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Dienstag, 16. Juni 2009

Kongos Kreislauf des Krieges


Von den meisten Plastikplanen auf den aus Holz, Pappe, Stroh und plattgedrückten Konservendosen notdürftig zusammengezimmerten Hütten sind kaum mehr als Fetzen übrig geblieben. Jetzt in der Regenzeit, wenn die Tropfen am Nachmittag wie ein dichter Vorhang vom Himmel fallen, verschwinden nicht nur die Wege, sondern auch die Unterkünfte der gut 5.000 Vertriebenen im Lager Mugunga 1 in einer stinkenden Mixtur aus Dreck und Schlamm. "Wir haben nichts, um die Dächer auszubessern", klagt Fikiri Jamboku, ein Mann Anfang 40, der jeden Morgen in seinen blauen Polyesteranzug steigt, auf den größten Platz des Lagers marschiert und wartet. Worauf, das weiß er selbst nicht genau. "Es gibt immer weniger Hilfe, im Monat bekomme ich noch drei Kilo Mehl, ein Säckchen getrockneter Bohnen und einen halben Liter Öl - das muss für die ganze Familie reichen." Zurück ins Dorf will Jamboku dennoch nicht. "Es gibt hier keine Arbeit, es gibt keine Felder, und die Kinder werden in der feuchten Hütte krank - aber wenigstens sind wir am Leben."

Wie die meisten im Camp Mugunga am Rand der Provinzhauptstadt Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo, so stammt auch Jamboku aus der Stadt Masisi in der gleichnamigen Bergregion weiter westlich. Er landete vor fast einem Jahr hier, auf der Flucht vor den Kämpfen zwischen Kongos Armee, Rebellen des "Nationalkongresses zur Verteidigung des Volkes" (CNDP) des Tutsi-Generals Laurent Nkunda, örtlichen Mai-Mai-Milizen und den nach dem Völkermord aus Ruanda geflohenen Hutu-Extremisten der "Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas" (FDLR). "Ich habe nichts retten können", erinnert sich Matata Kalamiva, ein grauer, hochgewachsener Mann, der ein T-Shirt und ein leuchtend rotes Basecap trägt. "Alles, was ich besitze, ist noch in Masisi, wir mussten Hals über Kopf vor Nkundas Leuten fliehen."

Doch im Januar schöpften Kalamiva, Jamboku und die anderen Hoffnung: eine gemeinsame Militäroperation Kongos und Ruandas sollte die Rebellenbewegungen zur Aufgabe zwingen. Es ging vor allem gegen die Hutu-Milizen der FDLR, aber Höhepunkt der Aktion war die Verhaftung Nkundas auf ruandischem Boden. "Da haben wir schon gefeiert: bald geht es zurück", sagt mit leiser Stimme Kanyangesi Kapalata, ein gebeugter Alter im beigen Hemd. "Aber dann wurde alles noch schlimmer."

Denn statt des erhofften Friedens wird in Masisi und in anderen Teilen der Provinz Nord-Kivu so heftig gekämpft wie lange nicht. Die FDLR haben viele ihrer alten Positionen zurückerobert. "Den Menschen geht es eindeutig schlechter als vor der Offensive", sagt Marcel Stoessel vom Hilfswerk Oxfam. "Mädchen und Frauen werden brutal vergewaltigt, Häuser werden abgefackelt, ganze Dörfer geplündert." Nicht nur die FDLR-Milizen, auch die Soldaten der unterbezahlten kongolesischen Armee gehören zu den Tätern - manche sagen, sie sind für die meisten Gräueltaten verantwortlich. "Jeder steht unter Generalverdacht", so Stoessel. "Ständig gibt es sogenannte Racheattacken gegen die Zivilbevölkerung." Mehr als 300.000 Menschen sind seit Anfang dieses Jahres aus ihren Dörfern geflohen.

Ein Analyst der UN-Mission, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will, macht für die gestiegene Gewalt einen Ende März unterzeichneten Friedensvertrag verantwortlich. "Die CNDP ist jetzt offiziell Teil der Armee und hat dadurch Orte erreicht, wo sie vorher nie war", sagt er. Dies habe andere Gruppen geärgert. Schon hat die erste Partei den Vertrag aufgekündigt. "Ich sprach letzte Woche mit einem Mai-Mai-Anführer aus Masisi, der hat angekündigt, man werde sich mit den Hutu-Extremisten zusammentun."

