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Dienstag, 14. April 2009

Geiseldrama auf hoher See beendet


Es ist der Stoff, aus dem große Dramen sind: ein Kapitän, der sich als Geisel zur Verfügung stellt, um Schiff und Besatzung zu retten; vier Piraten, die von Bord eines manövrierunfähigen Rettungsbootes aus das Geschäft ihres Lebens machen wollten; und eine militärische Supermacht, die mit drei Kriegsschiffen jede Bewegung an Bord des nur wenige hundert Meter entfernten Rettungsbootes verfolgte. Kein Wunder, dass die Geiselnahme auch dramatisch endete.

"Der Kommandant an Bord der 'USS Bainbridge' hat innerhalb von Sekunden entschieden, dass sich Kapitän Richard Phillips in akuter Lebensgefahr befindet", erklärte der Chef des Zentralkommandos der US-Marine, Vize-Admiral William Gortney, kurz nach der Befreiung am Samstagabend. Da hatten die Piraten offenbar ihre Waffen auf Phillips gerichtet, nachdem die US-Verhandlungsführer sich geweigert hatten, das geforderte Lösegeld von zwei Millionen US-Dollar zu bezahlen. "Drei Piraten wurden von Scharfschützen erschossen, der vierte ergab sich." Phillips Befreiung sei von Spezialeinheiten ausgeführt worden.

Dem 53-jährigen Phillips, dessen Schicksal in den vergangenen Tagen ganz Amerika bewegt hatte, geht es gut. Er soll bald nach Hause fliegen. Mit Jubelgebrüll reagierte Phillips Crew auf die Befreiung: Die 19 Seeleute an Bord der "Maersk Alabama" waren am Samstagabend in Kenias Hafenstadt Mombasa angekommen. "Wir haben es geschafft", rief ein Matrose von Bord der "Alabama" über Absperrungen hinweg Journalisten zu. "Captain Phillips ist unser Held", schrie ein anderer.

Doch nicht alle feiern. Andrew Mwangura, der die Piraterie vor Somalias Küste seit Jahren verfolgt, befürchtet, dass die gewaltsame Befreiung das Leben künftiger Geiseln gefährdet. "Man hat die Piraten gewalttätiger gemacht", so Mwangura. In der Vergangenheit sei den Geiseln nie etwas geschehen. "Jetzt wird es passieren, dass Piraten Geiseln umbringen, um so ihr eigenes Leben zu retten." Selbst US-Militär Gortney räumt das ein. "Dadurch könnte die Gewalt in diesem Teil der Welt zweifellos sprunghaft zunehmen." Mehrere Piratengruppen haben bereits mit Vergeltung gedroht.

In der Nacht zum Montag flogen zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden Armeehelikopter über Piratenhäfen an der somalischen Küste. "Erst töten sie unsere Freunde, dann müssen wir Angst vor Bombardements haben", so ein Pirat. "Amerika ist unser neuer Feind." Der Fall Phillips scheint auch Bewegung in die politische Debatte zu bringen. Der Kongressabgeordnete Donald Payne landete am Montag als erster US-Politiker seit dem traumatischen Tod mehrerer US-Soldaten 1994 in Mogadischu, um Gespräche mit der weitgehend machtlosen Übergangsregierung zu führen.

Nach der Freilassung von Phillips befindet sich jetzt noch ein amerikanisches Schiff in der Hand somalischer Seeräuber. Der Schlepper unter italienischer Flagge war am Samstag gekapert worden. Auch der deutsche Frachter "Hansa Stavanger" mit fünf deutschen Seeleuten an Bord wird seit mehr als einer Woche von Piraten festgehalten.

Gerätselt wird unterdessen über die Fracht an Bord der "Maersk Alabama". Laut offiziellen Angaben befindet sich in den Containern Lebensmittelhilfe für Ostafrika. Doch FBI und CIA, die kurz nach der Ankunft in Mombasa die Kontrolle über die "Alabama" übernommen haben, weigern sich kenianischen Zollbeamten zufolge, den Inhalt zu deklarieren. Es könnten militärisch heikle Güter darunter sein: Die "Maersk Alabama" ist Teil eines Spezialprogramms der Marine, mit dem vertrauenswürdige Schiffe für Militärtransporte akquiriert werden.

(Copyright die tageszeitung, 14.4.09)

Montag, 5. Januar 2009

Äthiopien hinterlässt in Somalia ein Trümmerfeld


Zwei Jahre nach ihrem Einmarsch in Somalia hat Äthiopiens Armee nach eigenen Angaben ihren Rückzug begonnen. "Es handelt sich um einen Prozess, der einige Zeit in Anspruch nehmen wird", erklärte Simon Bereket, Berater von Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi. Dagegen, dass mit dem Abzug der militärisch bedeutendsten Kraft in der somalischen Hauptstadt Mogadischu ein Machtvakuum entsteht, habe man vorgesorgt. "Wir haben die nötigen Schritte unternommen, um einen Rückfall in die Gesetzlosigkeit früherer Zeiten zu verhindern", so Bereket.

Von einem möglichen "Rückfall" kann keine Rede sein. Ein Trümmerfeld hinterlässt die äthiopische Armee, die bisher Somalias machtlose Übergangsregierung unter dem inzwischen zurückgetretenen Präsidenten Abdullahi Yusuf im Amt gehalten hatte. Vor dem äthiopischen Einmarsch zur Einsetzung Yusufs Ende 2006 hatte es in Mogadischu erstmals seit fünfzehn Jahren eine Art Stabilität gegeben. Die regierende "Union Islamischer Gerichtshöfe" (UIC) hatte in nur einem halben Jahr an der Macht die illegal errichteten Straßensperren und "Mautstellen" abgebaut und die Warlords mit ihren Privatarmeen entmachtet. Selbst der damals noch gering ausgeprägten Piraterie vor Somalias Küste bereiteten die Islamisten unter der Führung des als vergleichsweise moderat geltenden Scheich Scharif Ahmed ein Ende. Zugleich verboten sie zwar die Vorführung von Fußballübertragungen und anderen Fernsehsendungen und ließen Diebe öffentlich zu Tode steinigen. Doch viele Bewohner Somalias, traditionell einem toleranten Islam verbunden, nahmen den fremden Islamismus zugunsten der Wiederkehr eines friedlichen Alltags in Kauf.

Nach dem äthiopischen Einmarsch und dem Sturz der UIC war es damit vorbei: Die islamischen Gerichtshöfe spalteten sich, die Extremisten gewannen an Gewicht. Ihre Truppen, die Al-Schabab-Milizen, liefern sich seitdem aus dem Untergrund heraus Kämpfe mit den äthiopischen Truppen und jedem, den sie als mit Äthiopien verbündet ansehen. 10.000 zivile Opfer, so UN-Schätzungen, haben diese Kämpfe gefordert.

