst leergeräumt, im Regal daneben sind Kerzenpakete gestapelt. Die werden derzeit so eifrig gehamstert, dass sie oft ausverkauft sind. Eigentlich soll zwar zumindest nachts der Strom wieder angedreht werden, doch das klappt nicht immer.

Wäsche waschen wir nur noch mittwochs, denn von Freitag bis Montag gibt es kein Wasser. Auch das ist wegen ausgebliebener Regenfälle rationiert. Weil die Waschmaschine Strom, aber eben auch Wasser braucht, läuft sie mittwochs von früh morgens bis spät abends. Das Telefon schließlich ist schon lange rationiert, wenn auch leider nicht so vorhersehbar: Im Schnitt funktioniert es fünf Tage im Monat, was daran liegt, dass es in Nairobi zu viele Nummern für zu wenige Anschlüsse gibt.

Einziges Gesprächsthema der Kenianer ist derzeit, was als nächstes rationiert wird. Am wahrscheinlichsten wird es Zucker sein, denn wegen der Dürre sind die Ernten schlecht gewesen. Auch Maismehl, Milch und andere Hauptnahrungsmittel sind heiße Kandidaten. An den Ladenregalen hängen vielerorts schon erste Schilder: Nicht mehr als zwei Packungen auf einmal kaufen! Auch Diesel dürfte knapp werden, nicht zuletzt, weil in den Einkaufszentren mehr Generatoren brummen als je zuvor. Zwar hat die Politik Besserung versprochen. Doch die bisherigen Vorschläge waren echte Montagsproduktionen: im übertragenen Sinne.

Copyright Berliner Zeitung, 18.8.09)

Dienstag, 7. April 2009

Der gedeckte Mörder


"Hier ist Radio Libre Mille Collines", ruft der Moderator schwer atmend in sein Mikrofon. "Die Gräben sind erst zur Hälfte mit Tutsi-Leichen gefüllt, helft mit, sie aufzufüllen!" Es ist Frühjahr 1994 in Ruanda, seit dem 7. April haben die Morde an Tutsi und moderaten Hutu begonnen. Macheten, die schon vor Monaten lastwagenweise eingeführt worden sind, werden an die Hutu-Bevölkerungsmehrheit verteilt. Angeheizt wird die Stimmung von den Scharfmachern im Freien Radio der tausend Hügel, die später sogar Musikstücke senden, die den Völkermord glorifizieren. Später werden Medienwissenschaftler sagen, dass die Hasssendungen maßgeblich dazu beigetragen haben, den Völkermord am Laufen zu halten.

Der Mann, der hinter Radio Libre Mille Collines steckt, ist derselbe, der den Import von zehntausenden Macheten organisierte: Félicien Kabuga, einer der reichsten Männer Ruandas und Hutu-Extremist, für dessen Ergreifung die US-Regierung ein Lösegeld von 5 Millionen US-Dollar ausgesetzt hat. Doch 15 Jahre nach Beginn des Genozids ist der inzwischen 74-Jährige immer noch auf der Flucht. "Von den 97 Angeklagten haben wir 84 festnehmen können", bilanziert Roland Amoussouga, Sprecher des Internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda im tansanischen Arusha. "Nur 13 sind noch auf der Flucht."

Doch unter diesen 13 sind die vielleicht wichtigsten noch lebenden Hintermänner des Genozids: der damalige Verteidigungsminister Augustin Bizimana etwa, und Protais Mpiranya, Chef der besonders brutalen Präsidialgarde. Und Kabuga, der als Finanzier des Völkermordes gilt. "Bei vielen wissen wir ungefähr, wo sie sich aufhalten", sagt Hassan Jallow, der Chefankläger des von den UN eingerichteten Tribunals. Doch das reicht zur Festnahme nicht aus, denn das Tribunal hat keine Polizei. Wenn Jallow weiß, wo sich ein Verdächtiger aufhält, dann muss er die Regierung des Landes um Amtshilfe bitten. "Und nicht alle Regierungen sind so kooperativ, wie wir uns das wünschen würden."

Niemand zweifelt ernsthaft daran, dass sich Félicien Kabuga seit fast 15 Jahren meistens in Kenias Hauptstadt Nairobi aufhält. Am 3. September 1994 stempelten Einreisebeamte seinen Pass am internationalen Flughafen, seine Frau und sechs Kinder folgten kurze Zeit später nach. Kenia war nicht Kabugas erste Wahl: Weder die Schweiz noch das damalige Zaire war bereit, den Völkermörder aufzunehmen.

In Kenia hingegen wurde Kabuga mit offenen Armen empfangen. "Der damalige ruandische Botschafter Cyprien Habimana sorgte dafür, dass eine ganze Reihe von Völkermördern Flüchtlingsstatus bekamen", erklärt ein damaliger Mitarbeiter von Kenias Ausländerbehörde im Schutz der Anonymität. Erst im Dezember wurde Habimana von der neuen Regierung nach Kigali zurückgerufen. Da hatte Kabuga bereits seine erste Wohnung im schicken Gemina Court bezogen, gleich neben der Witwe von Expräsident Juvénal Habyarimana. So groß war der Andrang der Extremisten, dass im September 1994 in der All Saints Basilica eine eigene Schule für 140 ihrer Kinder eröffnet wurde, in der auf Kinyarwanda unterrichtet wurde. Auch die tutsifeindliche Hetzschrift Kangura, die in kongolesischen Hutu-Flüchtlingslagern verteilt wurde, wurde in Nairobi gedruckt.

Die Kenia-Connection der Hutu-Elite um den ermordeten Präsident Juvenal Habyarimana, dessen Flugzeug am Vorabend des 7. April 1994 abgeschossen wurde, hat Tradition. Habyarimana selbst war mit Kenias autokratischem Präsidenten Daniel arap Moi gut befreundet und unterhielt mehrere Firmen in Mombasa und an Kenias Küste. Auch Kabuga hatte Verbindungen. Sein wohl nützlichster Beschützer soll der damalige Chef des gefürchteten Geheimdienstes, Zakayo Cheruiyot, gewesen sein. Vieles spricht dafür, dass es innerhalb von Bürokratie und Politik bis heute zahlreiche Männer gibt, die ihre schützende Hand über Kabuga halten.

Selbst der sonst eher diplomatische Chefankläger des Völkermordtribunals Jallow kritisiert Kenias Regierung mittlerweile öffentlich. "Im Kongo hat die Regierung Probleme mit ihrer Kapazität und kann deshalb viele Flüchtlinge nicht fassen", so Jallow. "In Kenia geht es nicht um Kapazität, es geht um politischen Willen."

Eine von Jallow ins Leben gerufene Taskforce, der Vertreter des Tribunals und der kenianischen Polizei angehören, legte vor nicht einmal einem Jahr einen bestürzenden Bericht vor: Das Netzwerk, das Kabuga zu seinem Schutz aufgebaut habe, umfasse den Expolizeipräsidenten des Landes, zwei persönliche Referenten des Präsidenten, zwei Minister, Kenias obersten Verwaltungschef und Heerscharen von Geschäftsleuten und Rechtsanwälten. Ein Vertrauter des ehemaligen Präsidenten Mois habe zudem mit der neuen Regierung eine Vereinbarung darüber geschlossen, dass Kabuga weiterhin geschützt werde. Die Regierung Kibaki, die bis heute im Amt ist, wies alle Vorwürfe zurück. Der Bericht wurde nie veröffentlicht.

Wer den Fall Kabuga verfolgt, lebt gefährlich. Der kenianische Journalist Cyrus Ombati, der die Spur Kabugas seit Jahren verfolgt, ist sich dessen bewusst. Und dennoch will er nicht schweigen. "Die Regierung behauptet, Kabuga sei nicht im Land, aber gleichzeitig hat sie ihn gerade wegen Steuerhinterziehung angeklagt", weist er auf einen der vielen Widersprüche hin. "Polizeibeamte geben im Vieraugengespräch offen zu, dass er sich in Kenia frei bewegen kann", so Ombati. "Und gleichzeitig sagen sie dir: Pass bloß auf, was du über ihn schreibst!"

Das kenianische Finanzimperium Kabugas umfasst Immobilien, Farmen, Hotels, Transport- und ein Busunternehmen sowie eine Import-Export-Firma. Zwar hat Kenias Regierung nach langem Zögern Konten und Besitztümer Kabugas eingefroren, doch mindestens zwei Konten, die Jallows Taskforce im vergangenen Jahr überprüfen wollte, scheinen noch intakt zu sein. "Weder die Barclays Bank noch die Family Bank war bereit, uns bei der Aufklärung zu unterstützen", sagt ein Insider. Auch die Konten von Geschäftspartnern und Kabugas Schwiegersohn seien bis heute nicht gesperrt.

Einmal schien es, als seien die Verfolger kurz davor, Kabuga festzunehmen. Der Geschäftsmann William Munuhe vereinbarte ein Treffen mit Kabuga, bei dem die Polizei zugreifen sollte. Als Kabuga nicht wie vereinbart zum Treffen erschien, wurde der Einsatzleiter ungeduldig. Weil Munuhe seinen Telefonhörer nicht abnahm, brachen die Beamten die Tür auf. Sie fanden den 27-Jährigen tot in seinem Bett - er war mit einem Kopfschuss ermordet worden.

Auch weil die Polizei den Tod Munuhes lange geheim hielt, gehen viele bis heute davon aus, dass Polizei-Insider den Geschäftsmann verraten hatten. Vor einem Jahr, Jallow hatte einen kritischen Bericht vor dem UN-Sicherheitsrat angekündigt, meldete die Polizei auf einmal die Festnahme Kabugas. Erst einige Tagen später, die Sicherheitsratssitzung war vorbei und Jallow zurück in Arusha, stellte sich heraus: Der Verhaftete war nicht Kabuga, sondern Charles Nyandwi, ein Mathematikdozent an Nairobis Universität, der Kabuga überhaupt nicht ähnlich sieht.

Doch Jallow will nicht aufgeben. "Kabuga bleibt einer der wichtigsten Flüchtlinge für uns, wir wollen ihn hier vor Gericht sehen, bevor wir Ende des Jahres die Verhandlungen einstellen", so der Chefankläger. Und etwas realistischer setzt er nach: "Diese Verbrechen verjähren nicht." Irgendwann werde man Kabuga finden und festnehmen. "Er kann wegrennen, aber er kann sich nie in Sicherheit wiegen."

(Copyright die tageszeitung, 7.4.09)

Samstag, 7. März 2009

Todesschüsse im Berufsverkehr


Kenias Regierungssprecher Alfred Mutua ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. So dachte sich kaum jemand etwas, als er am Donnerstag bei einer Pressekonferenz über den renommierten Menschenrechtler Oscar Kamau Kingara und seine Organisation herzog. "Die Oscar-Stiftung ist eine Fassade, über die die Mungiki-Sekte sich Geld und Unterstützung vom Ausland beschafft", schäumte Mutua, während Anhänger der Mungiki-Miliz in den Straßen der Hauptstadt Nairobi und anderswo in Kenia gegen die Polizei und ihre systematischen Erschießungen demonstrierten, die Kingara aufgedeckt hatte. Einige Stunden nach Mutuas Pressekonferenz wurden Kingara und sein Kollege John Paul Oulu in ihrem Wagen erschossen, als sie am helllichten Tag mitten in Nairobi im Stau standen.

"Unter den gegebenen Umständen muss man Kenias Polizei für die Morde verdächtigen", ließ der entsetzte UN-Sonderberichterstatter Philip Alston wenige Stunden später in einer Erklärung mitteilen. Der australische UN-Mann fordert eine unabhängige Aufklärung mit Hilfe südafrikanischer oder britischer Spezialisten. Erst eine Woche vorher hatte Alston einen Bericht darüber vorgelegt, wie Todesschwadronen in Kenia im Jahr 2007 hunderte Mungiki-Mitglieder ermordet hatten. Zu seinen Gewährsleuten gehörten auch die beiden Menschenrechtler, die jetzt tot sind.

Schon am Tag, als Alston seinen Bericht vorstellte, war es ihm bange gewesen. "Man hat uns überwachen lassen und Zeugen bedroht, in einem Fall wurde den Bewohnern eines ganzen Vertriebenenlagers der Entzug von Essen für den Fall angedroht, dass man mit uns redet." Alston sprach damals zudem von einem Brief von Präsident Mwai Kibaki, der ihn sehr beunruhigt habe. "Ich kann mir nicht sicher sein, dass unsere Zeugen unbehelligt bleiben werden."