Entlang der Straße von Goma nach Masisi entstehen derzeit fast täglich neue Lager wie Mugunga I. Von "vorsorglicher Flucht" sprechen die humanitären Helfer in Goma, dem Versuch, erwarteten Massakern zu entgehen. Ähnliches sehen die Helfer bereits in der angrenzenden Provinz Süd-Kivu. "Wenn die Militäroperation gegen die FDLR wie geplant in Süd-Kivu fortgesetzt wird, dann wird es dort mindestens genauso schlimm werden wie hier", so Stoessel.

(Copyright die tageszeitung, 16.6.09)

Samstag, 24. Januar 2009

Ex-Verbündete setzen Nkunda fest


Seit Jahren galt Laurent Nkunda als Ruandas Mann im Osten Kongos. Geld und Waffen sollen aus dem Nachbarstaat an Nkunda geflossen sein. Als die Rebellen des Generals im Oktober auf die kongolesische Stadt Goma zumarschierten, halfen ihm ruandische Panzer mit Schüssen von jenseits der Grenze. Ein UN-Bericht zitierte vor einigen Wochen gar Belege dafür, dass Nkunda seine Militäroperationen direkt mit dem ruandischen Präsidialamt abgesprochen habe. Dennoch wurde Nkunda jetzt verhaftet - und zwar von denen, die ihn bislang unterstützt hatten.

"Nkunda wurde am Vortag gegen halb elf Uhr abends von ruandischen Soldaten in Bunagana festgenommen, das ist die Grenzstadt vom Kongo nach Ruanda", bestätigt der Sprecher der UN-Mission im Kongo, Jean-Paul Dietrich, am Freitag. Die gemeinsame Truppe aus kongolesischen und ruandischen Soldaten, die seit Tagen im Ostkongo gegen Rebellen vorgeht, hatte Nkunda aufgefordert, sich zu ergeben. Nkunda floh nach Ruanda - und wurde kurz hinter der Grenze auf ruandischem Boden festgesetzt.

Einer von Nkundas engsten Vertrauten, Jean-Desiré Muiti, konnte es am Freitag noch nicht fassen. "Nkunda ist zu Konsultationen nach Kigali gerufen worden", so Muiti. Diese Fehleinschätzung spricht dafür, dass Nkunda womöglich Opfer einer Täuschung wurde.

Kongos Informationsminister Lambert Mende feierte die Festnahme des Abtrünnigen als Beginn des Friedens im Osten Kongos, der seit mehr als zehn Jahren vom Bürgerkrieg erschüttert wird. Er forderte die Auslieferung Nkundas. "Es gibt einen kongolesischen Haftbefehl, er ist Kongolese, und er hat seine Verbrechen im Kongo begangen - sein Fall muss im Kongo verhandelt werden." Mende forderte Nkundas Rebellen auf, sich der Regierungsarmee anzuschließen. "Mit Nkundas Festnahme ist seine Rebellion praktisch vorbei", sagt Mende.

UN-Sprecher Dietrich ist zurückhaltender. Bei Nkunda habe man zumindest gewusst, woran man war. "Jetzt müssen wir abwarten, wer nach Nkunda kommt und hoffen, dass die versprochene Niederlegung der Waffen auch wirklich stattfindet." Dietrichs Skepsis gilt Bosco Ntaganda, der als starker Mann der Rebellengruppe gilt. Der hat zwar versprochen, den Kampf zu beenden, doch wegen des Einsatzes von Kindersoldaten wird er vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht, er hat viel zu verlieren.

Die Festnahme Nkundas ist der erste Erfolg der gemeinsamen ruandisch-kongolesischen Offensive, an der laut UN mehr als 3 500 ruandische Soldaten beteiligt sind. Bislang hatten die Führungen beider Länder davon gesprochen, militante Hutu zu verfolgen, die für den Völkermord in Ruanda verantwortlich gemacht werden. Stattdessen wurde Tutsi-General Nkunda festgenommen, der im Namen der Opfer des Völkermords Angst und Schrecken verbreitete. Beim Einmarsch seiner Truppen vor sechs Jahren in Bukavu etwa schauten UN-Blauhelme zu, während Nkundas Truppen vergewaltigten und plünderten. "Nkundas Truppen haben schwere Menschenrechtsverletzungen zu verantworten", sagt Anneke van Woudenberg von Human Rights Watch. "Ihm muss ein Prozess gemacht werden, der internationalen Standards entspricht."