Anstelle der Äthiopier will Somalias kopflose Übergangsregierung nun offenbar den ehemaligen Gegner einspannen. Augenzeugen berichten, Kämpfer von Scharifs moderater UIC-Fraktion hätten am Wochenende mehrere von den Äthiopiern verlassene Polizeistationen besetzt. "Damit wollen wir einen Ausbruch neuer Gewalt verhindern", sagte einer der Milizenführer lokalen Radiosendern. Scharif hatte sich letztes Jahr auf einen Friedensvertrag mit der Übergangsregierung geeinigt. Die Zahl der Abgeordneten im weitgehend machtlosen Übergangsparlament wurde über Nacht verdoppelt, um Platz für Scharifs Fraktion zu schaffen. Jetzt scheint sich der Deal auszuzahlen: Wenn Scharifs Truppen ihre ehemaligen islamistischen Kampfgenossen aufhalten können, dürfte Scharif die Nachfolge von Präsident Abdullahi Yusuf sicher sein.

In Mogadischu kursieren bereits Gerüchte, nach denen Scharif sich in Kairo mit Schabab-Eminenz Scheich Hassan Dahir Aweys treffen will. Die Aussöhnung mit Aweys, der von den USA als Terrorist gesucht wird, wird von mehreren arabischen Nationen betrieben. Auch Premierminister Hassan Hussein Nur Adde gilt als Befürworter einer Verhandlungslösung mit den radikalen Islamisten.

Unter Druck geraten ist die Schabab, die weite Teile Somalias kontrolliert, in den vergangenen Wochen durch eine neue Miliz namens Ahlus-Sunnah wal-Dschama'a, die bereits mehrere von den Islamisten besetzte Gebiete zurückerobert hat. "Wir werden Al-Schabab bekämpfen, bis sie Vergangenheit sind", kündigte einer ihrer Anführer, Scheich Abdullahi Abu Yusuf, am Sonntag an. Ob hinter der neuen Bewegung moderate Islamisten stecken oder entmachtete Warlords, ist derzeit unklar. Womöglich wird die Truppe auch von Äthiopien unterstützt. Denn dass Äthiopien Somalia einer wie auch immer gearteten islamistischen Regierung überlässt, glaubt in Somalia niemand. So überraschen auch Berichte nicht, nach denen mehrere Hundertschaften der äthiopischen Armee am Wochenende im Südwesten Somalias einmarschierten, wo die Schabab ihre Hochburgen hat. Der angebliche äthiopische Rückzug könnte sich schon in den kommenden Tagen als Überraschungsoffensive entpuppen.

(Copyright die tageszeitung, 5.1.09)

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Schiffe, Ladung und Routen sind bestens bekannt


Das Auffahren immer neuer Kriegsschiffe vor dem Horn von Afrika hat Somalias Piraten bisher keinen Dämpfer versetzt. Zwar wurde in der vergangenen Woche kein neues Schiff entführt - eine versuchte Kaperung vor Tansanias Küste schlug fehl -, doch die 25-köpfige Besatzung des saudischen Supertankers "Sirius Star" etwa wartet auch fast einen Monat nach der Verschleppung darauf, dass der staatliche Reeder und ihre Entführer sich auf ein Millionenlösegeld einigen.

Seeleute wissen um die Macht der Seeräuber: Aus Angst vor einem Angriff ließ der Kapitän des deutschen Kreuzfahrtschiffes "MS Columbus" die fast 250 Touristen an Bord am Mittwoch nach Dubai ausfliegen, während er das Schiff mit Kleinstbesatzung durch die gefährlichen Gewässer geleiten will. Eine beantragte Militäreskorte war vorher abgelehnt worden. Somalias Piraten, glaubt Andrew Mwangura von Kenias Seafarer Association, handeln nach wie vor aus einer Position der Stärke heraus.

"Die Piraten sind mit modernster Technik ausgerüstet und können aus 200 Kilometern Entfernung die Registriernummer eines Schiffs erkennen", weiß Mwangura. Dazu komme, dass die Hintermänner der Piraten international vernetzt seien und genau über Schiffe, Ladungen und Routen Bescheid wüssten. Auch die EU-Mission in den Gewässern rund um Somalia, an der nach Willen des Bundeskabinetts nun auch die Deutsche Marine teilnehmen soll, werde an der Überlegenheit der Piraten nichts ändern. "Kriegsschiffe sind allenfalls eine kurzfristige Lösung."

Mit solchen Einschätzungen steht Mwangura, der das Treiben der Piraten in der Region seit Jahren aufmerksam verfolgt, beileibe nicht allein da. Doch an immer kämpferischen Tönen aus aller Welt ändert das nichts. "Niemand sollte überrascht sein, wenn die chinesische Marine Schiffe schickt, um die Piraten auszuradieren", kündigte zuletzt der chinesische General Jin Yinan an.

Auch Somalias Piraten, die das Nachrichtengeschehen aufmerksam verfolgen, drohen inzwischen mit deutlichen Worten. Hieß es zunächst, man werde Besatzungen gut behandeln, meldete sich jetzt ein Pirat von Bord des ukrainischen Frachters "MS Faina" zu Wort, der die brisante Fracht von 30 Panzern an Bord hat. "Einige Crewmitglieder haben sich danebenbenommen", erklärte der Mann, nachdem offenbar mehrere Entführte versucht hatten, die Piraten zu überwältigen. "Sie riskieren ernsthafte Bestrafungen." Den Eignern riet er, sich mit den Verhandlungen über ein Lösegeld zu beeilen: "Die Besatzung ist frustriert, und wir sind es auch." Die Entführung dauert bereits mehr als zweieinhalb Monate. Insgesamt haben die Piraten derzeit gut ein Dutzend Schiffe und 200 Seeleute in ihrer Gewalt.

Während in Europa noch über den anstehenden Marineeinsatz diskutiert wird, wächst innerhalb der Vereinten Nationen der Druck, das Problem von Landseite zu lösen. "Es ist klar, dass die Piraterie eng mit dem Fehlen von Frieden und Stabilität in Somalia zusammenhängt", erklärte der UN-Sonderbeauftragte Ahmedou Ould Abdallah am Mittwoch zur Eröffnung eines zweitägigen Antipirateriegipfels in Nairobi. Am Donnerstag werden dazu 140 Regierungsvertreter aus 40 Ländern erwartet. "Wir hoffen, dass die hochrangige Besetzung zu mehr internationaler Zusammenarbeit führen wird", so Ould Abdallah. Deutlich sagen will es niemand, doch hinter den Kulissen wird bereits die Entsendung einer UN-Eingreiftruppe diskutiert. Seit Jahren hat der Sicherheitsrat entsprechende Anliegen vertagt, jetzt scheint die Zeit reif - zumal die somalische Regierung ihr Einverständnis signalisiert hat. Insider im UN-Hauptquartier in New York berichten, dass sich dort seit Wochen Somalia-Experten aus aller Welt die Klinke in die Hand geben.