Polizeisprecher Eric Kiraithe wies am gestrigen Freitag den Vorwurf zurück, Kenias Polizei habe mit dem Mord zu tun. "Das waren Kriminelle, die Studentenunruhen anfachen wollten." Nach Kingaras Tod hatten sich Studenten und Sicherheitskräfte Straßenschlachten bis in die Nacht hinein geliefert. Ein Student wurde von der Polizei erschossen. Gestern war die Lage weiter angespannt.

Was Kingara und Alston in ihren Berichten aufgedeckt hatten, ist ein mafiöses System in Kenias Polizei. Mit Kopfschüssen wurden 2007 binnen weniger Monate mehr als 500 junge Männer erschossen. Dahinter steckte eine Todesschwadron namens "Kwe Kwe", die in Absprache mit der Polizeiführung jeden ermordet, der womöglich ein Mitglied der Mungiki sein könnte. Die Mungiki, eine illegale Jugendmiliz des Kikuyu-Volkes in Kenia, zu dem auch Präsident Kibaki gehört, sind unangenehm: die mafiöse Gang, die Schutzgelder erpresst und für Geld Terror walten lässt, schlägt säumigen Schuldnern gerne mal die Köpfe ab. Und doch, so betonte der Menschenrechtler Kingara stets, haben auch sie ein Recht auf einen fairen Prozess.

(Copyright die tageszeitung, 7.3.09)

Mittwoch, 21. Januar 2009

Familienfest


Seit vier Tagen wird in Kogelo, der Heimatstadt von Barack Obamas Vater tief im Westen Kenias, schon gefeiert. Kistenweise fließt das warme Bier, das Kenias größte Brauerei aus gegebenem Anlass von "Senator" in "President" umgetauft hat. In Kogelo freilich ist das egal: Hier bestellt man am Tresen schon seit Monaten mit dem Spruch "Ein Obama, bitte".

Dutzende Kamerateams aus der ganzen Welt sind gekommen, um die Party in Kogelo zu verfolgen. "Kenia ist ein sehr korruptes Land, ein Land ohne Zukunft, mit viel Leid und Hunger", bescheidet etwa Gregory, der in Kogelo lebt und dessen Stimme vor lauter Ausgelassenheit quietscht. "Wenn Obama als US-Präsident vereidigt ist, wird sich das ändern; er kommt von hier, er wird uns helfen." Ganz Kenia werde Obama verändern, glaubt der Jugendliche, und endlich Entwicklung und Aufschwung ins Land bringen.

Mit solchen Erwartungen steht Gregory nicht alleine da. "Sein Blut stammt von hier, aus diesem Land", sagt auch die in der Hauptstadt Nairobi lebende Julia Karimi. "Wir erwarten nicht, dass er Präsident von Kenia wird, aber er sollte etwas tun, um unser Leben besser zu machen."

Gäbe es nicht schon ein Suaheli-Wort für Hoffnung, "Obama" hätte beste Chancen darauf. Überall in Kenia prangt das lachende Gesicht der Lichtgestalt aus Übersee: Auf T-Shirts und Bussen, auf Hauswänden und auf den bunten Kangas, den traditionellen Tüchern, die vor allem an der Küste getragen werden. "Glückwunsch Barack Obama", steht darunter. "Du bist der Wille Gottes."

Nach den blutigen Unruhen vor einem Jahr, von denen Kenia sich bis heute nicht erholt hat, ist der Ehrenkenianer einer der letzten Hoffnungsträger, findet die junge Massaifrau Shirleen Ilante. Sie hofft, dass Kenia von Obamas Beispiel lernt: "Unsere Politiker müssen ihren Egoismus aufgeben, wir brauchen selbstlose Anführer wie Obama", sagt sie. Vor allem aber müsse Kenia lernen, dass jetzt die junge Generation an der Reihe sei. "Obamas Botschaft an ganz Afrika und Kenia im Besonderen lautet: Die alte Garde soll endlich aufhören und uns jungen Leuten eine Chance geben."

Dass sich die wegen Korruption und Amtsmissbrauch verschrienen kenianischen Politiker ein Beispiel nehmen, glaubt freilich nicht jeder. Ein Student an Nairobis Universität, der nur Anthony genannt werden will, ist skeptisch. "Mir ist Obamas Amtseinführung ehrlich gesagt ziemlich egal", wettert er. "Mag schon sein, dass er afrikanischer Herkunft ist und ich auch, aber sein Land ist nicht mein Land." Kenia, so glaubt Anthony, sollte seine Probleme selber anpacken, anstatt auf einen Präsidenten im fernen Washington zu hoffen.

Anthonys Kritik wendet sich auch direkt an eine Delegation unter Führung von Kenias Außenminister Moses Wetangula, die gestern in Washington weilte - uneingeladen. Auf Wetangulas Anfrage hatte die US-Botschaft kühl wissen lassen, dass andere Staaten bei der Vereidigung traditionell nur durch ihre Botschafter vertreten seien. Das hielt die Ministerriege nicht davon ab, trotzdem nach Washington zu fliegen. Ein Skandal, findet der ehemalige Vizeminister und Bürgerrechtler, Kalembe Ndile. "Das ist eine unfassbare Verschwendung von Steuergeldern dafür, dass die Minister sich die Vereidigung letztlich nur auf dem Hotelzimmer ansehen können." In seiner Rage stellte Ndile dem Außenminister vergangene Woche einen Fernseher vor seine Tür - als Geschenk: "Soll er sich das Spektakel hier ansehen, das ist für uns alle billiger."

Als geladene Ehrengäste sind in Washington nur einige kenianische Angehörige Obamas dabei - allen voran Obamas Großmutter Sarah. "Das ist der Tag, auf den ich seit Monaten gewartet habe", sagte die 87-Jährige kurz vor ihrem Abflug in Nairobi. "Ich kann nicht verhehlen, dass ich sehr, sehr glücklich bin." Es ist das zweite Mal, dass Sarah Obama zu ihrem Enkel in die USA reist. An seine Vereidigung als Senator von Illinois, zu der Obama sie ebenfalls eingeladen hatte, kann sie sich noch gut erinnern: "Viel zu kalt war das!". Als Gastgeschenk hat Oma Obama die Insignien der Macht im Gepäck, wie man sie im Westen Kenias kennt: einen dreibeinigen Hocker, ein Schild und einen Wedel aus Ziegenhaar zum Verscheuchen von Fliegen. "Außerdem wollte ich ihm einen Speer mitbringen, aber mir wurde gesagt, dass ich den aus Sicherheitsgründen nicht mit in den Flieger nehmen darf."

Für die Mehrheit der Kenianer, die von Washington nur träumen können, ist die Vereidigung schlicht ein Freudentag. "Das wird wie Weihnachten und Silvester zusammen, die Party des Jahrhunderts", sagt der 31-jährige Gärtner Milton, der wie Obamas kenianischer Vater zur Ethnie der Luo gehört und normalerweise im Botschaftsviertel arbeitet. Zwar hat Kenias Regierung diesmal, anders als am Tag nach Obamas Wahl, keinen Feiertag ausgerufen, doch für die Feier hat sich Milton ein paar seiner wenigen Urlaubstage genommen. Die hohen Fahrtkosten von Nairobi nach Kisumo hat er gern getragen: "Das ist es mir wert." Denn nirgendwo wird Obama am Dienstag so sehr gefeiert wie im Westen Kenias, im "Luoland".

In Kisumu sollen im größten Stadion der Stadt gleich mehrere Großbildleinwände aufgestellt werden, damit bis zu 100 000 Gäste die feierliche Zeremonie ohne Rempeleien verfolgen können. In Kakamega, der zweitgrößten Stadt der Region, werden mehr als 50 000 Gäste zu der Übertragung erwartet, die von einem Livekonzert begleitet wird. Aus den Lautsprechern dröhnt dort immer wieder die Hymne, die der kenianische Musiker Onyi Papa Jey geschrieben hat: "Obama, Sohn unseres Volkes", singt er, und der Bass dröhnt tief dazu. "Freund, der sich zu seinen Wurzeln in Kenia bekennt."

In die staubige Provinzstadt ist zudem eigens für die Party die südafrikanische Starsängerin Yvonne Chaka Chaka angereist. Doch der wahre Star des Abends, da sind die Besucher sich einig, ist auch in Kakamega nur auf der Leinwand zu sehen. Während Obama spricht, verstummen die Musiker und lauschen andächtig den Worten aus dem fernen Amerika.

(Copyright Berliner Zeitung, 21.1.09)

Samstag, 1. November 2008

Wir werden Präsident


"Neue Häuser brauchen wir", sagt einer der Bauern, die in Kogelo jeden Abend an der Bar stehen, einer aus Brettern zusammengenagelten Bude. "Im Heimatdorf des US-Präsidenten können wir doch nicht in Grashütten leben." In dem kleinen Dorf im Westen Kenias, wo die traditionell gebauten Hütten den staubigen Feldweg säumen und auf dem Marktplatz Ziegen meckern, fühlt man sich bereits als kollektiver Sieger. "Wir werden US-Präsident" heißt es dort, wo Barack Obamas Vater geboren wurde und begraben liegt und Obamas Großmutter bis heute ihren Mais anbaut.

Dass Obama seine "Heimat" erst kennenlernte, nachdem sein Vater gestorben war, und auch dann nur kurz, tut seiner Popularität hier keinen Abbruch. Im Gegenteil, sagt der Direktor der Dorfschule, Manas Njuyo: "Wenn wir nur ein Bild von ihm sehen, sind wir begeistert und freuen uns." Njuyos Schule heißt längst Obama-Schule, was ihre Beliebtheit deutlich vergrößerte. Seitdem sitzen nicht mehr 40, sondern 60 Kinder in einer Klasse. Auf den meisten Marktständen in Kogelo prangt Obamas Name, ungezählte Lieblings-Kühe, -Ziegen und -Hühner sind nach dem "verlorenen Sohn", wie ihn Kenias größte Tageszeitung Nation taufte, benannt.

Die 86-jährige Oma Sarah Obama hat schon früh wissen lassen: Wenn ihr Enkel es schafft, dann will sie bei der Amtseinführung im Weißen Haus dabei sein. "Ich kann doch auf keinen Fall verpassen, wenn mein Enkel Präsident der Vereinigten Staaten wird."

So viel Vorfreude steckt an. Weil die Welt inzwischen weiß, dass Obama eine Oma in Afrika hat, will die Welt auch live dabei sein, wenn sie am Mittwoch einen Freudentanz aufführt - oder ein langes Gesicht macht. Das glauben jedenfalls die Planer in den Redaktionen der großen Zeitungen, der Radio- und Fernsehanstalten aus aller Welt, die ihre Korrespondenten in die westkenianische Einöde beordert haben. "Das Imperial ist vollkommen ausgebucht", bescheidet der Portier im edelsten Hotel der nächstgelegenen größeren Stadt Kisumu jedem Anrufer. Grashütten zu filmen ist gut, übernachten will man lieber woanders.

"Da kommen mehrere hundert", prophezeit ein Techniker des britischen Rundfunksenders BBC, der das gesamte Dorf bereits vermessen hat. Ü-Wagen, mobile Schnittstudios oder fahrbare Satellitenschüsseln müssen nur noch ihren auf dem Plan eingezeichneten Parkplatz finden. "Dann norden die sich ein, und fertig ist die Laube", sagt der BBC-Mann.

Das Staunen über die blitzende Technik ist den Dorfbewohnern, von denen die meisten nicht mal ein Radio besitzen - geschweige denn Strom - längst vergangen. Die Journalisten aus dem Ausland sind "big business", darüber sind sich am Kneipentresen alle einig. Oder zumindest das einzige Business weit und breit, wo man "kidogo" - ein klein wenig - verdienen kann.

Wer wissen will, wo wie und wann Obama bei einem seiner Besuche gestanden, gesessen oder gelegen hat, der findet mit Sicherheit einen ortskundigen Führer, der mit Feuer und Flamme bei der Sache ist. Denn obwohl in Kogelo in den vergangenen Monaten immer mal wieder so viele Kamerateams herumstanden wie auf einem mittleren Hollywood-Set, ist den Bewohnern die gute Laune nicht vergangen.