(Copyright Berliner Zeitung, 24.1.09)

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Panik in Goma


Erst sah in Goma alles aus wie an einem ganz normalen Tag. Zwar wurde nur zwanzig Kilometer von der Innenstadt entfernt gekämpft - Truppen unter dem Mandat der Vereinten Nationen versuchten gemeinsam mit der kongolesischen Armee die Milizen des berüchtigten Rebellengenerals Laurent Nkunda zurückzuschlagen. Doch die Menschen in der Provinzhauptstadt Goma sind an Krisen gewöhnt. Also gingen die Kinder zur Schule, Läden waren geöffnet, die Märkte gut besucht.

Aber dann brach Chaos aus. "Das Gerücht ging um, dass die Front gegen Nkunda zusammengebrochen sei, und plötzlich begannen alle zu laufen wie die Hasen", berichtet Georg Dörken von der Deutschen Welthungerhilfe, der seit 15 Jahren in der Region tätig ist.

Chaotische Szenen spielen sich ab, als Soldaten mit vorgehaltener Waffe Lastwagen beschlagnahmen, um vor den Rebellen zu fliehen, andere in Panik mit ihren Panzern Autos überrollen. Während die Uno alle internationalen Hilfsorganisationen auffordert, die Stadt sofort zu verlassen, bleiben die Bewohner ohne Schutz durch die kongolesische Armee zurück. Am Abend verbreitet sich das Gerücht, die Regierung in Kinshasa wolle die Stadt kampflos an Nkunda übergeben.

Bis dahin hatte die Ankündigung des Rebellensprechers Bertrand Bisimwa, Goma erobern zu wollen, noch voreilig geklungen. Denn der Vormarsch der Rebellen stockte, nachdem UN-Blauhelme am Dienstagnachmittag mit einer Offensive bei Kibumba, gut 20 Kilometer vor Goma, begonnen hatten. Alan Doss, Leiter der UN-Mission im Kongo (Monuc), warnte da allerdings schon: "Wir bleiben, wir werden die Städte verteidigen, aber unsere Truppen sind am Ende ihrer Kräfte angelangt und wir brauchen dringend Verstärkung." Auf die Aufstockung der mit mehr als 17 000 Soldaten weltweit größten UN-Schutztruppe konnte sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen aber bisher nicht einigen.

Dabei warnen Hilfsorganisationen angesichts der enormen Zahl von Flüchtlingen vor einer Katastrophe. Viele hatten sich in den vergangenen Tagen zu Fuß aus den umkämpften Gebieten aufgemacht, um in Goma Sicherheit zu finden. "In unseren Feldlazaretten arbeiten die Ärzte rund um die Uhr", sagt Clio van Cauter, Sprecherin von Ärzte ohne Grenzen in Goma. "Wir können nicht sagen, wie viele Flüchtlinge es genau sind, aber es sind sehr viele." Auf mehr als 800 000 hat die Uno die Zahl der Vertriebenen im Ost-Kongo Anfang des Jahres geschätzt. Dass die Zahl jetzt über die Millionengrenze steigt, ist wahrscheinlich.

Viele von ihnen sind schon länger vor den brandschatzenden und marodierenden Milizen auf der Flucht. Denn Nkunda, ein Tutsi mit kongolesischem Pass, hält die Region seit Jahren in Atem. 2004 marschierten er und seine Männer in Bukavu ein, der größten Stadt am südlichen Ende des Kivu-Sees. Unter den Augen von untätigen Blauhelm-Soldaten plünderten, vergewaltigten und mordeten Nkundas Leute, um sich dann zurückzuziehen. Die Blauhelme erklärten später, ihr Mandat habe kein Eingreifen zugelassen. Seither führt der "Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes", wie sich die Rebellentruppe schwülstig nennt, einen Guerillakrieg mit der Regierungsarmee, die selbst aus früheren Rebellen zusammengestückelt ist. Seine Hochburgen hat Nkunda in besonders unzugänglichen Gegenden der weitläufigen Region, in den Bergen nordwestlich des Virunga-Nationalparks und entlang der kongolesisch-ugandischen Grenze.