(Copyright die tageszeitung, 11.12.08)

Mittwoch, 19. November 2008

Fette Piratenbeute


Der 330 Meter lange Riesentanker "Sirius Star" ist eines der größten und modernsten Schiffe der Welt. Erst vor wenigen Monaten lief er vom Stapel und galt als absolut piratensicher. Selbst wenn der Tanker wie auf seiner jüngsten Fahrt mit voller Ladung tief im Wasser liegt, befindet sich die Reling immer noch so weit über dem Meeresspiegel wie ein mittleres Hochhaus. Noch nie ist ein Schiff dieser Größe Opfer von Piraten geworden. Doch mehr als 1.000 Kilometer von Somalias Küste entfernt, in Gewässern, wo zum ersten Mal somalische Piraten gesichtet wurden, griff eine Bande nun zu und machte den Fang ihres Lebens: An Bord der "Sirius Star" befinden sich zwei Millionen Barrel Öl, geschätzter Wert: mehr als 70 Millionen Euro. "Die haben den Jackpot geknackt", sagt Andrew Mwangura von Kenias Seafarer Association, der die Piratenüberfälle aufmerksam beobachtet.

Selbst der ranghöchste US-Militär in der Region, Marineadmiral Mike Mullen, ist beeindruckt: "Die sind wirklich gut. Gut bewaffnet und taktisch geschickt." Vermutlich von einem ebenfalls gekaperten nigerianischen Frachter aus gelang es den Piraten, an Bord des Tankers zu kommen. "Und wenn die erst mal drauf sind, kann man eh nichts mehr tun - dann haben sie ja die Geiseln in ihrer Gewalt", sagt Mullen. Die 25 Besatzungsmitglieder stammen nach Angaben der saudischen Eigner aus Großbritannien, Kroatien, Polen, den Philippinen und Saudi-Arabien.

Das US-Militär verfolgte zwar den Weg der "Sirius Star" an die nordsomalische Küste am Dienstag, ein militärisches Eingreifen wurde aber nicht in Erwägung gezogen, sagte ein Armeesprecher in Dschibuti, wo die US-Marine ihren Stützpunkt hat. Doch es scheint kaum vorstellbar, dass die USA die neue Dimension der Piraterie einfach hinnehmen werden. Nicht nur, weil das Öl an Bord der "Sirius Star" für die USA bestimmt war. Die anhaltenden Überfälle auf einer der bedeutendsten Schifffahrtsrouten der Welt, auf der jährlich 20.000 Schiffe zwischen Asien, Europa und den USA unterwegs sind, gefährden das Rückgrat der kriselnden Weltwirtschaft.

Derzeit befinden sich ein Dutzend Schiffe und 250 Besatzungsmitglieder in der Hand von somalischen Piraten. Nach dem Überfall auf die "Sirius Star" gilt es als noch wahrscheinlicher, dass große Reedereien den Golf von Aden meiden und im großen Bogen die Alternativroute um das Kap der Guten Hoffnung einschlagen. Das würde jedoch drei Wochen mehr Reisezeit und damit eine Verteuerung so gut wie aller auf der Strecke bewegten Importgüter bedeuten.

Doch auch das bisher deutlichste Zeichen eines gemeinsamen Vorgehens gegen die Piraten, drei Kriegsschiffe unter Nato-Befehl, denen im Dezember eine EU-Mission folgen soll, haben bisher das Geschäft mit der Piraterie nicht stoppen können. Zu groß ist die Anziehungskraft der Boombranche im ansonsten in Schutt und Asche liegenden Somalia, das seit 1991 keine Regierung, keine Polizei und auch keine Küstenwache mehr hat. Wo noch vor zwei Jahren allenfalls armselige Fischerhütten standen, bauen die neureichen Piraten heute Villen. Vor den Baustellen parken Geländewagen der Luxusklasse. Kein anderes Geschäft ist derzeit so lukrativ, und die Gefahr schreckt im bürgerkriegsgeschüttelten Somalia niemanden. Im semiautonomen Puntland ist die Piraterie so zum mit Abstand wichtigsten Wirtschaftssektor avanciert. Fünfzig Millionen Dollar Lösegeld, so die Prognose allein für dieses Jahr, sind doppelt so viel wie der Etat der puntländischen Regierung.

In Piratennestern wie Eyl, das Piraten schon seit Jahren als Unterschlupf dient, hat sich eine rege Dienstleistungsindustrie entwickelt: Sobald die eigentlichen Piraten - selten mehr als zehn Mann - ein neues Schiff gekapert haben, läuft eine wohl geölte Maschinerie an, berichtet ein somalischer Journalist, der nur Mohammed genannt werden möchte. "Männer ziehen Anzüge und schicke Schuhe an, werfen Laptops in ihre Landcruiser und fahren zum Hafen, um auf die ankommende Besatzung zu warten." Die einen erklären sich flugs zu Verhandlungsführern, andere zu Finanzverwaltern. Im Dorf warten Köche darauf, das lukrative Catering für die Geiseln zu übernehmen. "Wer schießen kann, übernimmt Wache: gut 50 auf dem Schiff, noch mal 50 davor." Jeder Helfer wird entlohnt, sobald das Lösegeld fließt.

Doch auch die Piraterie hat, wie alles in Somalia, einen politischen Hintergrund. Jedes Lager verdient mit am Millionengeschäft: Harardere, wo die "Sirius Star" am Dienstag angeblich festmachte, ist das Territorium des berüchtigten Warlords Mohammed Abdi Hassan Afweyne, der sich in Interviews gerne mit seinen erfolgreichen Schiffsentführungen brüstet. Im Hauptberuf rüstet Afweyne befreundete Warlords wie Hussein Farah Aydid mit Waffen aus Eritrea auf, die gegen die Übergangsregierung und ihre äthiopischen Verbündeten eingesetzt werden. Aufseiten der Übergangsregierung von Präsident Abdullahi Yusuf, der aus Puntland stammt, koordiniert der Geschäftsmann Mohammed Jama Furuh das Geschäft mit der Piraterie. Von den Islamisten verjagt, die mittlerweile weite Teile Somalias zurückerobert haben, baute Yusuf den Geschäftsmann Furuh wieder auf.

Die Millionen aus den Lösegeldern haben zudem eine neue, dritte Kraft aufgebaut, deren politische Zugehörigkeit vorerst noch unklar ist. Doch fest steht: Mit ihrem Geld und den vermutlich modernsten Waffen am Horn von Afrika ist ihr Einfluss groß. Und mit jeder Entführung wächst er weiter.

(Copyright die tageszeitung, 19.11.2008)

Montag, 5. Mai 2008

US-Angriff tötet Somalias Islamistenchef


Der Tod erwischte Aden Hashi Ayro, den Kommandanten der Al-Shabaab-Miliz, im Schlaf. "Es war drei Uhr nachts, als wir eine laute Explosion hörten und auf die Straße gerannt sind", berichtet ein Bewohner über den US-Luftangriff in der Nacht zum Donnerstag auf das Dorf Dusamareb, das 300 Kilometer nördlich von Mogadischu nahe der äthiopischen Grenze liegt. "Das Haus, in dem Ayro schlief, war komplett zerstört, einige andere Häuser drumherum auch", erzählt einer der Ältesten von Dusamareb, Ahmed Mumin Jama.