"Die Welt soll sehen, wie wir uns freuen", ruft Henry, ein junger "Businessman" mit Fahrrad, dem kenianischen Privatsender KISS FM ins Mikro, der schon seit Tagen im Dorf präsent ist. Klar, irgendwie fand er es schon komisch, als kürzlich aus dem Nichts ein Scheinwerfer aufflammte und die Szenerie unter einem großen Mangobaum am Rande Kogelos erhellte, wo er gerade mit seiner Freundin knutschte. "Überall sind Kameras, alles wird gefilmt, und dann gibt es noch die Journalisten, die mit ihren Notizblöcken durch die Gegend streifen und nach irgendetwas suchen, was noch niemand aufgeschrieben hat", sagt Henry. Ein Dorf unter Belagerung sei Kogelo irgendwie, aber: "Cool ist es trotzdem." Wenn Obama gewinnt, will Henry feiern, "drei Tage und drei Nächte lang".

Die engere Familie hat sich unterdessen hinter den Zaun mit Pfeilern aus Beton zurückgezogen, der Oma Sarah Obamas Haus seit Neuestem umgibt. Neben dem schweren Tor stehen zwei Zelte für die sieben kenianischen Polizisten, die das Haus seit dem versuchten Einbruch bei Oma Sarah Anfang September rund um die Uhr bewachen. Auch Barack Obama ist da, als lebensgroße Pappfigur.

Das mediale Herz von Kogelo ist Familiensache: Wer Obamas Oma interviewen möchte, muss einen Übersetzer aus dem engeren Familienkreis akzeptieren. Bezahlen muss man dafür nicht. Gestritten wird in der Familie derzeit noch darüber, wo die 85-Jährige nach der Wahl auftreten soll: vor ihrem Haus, oder doch lieber drinnen. Bis das Ergebnis vorliegt, herrscht ohnehin Funkstille, gab Familiensprecher Said Obama, ein Onkel des Präsidentschaftskandidaten, gerade bekannt: "Wir wollen nicht, dass die Medien mit Aussagen der Familie den Ausgang der Wahl beeinflussen." Ein bisschen genervt sieht der hochgewachsene, hagere Mann dabei aus. Kein Wunder, schließlich ist nicht jeder Korrespondent so freundlich wie die kanadische Reporterin, die Oma Obama erstmal eine Handcreme aus dem westafrikanischen Mali überreichte.

Als im Vorwahlkampf - es war am Super-Tuesday - zwischen gut zehn Korrespondenten fast eine Prügelei darüber ausbrach, wer die fragile Oma zuerst interviewen dürfe - sie selbst war freilich nie gefragt worden -, riss Obamas Onkel Said erstmals der Geduldsfaden: "Wir bitten Sie, uns Ihren Besuch zumindest anzukündigen", sagte er damals.

Auch in Kenias Hauptstadt Nairobi ist Obama ein Star. Das dort gebraute "Senator"-Bier ist zum Lieblingsgetränk in den Slums avanciert. "Bitte ein Obama", so bestellt man die warmen Flaschen jetzt korrekt. "Vielleicht wird die Marke ja bald umbenannt und heißt dann President", spekuliert John, ein Souvenirverkäufer in der Innenstadt. Im Dauerstau auf Nairobis Straßen bietet er den Autofahrern längst nicht mehr den üblichen Krimskrams an, sondern T-Shirts mit der Aufschrift: "I love Obama". "Ein Bombengeschäft", sagt John. Aufkleber hingegen verkaufen sich nicht so gut, was daran liegen mag, dass fast jeder Autofahrer schon mindestens einen auf seinem Wagen kleben hat.

Der neueste Hit in Nairobi sind Karten für das Musical "Obama", das am Samstag Premiere in Kenias Staatstheater feiert und für das sich der Komponist George Orido von Obamas Lebensgeschichte inspirieren ließ. Die wenigen Vorstellungen über "Das Leben eines kenianischen Amerikaners in Tanz, Musik, Worten und Gesang" sind bis zum Wahltag schon ausverkauft.

Kein Wunder, dass auch Kenias generell eher ungeliebte Politiker sich im Erfolg von Obama sonnen wollen. Premierminister Raila Odinga, der nicht weit von Kogelo entfernt geboren ist, ließ kürzlich lancieren, er und Obama seien verwandt. Vor zwei Wochen dann schwebte er unangekündigt per Helikopter bei Oma Obama ein, die Medien hatte er gleich mitgebracht. Kein Pardon kennt die Regierung mit Obamas Kritikern: Als der Amerikaner Jerome Corsi sein Buch "Obama-Nation: Linke Politik und Personenkult" in Nairobi vorstellen wollte, wurde er noch am Flughafen abgeführt. Stundenlang saß er fest. "Wir wissen auch nicht, was wir mit ihm tun sollen", sagte ein Immigrationsbeamter. Irgendwo, angeblich ganz oben, fiel dann die Entscheidung: Corsi wurde ausgewiesen. Obamas Feinde sind in diesen Tagen auch Kenias Feinde.

In Kogelo ist man unterdessen schon dabei, für die Zeit nach der Wahl zu planen. Viele dort hoffen, dass der durch die Wahlberichterstattung noch einmal steigende Bekanntheitsgrad Kogelos das Dorf zu einem Ziel für Touristen machen wird. Für eine "etwas andere Safari" in die "Heimat" Barack Obamas, so sagen Reisebüro-Mitarbeiter in Nairobi jedenfalls, habe es schon so einige Anfragen gegeben.

(Copyright Berliner Zeitung, 4.11.2008)

Montag, 8. September 2008

Süßer Tod


Wenn die Sonne den Nebel vertreibt, der am frühen Morgen den Fluss Tana bedeckt, verwandeln sich die Schatten am Ufer in Krokodile. In Gruppen von zehn oder mehr liegen die gelb-grünen Kolosse dort, wo die sumpfige Grasebene auf den Fluss trifft. Ihre scheinbare Behäbigkeit täuscht. Wenn ein unachtsamer Schlag mit dem Ruder die Stille durchbricht, rutschen selbst die wuchtigsten binnen Sekunden den leichten Abhang hinunter und tauchen platschend ins Wasser ein. "Da drüben, ein Mangroven-Eisvogel", lenkt Kazungu den Blick auf rostrot und blau leuchtendes Gefieder in einem Busch. Kazungu ist Führer in der Wildnis von Kenias Küste im Nordosten des Landes. Wer den italienisch dominierten Badeort Malindi mit dem Geländewagen verlässt und immer weiter Richtung Somalia fährt, der landet nach drei Stunden auf holprigen Feldwegen hier im Delta des Tana, der 800 Kilometer weiter westlich im Hochland entspringt und hier in den Indischen Ozean mündet. Viele sind es nicht, die sich hierher verirren.

"Bis vor ein paar Jahren haben die Shifta, somalische Banditen, immer wieder Raubzüge ins Delta hinein veranstaltet", weiß Kazungu, der seit 27 Jahren auf dem Fluss und seinen hunderten Nebenarmen zu Hause ist. Geboren ist der knapp 50-Jährige in Malindi, doch dorthin kehrt er nur zurück, um Benzin oder andere Zivilisationsgüter zu kaufen. "Ich brauche die Natur, die Stille, die Tiere hier draußen." Über den Fluss schwebt ein violetter Reiher, auf Baumstümpfen sitzen riesige Fischadler, auf einer Sandbank hat sich eine Gruppe von Nilpferden versammelt. "Wenn die Shifta-Überfälle etwas Gutes hatten, dann, dass es hier immer noch so aussieht wie vor Jahrzehnten", flüstert Kazungu, während er vorsichtig die Nilpferde umkreist. Doch mit dem Frieden im Tana-Delta könnte es schon bald vorbei sein. Denn wenn es nach dem Willen von Kenias größtem Zuckerproduzenten Mumias geht, werden die Moore und Feuchtwiesen in kurzer Zeit unter einer 20.000 Hektar großen Zuckerrohrplantage verschwunden sein - einer Fläche von der Größe Hannovers.

"Der Großteil der Ernte soll in Bioethanol verwandelt und als Treibstoff nach Europa verkauft werden", weiß Serah Munguti von der Umweltorganisation Nature Kenya. Die dazu nötige Fabrik soll gleich neben den Plantagen errichtet werden. Der aus dem Westen Kenias stammende Zuckerproduzent, der zu dem Projekt eisern schweigt, rechnet mit einem Riesengeschäft: Auch weil der Preis für Rohöl unaufhörlich steigt, prognostiziert Mumias in seinem Projektantrag einen jährlichen Gewinn von mindestens 1,2 Milliarden kenianischen Schillingen (umgerechnet 12 Millionen Euro). Solche Gewinne, sagt Munguti, sind nur realisierbar, weil die wahren Kosten für das Projekt nicht eingerechnet sind. "Mumias will gut ein Drittel des Flusswassers im Delta umleiten, um die Plantagen zu bewässern, mit katastrophalen Folgen für Natur und Bevölkerung." Weite Teile des Deltas würden trockenfallen, Habitate für bedrohte Tier- und Vogelarten verschwinden. Bauern, die ihre Felder nur mit Flusswasser bewirtschaften, säßen auf dem Trockenen. Mit Pestiziden getränkte Abwässer von den Feldern sollen zudem ungeklärt in den Fluss und damit in den Indischen Ozean eingeleitet werden, wo die vorherrschenden Strömungen das Gift gleichmäßig an den Badestränden Kenias verteilen würden.

Munguti und ihre Kollegen haben deshalb bereits eine Gegenrechnung aufgemacht: Die Gewinne aus Landwirtschaft, Viehwirtschaft und der Entwicklung von Ökotourismus in dem bedeutenden Vogeldurchzugsgebiet würden das Dreifache dessen einbringen, was Mumias verspricht. Doch weder Mumias, eins von Kenias größten Unternehmen mit einem Marktwert von fast 300 Millionen Euro, noch die Regierung in Nairobi hat sich bisher zu den Briefen geäußert, die die Umweltschützer seit Monaten schreiben. Selbst die im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsprüfung erhobenen Kritikpunkte sind bis heute unbeantwortet. Im Juni gab Kenias Umweltbehörde dennoch grünes Licht - nach einer dreimonatigen "Prüfung", von der Munguti sagt, dass ihr Ergebnis unrechtmäßig ist. "Wir haben gegen die Entscheidung geklagt, und wir gehen davon aus, dass wir Recht bekommen werden." Doch sicher kann man sich dessen in Kenia nicht sein. Der Spruch "Warum einen Rechtsanwalt bezahlen, wenn man den Richter kaufen kann" hat nicht umsonst bis heute Gültigkeit.

Doch nicht alle im Delta sind gegen das Projekt. Der Nordosten Kenias gilt als vergessener Landstrich. Seit Jahrzehnten sind hier nicht einmal die wenigen Straßen unterhalten worden. Wirtschaftshilfen flossen in die Heimatprovinzen der Präsidenten, das Hochland oder das Rift Valley, je nachdem. Dass sich jetzt diese Region zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit ein solches Großprojekt anbietet, begrüßt Ali Omar Buya ganz ausdrücklich. Der Ortsvorstehers von Shirigishu, einem Bauerndorf am Ufer eines mäandrierenden Nebenarms des Tana, wiederholt immer wieder seinen Wahlspruch: "Maendeleo, maendeleo, maendeleo", Entwicklung, Entwicklung, Entwicklung - im westlichen Sinne. Auf das Dach seiner mit Wellblech gedeckten Lehmhütte hat Buya eine Satellitenschüssel montiert, noch ist sie die einzige im Dorf. An den beiden Kiosks, vor denen Jugendliche in Jeans und T-Shirt herumhängen, dröhnt die Rap-Musik eines lokalen Radiosenders aus scheppernden Lautsprechern. "Wir sind ein Dorf voller Arbeitslosen", beschreibt Buya die Lage. "Mumias hat uns Jobs versprochen, einen Job für jeden Mann im Dorf, und das ist es, was wir brauchen." Landwirtschaft und Handel, von jeher die Lebensgrundlage der sesshaften Pokomo-Volksgruppe, reichten nicht aus, um dem Dorf den verdienten Lebensstil zu sichern. "Das machen wir weiterhin, aber wir brauchen mehr Einkommensmöglichkeiten."