Was genau Laurent Nkunda mit seinem Kampf im Osten Kongos erreichen will, ist umstritten. Er gehört zu den Generälen, die im Kongokrieg für die einst mächtige "Sammlungsbewegung für ein demokratisches Kongo" (RCD Goma) gekämpft haben. Zwischen 1998 und 2003 kontrollierte seine Armee im Auftrag Ruandas die reichen Minen im Ostkongo. Als der Krieg zu Ende war, an dem zeitweise acht afrikanische Armeen beteiligt waren, sammelten sich um Nkunda diejenigen, die nicht - wie in den Friedensverträgen vorgesehen - in die kongolesische Armee integriert werden wollen. Und diejenigen, die wegen ihrer Kriegsverbrechen Angst vor Prozessen hatten.

Doch das ist nicht alles. Kaum jemand zweifelt daran, dass hinter der größten Offensive Nkundas seit der Einnahme von Bukavu Kongos winziger Nachbar zum Osten steckt: Ruanda. Am Mittwoch mehrten sich Augenzeugenberichte, nach denen ruandische Truppen selbst an den Kämpfen beteiligt waren. Demnach sollen ruandische Panzer Stellungen der kongolesischen Armee im Norden von Goma beschossen haben.

Nkunda selbst begründet seine Feldzüge damit, er wolle die Tutsi im Ost-Kongo schützen und die für den Völkermord in Ruanda verantwortlichen Hutu-Extremisten dorthin zurücktreiben, wo ihnen der Prozess gemacht werden soll. Tatsächlich wären so nah an der Grenze verschanzte Hutu-Milizen für den ruandischen Präsidenten Paul Kagame, dessen Tutsi-Armee 1994 die militanten Hutu erst nach dem Völkermord an mehr als 800 000 Tutsi und moderaten Hutu vertreiben konnte, ein Sicherheitsrisiko.

Die wahren Motive für Ruandas mutmaßliche Unterstützung könnten jedoch andere sein. "So lange im Ost-Kongo gekämpft wird, kann Ruanda ungestört die Minen in der Region ausbeuten und auf dem Schwarzmarkt Millionen damit machen", sagt ein Mitarbeiter einer großen deutschen Hilfsagentur in Kinshasa. Im Osten Kongos ballen sich Vorkommen wertvoller Mineralien wie Gold, Kobalt und Kupfer. Und noch ein in Ruanda knappes Gut gibt es: Land. "Gerüchte besagen, dass Ruanda die Kivu-Provinzen annektieren könnte, sobald Nkunda sie unter Kontrolle gebracht hat", sagt Georg Dörken von der Welthungerhilfe. "Beweise hat niemand, aber in Ruanda gibt es eine Bevölkerungsexplosion, Land ist jetzt schon äußerst knapp."

Die Menschen in Rutshuru, der Stadt, die den Rebellen schon am Mittwochmorgen in die Hände fiel, haben ihre Heimat lange nicht mehr gesehen. Wer hier ist, hat seinen persönlichen Alptraum schon hinter sich. In den Flüchtlingslagern nahe der Grenze zu Uganda leben Zehntausende, die in Panik vor den Milizen geflohen sind. Viele wurden von Nachbarn oder anderen Flüchtlingsgruppen gewarnt, als sie auf den Feldern arbeiteten, oder sind bei Nacht und Nebel aus dem Haus gerannt wie Mary, die vor einem Jahr mit ihrem kleinen Sohn im Kusasi Camp, einem der Lager von Rutshuru, ankam. "Wir haben nichts retten können, meinen Bruder und meinen Mann habe ich auf der Flucht verloren", sagt die junge Frau. Ihr Sohn wimmert im Fieber der Malaria, gegen die Mary ihn in den Behelfshütten aus Stroh und Plastikplanen nicht schützen kann. Mary hatte Glück: Vergewaltigung, Misshandlungen oder Folter, von denen die meisten Flüchtlinge berichten, blieben ihr erspart. Doch seit die Nkundas Truppen die Kontrolle in Rutshuru übernommen haben, sind die Vertriebenen wieder heimatlos. Während hinter ihnen humanitäre Einrichtungen geplündert und in Brand gesteckt werden, versuchen sie, jenseits der Grenze in Uganda Schutz zu suchen.