Mindestens 15 Menschen sollen ums Leben gekommen sein, außer Ayro auch ein weiteres hochrangiges Shabaab-Mitglied. Augenzeugen zufolge bombardierten mehrere Kampfflugzeuge vom Typ AC-130 das Dorf, bevor sie weiter in Richtung Äthiopien flogen. Die für Präzisionseinsätze ausgerüsteten Maschinen werden ausschließlich von der US-Armee benutzt. Deren Sprecher bestätigte einen Militärschlag in Somalia. Mukhtar Robow, der nach Ayro wohl hochrangigste Führer der Shabaab, erklärte Stunden nach dem Angriff: "Unser Bruder Aden Hashi ist den Märtyrertod gestorben durch die Hände der Amerikaner." Das werde die Shabaab-Milizen jedoch nicht davon abhalten, ihren heiligen Krieg weiterzuführen. "Wir sind auf dem richtigen Weg, deshalb wurden wir angegriffen."

Trotz der markigen Worte dürfte der Tod Ayros al-Shabaab schwer treffen. Der erst Anfang 30-Jährige galt als Drahtzieher des an Irak erinnernden Guerillakrieges gegen Somalias Regierung und die sie unterstützende äthiopische Armee. Mit am Straßenrand versteckten Bomben, Blitzattacken im ganzen Land und sogar einem Selbstmordattentat - in Somalia bislang unbekannt - versetzt al-Shabaab ("Die Jugend") das Land so sehr in Unsicherheit, dass Übergangsregierung und Äthiopien unverhältnismäßig hart zurückschlagen und Millionen fliehen.

Seine Taktik lernte Ayro im Krieg: Als Schützling des mutmaßlichen Al-Qaida-Terroristen Hassan Dahir Aweys - beide gehören dem Habr-Gedir-Subclan an - gelangte er 2001 in ein Trainingscamp für Terroristen in Afghanistan, kurz bevor die US-Armee dort einmarschierte. Vier Jahre später war Ayro am Aufstieg der islamischen Gerichtshöfe beteiligt, die Mitte 2006 die Macht in Mogadischu übernahmen. Doch die Führung des vergleichsweise moderaten Sheikh Sharif Ahmed ging Ayro nicht weit genug. Davon, Sharif Ahmed mit Gewalt zu stürzen, hielt Ayro nur Eritreas Armee ab, die al-Shabaab bis heute mit Waffen versorgt. Als Äthiopien Ende 2006 in Mogadischu einmarschierte und die islamistische Herrschaft beendete, floh Ayro in den unwegsamen Süden Somalias, wo die US-Luftwaffe vor mehr als einem Jahr schon einmal versuchte, ihn zu töten. Doch Ayro entkam - bis jetzt.

Für die USA ist der Tod Ayros der erste sichtbare Erfolg in ihrem Anti-Terror-Kampf in Somalia seit dem Sturz der islamischen Gerichtshöfe. In dem seit 1991 regierungslosen Somalia vermuten sie mindestens fünf weitere Terroristen, die an Anschlägen auf US-Ziele beteiligt gewesen sein sollen. In einem am Mittwoch vom US-Außenministerium veröffentlichten Bericht werden al-Shabaab und al-Qaida in Ostafrika als "größte Bedrohung amerikanischer Interessen in der Region" bezeichnet.

Doch während die USA beide Gruppen gleichsetzen, sieht die Wirklichkeit anders aus. Längst nicht alle Shabaab-Kämpfer stehen al-Qaida nahe. Moderate Somalier berichten bestürzt, wie sehr die äthiopische Besatzung der militanten Bewegung Auftrieb gegeben hat. Erstmals sind junge Männer in Somalia bereit, sich über die Clangrenzen hinweg militärisch zu engagieren. Zahlreiche den Äthiopiern nachgesagte Massaker wie der Tod von 12 Zivilisten in einem willkürlichen Rachefeldzug am Mittwoch in Baidoa erhöhen den Zuspruch für al-Shabaab weiter. Ihre Milizen übernahmen in der vergangenen Woche ganze Regionen, darunter die Stadt Jowhar, während regierungstreue Soldaten kampflos die Flucht antraten.

Mit Mukhtar Robow steht ein Nachfolger für Ayro bereit, der diesem in Militanz nicht nachsteht. Als die USA al-Shabaab offiziell als Verbündete von al-Qaida einstuften, erklärte Robow: "Wir fühlen uns geehrt, auf der Terrorliste zu stehen."

(Copyright die tageszeitung, 2.5.08)

Montag, 7. April 2008

Französische Luxusjacht vor Somalia entführt


Die Kreuzfahrt durch die Trauminselwelt der Seychellen verlief nach Plan. Doch auf der Rückreise wurde die in Frankreich registrierte "Ponant", ein für 64 Passagiere ausgelegter luxuriöser Dreimaster, von Piraten geentert. Seit Freitag kreuzt die Jacht vor der Küste Somalias, verfolgt von einer Fregatte der französischen Marine. "Wir versuchen, die Krise friedlich beizulegen", kündigte Frankreichs Premier Fillon an. "Unser wichtigstes Ziel ist es, das Leben der Besatzung zu schützen."

Über das Schicksal der dreißig Männer aus Frankreich und der Ukraine war bis zum Sonntag nichts bekannt. Die Forderungen der Piraten wurden nicht öffentlich, doch dürften sie ein hohes Lösegeld verlangen. "Die Idee ist, die Schiffe hunderte Meilen vor der Küste aufzubringen, sie in somalische Hoheitsgewässer zu entführen und erst wieder freizugeben, wenn der Eigentümer bezahlt hat", bilanziert Pottengal Mukundan, Direktor des Internationalen Schifffahrtsbüros (IMB). Die vom IMB geführte Statistik über Piraterie in den Weltmeeren führt für das vergangene Jahr 31 Angriffe vor Somalia auf, dazu kamen 11 Schiffsentführungen. Nirgendwo sonst auf See ist es so gefährlich, obwohl die UN in ihren Empfehlungen einen Mindestabstand zur somalischen Küste von mindestens 200 Seemeilen statt der üblichen 50 anmahnen und Marineschiffe in der Region patrouillieren.

Doch die mit Maschinengewehren und Raketenwerfern bewaffneten Seeräuber haben weit von Somalias Küste entfernt sogar Mutterschiffe verankert, von denen Schnellboote zum Angriff ausschwärmen. An Land haben die Soldaten sowieso nichts zu befürchten: Nach 17 Jahren ohne funktionierende Zentralregierung gibt es keine Küstenwache, lokale Milizen können leicht mit Anteilen der riesigen Lösegelder geschmiert werden.

Die fließen immer, weiß Mukundan. Erst vor drei Wochen zahlten die Eigentümer eines dänischen Schiffs fast 500.000 Euro Lösegeld. "Solche Zahlungen ermutigen die Piraten nur", wetterte der Fischereiminister der Puntland-Region an Afrikas Horn, Achmed Said Aw-Nur. Doch ein Rezept, die Piraten aufzuhalten, hat er nicht. Die Islamisten, die als Einzige der Piraterie für ein halbes Jahr Einhalt geboten, führen derzeit einen Guerillakrieg gegen Somalias zerstrittene Übergangsregierung. Deren Idee, die Küste durch eine US-Sicherheitsfirma bewachen zu lassen, scheiterte an den Kosten von 50 Millionen US-Dollar.