Für kenianische Verhältnisse ist das 1.000-Seelen-Dorf Shirigishu zumindest wohlhabend. Die vom Fluss bewässerten Reisfelder erwirtschaften ebenso gut verkäuflichen Überschuss wie die Felder für Mais, Bohnen und Spinat. Die in den vollen Korrals gehaltenen Ziegen sind fett und sehen gesund aus, und Fischer in ihren Kanus angeln genug Fische aus dem Tana, um den Tisch eines jeden Hungernden zu decken. Es gibt eine Schule und eine Krankenstation in Shirigishu. Doch nach westlicher Lesart sind die Bewohner arm: In den wenigsten Taschen klimpert Geld, und wenn, dann zu wenig. Das Zuckerrohr soll das ändern. "Natürlich wissen wir zwischen Worten und Taten zu unterscheiden", gibt sich der Dorfälteste Abdallah Moyo bedächtig. Die Mumias-Agenten seien im Dorf gewesen, hätten sich die Forderungen angehört und seien seitdem verschwunden. "Wir sind für das Projekt, aber nur, wenn auch wir tatsächlich profitieren."

Von Shirigishu bis nach Darga sind es zwei Stunden Gewaltmarsch durch den Sumpf. Doch wenn es um den geplanten Zuckerrohranbau geht, könnten die beiden Dörfer auch Lichtjahre voneinander entfernt sein. "Mumias will das Land, unser Land, und wir gehen leer aus", regt sich Rafu Bobo auf. Eingewickelt in einen karierten Kanga, dem traditionellen Bekleidungstuch an der Küste, sitzt er im Schatten der örtlichen Moschee auf einer Bastmatte. "Dieses Mumias-Volk ist vor ein paar Wochen in ein Nachbardorf gegangen, und die Bewohner haben sie einfach fortgejagt, so wie wir", grinst der zahnlose Alte. Beide Dörfer werden nicht von Pokomo, sondern von den Orma bewohnt, nomadischen Viehhirten, die vor Jahrhunderten aus Äthiopien ins Tanadelta gezogen sind. In Bobos Kultur dreht sich alles ums Rind. "Selbst wenn du Präsident von Kenia bist, Respekt haben wir nur, wenn du eine große Rinderherde besitzt", erklärt Mohammed Bocha, der Einzige im Dorf, der fließend Suaheli spricht. Früher wanderten die Orma mit Zelten durch das Delta, inzwischen sind sie halbsesshaft geworden. "Frauen, Kinder und Alte bleiben hier, während die jungen Männer mit den Herden durch das Delta ziehen." Überall am Tana sind sie zu sehen, die Herden, die nur wenige Meter von den Krokodilen entfernt Flusswasser saufen. Steht hier erst mal Zuckerrohr, ist es mit dem Tränken vorbei.

Für die Orma steht fest: Sie sind die wahren Besitzer des Landes am Fluss Tana. "Wir haben gegen die Shifta um dieses Land gekämpft, mehr als 400 unserer Männer sind dabei getötet worden", erklärt Bobo. Dass jetzt irgendwelche Männer in einer fernen Stadt ihre hart erkämpften Weiden mit einem Federstrich verkauft haben sollen, kann der Dorfchef kaum glauben. Urkunden wechselten den Besitzer, doch wer die Rechte am "Trust Land" verkauft hat, Land, das der Staat im Auftrag der Bewohner verwaltet und nicht verkaufen darf, ist bis heute ein wohlgehütetes Geheimnis. "Damit ist der lokale Abgeordnete zum Millionär geworden", glaubt Bocha zu wissen, und unwahrscheinlich ist das nicht. Das Weideland, das den Orma als Ersatz angeboten wurde, ist von Tsetsefliegen verseucht, die die gefürchtete Malaria übertragen. In dem Millionengeschäft spielen die Nomaden, deren Lebensweise fast alle sesshaften Kenianer für primitiv und rückständig halten, keine Rolle. "Wer nicht in einem Auto fährt oder in einem festen Haus wohnt, mit dem wird nicht verhandelt", bilanziert Bocha. Doch geschlagen geben will er sich dennoch nicht. "Wir haben die Shifta besiegt, wir werden auch die Invasion mit Zuckerrohr verhindern."

(Copyright die tageszeitung, 8.9.08)

Samstag, 14. Juni 2008

Goldener Start für Kenias Volksaktie


Monatelang hat James Orengo am Essen gespart, Kneipenbesuche und Fahrten zu seiner Familie auf dem Land wurden gestrichen. Die Eltern gaben einen kleinen Zuschuss, der Arbeitgeber einen Kredit, dann hatte der Gärtner die 10.000 Kenianischen Schillinge, umgerechnet 100 Euro, zusammen, die er bei seiner Bank als Einlage für das Minimum von 2.000 Safaricom-Aktien einzahlte: "Das sind für mich fast zwei Monatseinkommen." Wie er, so machten es auch 840.000 andere: So hoch ist die Zahl der Kleinaktionäre, die jetzt ein Stückchen vom profitabelsten Unternehmen Ostafrikas besitzen. Der Mobilfunkriese hat im vergangenen Jahr mehr als 250 Millionen Euro Gewinn eingefahren. Kein Wunder, dass in Kenia eine Art Massenhysterie ausbrach, als die Regierung vor einigen Monaten ankündigte, ein Viertel des Unternehmens an die Börse zu bringen. Zum Schluss war die Aktie um mehr als 500 Prozent überzeichnet, einen solchen Ansturm hatte Kenias Aktienmarkt noch nie erlebt.

Kenias Präsident Mwai Kibaki ließ es sich am Montag nicht nehmen, höchstpersönlich den Handel an Nairobis Börse zu eröffnen. Ihren Einstand feierte die neue Aktie mit satten Kursgewinnen: Am Mittag war jede Aktie schon 60 Prozent mehr wert als bei der Ausgabe. Nicht nur Orengo, der die Kursentwicklung über einen eigenes eingerichteten SMS-Service beobachtete, war erfreut: "Mir fällt ein Stein vom Herzen, zum Schluss war ich doch nicht mehr sicher, ob das klug angelegtes Geld war." Zeitungen hatten seit Wochen gewarnt, Spekulanten könnten mit Massenverkäufen den Wert der Aktie in den ersten Stunden in den Keller treiben. Das hätte Orengo hart getroffen, auch wenn er wegen der Überzeichnung - wie alle Kleinstanleger - statt der versprochenen 2.000 nur 420 Aktien abbekommen hat. Ab heute, so versprechen die Banken, wird Anlegern wie Orengo das zu viel gezahlte Kapital zurückgezahlt. Wegen der hohen Rückzahlungen, so warnte am Morgen Kenias Zentralbank, könnte in den kommenden Wochen Bargeld im Land knapp werden.

Der Staat ist eindeutig der große Gewinner dieses Börsengangs: Mit dem Verkauf seiner Aktienanteile macht Kenias Finanzminister mehr als 520 Millionen Euro Gewinn. An der Attraktivität der Aktie für die Anleger gibt es keinen Zweifel. Safaricom hat mehr als zehn Millionen Abonnenten, deutlich mehr als der einzige Rivale Celtel. Das Wachstumspotential ist dennoch groß, weil erst ein Drittel der 37 Millionen Kenianer ein Mobiltelefon besitzt.

Doch darüber können sich diejenigen nicht freuen, die im Zuge des Börsenansturms einen der Bankkredite in Anspruch nahmen, die überall offeriert wurden. Sie zahlen bereits seit zwei Monaten Zinsen für eine Summe, die sie größtenteils nicht in Aktien umsetzen konnten. Über die Rücküberweisung von vier Fünfteln der Einlage können sie sich nicht freuen, weil sie sich ohne die erhofften Kursgewinne die Rückzahlung des Kredits niemals leisten können werden. "Viele, die auf eine höhere Zuteilung spekuliert haben, werden pleite gehen", vermutet ein leitender Broker der Kenya Commercial Bank (KCB). Dazu kommt die seit Jahresanfang galoppierende Inflation, die jeden Gewinn zunichte zu machen droht: Im Mai lag die Rate bei 31,5 Prozent. "Die Regierung wird alle nötigen Maßnahmen ergreifen, um die Inflationsrate wieder zu senken", versprach Kibaki am Montag. Doch welche Maßnahmen das sein könnten, ließ er offen.

Überschattet wird der Börsengang schließlich von einem Korruptionsskandal über die wahre Inhaberstruktur von Safaricom. Neben dem Staat und dem britischen Mobilfunkunternehmen Vodacom sollen zwischen fünf und zehn Prozent der Aktien einer mysteriösen Firma namens "Mobitelea" mit Sitz auf Guernsey gehören, hinter der Oppositionspolitiker Funktionäre der alten Regierung von Präsident Kibaki vermuten. Jeder Versuch von Kenias Anti-Korruptionsbehörden, die Hintermänner von Mobitelea aufzudecken, ist bislang gescheitert. Aktivisten erklären, es gebe Widerstand "von ganz oben".

(Copyright Wirtschaft regional Liechtenstein,

Mittwoch, 11. Juni 2008

Land des verlorenen Glaubens


Die Stille im Kloster von Kipkelion ist absolut. Auf dem Berggipfel über den Teeplantagen, die weite Teile des kenianischen Rift Valleys bedecken, schluckt der dichte Wald jeden Ton von der nur wenige Meter entfernten Hauptstraße. Das vor mehr als fünfzig Jahren aus massivem Granit erbaute Refugium des Zisterzienserordens ragt wie ein Mahnmal in den von schwarzen Wolken durchzogenen Himmel. Wenn dieses Kloster ein Ort des Friedens ist, dann ist es ein trügerischer Frieden. So wie im Rest des Rift Valleys, das nach den Wahlen im Dezember die schlimmsten Massaker erlebt hat, ist auch in Kipkelion nie wieder Normalität eingekehrt.

Pater Stefano Rwegarulira, der das Kloster "Unsere Mutter Gottes von Victoria" leitet, liest jeden Tag die Zeitungen aus dem 200 Kilometer entfernten Nairobi. Auf einem Tisch liegen die meiste einen Tag alten Ausgaben vor dem kargen Speisesaal, in dem die zwölf verbliebenen Mönche schweigend ihre Mahlzeiten einnehmen. "Ich lese von der großen Koalitionsregierung und den Aufrufen der Politiker zum Ende des Hasses, aber hier hat sich nichts geändert." Seit drei Monaten regieren in Kenia fast 100 Minister beider politischer Lager gemeinsam. An diesem Mittwoch wird nicht weit vom Kloster entfernt wieder gewählt, es ist die Nachwahl für einen Abgeordneten, der während der Unruhen erschossen wurde. Opposition und Regierung, die jetzt in einem Boot sitzen, beschwören in diesem Wahlkampf unisono die Rückkehr der Einheit des Landes. Doch das, glaubt der Tansanier Rwegarulira, wird nicht klappen. "Die Wurzeln des Hasses zwischen den Ethnien hier gehen viel tiefer als der politische Konflikt, da spielt vor allem der Kampf um das knappe Land eine Rolle." Die Mehrheitsethnie der Kalenjin erhebt Anspruch auf die fruchtbaren Felder, auf denen nach der Unabhängigkeit Kenias 1963 Kikuyu aus dem Hochland, Luhya aus dem Westen oder Luo vom Viktoriasee angesiedelt wurden. Manche haben das Land von weißen Siedlern gekauft, andere bekamen es von Kenias erster Regierung zugewiesen. Im Januar eskalierte die schon seit Jahren angespannte Lage in Pogromen. Tausende Nichtkalenjin wurden von im Wahlkampf aufgehetzten ethnischen Milizen vertrieben.