Bei den Geschundenen des Ost-Kongo, die in der einst reichsten Provinz des Kongo leben, macht sich nach mehr als zehn Jahren Krieg Hoffnungslosigkeit breit. Erst vor einigen Wochen legten einige lokale Abgeordnete ihr Mandat nieder und schlossen sich Nkundas Rebellenarmee an. Zwar überwiegt bei weitem die Abneigung gegen Nkunda, der von den Kongolesen als Marionette Ruandas betrachtet wird. Doch es sind nicht nur seine Truppen, die die Bewohner rund um den Kivu-See zittern lassen. Soldaten der kongolesischen Armee sind für ihre Brutalität ebenso bekannt wie für ihre Disziplinlosigkeit. Erst am Dienstag raubten sie Mitarbeitern der Caritas bei der Verteilung von Hilfsgütern Uhren, Geld und Kreditkarten. Dass die Regierungstruppen ihren Standpunkt nördlich von Goma aufgeben mussten, überraschte niemanden, ebenso wenig wie die Erklärung, dass jeder Soldat nur hundert Schuss Munition gehabt habe. "Die haben kein Geld, kein Essen, keine Ausrüstung", fasst ein kongolesischer Geschäftsmann in Goma zusammen. "Kein Wunder, dass man hier sagt: Die kongolesische Armee kennt nur den Rückwärtsgang."

Die UN-Blauhelme kommen in der Bevölkerung kaum besser weg: Gerade erst mussten hundert indische Soldaten abgezogen werden, weil sie sich an minderjährigen Mädchen vergangen hatten. Eine im April bekannt gewordene Untersuchung wirft den Blauhelmen gar vor, mit illegal geschürften Mineralien gehandelt und Rebellen mit Waffen versorgt zu haben. Kein Wunder, dass aufgebrachte Kongolesen am Dienstag das UN-Hauptquartier in Goma mit Steinen bewarfen. Auch in Rutshuru wurden Blauhelme von wütenden Flüchtlingen angegriffen, als sie fünfzig ausländische Helfer in Sicherheit brachten - und sonst niemanden.

(Copyright Berliner Zeitung, 30.1.08)

Samstag, 26. Januar 2008

Hoher Preis für Frieden im Ostkongo


So viel Hoffnung gab es in Goma, der größten Stadt in der Nord-Kivu-Provinz im Osten Kongos, schon lange nicht mehr. Während der Bürgerkrieg seit 2003 offiziell beendet ist, wurde hier stets weitergekämpft. Der Armee stehen 25 Rebellengruppen gegenüber, die sich in der rohstoffreichen Region bedienen und widerstreitende Ziele verfolgen.

Auch die UN, die mit der größten Friedensmission im Kongo vertreten sind, konnten nicht verhindern, dass Milizen ganze Dörfer nieder brannten, Frauen vergewaltigten und brutale Massaker anrichteten. Doch das soll jetzt ein Ende haben: Bis Mitte kommender Woche, so sieht es ein am Mittwoch in Goma unterschriebener Friedensvertrag vor, sollen die Blauhelme eine Pufferzone errichten. Alle Gruppen haben schriftlich eingewilligt, die Waffen ruhen zu lassen.

Zwar sind Experten wie der langjährige Kongo-Analyst Jason Stearns skeptisch. "Wenn man sich den Vertrag anguckt, steht außer der Waffenruhe nichts konkretes darin - die schwierigen Details soll eine technische Kommission ausarbeiten." Stearns befürchtet, dass der Prozess hier scheitern könnte. Schließlich war auch das Abkommen von Goma nur unter dem massiven Druck des Westens und seiner Botschafter zustande gekommen. Ob der gleiche Druck sich aufrecht erhalten lässt, ist ungewiss. Doch zumindest scheint die Regierung von Joseph Kabila, der einst selbst als Rebell im Osten kämpfte, es ernst zu meinen. Am Freitag ließ sie durchscheinen, für den Rebellengeneral Laurent Nkunda eine Lösung gefunden zu haben. Nkunda, ein ethnischer Tutsi, hält die Region seit 2004 mit Überfällen in Atem. Er selbst behauptet, die kongolesische Tutsi-Bevölkerung vor Hutu-Extremisten schützen zu wollen. Doch bei seinen Angriffen wurden auch viele Tutsi ermordet.

Die Tatsache, dass Kongos Regierung gegen Nkunda eine Anzeige wegen Kriegsverbrechen beim Internationalen Strafgerichtshof gestellt hat, hing wie ein Damoklesschwert über den Verhandlungen. "Aber die Anzeige ist inzwischen verjährt, weil wir keinen neuen Folgeantrag gestellt haben", erklärte ein hochrangiger Beamter aus Kinshasa. Nkunda soll diese Zusicherung schriftlich übermittelt werden.