Viele Somalier machen die heutigen Opfer für die Piraterie verantwortlich. "Nach dem Zusammenbruch des Staats kamen immer mehr illegale Fischtrawler, gegen die sich örtliche Fischer bewaffnet wehrten", erklärt der somalische Fischereiexperte Omar Abdulle Hayle. Dann schmierten die illegalen Fischflotten Warlords an der Küste, die Milizen zur See wurden arbeitslos - und sattelten auf Piraterie um. Mukundans IMB wirft Hayle Doppelzüngigkeit vor: "Niemand hat protestiert, als die somalischen Gewässer ausgebeutet wurden."

(Copyright die tageszeitung, 7.4.08)

Dienstag, 4. Dezember 2007

Der blutige Untergang von Mogadischu


Dort, wo die Wassertanker halten, stehen Kinder und Frauen mit gelben Kanistern in einer langen Reihe. Schon vor Sonnenaufgang, berichtet einer der Helfer dort, stellen sich die Flüchtlinge an. Ähnlich ist es bei den Lebensmittelausgaben. Wer es bis nach Afgooye schafft, nur gut 30 Kilometer von Somalias Hauptstadt Mogadischu entfernt, ist zwar den Kämpfen entronnen, doch von ihrem Besitz haben die wenigsten der 200.000 Flüchtlinge etwas retten können. Den meisten geht es wie Anab, einer Mutter von zehn Kindern, der vor einer Woche äthiopische Soldaten mit vorgehaltenen Gewehren befahlen, sofort ihr Haus zu räumen. Wo ihr Mann ist, weiß sie nicht - ihn hat sie auf der Flucht verloren.

Früher war Afgooye kaum mehr als der Schlagbaum an der aus dem Stadtzentrum Mogadischus führenden Straße in Richtung Flughafen. Inzwischen ist hier eine Großstadt aus Behelfshütten entstanden, bespannt mit Plastikplanen von Hilfsorganisationen. Doch auch Hütten gibt es nicht genug: Viele Familien schlafen unter Bäumen, selbst jetzt, wo die Regenzeit begonnen hat. Latrinen gibt es kaum, UN-Helfer warnen vor Cholera. "Fast alle Babys und älteren Menschen hier sind unterernährt, und jeden Tag kommen neue dazu", sagt Mohammed, der Säcke mit Mehl von der deutschen Diakonie-Katastrophenhilfe verteilt.

Mohammed ist nicht sein richtiger Name. Seit sich die Kämpfe um Mogadischu zu einem regelrechten Krieg ausgewachsen haben, traut sich kaum noch jemand in Somalia, seinen Mund aufzumachen. Die meisten Journalisten, die in Somalia schon immer gefährlich lebten, sind geflohen. Acht Reporter wurden seit Anfang des Jahres kaltblütig ermordet, teils von Untergrundkämpfern, teils von Regierungsanhängern. Von den gut zehn unabhängigen Radiostationen in Mogadischu sind die drei wichtigsten geschlossen, weil sie zu kritisch berichteten.

Knapp ein Jahr nachdem Truppen der somalischen Übergangsregierung an der Seite der äthiopischen Armee die ein halbes Jahr lang herrschenden Islamisten aus Mogadischu vertrieben haben, wird der Bürgerkrieg immer blutiger. Nach jüngsten Schätzungen des Elman-Zentrums für Frieden und Menschenrechte haben die Kämpfe 2007 bislang fast 6.000 Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Nahezu 8.000 wurden verwundet, mehr als 715.000 sind auf der Flucht.

"Wir stehen alle zwischen den Fronten", sagt Mohammed. "Die Truppen der Übergangsregierung sind Milizen der früher herrschenden Warlords: Sie plündern und töten jeden, der ihnen nicht passt - Intellektuelle, Journalisten, islamische Würdenträger." Die durchorganisierte und gut ausgerüstete äthiopische Armee, die 55.000 Soldaten in Somalia stationiert haben soll, sei keinen Deut besser. "Die äthiopischen Soldaten hier sind meist sehr jung: Wenn sie angegriffen werden, schießen sie auf jeden, der sich bewegt." Ihnen steht eine Allianz aus unzufriedenen Milizen vor allem des Hawiye-Clans und Anhängern der Islamisten gegenüber, die mit ferngezündeten Bomben und - neu für Somalia - Selbstmordattentaten Terror verbreiten.

"Das Leiden der Flüchtlinge ist die direkte Folge von schweren Kriegsverbrechen", warnt Steve Crawshaw von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. "Im November haben äthiopische Soldaten viele Massenexekutionen durchgeführt, und immer wieder verschwinden mutmaßliche Oppositionelle spurlos." Berichte wie diese erhöhen den Druck auf Somalias Präsident Abdullahi Yusuf, seine bisherige Hardlinerhaltung aufzugeben. Erstmals machte der vor einer Woche vom Parlament gewählte neue somalische Premier Hussein Hassan Nur, genannt Nur Adde, den Islamisten ein Gesprächsangebot.

Nur gilt vielen in Somalia als Hoffnungsträger, vor allem weil er nach der Flucht des Diktators Siad Barre 1991 im Ausland gelebt hat. Einen Namen machte sich der 70-Jährige als Direktor des somalischen Roten Halbmonds. Doch sein Gesprächsangebot ist vor allem eine symbolische Geste: Denn die in Eritrea lebenden Anführer der Islamisten haben schon mehrfach jede Verhandlung abgelehnt, solange die äthiopischen Truppen nicht abziehen.

UN-Sonderbeauftragter Ahmedou Ould Abdallah sagt: "Die Situation in Somalia ist die schlimmste in Afrika überhaupt." Fast wehmütig denkt er an die Zeit zurück, wo noch die Islamisten herrschten. "Das waren für Somalia geradezu goldene Jahre."

(Copyright die tageszeitung, 4.12.07)

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Das Bagdad Afrikas


Seit einem Jahr stehen auf der brüchigen Betonpiste, auf der am 17. Oktober 1977 die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" am Ende einer fünftägigen Odyssee landete, ab und zu wieder Flugzeuge. Davor waren Start- und Landebahn lange nur von Geländewagen benutzt worden, die die Abkürzung zwischen Innenstadt und Strand in Höchstgeschwindigkeit zurücklegten, um nicht von Milizen beschossen zu werden.

Inzwischen landen in Mogadischu täglich einige grün gestrichene Boeing-Maschinen, deren Kabinen ausgeweidet wurden, um viel Platz für Khat, ein in Kenia angebautes mildes Rauschkraut, zu schaffen. Kleinstairlines wie Daallo oder African Express fliegen Mogadischu ein bis zwei Mal die Woche an. Die restlichen Maschinen auf dem International Airport sind Transporter und Helikopter der ugandischen Armee, ohne deren Einsatz unter Mandat der Afrikanischen Union kein Flugverkehr möglich wäre. Denn trotz Straßensperren und schwer bewaffneter Wachen detonieren auf dem Flugplatz immer wieder Handgranaten. Im März setzte eine Rakete vermutlich islamistischer Kämpfer eine Antonow im Landeanflug in Brand.