Sie flohen in die wenigen Orte, die ihnen sicher erschienen; Orte wie das Kloster von Kipkelion. "Es war am helllichten Tag, die Leute kamen aus allen Richtungen angerannt und sind auf unseren Hof geströmt", erinnert sich der Zisterzienser Rwegarulira. "Sie sind aus ihren Häusern getrieben worden, von jugendlichen Kalenjin, die mit Macheten bewaffnet waren. Dann wurden die Häuser angezündet, die meisten konnten nichts retten außer ihrem Leben." Am Ende des Tages waren es 700 Vertriebene, die die Mönche notdürftig im Stall, im Lagerraum und in der Abtei unterbrachten. Kipkelion liegt auf mehr als 2.000 Meter Höhe, nachts ist es trotz der Nähe zum Äquator empfindlich kalt. Flackernde Lichtkegel in der wolkenverhangenen Nacht zeigten den Mönchen an, wo die Milizen ihre Lagerfeuer angezündet hatten: Das Klostergelände war umstellt. "Wir haben die Polizei angerufen, und Hilfsorganisationen, damit wir die Flüchtlinge irgendwie versorgen konnten." Das Kloster von Kipkelion ist gebaut wie eine Festung, die anrückenden Polizisten konnten das Gebäude deshalb leicht verteidigen. Doch aus demselben Grund brauchten die Hilfsorganisationen mehrere Tage, bis sie sich durch den Belagerungsring bis ins Kloster durchschlagen konnten, um Decken und Lebensmittel zu bringen. Und die Versorgung war nicht das einzige Problem. "Eine Woche, nachdem die Vertriebenen hier angekommen waren, erhielten wir Nachricht von einem befreundeten Kalenjin." Rwegaruliras Stimme zittert, wenn er von der darauffolgenden Nacht erzählt. "Wie in der Nachricht vorhergesagt, zündeten die Milizen ein Haus in unserer Nachbarschaft an, die Flammen schlugen hell in den Himmel." Der Brandanschlag sollte ein Ablenkungsmanöver sein. Nur weil sie gewarnt worden waren, blieben die Polizisten im Kloster und schlugen mit ihren Maschinengewehren Hunderte zurück, die aus drei Richtungen auf die Abtei zustürmten. "Hätten wir nichts gewusst, wir wären am nächsten Morgen alle tot gewesen."

Die steinerne Abtei, in der die Luft noch ein paar Grad kälter ist als draußen, steht inzwischen wieder leer. Die Sonne scheint durch die mit Marienbildern verzierten Fenster aus Buntglas auf den steinernen Boden, auf dem sich bis Mitte Mai jeden Abend hunderte Körper zusammenrollten. "Vor zwei Wochen hat die Polizei die letzten Flüchtlinge abgeholt, seitdem können wir hier auch nachts wieder beten." Die Vigil, das erste Stundengebet des strikten Ordens, findet um drei Uhr früh statt. Um den Flüchtlingen ein wenig Ruhe zu lassen, fiel es seit Januar aus. "Wir haben irgendwann Zelte bekommen, aber das wäre noch ungemütlicher gewesen für die Familien", erklärt Rwegarulira. Die Zisterzienser sind ein nach innen gekehrter Orden, die Mönche brechen ihr Schweigegelübde in der Regel nur einmal in der Woche, sonst herrscht Stille. Anders als andere Mönche missionieren sie nicht und pflegen auch sonst kaum Kontakt zur Außenwelt. Dass sie für die Vertriebenen von Kipkelion ihren Gebetskalender umgestellt haben, kommt in den dicken Mauern der Abtei einer kleinen Revolution gleich.

Wer vor zwei Wochen noch in der Abtei lag, lebt jetzt in den Zelten, die das Rote Kreuz ins Kloster brachte. Der Weg ins Lager von Murao führt über steinige Feldwege, eine halbe Stunde entlang brachliegender Maisfelder, auf denen noch die Überreste der letzten Ernte zu sehen sind. Wer will, kann in den Feldern lesen: Wo Tee und Mais in den vom derzeitigen Starkregen genährten Feldern stolz in die Höhe ragen, leben Kalenjin. Wo in diesem Jahr die Ernte ausfällt, lebt der Rest. "Meine Farm ist dort drüben, ein Hektar Land und ein einfaches Farmhaus, aber es ist alles niedergebrannt und ich traue mich nicht zurück", klagt Jackson Ogero, ein sechzigjähriger Vater von acht Kindern. Mit seiner Frau, zwei Kindern und drei Enkeln teilt er sich stattdessen eine Art Doppelzelthälfte aus durchscheinendem weißen Plastik, in dem sich der Wind fängt. In der anderen Hälfte, die eine Plastikplane abtrennt, leben seine erwachsenen Kinder samt Familie. Insgesamt sind 200 Menschen hier, diejenigen, die keinen anderen Ausweg hatten, sagt Ogero: "Meine Kinder sind hier geboren und meine Enkel auch, ich habe keine andere Heimat, in die ich zurückkehren könnte." Die anderen 500 aus dem Kloster von Kipkelion sind in "das Land ihrer Ahnen" zurückgekehrt, wie es verbrämt heißt: In die Regionen, wo ihre Ethnie die Mehrheit stellt.

Ogero ist niedergeschlagen. "Wir sitzen von morgens bis abends hier rum und können nichts tun. Rund um uns herum sind Felder, die wir bestellen könnten, aber wir haben keine Geräte und kein Saatgut und wissen nicht, ob wir überhaupt bleiben können." Von der Regierung, sagt Ogero, hat sich im vergangenen halben Jahr noch niemand gezeigt, nur der örtliche Landrat habe einmal vorbeigeschaut und sei dann schnell wieder gegangen. "Dabei haben die uns doch Hilfe beim Wiederaufbau versprochen, aber wir haben nichts bekommen."

Wiederaufbau ist ein Wort aus dem fernen Nairobi, ebenso wie Versöhnung. In Molo, Mau Summit und all den anderen Dörfern entlang des ostafrikanischen Highways, der Kenias Küste und Uganda verbindet, liegen die meisten Hotels und Geschäfte immer noch in Schutt und Asche. Die Inhaber, die meisten von ihnen Kikuyu, trauen sich nicht zurück. Niemand weiß, ob sie jemals wiederkommen werden. So lange ragen Betongerippe auf beiden Seiten der Straße auf. Wenn es nach Joel Korir geht, sollen die Vertriebenen bleiben, wo sie sind. "Ein Schweizer kann in Europa doch auch nicht einfach nach England ziehen und dort Land beanspruchen, und so ist es hier auch." Mit abschätzigem Blick sieht der Kalenjinfarmer auf das Zeltlager von Murao, das nicht weit von seinen Feldern entfernt aufgebaut ist. "Man kann nicht mit denen zusammenleben, die dir dein Eigentum nehmen. Es ist gut, wenn sie gehen."

An Versöhnung glaubt auch Pater Stefano Rwegarulira nicht. "Die Kalenjin sehen uns immer noch als ihre Feinde, viele wollen das Land haben, auf dem unser Kloster steht", sagt er ruhig, während er in Leder gebundene Bibeln in eine Metallkiste packt. Die Bibliothek des Ordens ist schon halb leer geräumt, in wenigen Tagen kommen die Lastwagen. Nach fünfzig Jahren in Kipkelion zieht der Orden nach Uganda, "erst kommen wir als Flüchtlinge bei der katholischen Kirche unter, dann suchen wir einen Standort für ein neues Kloster." Rwegarulira fürchtet, dass die Menschen in Kipkelion bei einem neuen Pogrom keinen Zufluchtsort mehr hätten. Doch sein Urteil steht fest. "Eine Chance auf Frieden gibt es hier nicht - und man kann nicht in Ruhe beten, wenn man ständig darauf achten muss, dass man nicht von hinten erstochen wird."

(Copyright die tageszeitung, 11.6.2008)

Dienstag, 3. Juni 2008

Ubare, Kamau und der Maispreis


Aska Karubo Ubare steht zwischen den vollgestopften Regalen, die um sie herum aufragen. Aus den Lautsprechern tönt blechern Musik, die ab und zu von knisternden Durchsagen unterbrochen wird. Ubares Blick wandert unsicher von rechts nach links und wieder zurück, schließlich greift sie ein Paket Maismehl und packt es in den leeren Einkaufswagen. Sie zögert und greift erneut zu, bis sie vier Pakete hat. "Ich war noch nie in einem Supermarkt", erklärt die 42-jährige Kenianerin ihre Überwältigung. "Hier gibt es so viel, und alles in riesigen Mengen."

Dass Ubare heute bei Nakumatt Mega, einem der größten Shoppingzentren Kenias, einkaufen kann, hat sie der Hilfsorganisation Care zu verdanken. Nach den Unruhen Anfang dieses Jahres, bei denen mehr als tausend Kenianer ums Leben kamen, hat Care sechstausend Einkaufsgutscheine zu je 1.000 Schilling - etwa 10 Euro - für die bedürftigsten Bewohner von Kibera, dem größten Slum in der Hauptstadt Nairobi, gestiftet. Zu ihnen gehört Ubare zweifellos: Außer um ihre drei eigenen Kinder kümmert sich die HIV-positive Frau auch um zwei Waisen von Verwandten, die an Aids gestorben sind. Ihr Mann hat sich schon seit Jahren nicht mehr blicken lassen. Ubares Schneiderei wurde im Januar von Unbekannten angezündet und brannte aus, jetzt hält sich die ehemalige Kleinunternehmerin mit Gelegenheitsjobs über Wasser. An diesem Tag kauft sie außer Maismehl noch 3 Liter Sonnenblumenöl, 2 Kilo Zucker, ein Stück Seife und 25 Teebeutel. Dann ist der Scheck verbraucht, bis auf 40 Schillinge, die braucht sie für den Bus zurück in den Slum.

Aska Karubo Ubare gibt jenem Phänomen ein Gesicht, das derzeit als "Neue Hungerkrise" Schlagzeilen macht. Zwar gibt es genug Lebensmittel, doch vor allem in den Städten, wo mittlerweile jeder zweite Afrikaner lebt, können sich immer weniger Leute sie noch leisten.

"Maismehl und Öl nehmen mir die größten Sorgen für die kommenden Wochen", seufzt sie, nachdem sie die Einkäufe in ihrem Haus verstaut hat. Lange hat das nicht gedauert, denn der Bretterverschlag, über dem ein Dach aus Wellblech den schlimmsten Regen abhält, ist nur 12 Quadratmeter groß. 1.200 Schillinge Miete zahlt sie jeden Monat, das ist zu viel, um sich auch noch ausgewogenes Essen zu leisten. Zweimal am Tag bereitet sie deshalb für die Kinder aus Wasser und Maismehl einen dünnen Brei zu, am Abend kocht sie dazu ein wenig bitteren Blattspinat, den die Kenianer Sukuma nennen. Fleisch hat es schon lange nicht mehr gegeben. "Die Lebensmittel werden immer teurer, ich bin froh, wenn ich das Nötigste bezahlen kann." Ihr Maismehl, das Hauptnahrungsmittel für alle Kenianer, kauft sie sonst immer auf dem örtlichen Markt. Für die 15 oder 20 Schillinge, die sie dann hat, bekommt sie nicht mehr als 200 Gramm. Bei Nakumatt würde sie zwar für 2 Kilo nur 76 Schillinge (umgerechnet 80 Eurocent) bezahlen, aber 76 Schillinge hat Ubare fast nie. Das wissen die lokalen Händler, sie fahren mit dem portionsweisen Verkauf an die Ärmsten ordentlich Gewinn ein.

"Vor einem Jahr habe ich für die gleiche Menge Maismehl noch die Hälfte bezahlt, die Preise gehen ständig rauf", klagt Ubare. In ihrer Nachbarschaft sind kürzlich zwei Familien zusammengezogen, um Geld zu sparen, jetzt teilen sie sich ihre zwölf Quadratmeter zu zehnt. "Vielleicht müssen wir das auch irgendwann machen, damit wir weiterhin essen können."

Wenn es zutrifft, dass des einen Leid des anderen Freude ist, müsste Charles Nganga Kamau von morgens bis abends feiern. Sein Mais streckt sich zweieinhalb Monate nach der Saat schon stolz in die Höhe. "Diese Regenzeit ist gut, es ist nicht so trocken wie im vergangenen Jahr", strahlt der 60-Jährige, der bis 1994 im Postministerium gearbeitet hat. Danach hat er sich auf das Land seine Vorväter zurückgezogen und mit der Landwirtschaft begonnen. Zehn Sack Mais, jeweils zu 90 Kilo, erhofft sich Kamau von der Ernte, vorausgesetzt, der Regen fällt weiter. Einen halben Hektar misst sein Hof, auf der Hälfte baut er Mais an. Zehn Sack, das wäre für Kamau eine Rekordernte. Doch von plötzlichem Reichtum angesichts der steigenden Maismehlpreise in der Stadt kann er nicht berichten. "Auf dem Markt von Wangige, wo ich meinen Mais verkaufe, bekomme ich für zwei Kilo 50 Schillinge, genauso viel wie vor einem Jahr." Wer große Mengen verkauft, bekommt für zwei Kilo kaum mehr als 40 Schillinge - das ist der Abnahmepreis, den die staatliche Regulierungsbehörde empfiehlt. Auf dem Land, weit entfernt von den Märkten, ist sie oft der einzige Aufkäufer.