Größtes Hindernis für einen Frieden dürften demnach die Hutu-Extremisten sein, von denen viele für den Völkermord im nahen Ruanda verantwortlich gemacht werden. Tausende von ihnen leben seit 1994 in der Region. "Viele haben in die Bevölkerung im Kongo eingeheiratet, es wird schwierig werden, sie loszuwerden", warnt der südafrikanische Analyst Henri Boshoff. Das wiederum ist eine der Kernforderungen Nkundas, um seine Rebellion zu beenden. Unter dem Krieg leidet vor allem die Zivilbevölkerung: Die Zahl der Opfer seit 1998 wird auf 5,4 Millionen geschätzt.

(Copyright Der Standard. 26.1.08)

Dienstag, 31. Juli 2007

Die Angst ist geblieben


Der Geländewagen rumpelt hin und her, während der Fahrer sich den Weg durch die krummen Straßen von Goma bahnt. Ausnahmsweise sind es nicht die im Kongo verbreiteten Schlaglöcher, die die Fahrt so beschwerlich machen, sondern erstarrte Lava, die sich beim großen Vulkanausbruch vor fünf Jahren über den Asphalt geschoben hat. Dort liegt sie bis heute. "Damals haben die Leute gesagt: Wie gut, dass der Vulkan ausbricht, dann haben wir wenigstens ein paar Tage lang Ruhe vom Krieg", sagt Gavin Braschi, der für die Hilfsorganisation Don Bosco in Goma arbeitet.

Der Bürgerkrieg, der Mitte der neunziger Jahre begann, hat aus dem einst reichen Handelszentrum im Osten des Kongos ein großes Flüchtlingslager gemacht. Die Einwohnerzahl hat sich auf eine halbe Million verdoppelt, schätzt Braschi. Bis heute kämpfen Rebellen im Umland gegen Truppen der kongolesischen Armee. "In der Stadt haben wir nur deshalb keine offenen Gefechte, weil hier UN-Truppen stationiert sind", sagt Braschi. Doch ob das reicht, damit der brüchige Frieden zwischen den Lavabergen wirklich hält, ist ungewiss.

Ein Jahr, nachdem die 60 Millionen Bewohner im ehemaligen Zaïre zum ersten Mal seit 40 Jahren an einer demokratischen Wahl teilnehmen durften, ist von der erhofften Aufbruchsstimmung in Goma nichts zu spüren. Fast einstimmig ist er hier gewählt worden, der alte und neue Präsident Joseph Kabila. "Frieden und Stabilität im Osten sind meine höchste Priorität", versprach der ehemalige Rebellenführer bei seiner Amtseinführung im Dezember. Doch auf Frieden und Stabilität warten die Bewohner von Goma bisher vergeblich.

Dafür wabern durch die mit bunten Ständen gefüllten Ruinen der alten Markthalle von Goma Gerüchte von einem neuen Angriff. Rebellenführer Laurent Nkunda, der seit Jahren Angst und Schrecken in der Region um den Kivu-See verbreitet, soll einen Angriff auf Goma planen. "Es gibt einen Aufbau bewaffneter Kräfte auf beiden Seiten", bestätigt der Chef der UN-Friedensoperationen, Jean-Marie Guehenno. Die Armee von Laurent Nkunda sei "die derzeit größte Gefahr für die Stabilität im Kongo".

Der Kohlenhändler Philippe ist vor vier Jahren nach Goma geflohen, als Nkunda gerade die Stadt Bukavu gut 200 Kilometer weiter südlich, am anderen Ende des Kivu-Sees, eingenommen hatte. "Nkundas Leute sind durch die Stadt gezogen, haben Frauen vergewaltigt, Läden geplündert und Häuser angesteckt", erinnert er sich an den brutalen Überfall. Die kongolesische Armee habe die Stadt in Panik verlassen, da sei auch er geflohen. "Es gab auch UN-Blauhelme in Bukavu, aber die haben nichts unternommen." Dass Nkunda diesmal vor den Toren Gomas stehen soll, macht Philippe Angst. "Aber ich kann doch nicht schon wieder alles aufgeben, was ich mir mühsam aufgebaut habe", sagt er.