Alle haben Waffen

30 Jahre nachdem die Befreiung von 86 Passagieren eines von palästinensischen Terroristen entführten Lufthansa-Flugs weltweit Schlagzeilen machte, ist Mogadischu eine Frontstadt in einem Land ohne Staat. Der kam Somalia mit der Flucht des Diktators Siad Barre 1991 abhanden. Derzeit kämpfen Islamisten, die Ende 2006 von der äthiopischen Armee nach nur einem halben Jahr an der Regierung vertrieben wurden, gemeinsam mit Kämpfern des größten Clans der Stadt gegen die Besatzer aus dem Nachbarland und die Übergangsregierung von Premier Ali Mohammed Ghedi, der zugleich gegen Präsident Abdullahi Yusuf und um sein politisches Überleben kämpfen muss - letzteres bisher noch ohne Waffen. "Bagdad Afrikas" nennen einige die einst blühende Handels- und Universitätsstadt am Indischen Ozean. "Mogadischu ist ein Dschungel, in dem jeder machen kann, was er will", beschreibt Mohammed Hurre, Leiter einer somalischen Menschenrechtsorganisation, die Lage. "Die Regierung hat keine Kontrolle, die Aufständischen sind im Untergrund, alle haben Waffen, die Gewalt nimmt unaufhaltsam zu zu."

Auch die wenigen, die in Mogadischu noch helfen, die Not zu lindern, geraten zwischen die Fronten. Gestern wurde der Leiter des Welternährungsprogramms (WFP) verhaftet. Regierungssoldaten stürmten das UN-Quartier und transportierten Idris Mohammed Osman ab. Er solle verhört werden, hieß es. In Somalia sind 1,2 Millionen Menschen auf die Nahrungsmittelhilfe des WFP angewiesen.

"Daryeel Bulsho Guud" (DBG) ist Somalisch für "Hilfe für alle" und der Name eines der größten somalischen Hilfswerke. Auch DBG-Leiter Abukar Scheich Ali und seine Kollegen waren im April zur Zielscheibe geworden. Mehrere Mitarbeiter mussten im Büro ausharren, das äthiopische Truppen bombardierten. Erst nach 24 Stunden konnten die Verletzten behandelt werden, einer von ihnen starb.

Die DBG-Leute erinnern sich an viele katastrophale Situationen in den 16 anarchischen Jahren nach Barre. Aber so schlimm wie dieses Jahr war es nie, sagen sie. Selbst 1993 nicht, als US-Truppen erfolglos versuchten, den damaligen Kriegsherrn Mohammed Aidid umzubringen und tote US-Soldaten durch die Straßen gezerrt wurden. Ridley Scott verfilmte das Desaster in "Black Hawk Down".

Während der Kämpfe im Frühjahr kamen hunderte, manche sagen Tausende, ums Leben. Schließlich gab es in der Stadt nur noch Helfer, Kämpfer und einige, die Haus und Besitz verteidigen wollten. Alle anderen waren auf der Flucht. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zählte im April mehr als 400 000 aus Mogadischu Vertriebene, von denen bisher nur ein Zehntel heimgekehrt ist. "Die Leute würden gerne zurückkommen, aber die Häuser sind zerstört, es gibt keinen Strom, kein Wasser", sagt DBG-Mann Abukar.

Viele Straßenzüge ähneln immer noch denen einer Geisterstadt. Dabei ist erstaunlich, was nach 16 Jahren Regierungslosigkeit doch funktioniert. Zwischen den Ruinen blüht wieder das Geschäft. Wer es sich leisten kann, hat über diverse Handynetze günstige Telefonverbindungen in alle Welt, Emails werden in DSL-Geschwindigkeit abgerufen. Auf den Straßen sind moderne Geländewagen unterwegs, importiert aus Dubai. Dubai ist zweiter Wohnsitz der somalischen "Businessmen", Geschäftsleute, die alles arrangieren können, wenn der Preis stimmt. Weil das gesetzlose Somalia spätestens seit dem UN-Abzug Anfang der 90er-Jahre international geächtet ist, laufen finanzielle Transaktionen über die Finanzmetropole im nahen Emirat.

Waffen sind in Mogadischu gängige Handelsware. In einer Stadt ohne Polizei und Gerichte werden selbst Stromrechnungen von schwer bewaffneten Kämpfern eingetrieben. Ohne Staat gibt es auch keine staatliche Energieversorgung. Mehrere Geschäftsleute betreiben deshalb private Netze, beim Kassieren machen sie kurzen Prozess. Zwar ist nicht mehr alles so einfach wie noch vor anderthalb Jahren, weil die Regierung versucht, Gesetze einzuführen. Doch bisher bleibt es beim Versuch.

Wenn die Sonne aufgeht über den Minaretten, stehen die Bewohner im armen Stadtteil Argentina schon Schlange am Brunnen. Geduldig warten sie, bis sie mit einem der kostbarsten Güter versorgt werden: Trinkwasser. Ein Dieselmotor pumpt es an die Oberfläche. Seit Jahren bohrt DBG Brunnen in bedürftigen Stadtteilen. Denn solche Aufgaben übernehmen die Businessmen nicht: Viel Arbeit, wenig Profit. Die Regierung hat immerhin Leute eingestellt, um die stinkenden Überreste von 16 Jahren ohne Müllentsorgung zu entfernen.

Hoffnung auf Normalität

Trotz Chaos und Anarchie geben die Bewohner Mogadischus die Hoffnung nicht auf, dass der Alltag eines Tages wieder normal sein könnte. So regt sich Widerstand dagegen, dass die Regierung, unabhängige Medien unterdrückt. Radiostationen wurden geschlossen, mehrere Journalisten unter unklaren Umständen ermordet.

Die Kontrolle der Medien hat in Somalia Tradition: Als die GSG9 die "Landshut" befreit hatte, ließ Siad Barre verlauten, somalische Kommandos hätten dem Treiben der Terroristen ein Ende bereitet. Tatsächlich hatten sie nur die Maschine umstellt. Doch Spiegel-Korrespondent Wolf Dieter Steinbauer berichtete damals, wie sich in Mogadischu in kürzester Zeit eine bis dahin unbekannte Deutschenfreundlichkeit ausbreitete: "Lachende Somalis heben allenthalben die gespreizten Finger zum Siegeszeichen, sobald sie deutsche Laute hören." So etwas gibt es heute nicht mehr, aber an den glänzendsten Moment im Licht der Weltöffentlichkeit erinnern sich bis heute alle, die alt genug sind. Schließlich ist die Gegenwart mehr als deprimierend.

(Copyright Berliner Zeitung, 18.10.07)

Dienstag, 14. August 2007

«Schwere Kriegsverbrechen» in Somalia


Die Kämpfe Ende März dauerten nur vier Tage, aber es waren die schwersten, die Somalias Hauptstadt seit langem gesehen hatte. «Die regierungsfeindlichen Kräfte haben sich bewusst in dicht bevölkerten Vierteln Mogadischus verschanzt und die Bewohner als Schutzschilde missbraucht», erklärt Tom Porteous von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. «Und obwohl ihnen klar war, dass es eine hohe Zahl ziviler Opfer geben würde, hat die mit der Übergangsregierung verbündete äthiopische Armee die Viertel daraufhin mit Raketen und schwerem Geschütz Stück für Stück bombardiert.» Für beides gibt es dem Menschenrechtler zufolge nur ein Wort: Kriegsverbrechen.