Auch die Zwischenhändler, die in nicht ganz so entlegenen Gebieten von Hof zu Hof fahren und die Ernte aufkaufen, zahlen schlecht. Aber sie nehmen große Mengen ab, die sie nach Nairobi fahren, wo sie sie weiterverkaufen - zum Beispiel an Nakumatt. Die hohen Benzinpreise legen sie auf den Verkaufspreis um. Samt saftiger Gewinnspanne, die sie sich als Quasimonopolisten leisten können, sorgen manche Zwischenhändler dafür, dass ein Sack Kartoffeln, der in der Provinz 800 Schillinge kostet, in Nairobi für 2.000 verkauft wird. "Die Zwischenhändler", sagt Kamau, "profitieren mehr von der Knappheit als wir Bauern."

Viele Landwirte horten derzeit ihre letzte Ernte, weil sie auf einen höheren Preis spekulieren. Das ist riskant, in den einfachen Lagerstätten zerstören immer wieder Pilzbefall oder Ratten die Ernte. "Spätestens nach der nächsten Ernte im Herbst werden wir bessere Preise verlangen können", hofft auch Kamau - als unweigerliche Anpassung an das höhere Preisniveau. Weil der Dieselpreis im vergangenen Jahr so stark gestiegen ist, zahlt Kamau fürs Mahlen seiner Ernte mehr als das Doppelte. Und die Preise der wenigen Verbrauchsgüter, die er nicht selbst anbaut, steigen fast jede Woche. "Zucker, Sonnenblumenöl und Gas machen mich fast zu einem armen Mann", sagt er.

Dabei hat Kamau es noch gut. Seine Kosten sind viel geringer als die der meisten. Vor zehn Jahren hat er auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Als Dünger nutzt er ausschließlich Kompost vom eigenen Hof, auch Insektenmittel gewinnt er aus einheimischen Pflanzen selber. Wenn er in vier Monaten erntet, werden seine Hauptkosten die 500 Schillinge gewesen sein, die er für das vom Staat zertifizierte Saatgut gezahlt hat. "Bekannte von mir, die konventionelle Landwirtschaft betreiben, jammern über die hohen Kunstdüngerpreise", weiß Kamau. "Der Sack kostet die Hälfte mehr als noch vor einem Jahr." Kunstdünger und auch Pestizide müssen in Kenia importiert werden.

Die steigenden Weltmarktpreise schlagen direkt in die kenianische Provinz durch. "Viele Freunde sagen mir, dass sie heute mit ihrer Ernte weniger verdienen als noch vor einem Jahr." Die meisten Farmer in Kenia sind wie Kamau Kleinbauern: Auf zweieinhalb Millionen schätzt Kenias Landwirtschaftsministerium die Zahl derer, die Mais anbauen. Das Getreide ist mehr als das nationale Grundnahrungsmittel - es ist eine nationale Passion.

Wann also werden die Landwirte endlich von den gestiegenen Lebensmittelpreisen profitieren? Bald, glaubt Romano Kiome, Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium. "Eine Krise ist immer auch eine Chance", sagt er, "wenn die Farmer jetzt ihre Produktivität erhöhen, können sie bei der nächsten Ernte mehr Geld machen als je zuvor." Kiome und seine Beamten schlagen sich mit dem Problem herum, dass während der Gewaltausbrüche nach der Wahl mehr als dreieinhalb Millionen Sack Mais vernichtet und so viele Felder verwüstet wurden, dass der Ernteertrag selbst bei idealen Bedingungen um mindestens ein Sechstel fallen wird. "Der Rest muss entweder importiert werden - was bei den hohen Weltmarktpreisen heftig zu Buche schlägt -, oder aber wir schaffen es, den Output zu erhöhen."

Ein von Geberländern finanziertes Kleinkreditprogramm über 30 Millionen Euro soll Farmern helfen, Saatgut und Dünger zu bezahlen und so zu den Gewinnern der Versorgungskrise zu gehören, die Kenia voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte treffen wird. So hoch prognostiziert Kiome die Marktpreise bis dahin, dass die Rückzahlung des Kredits plus 10 Prozent Zinsen kaum ein Problem darstellen wird.

Doch in Kibera, Heim von einer Million Slumbewohnern, treiben Kiomes Prognosen einigen neue Schweißperlen auf die Stirn. Samuel Oninga arbeitet für eine Selbsthilfegruppe namens "Haki", Suaheli für "Gerechtigkeit". "Ich gehe von Haus zu Haus, und überall höre ich die gleichen Geschichten: Kaum einer kann sich noch sein Essen leisten." Wenn im Herbst der Maispreis steigt, wird die Situation in Kibera noch schlimmer werden, glaubt er.

Mittelfristig hofft Kiome die steigenden Ladenpreise mit marktwirtschaftlichen Mitteln bewältigen zu können. Mit Kleinkrediten und Kurzlehrgängen versucht die Haki-Gruppe, die Zahl der Zwischenhändler zu erhöhen. "Die wachsende Konkurrenz soll die Verkaufspreise senken, und die Gewinne sollen in mehr Taschen landen als heute." Doch kurzfristig wird das nicht helfen. Viele hoffen, dass die Regierung im Herbst den Verkaufspreis für Maismehl künstlich niedrig hält, sei es über Subventionen oder die Beeinflussung des Marktes durch die staatliche Maisreserve. Deren Erhöhung hat die Regierung gerade verkündet. Sonst, so befürchtet Oninga, wird sich in Kibera bald niemand mehr sein tägliches Maismehl leisten können. Doch Subventionen selbst für die Ärmsten lehnt Kenias Regierung bislang entschieden ab.

(Copyright die tageszeitung, 3.6.08)

Dienstag, 15. April 2008

Koalition steht, Unruhen gehen weiter


Es war erst ein paar Stunden her, dass Präsident Mwai Kibaki das neue Kabinett vorgestellt hatte. In den Slums der Hauptstadt Nairobi hatten Hunderte bis tief in die Nacht das Ende der schwersten Krise seit der Unabhängigkeit gefeiert. Doch als sie erwachten, war alles wie zuvor. Hunderte Mungiki, Anhänger einer illegalen mafiösen Sekte, errichteten Montagmorgen Barrikaden und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Gekämpft wurde in Nairobis Armenvierteln und den Städten Naivasha, Nakuru und Limuru. Mindestens zwölf Menschen starben. Nairobis Hauptstraßen waren stundenlang gesperrt. In der Innenstadt blieben die meisten Büros leer, weil die Matatu genannten Sammeltaxen nicht mehr verkehrten. Erst am Nachmittag sah es so aus, als habe die Polizei zumindest Nairobi wieder unter Kontrolle.

Die Bilder erinnern fatal an den Jahresanfang, als sich Anhänger von Präsident Mwai Kibaki und Oppositionsführer Raila Odinga gegenseitig umbrachten. Bis heute leben hunderttausende Kenianer fern ihrer Heimat in Lagern, weil sie Angst vor der Rückkehr haben. Die Mungiki, eine kriminelle spirituelle Gruppe ethnischer Kikuyu, sind maßgeblich mit dafür verantwortlich. In den Slums von Nakuru und Naivasha haben sie längst die Herrschaft übernommen und verfolgen Nicht-Kikuyus.

Die Polizei wird der Mungiki nicht Herr, auch weil hochrangige Politiker in die Organisation und ihre Schutzgeldgeschäfte etwa im Transportsektor verstrickt sein sollen. Anlass der Proteste am Montag war angeblich der Mord an der Frau von Mungiki-Chef Maina Njenga. Doch dürfte es auch eine Demonstration der Macht gewesen sein. Denn die will man der endlich vorgestellten großen Koalition, der Kibaki als Präsident und Odinga als Premier vorstehen, nicht kampflos überlassen. "Lasst uns die politischen Differenzen vergessen und mit der Arbeit beginnen", hatte Kibaki in seiner Rede vor dem Präsidentenpalast gefordert. Neben ihm nickte Premier Odinga.

40 Minister hat die neue Regierung, plus Präsident, Premier, Generalstaatsanwalt und 53 Vizeminister. Bürgerrechtler hatten vergeblich auf eine deutlich kleinere Regierung gedrungen. So sitzt jetzt ein Jugendminister neben einer Ministerin für Kinder, ein Gesundheitsminister neben einem für Krankenhäuser. Auf den wichtigen Posten sind fast nur jene zu sehen, die schon seit Jahrzehnten mitregieren.

Viele Schlüsselpositionen - Innen-, Außen-, Verteidigungs- und Finanzministerium - bleiben in der Hand von Kibaki-Anhängern. Odingas Leute müssen sich meist mit den B-Posten begnügen. "Die Einigung hätte besser ausfallen können, aber wir standen unter immensem Druck", rechtfertigte sich am Montag der neue Vizepremier Musalia Mudavadi, ein enger Vertrauter Odingas. Streit ist absehbar. So ist unklar, wer die Regierung führen soll. Während Odinga sich als Premier zuständig fühlt, haben Kibakis Getreue Widerstand angekündigt.

(Copyright die tageszeitung, 15.4.08)

Dienstag, 18. März 2008

Kenias Politiker planten ethnische Massaker


Die Radiodurchsage klang nur für Außenseiter unverständlich: "Milchmänner, bereitet euch darauf vor, das Gras abzusäbeln", riefen Moderatoren schon Tage vor Kenias Wahl am 27. Dezember ins Mikrofon des Senders in der Stadt Eldoret. Die Angehörigen der Kalenjin-Volksgruppe, traditionell nomadische Rinderzüchter, verstanden sofort, dass sie die Milchmänner waren - und das Gras waren die Kikuyu, sesshafte Bauern, die ihr Land seit den 60er Jahren von der Regierung erhalten hatten.

Auch Politiker des ODM-Bündnisses von Oppositionsführers Raila Odinga riefen im Wahlkampf zur Gewalt gegen die Kikuyu-Ethnie des amtierenden Präsidenten Mwai Kibaki auf: "Die Politiker und die Ältesten in den Dörfern haben uns gesagt: Beginnt den Krieg gegen die Kikuyu, wenn sich ein Sieg für Kibaki abzeichnet", zitiert ein am Montag vorgestellter Bericht der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch (HRW) einen Bewohner des Dorfes Turbo nahe Eldoret. Er schildert die Planungen: "Erst verbrennen wir alle Hütten in und um Turbo, und dann ziehen wir nach Eldoret und machen dort weiter." Mehr als 1.000 Menschen kamen offiziellen Zahlen zufolge in den Kämpfen um, die überall in Kenia aufflammten; 500.000, so schätzt HRW, wurden vertrieben. Der Bericht legt dar, dass die Gewalt nicht spontan entbrannte, sondern geplant und von Politikern angestachelt wurde.

Erschütternd ist der Report, weil er detailliert erklärt, wie es in einem scheinbar so friedlichen Land wie Kenia zur schlimmsten Krise seit der Unabhängigkeit 1963 kommen konnte. HRW-Afrika-Experte Ben Rawlence gibt den Regierungen der Industrieländer eine Mitschuld: "Weil sie jahrzehntelang Korruption, Straflosigkeit und Missmanagement in Kenia ignoriert haben." Ohne Druck von außen, so befürchtet er, wird auch die gerade erst vereinbarte Koalitionsregierung mit Gewalt und Korruption weitermachen.

Die Interviews mit Betroffenen zeigen, wie sich die Gewalt verselbstständigte: Wer nicht zu Treffen seiner Volksgruppe erschien, musste befürchten, dass sein eigenes Haus angezündet wird. Bei den Planungstreffen selbst wurde Gruppendruck ausgeübt: "Es ist schwer, mit 300 gewaltbereiten Jugendlichen nicht einer Meinung zu sein", wird ein alter Mann aus der Nähe von Eldoret zitiert. In Naivasha, wo später Kikuyu gegen Kalenjin und Luo zu Felde zogen, wurden die Massaker ebenfalls geplant. Bekannte Geschäftsleute ließen alle jungen Männer mit Taxis einsammeln und gaben ihnen Anweisungen. "Man hat uns 150 Euro für jeden geköpften Luo versprochen", berichtet einer.