In den Dörfern nördlich von Goma toben die Kämpfe derzeit so heftig wie lange nicht mehr. 165 000 Kongolesen, so schätzen die Vereinten Nationen, sind seit Jahresanfang auf der Flucht. Insgesamt soll es allein in den Kivu-Provinzen 700 000 Flüchtlinge geben. Bisher kehrten die Vertriebenen - die meisten von ihnen sind Bauern - schnell wieder in ihre Heimatdörfer zurück. Doch diesmal machen Mitarbeiter von Hilfswerken erstmals eine bedrohliche Tendenz aus: Die Flüchtlinge richten sich in den Lagern ein - an einen baldigen Frieden glauben sie nicht mehr.

Lucille etwa hat ihren Mann und ihren Sohn bei einem Angriff der Rebellen im Mai verloren. "Ich habe mindestens hundert Leichen gezählt, und viele andere haben sie einfach in die Brunnen geworfen", sagt sie. Wie sie selbst es geschafft hat, bis ins Lager nahe der ugandischen Grenze zu kommen, weiß sie nicht mehr genau. Aber zurück, das weiß sie, will sie nicht.

Was genau der Rebellenführer Laurent Nkunda mit seinen Angriffen im Osten Kongos erreichen will, ist ungewiss. Nkunda gehört zu den Generälen, die für die einst mächtige "Sammlungsbewegung für einen demokratischen Kongo" gekämpft haben. Zwischen 1998 und 2003 kontrollierte diese ethnische Tutsi-Armee im Auftrag Ruandas die reichen Minen im Ostkongo. Doch der einstige Erzfeind Ruanda bemüht sich spätestens seit der Wahl um eine Annäherung an Kabila und seine Regierung. Der politische Arm der Sammlungsbewegung, bis zu den Wahlen noch in der Übergangsregierung vertreten, hat bei den Wahlen zudem eine schwere Schlappe hinnehmen müssen und versank mit nicht einmal sechs Prozent der Stimmen in der politischen Bedeutungslosigkeit. Um Nkunda sammeln sich jetzt diejenigen, die nicht in die kongolesische Armee integriert werden wollen - oder wegen ihrer Kriegsverbrechen Angst vor Prozessen haben.

Doch es ist nicht nur Nkunda, der die Bewohner rund um den Kivu-See zittern lässt. Ein anderer Flüchtling berichtet von einem blutigen Angriff auf sein Heimatdorf in Nord-Kivu. Die Täter waren Soldaten der kongolesischen Armee. "Rebellen hatten einem Armee-Konvoi aufgelauert, daraufhin hat der Offizier einen Vergeltungsschlag durchgeführt", berichtet der Mann, der seinen Namen nicht nennen will. "Sie sind von Haus zu Haus gegangen und haben getötet, egal, wen." Die "International Crisis Group" verurteilt die Armee als den Menschenrechtsverletzer Nummer eins im Kongo: Schuld daran sei vor allem die galoppierende Korruption. Die führt dazu, dass selbst der niedrige Sold von weniger als einem Euro am Tag oft nicht ausgezahlt wird. Die Soldaten, viele von ihnen gerade erst in die Armee integrierte Ex-Rebellen, verlegen sich deshalb auf das, was sie im Krieg gelernt haben. Sie nehmen sich mit Waffengewalt, was sie brauchen. "Wenn Kabilas Regierung nicht ihr Versprechen wahr macht, den Kongo von Grund auf zu verändern, verliert sie ihr letztes bisschen Autorität", warnt Crisis-Group-Experte François Grignon.

Dabei steht Kabila unter Zeitdruck. Der Sicherheitsrat wird Ende des Jahres über eine Reduzierung der UN-Truppen beraten, und die Geberländer haben auch nicht mehr viel Geduld. Noch sind 17 000 Soldaten der UN-Mission Monuc im Ostkongo stationiert, es ist der größte Einsatz seiner Art weltweit. Trotz des Debakels von Bukavu gilt die Truppe im Osten als Garant für wenigstens ein bisschen Frieden, zumal die Tatenlosigkeit bei Nkundas letztem Überfall nicht folgenlos geblieben ist. "Die Monuc ist inzwischen mit Nato- oder EU-Einsätzen vergleichbar", bilanzierte der nach Bukavu entsandte Kommandant Patrick Cammaert bei seinem Abschied im April. In Bukavu hätten die Monuc-Truppen den Rebellen gedroht, ihre Drohungen aber nicht wahrgemacht. "Das hat sich geändert." Seit Monaten sind Monuc und kongolesische Armee in gemeinsamen Einheiten im Einsatz, um die Rebellen zu besiegen. In der letzten Woche vertrieben sie Anhänger Nkundas von einem seiner Stützpunkte in Moramvia, die Soldaten flohen in den dichten Busch. Dort jedoch fühlen sie sich sicher, ebenso wie die auf 70 000 geschätzten Rebellen diverser anderer Gruppen, die sich dort verschanzen.