In einem Bericht, dem 100 Interviews mit Augenzeugen zugrunde liegen, hat Human Rights Watch den Verlauf der Kämpfe Ende März sowie ähnlich schwerer Gefechte Ende April rekonstruiert. Das Ergebnis: Alle Seiten haben internationales humanitäres Recht gebrochen › doch niemand interessiert sich dafür. «Weder die USA noch die EU, beides wichtige Geberländer in Äthiopien und Somalia, haben die Vorfälle lautstark kritisiert.» Vom UNO-Sicherheitsrat, der gestern Abend über die Lage in Somalia diskutieren sollte, forderte Porteous die Einsetzung einer internationalen Untersuchungskommission.

Bomben auf Spitäler

Den regierungsfeindlichen Kräften › Sympathisanten der von Übergangsregierung und äthiopischer Armee Ende des Jahres verjagter Islamisten und Milizen des grössten Clans in Mogadischu, der Hawiye › wirft Human Rights Watch vor, bei ihren Anschlägen zivile Opfer bewusst in Kauf zu nehmen. Die äthiopische Armee habe drei Hospitäler gezielt bombardiert und zwei von ihnen geplündert. «Die Spitäler stechen im Stadtbild deutlich heraus, das war kein Versehen», so Porteous. Die somalische Übergangsregierung schliesslich sei nicht ihrer Pflicht nachgekommen, die Zivilbevölkerung vor dem Beginn von Gefechten zu warnen. «Bis heute nehmen die Regierungstruppen zudem unter Generalverdacht junge Männer fest, die oftmals verschleppt und miss- handelt werden.»

Mindestens mehrere hundert, vermutlich mehr als tausend Menschen seien im März und April ums Leben gekommen, schätzt Porteous. Die Gefechte nennt er die schlimms- ten seit der Flucht des Diktators Siad Barre 1991: «Schwere Waffen wie etwa Katjuscha-Raketen, die die äthiopische Armee eingesetzt hat, sind in Somalia seit 16 Jahren nicht benutzt worden.» Zwar hätten die Kämpfe an Intensität inzwischen abgenommen, doch noch immer leide die Zivilbevölkerung unter den nicht enden wollenden Gefechten. Die UNO schätzt die Zahl der Flüchtlinge, die im Umland von Mogadischu leben, auf mehr als 300 000, ein Drittel der Bevölkerung.

Zunehmend geraten ausserdem kritische Stimmen ins Visier der kämpfenden Parteien: Am Wochenende wurden zwei Radiojournalis- ten ermordet, ein Moderator und ein Mitbesitzer des Privatsenders HornAfrik. Somalias Journalistengewerkschaft spricht von einer gezielten Kampagne gegen den unabhängigen Journalismus im Land.

«Evakuierung geht täglich weiter»

Regierungssprecher Abdi Gobdon kritisierte die Vorwürfe gestern als gegenstandslos. «Human Rights Watch erfindet wie üblich Märchen, um die Weltöffentlichkeit irre zu führen», blaffte der äthiopische Präsidentenberater Simon Bereket noch eine Tonart schärfer. Doch humanitäre Helfer in Mogadischu, die die Opfer der Kämpfe versorgen, bestätigen die Düsternis der Lage: «Die Evakuierung Mogadischus geht täglich weiter, man könnte heulen», erklärt der Direktor der Diakonie-Partnerorganisation Daryeel Bulsho Guud, Abukar Sheikh Ali. Eine schnelle Lösung, so glaubt er, ist derzeit trotz einer vom Westen finanzierten Versöhnungskonferenz nicht absehbar.

(Copyright Aargauer Zeitung, 14.7.07)

Freitag, 20. Juli 2007

Somalias langer Weg zur Versöhnung


Nur wenige Stunden, bevor die "Nationale Versöhnungskonferenz" für Somalia mit den Diskussionen über einen dauerhaften Frieden begann, fielen am Bakara-Markt im Süden Mogadischus die ersten Schüsse. Die Gegner der von Äthiopiens Armee gestützten Übergangsregierung boten Granaten, Raketenwerfer und schwere Geschütze auf. "Der Himmel stand in Flammen", berichtet ein Bewohner. Der Donner der Gefechte war in der ganzen Stadt zu hören. Zu Mittag wurde der Konferenzort mit Granaten beschossen - sechs Zivilisten starben, unter ihnen fünf Kinder.

Am Morgen danach hatten die regierungstreuen Truppen die Lage wieder unter Kontrolle. Dabei soll die Versöhnungskonferenz eigentlich dafür sorgen, dass solche Übergriffe schon bald der Vergangenheit angehören. Doch schon am Sonntag musste sich die Versammlung mit 1300 Delegierten nach dem Eröffnungsakt vertagen - der angeblich sichere Veranstaltungsort war beschossen worden. Am Donnerstag machte Premier Ali Mohammed Ghedi den Teilnehmern Mut, die innerhalb von 75 Tagen die Probleme von 16 Jahren Regierungslosigkeit am Horn von Afrika lösen sollen: "Wir wollen der internationalen Gemeinschaft beweisen, dass wir Frieden und Stabilität in unserem Land erreichen können."

Doch lange wurde im mit Weihnachtsgirlanden geschmückten Zelt auch am Donnerstag nicht diskutiert. In Somalia glaubt ohnehin praktisch niemand an den Erfolg des Kongresses. Die Islamisten, die Mogadischu seit Monaten mit Angriffen überziehen, will die Regierung nicht teilnehmen lassen. Die wenigen Moderaten in der "Union islamischer Gerichtshöfe" weigern sich ihrerseits, zu verhandeln, solange die äthiopischen Truppen im Land sind. Doch ohne die äthiopische Armee im Land, das weiß die Übergangsregierung, wäre die Lage längst vollkommen außer Kontrolle.

Nur unter dem Druck der EU war die Regierung überhaupt bereit, der Konferenz zuzustimmen. EU-Entwicklungskommissar Louis Michel hatte zuvor klar gemacht: ohne allumfassende Versöhnungskonferenz keine Hilfsgelder. Doch selbst Mitglieder des Hawiye-Clans, der in Mogadischu die Mehrheit stellt und dessen Unterstützung die Regierung dringend braucht, haben ihre Teilnahme abgesagt.

Umso erstaunlicher, dass die Versöhnungskonferenz von Diplomaten und Hilfsagenturen in Nairobi seit Monaten so unterstützt wird, als sei sie der Garant für den Frieden für Somalia. Eine Million US-Dollar sind schon überwiesen, um die ersten Kosten zu decken, heißt es in einem internen EU-Papier.

Washington hat fünf Millionen versprochen. "Wir wissen, dass die Versöhnungskonferenz kaum etwas bringen wird", sagt anonym ein EU-Diplomat. "Aber wir finanzieren sie trotzdem - welche Alternative haben wir?"