HRW fordert von der am Donnerstag benannten kenianischen Untersuchungskommission, die vom südafrikanischen Richter Johann Kriegler geführt wird, eine rückhaltlose Aufklärung der Massaker. Vor allem die Rolle der Polizei ist zwielichtig: Mancherorts schienen die Polizisten von den Milizen überwältigt, anderswo hielten sie sich auffällig zurück.

(Copyright die tageszeitung, 18.3.08)

Mittwoch, 12. März 2008

MERIAN live! Kenia, Tansania, Sansibar


Aktuell erschienen ist der von mir geschriebene Reiseführer Kenia, Tansania, Sansibar in der Reihe MERIAN live!, der auf fast 130 Seiten kompakte Informationen zu einer der schönsten Regionen Afrikas bietet:

Weiße Traumstrände, weite Savannen, hohe Berge und vor allem gastfreundliche Menschen machen Kenia, Tansania und Sansibar zu einem abwechslungsreichen Traumziel. Hier versammeln sich auf engem Raum so viele Möglichkeiten, den Urlaub zu gestalten, dass es schwer ist, sich für etwas zu entscheiden. Wer den Großteil seines Urlaubs am Strand verbringt, sollte zumindest einen Abstecher auf Safari machen, um die sagenhafte Wildnis Ostafrikas kennenzulernen. Deren Ausmaß ist nach europäischen Maßstäben kaum zu fassen: In Kenia stehen nahezu zehn Prozent der Landesfläche unter Schutz, in Tansania sind es sogar 20 Prozent. Zu den Schutzgebieten zählt auch der höchste Berg Afrikas, der 5.895 Meter hohe, schneebedeckte Kilimanjaro, und der fast 5.000 Meter hohe Mount Kenya, die beide ohne Steigeisen erklommen werden können. Auch die großen Städte Nairobi und Mombasa sind eine Erkundung wert: Hier spielt sich das »echte Leben« ab. An der Küste, vor allem auf den Inseln Sansibar und Lamu, kann man weitgehend unverfälschte Suahelikultur kennen lernen, die Jahrhunderte zurückreicht - Ruinenstädte an der Küste zeugen davon. An den Traumstränden mit Kokospalmen, blendend weißem Sand und türkisenem Wasser kann man zudem nicht nur sonnenbaden. An den meist gut erhaltenen Riffen sollte man unbedingt einen Tauchgang wagen. (Aus dem Einführungskapitel)

Das Buch ist ab sofort im Handel erhältlich oder kann mit einem Klick auf die Überschrift direkt bei amazon.de bestellt werden.

Marc Engelhardt: MERIAN live! Kenia, Tansania, Sansibar; München 2008 (Travel House Media)

Mittwoch, 5. März 2008

Zweckoptimismus in Kenia


Die Erleichterung über das gefühlte Ende von mehr als zwei Monaten Dauerkrise in Kenia ist auch mehrere Tage nach der kaum noch erhofften Einigung von Regierung und Opposition im ganzen Land spürbar. Die einen feierten am Wochenende in der Kneipe, die anderen in der Kirche. "Das Abkommen hat Angst und Unsicherheit sofort beendet", freut sich etwa Washington Ogonyo Ngede, Bischof der evangelikalen "Jesus around the World"-Kirche in Kisumu. "Jeder hier war traumatisiert, auch wenn die wenigsten es zugeben wollten." Durch die in den Unruhen weitgehend zerstörte Stadt fuhren immer wieder Autokonvois mit jubelnden Menschen. "Unsere größte Herausforderung ist es, Investoren hierher zu kriegen, die Kisumu wieder aufbauen", erklärt der neugewählte Bürgermeister Sam Okello. "Die Unterzeichnung des Machtteilungs-Abkommens ist dafür die halbe Miete." Auch Wirtschaftsvertreter wie der Chef des lokalen Unternehmerverbandes, Fidel Muasya, gaben sich am Wochenende zuversichtlich. "Kisumu hat eine lange Unternehmertradition, bald werden die Straßen wieder voll wirtschaftlicher Aktivität sein."

Mit "Frohes neues Jahr" grüßten sich viele Kenianer am Freitag, nachdem der umstrittene Präsident Mwai Kibaki und sein Widersacher Raila Odinga vor laufenden Kameras eine Einigung in der Machtfrage unterzeichnet hatten: Der Beginn einer neuen Ära nach zwei Monaten Düsternis. Der von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan ausgehandelte Kompromiss sieht vor, dass Präsident Mwai Kibaki, der die Wahl auch nach Ansicht internationaler Wahlbeobachter nur durch Fälschung gewonnen hat, im Amt bleibt. Odinga, der Kibaki erstmals seit der Wahl am 27. Dezember mit "Herr Präsident" ansprach, soll den neugeschaffenen Posten des Premierministers übernehmen. Dazu kommen zwei stellvertretende Premiers, je einer aus dem Kibaki- und Odinga-Lager. Das Kabinett soll zudem nach Parteienproporz im Parlament gebildet werden - dort hat Odinga die Mehrheit. Dass eine solche Lösung zustande kommen würde, hatte zuletzt kaum noch jemand für möglich gehalten. Doch 38 Tage nach seiner Ankunft in Kenia verblüffte Annan alle Zweifler, indem er Tansanias Präsident Jakaya Kikwete, derzeit auch Chef der Afrikanischen Union, nach Nairobi holte. Dem Vernehmen nach war es Kikwete persönlich, der Kibaki die Angst vor dem Premier nahm - in Tansania wird ähnlich regiert.

Ob die überraschende Einigung Bestand haben wird, ist freilich ungewiss. Annan, der am Sonntag Kenia verließ, hat Nigerias ehemaligen Außenminister Oluyemi Adeniji damit beauftragt, gemeinsam mit Unterhändlern beider Seiten die nötigen Verfassungsänderungen auf den Weg zu bringen. Ab Donnerstag soll das Parlament über sie beraten. Im Abkommen ist nicht geregelt, welche Kompetenzen der Premierminister wirklich haben soll - einige müssten dem bereits heftig protestierenden Vize-Präsidenten entrissen werden. Auch die Frage, was im Falle eines vorzeitigen Scheiterns der großen Koalition geschieht, ist offen. Auch die Tatsache, dass Kibakis Justizministerin die Gespräche fast scheitern ließ, weil sie Annan in der Debatte um einen starken Premier angeblich Unfähigkeit vorwarf, lässt bei der juristischen Feinarbeit neue Fallstricke befürchten. Doch den Zweckoptimismus fast aller Kenianer ficht das nicht an. Seit Beginn der Krise sind mehr als 1.000 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 350.000 Kenianer wurden vertrieben. Dass das jetzt ein Ende hat, feiern seit Tagen Kenianer aller Ethnien und Einkommensgruppen. Selbst wenn die Politik sich nicht an das Abkommen halten sollte, könnte die Eigendynamik des kollektiven Glücksgefühls Kenia zu einer neuen Zukunft verhelfen.

(Copyright epd, 5.3.08)

Mittwoch, 6. Februar 2008

Menschenjagd im Westen Kenias


Margaret Njeri sitzt auf einem zusammengerollten Teppich, den sie zusammen mit ein paar Möbelstücken in einem zerbeulten Matatu-Bus untergebracht hat. Ihr Blick irrt ziellos durchs Leere, die notdürftig zusammen gezimmerten Unterkünfte aus Holz und Plane nimmt sie kaum noch wahr. Seit sechs Tagen hat die mehrfache Großmutter im Schatten der St. John’s Cathedral im Zentrum von Eldoret, der größten Stadt im nördlichen Rift Valley, unter freiem Himmel kampiert. Jetzt will sie ihre restlichen Besitztümer irgendwo vor Plünderern und dem drohenden Regen in Schutz bringen. Doch wo das sein kann, weiß sie noch nicht.

"Ich habe auf einem kleinen Hof, etwa dreißig Kilometer von Eldoret entfernt, gelebt", erzählt sie. "Vor einer Woche zog plötzlich eine aufgebrachte Menge durch unseren Ort. 'Kikuyus, verschwindet!', haben sie gerufen." Sie hatte noch Glück im Unglück. Freunde warnten sie per Handy vor dem Mob, so konnte sie noch ein paar Sachen in Sicherheit bringen. Alles andere, so vermutet sie, ist zusammen mit ihrem Haus und den Feldern in Flammen aufgegangen. Ihre Hand streicht über einen Sack Mais. "Das ist der letzte, den ich noch für meine Kinder habe. Ich kann ihn doch nicht draußen im Regen stehen lassen, dann hätten wir nicht mal mehr zu essen." Ihr ältester Sohn ist unterwegs, er sucht in einem Vorort von Eldoret nach einem Haus für die Familie. Ob es da sicher ist? "Das weiß ich nicht", sagt Margaret Njeri, "aber irgendwo müssen wir doch hin."

Vertriebene wie sie gibt es dieser Tage Tausende in Eldoret. Und wie sie sind die meisten Kikuyu, die Volksgruppe, der auch der umstrittene neue Präsident Mwai Kibaki angehört. Während aufgebrachte Horden von Kalenjin, der Mehrheitsethnie in dieser Region Kenias, unaufhaltsam durch die Felder und Gehöfte der ländlichen Region marodierten und regelrechte Jagd auf Kikuyu machten, suchten ihre Opfer Schutz in Polizeistationen, Schulen und Kirchen. Doch vor den Massenprotesten, zu denen die Opposition ab diesem Mittwoch aufgerufen hat, scheinen auch diese Orte nicht mehr sicher genug. Wer irgend kann, flüchtet in die Zentralprovinz, dort sind die Kikuyu in der Mehrheit.

Am Busbahnhof von Eldoret herrscht Chaos. Reifen quietschen, Matatus schieben sich durch die Menge, die Menschen versuchen sich zu den Türen der großen Busse durchzukämpfen, dort werden die Tickets verkauft. Von hinten hupen schon neue Busse. Männer mit nacktem Oberkörper binden auf den Dächern der Fahrzeuge jede Menge Säcke und Koffer fest. "Wir wollen es vor den Demonstrationen nach Nairobi schaffen, wer weiß, was passiert", keucht James, gemeinsam mit seiner Schwester hat er zwei Plätze im "Eldoret Express" in die Hauptstadt ergattert.

In seinen Armen hält er eine Tasche mit dem Aufdruck der kenianischen Wahlkommission, jener Behörde, die viele hier für die explosive Lage im Land verantwortlich machen. Deren Vorsitzender, Samuel Kivuitu, war es, der Kibaki zum Präsidenten gekürt hat - trotz unzähliger Anhaltspunkte dafür, dass die Wahl gefälscht wurde. Die Tasche weist James als Wahlbeobachter aus - für welche Partei? Er grinst, zuckt mit den Schultern. Wie die meisten Kikuyu hat auch er zu Präsident Kibaki gehalten. Und jetzt muss er fliehen.

"Die Kikuyu verlassen Eldoret in Massen", bestätigt Thomas Ngoy. Eigentlich ist er für die Ordnung hier am Busbahnhof verantwortlich, doch dieses Vorhaben musste er wohl oder übel aufgeben. Wie viele Busse derzeit Richtung Nakuru oder Nairobi fahren? "Ich habe den Überblick verloren, vielleicht dreißig, vielleicht auch fünfzig", sagt er.

Auch die Luo, Angehörige der Volksgruppe von Raila Odinga, dem Oppositionsführer, der den Wahlsieg für sich in Anspruch nimmt, fliehen. Sie wollen nicht zwischen die Fronten geraten. Seit dem Morgen sind 2.500 Soldaten und Polizisten einer kenianischen Spezialeinheit in Eldoret. Jeder fürchtet, dass an diesem Mittwoch nach ein paar Tagen gespannter Ruhe die Gewalt erneut ausbrechen wird. Bis dahin sollen die Busse wieder sicher im Depot stehen.