Der Anreiz, im Kampf gegen Monuc und Regierungsarmee sein Leben zu riskieren, ist hoch. Gold, Diamanten, Kupfer oder Coltan liegen im Ostkongo buchstäblich zum Greifen nah unter der Erde. Nach Jahrzehnten der Anarchie im Osten kontrollieren Banden in vielen Orten auch jetzt noch den lukrativen Schmuggel, der oft von Kindern im Tagebau gewonnenen Rohstoffe. "Von den 60 offiziell betriebenen Minen sind zudem nur sechs in Betrieb", bemängelt Kongos Vize-Minister für Mineralabbau, Victor Kasongo. Seine Behörde hat damit begonnen, die Schürflizenzen zu überprüfen. Doch der Prozess geht so schleppend voran, dass der für August geplante Abschluss gerade wieder um zwei Monate verschoben wurde. Die Kontrolle des Holzeinschlags im Kongobecken, an dem maßgeblich auch eine Tochter der deutschen Danzer- Gruppe beteiligt ist, steht noch ganz am Anfang. Steuereinnahmen, die der von jahrzehntelanger Korruption geschwächte Staatsapparat zum Bau von Straßen und anderer Infrastruktur dringend bräuchte, gibt es kaum.

Die Hoffnung aufgeben will in Goma dennoch niemand. Inmitten der Lava, die sich auch mal einen halben Meter hoch türmt, ziehen Vertriebene in eine Art Mustersiedlung aus skandinavisch anmutenden Holzhäusern ein. Eine von ihnen ist Mama Rafiki, eine lebensfrohe 18-Jährige, die ihren Sohn auf dem Arm trägt. "Ich lebe in schwierigen Zeiten, aber deshalb muss ich ja nicht meinen Sinn für Schönheit verlieren", sagt die junge Mutter und präsentiert stolz ihr neues Zuhause. Rund um den Garten hat sie eine Mauer aus Lavastein gezogen, an den Hauswänden rankt ordentlich gestutzter Efeu. Wäre es nicht Goma, Mama Rafikis Reich könnte aus einem Ferienhauskatalog stammen. "Die Frauen zahlen einen Teil der Baukosten ab, danach gehört ihnen das Haus", erklärt Gavin Braschi vom Don-Bosco-Orden .

Damit die Flüchtlingssiedlung nicht zum Ghetto wird, werden die Bewohnerinnen - meist sind es Frauen - dazu ermuntert, ihre Grundstücke nach eigenem Geschmack zu gestalten. "Die Besitzer müssen sich auch um ihre Einrichtung kümmern, wir machen hier kein Disneyland", sagt Braschi.

Mama Rafikis Mann verdient als Gelegenheitsarbeiter ein paar kongolesische Francs am Tag, sie selbst schließt gerade ihre Mechanikerausbildung ab. Mit viel Geduld arbeiten die Rafikis an ihrem kleinen Glück. An einen Überfall, an die Flucht vor Rebellen, daran mag Mama Rafiki nicht denken.

Dort, wo die Villen stehen, über der spiegelnden Wasserfläche des Kivu-Sees, ist man nicht ganz so naiv. Vor den protzigen Neubauten stehen bewaffnete Wachen, die schweren Tore sind mit Metallspitzen gesichert. "Es sind vor allem Politiker, die sich hier an der kongolesischen Riviera ihre Ferienhäuser bauen", berichtet Braschi im Vorbeifahren. Am Wochenende fliegen viele von ihnen hierher, um der hektischen, schwülen Hauptstadt für ein paar Stunden zu entfliehen. Die Bauwut der neureichen Politiker macht Braschi auch ein bisschen Hoffnung. Wer in Goma baue, so glaubt er, habe schließlich auch ein ganz persönliches Interesse an mehr Stabilität in der Region.

(Copyright Hannoversche Allgemeine Zeitung, 31.7.07)