Noch sind die Straßen frei, doch viele befürchten, dass militante Oppositionsanhänger erneut Straßensperren errichten könnten. Busfahrer erzählen sich die Geschichte von Paul Karuri, einem Kikuyu, der am Samstag einen Bus mit 49 Flüchtlingen an Bord durch 15 solcher Straßensperren manövriert hat. Für die anderen Fahrer, deren Job derzeit lebensgefährlich ist, ist Karuri ein Held: An der ersten Straßensperre, wo mit Macheten bewaffnete Milizen verlangten, er solle die Tür öffnen und alle Kikuyu ausliefern, legte er den ersten Gang ein und fuhr den Verfolgern mit Karacho davon. Das Gleiche brachte er an 13 weiteren Sperren fertig. An der letzten, wo Milizen Strommasten über die Straße geworfen hatten, blieb er stehen - und wie ein Wunder tauchten Polizisten auf, die die Passagiere des Busses retteten. Ohne eine einzige Scheibe, die Karosserie von Steinen komplett zerbeult, kam der Bus schließlich in Nairobi an - niemand war verletzt. "Toll", lacht Henry, der Fahrer im "Eldoret Express". Doch selbst zum Helden werden möchte er lieber nicht, er macht, dass er loskommt.

Wer sich die Bustickets nicht leisten kann oder wer nicht weiß, wohin er fliehen soll, verschanzt sich auf dem Messegelände der Stadt. Es gilt als relativ sicher. Wo sonst einmal im Jahr Landwirte stolz ihre Rinder und Kohlköpfe präsentieren, hat das kenianische Rote Kreuz eine Zeltstadt errichtet. "Wir sind fast 5.000 hier, und wir erwarten noch mehr, bevor es wieder losgeht", erklärt John Deretu. Die Lagerinsassen haben ihn zu ihrem Sprecher gewählt. Deretu ist selbst aus Burnt Forest geflohen, die Bewohner des Dorfs in den Teeplantagen hatten besonders unter den Gewaltexzessen zu leiden. "Es gibt Leute, die bei ihren Verwandten untergekommen sind", erklärt er, "aber jetzt, vor den Demonstrationen, kommen viele noch hierher, um sicher zu sein." Das Messegelände hat nur zwei Eingänge. Mehrere Hundertschaften stehen bereit, um die Vertriebenen zu schützen.

Alle hier erzählen ähnliche Geschichten: Die Angreifer kamen zu Hunderten, bewaffnet mit Schlagstöcken, mit Macheten oder Fackeln, sie suchten nach Kikuyu. "Ich bin gerannt, gerannt, gerannt, bis ich zur Polizeistation kam", sagt die zehnjährige Jen Njeri. Als sie Lastwagen vom Gelände fahren sah, sprang sie kurz entschlossen auf. "Ich wusste nicht, wohin sie fahren, aber ich bin auf die Ladefläche gesprungen, um bloß wegzukommen." Nun ist sie hier im Auffanglager von Eldoret. Wie es ihren Eltern und Geschwistern ergangen ist, weiß sie nicht, das Rote Kreuz sucht nach ihnen.

Dass es sich bei den Gewaltausbrüchen um spontane Handlungen handelt, glaubt keiner der Flüchtlinge. Die Spannungen im Rift Valley reichen weit zurück. Seit Kenias Gründungspräsident Jomo Kenyatta, selbst ein Kikuyu, in den 60er-Jahren Farmer aus dem Hochland hier ansiedelte, gab es immer wieder politisch aufgeheizte Verfolgungen. Doch so schlimm wie dieses Mal war es noch nie, sagt Sarah Wanjiru. Sie wurde vor mehr als 40 Jahren im Rift Valley geboren. "Das hat jemand geplant", ist sie überzeugt. "Überall sind die Ausschreitungen zur gleichen Zeit losgegangen, und alle erzählen die gleichen Geschichten - kein Zufall."

Die vertriebenen Kikuyu sind sich einig darüber, wer hinter den Unruhen steckt: William Ruto, Spitzenpolitiker von Odingas Orange Democratic Movement, der im Rift Valley einen sensationellen Sieg für die Opposition geholt hat. "Ich erinnere mich, wie Ruto bei uns im Dorf war und gehetzt hat: Ihr müsst putzen bei euch im Dorf, schmeißt die gewissen Leute raus", erzählt einer, "und nach der Wahl ist genau das passiert." Dass die Kalenjin die Kikuyu, von denen viele Geschäfte besitzen und große Farmen bewirtschaften, stets als Bürger zweiter Klasse behandelt hätten, erzählen andere. Doch die Opposition weist alle Vorwürfe von Kibakis Anhängern zurück, sie habe einen Genozid oder "ethnische Säuberungen" organisiert. Belege für einen organisierten Völkermord gibt es tatsächlich nicht. Doch dass in diesem Wahlkampf gehetzt und gezündelt wurde wie nie zuvor in der Geschichte Kenias, weiß jeder.

In Eldorets Vorstädten, wo viele arbeitslose Kalenjin-Jugendliche leben, ist der aus Neid und Frust gespeiste Hass auf die Kikuyu so groß, dass es wohl keiner Hetze bedarf. Wer einen Bewohner anspricht, wird sofort von zehn, zwanzig anderen umringt, alle wollen Dampf ablassen. "Kibaki muss verstehen, dass wir die Kikuyu nicht aus Spaß verfolgen, sondern weil er die Wahl gestohlen hat", sagt Amos, der mit seinen kurz geschorenen Haaren und dem Muscle Shirt wie eine Kampfmaschine aussieht. "Wir bestrafen die Kikuyu, damit Kibaki aufwacht", tönt er. "Und wenn er das nicht tut, dann sollte ihm klar sein: Das, was bisher passiert ist, ist nur der Anfang."

Samuel, ein anderer Wortführer, zieht einen Vergleich: "Das ist wie in Ostdeutschland, wo damals die Russen einmarschiert sind - hier sind die Kikuyu einmarschiert. Die sollen nach Hause ins Hochland zurück, das hier ist unser Land." Für den Mittwoch haben sich die Kalenjin einiges vorgenommen. "Wenn die Polizei auf uns schießt, setzen wir das ganze Land in Brand", ruft Amos. Die Menge auf der staubigen Hauptstraße jubelt ihm zu.

(Copyright die tageszeitung, 16.1.08)

Montag, 4. Februar 2008

Neue Morde in Kenia


Alle Beteiligten strahlten, als sie am Freitagabend unerwartet vor die Kameras traten und einen "Vier-Punkte-Plan" für das krisengebeutelte Kenia verkündeten. Immerhin zehn Stunden hatten die Teams von Regierung und Opposition unter Vermittlung von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan zusammengesessen, für kurze Zeit hatte auch Annans Nachfolger Ban Ki Moon vorbeigeschaut. "Die ersten drei Punkte sollen binnen 7 bis 14 Tagen gelöst sein", verkündete Annan.

Die ersten drei Punkte, das sind: ein Ende der Gewalt, Maßnahmen zur humanitären Hilfe für die über 300.000 Vertriebenen und die Lösung der Führungsfrage nach der gefälschten Präsidentenwahl am 27. Dezember. Danach soll, innerhalb eines Jahres, die ungerechte Ressourcenverteilung in Kenia und die Landfrage geklärt werden. So weit der Plan. Wie er umgesetzt werden soll, war am Freitag genauso unklar wie zuvor. Diplomaten reagierten schulterzuckend auf den "Friedensplan", auch wenn niemand die Hoffnung ganz aufgeben wollte. Einen Erfolg machen sie vor allem davon abhängig, wie lange Kofi Annan bleibt. Von dem von Annan ins Spiel gebrachten Nachfolger als Verhandlungsführer, Cyril Ramaphosa aus Südafrika, war bislang in Nairobi nichts zu sehen. Kaum jemand glaubt, dass ein anderer als Annan die Verhandlungen zum unwahrscheinlichen Erfolg führen kann.

Immerhin riefen die Unterhändler der zerstrittenen Seiten ihre jeweiligen Führer auf, bei öffentlichen Kundgebungen für ein Ende der Gewalt zu werben. Geht es nach ihnen, sollen das Versammlungsverbot und die Nachrichtensperre im Land umgehend aufgehoben werden. Die Polizei wurde aufgerufen, nicht mehr scharf auf Zivilisten zu schießen.

Doch die erhoffte Entspannung fand nicht statt. Wenige Stunden nach der Verkündung des Plans brach im Westen Kenias neue Gewalt aus. In Kericho, Kenias Teehauptstadt, brannten die Häuser von Kikuyu, zu denen auch Kenias umstrittener Präsident Mwai Kibaki zählt. In Eldoret steckten Banden erneut eine Kirche in Brand und verfolgten Angehörige von Minderheitsethnien. Auf dem Land weiter westlich, im Distrikt von Borabu, wurde ebenfalls gekämpft.

Die Zahl der Toten seit Freitag wurde am Sonntag auf über 70 geschätzt. Insgesamt sind seit Ende Dezember wohl weit mehr als 1.000 Menschen in Kenias Unruhen ums Leben gekommen.

Die beiden Männer, um die es geht, bleiben stur. Kibaki erklärte am Samstag beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union, er sei der rechtmäßig gewählte Präsident.

(Copyright die tageszeitung, 4.2.08)

Freitag, 1. Februar 2008

Auf der vergeblichen Suche nach Frieden




Kenias umstrittener Präsident Mwai Kibaki hatte gerade Platz genommen, da prasselte zum Auftakt des Gipfeltreffens der Afrikanischen Union (AU) deutliche Kritik auf ihn nieder. "Hört auf, hört auf, hört auf", appellierte AU-Kommissionspräsident Alpha Oumar Konaré an die Konfliktparteien in Kenia. "Der Flächenbrand muss gelöscht werden, sonst bleibt nichts mehr übrig."

Diplomatischer in der Wortwahl, aber ebenso deutlich gab sich UN-Generalsekretär Ban Ki Moon: "Die Gewalt droht das Ausmaß einer Katastrophe anzunehmen." Sowohl Kibaki als auch Kenias Oppositionsführer Raila Odinga, der den Sieg bei der Präsidentenwahl vom 27. Dezember für sich in Anspruch nimmt, hätten eine besondere Verantwortung, die Krise friedlich zu lösen.

Doch Angst vor wirklichen Konsequenzen muss Kibaki nicht haben. Das Thema Kenia soll bis zum AU-Gipfelschluss am Samstag nicht wieder auftauchen, versprach sein Außenminister Moses Wetangula vorsorglich vorab. Für Kibaki ist es Anerkennung genug, dass er in Addis Abeba als Ebenbürtiger empfangen wird. Seine Wahlfälschung wird vermutlich alleine deshalb kein Thema sein, weil viele der mehr als 40 angereisten Staatschefs mit fragwürdigen Mitteln an die Macht gelangt sind oder sich dort halten.

In Kenia spitzte sich die Lage unterdessen weiter zu. Am Mittag wurde der Oppositionsabgeordnete David Kimutai Too in der Stadt Eldoret auf offener Straße erschossen. Ein Mann in der Uniform eines Verkehrspolizisten raste auf einem Motorrad an den Wagen heran und jagte Kimutai Too sieben Schüsse in Kopf und Genick. Eine Polizeibeamtin im Wagen starb später an ihren Verletzungen. Minuten später nahm die Polizei den Schützen fest - und tischte eine Geschichte auf, die Oppositionsanhänger umgehend als Lügenmärchen verdammten. Um ein Beziehungsdrama handele es sich, erklärte Polizeichef Hussein Ali. Der Schütze sei der Freund der toten Beamtin gewesen und habe ihr und dem Abgeordneten ein Verhältnis angelastet.

Doch während in Eldoret, einer der am schlimmsten von den Unruhen erschütterten Städte, Jugendliche protestierend durch die Straßen marschierten und Händler aus Angst vor Plünderungen eilig ihre Geschäfte abschlossen, nahm Oppositionsführer Odinga kein Blatt vor den Mund. "Ich verurteile die Hinrichtung eines zweiten unserer Parlamentarier. Das Ziel dieses Mordes ist es, die Mehrheit der Opposition im Parlament zu verringern." Erst in der Nacht zum Dienstag war ein weiterer Oppositionsabgeordneter in der Hauptstadt Nairobi ermordet worden. Odingas Generalsekretär Anyang Nyongo sprach am Donnerstag offen von einem Auftragsmord der Kibaki-Regierung.

Die für den Nachmittag geplanten Friedensgespräche unter Vermittlung von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte die Opposition ab. Sie will am heutigen Freitag weiter verhandeln, wenn Annans Nachfolger Ban Ki Moon erwartet wird.

(Copyright die tageszeitung, 1.2.08)