(Copyright Der Standard, 20.7.07)

Dienstag, 15. Mai 2007

UNO beglückt Somalia mit "Prinzip Hoffnung"


Freundliche Worte für John Holmes, den neuen UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, hat in Mogadischu niemand übrig gehabt. Dabei hatte sich am Wochenende zwölf Jahre nach dem Abzug der letzten UN-Blauhelme endlich wieder ein ranghoher Vertreter der Vereinten Nationen in die Hauptstadt von Somalia getraut. Doch bei den Vertretern der somalischen Zivilgesellschaft machte Holmes am Samstag vor allem "ein großes Maß an Skepsis und auch blanken Hass" gegen die globale Völkergemeinschaft aus. "Die Somalis fühlen sich im Stich gelassen", berichtete er gestern nach seiner Rückkehr in Nairobi.

Holmes, der eigentlich bis Sonntag bleiben wollte, wurde nach zwölf Stunden in Somalia wegen Sicherheitsbedenken ausgeflogen. Da hatte Holmes immerhin schon Somalias Übergangspräsident Abdullahi Yusuf und Premier Ali Mohammed Ghedi die Unterstützung der UNO zugesagt. "Aber wir fordern zugleich einen Dialog mit allen Gruppen", sagt er. An der nationalen Versöhnungskonferenz, die schon mehrfach verschoben wurde und jetzt Mitte Juni beginnen soll, sollen auch Unterstützer der Ende Dezember von Yusuf und Äthiopien verjagten Islamisten teilnehmen.

"Präsident Yusuf hat zugesagt, den Hawiye-Clan maßgeblich am Dialogprozess zu beteiligen", so Holmes weiter. Die Hawiye haben Mogadischu seit der Flucht des Diktators Siad Barre 1991 fast ständig unter ihrer Kontrolle gehabt und lehnen Yusuf als Vertreter des mit ihnen verfeindeten Darod-Clans ab. Bei den schweren Kämpfen im April, bei denen Hunderte ums Leben kamen und bis zu einer halben Million Somalis ins Umland flohen, standen sich regierungstreue Truppen und Clanmilizen der Hawiye gegenüber.

Doch obwohl Holmes sich hinter die Regierung stellte, bekam der Hilfskoordinator von dieser vor allem kritische Worte zu hören. Zwar will die Regierung Straßensperren abbauen und bürokratische Hürden beseitigen, damit den Flüchtlingen besser geholfen werden kann. "Unsere Hilfe erreicht derzeit nur gut ein Drittel der Bedürftigen", warnt Holmes. Doch Präsident Yusuf warf den UN vor, die Lage zu dramatisieren. Den Hilfswerken, die im zerstörten Somalia Wasserversorger, Nahrungsmittellieferant und Krankenhausbetreiber in einem sind, warf Yusuf vor, nicht mit der Regierung zu kooperieren.

Abukar Scheich Ali von der somalischen Hilfsorganisation Daryeel Bulsho Guud (DBG) kann Yusufs Vorwürfe nicht verstehen. "Wir haben fast täglich Treffen mit der Übergangsregierung", sagt er. "Das Problem ist, dass derzeit noch vollkommen unklar ist, was die Regierung genau will." DBG, deren Büro von äthiopischen Truppen in Schutt und Asche gelegt wurde, arbeitet derzeit von einem Camp außerhalb der Stadtgrenzen. "Die Leute würden gerne zurück nach Mogadischu, aber dort sind die Häuser zerstört, es gibt keinen Strom, kein Wasser - wohin sollen sie also zurückkehren?"

Zudem, so Flüchtlinge, herrscht in den Lagern Angst. Nicht nur vor den regierungsfeindlichen Milizen, sondern auch vor den Regierungstruppen. Holmes spricht von "Verschleppungen", ohne die Verantwortlichen zu nennen. Gemeinsam mit Kriegsverbrechen im April sollen diese jetzt von der UN-Kommissarin für Menschenrechte, Louise Arbour, untersucht werden.

(Copyright die tageszeitung, 15.5.07)

Montag, 23. April 2007

Helfer als Zielscheiben


"Daryeel Bulsho Guud" (DBG) ist Somalisch für "Hilfe für alle". In Mogadischu bedeutet das: Keiner der verfeindeten Clans wird bevorzugt. Nur so überlebte bislang die lokale Partnerorganisation der deutschen evangelischen Hilfswerke Diakonie und Brot für die Welt. Als eine der letzten Hilfsgruppen, die im seit Wochen tobenden Krieg um Mogadischu noch aktiv sind, hatte DBG zuletzt Medikamente in Hospitälern verteilt.

Doch jetzt liegt das Büro der Helfer in Schutt und Asche. Mehrere Angestellte, unter ihnen vier Verletzte, harrten gestern nach mehr als 24 Stunden Dauerbeschuss mit Granaten noch in dem mehrstöckigen Gebäude aus, berichtete ein Mitarbeiter somalischen Journalisten. "Unsere Büros sind zerstört, unsere Generatoren sind zerstört, der Schaden ist riesig." Die im Gebäude gefangenen Kollegen können sich wegen der Bombardements nicht in Sicherheit bringen.

Die heftigen Kämpfe in den Straßen Mogadischus zwischen Äthiopiens Armee und islamistischen Untergrundkämpfern brachen am Mittwoch neu aus und dauerten gestern an. Am Samstag beschossen äthiopische Truppen unter anderem den größten Markt der Stadt im Baraka-Viertel mit Granaten. Augenzeugen berichten von verwesenden Leichen in den Straßen. Das Personal im Medina-Krankenhaus in Süden Mogadischus hat seit Mittwoch etwa 200 Tote gezählt.

In der Stadt befinden sich inzwischen nur noch Kämpfer, Helfer oder Männer, die ihr Haus und ihren Besitz bewachen wollen. Die anderen sind auf der Flucht. "Die Äthiopier wollen mich umbringen, weil ich Somali bin, und die Milizen wollen mich töten, weil ich nicht mit ihnen kämpfe", sagte ein Bewohner am Wochenende hoffnungslos.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt die Zahl der Vertriebenen aus Mogadischu auf 321.000, manche Hilfswerke sprechen bereits von einer halben Million. Täglich kommen mehr hinzu. Diplomaten in Kenias Hauptstadt Nairobi berichten, das Umland Mogadischus sei so voller Menschen, dass selbst Schatten unter den wenigen Bäumen nur gegen Geld oder Lebensmittel zu haben sei. Auf eine Massenflucht dieses Ausmaßes war niemand vorbereitet. In Wajid im Süden Somalias etwa sind 1.000 Vertriebene notdürftig in einer Schule untergekommen, 500 andere kampieren in den Resten eines früheren Flüchtlingslagers. "Die meisten haben praktisch nichts mitnehmen können und brauchen außer Wasser und Nahrung auch Matratzen, Decken, Moskitonetze und Wasserkanister", sagt Günter Grzybek vom Hilfswerk World Vision.

Cholera ist unter den Vertriebenen bereits virulent. "Wenn nicht schnell mehr geschieht, wird sich die humanitäre Krise zu einer Katastrophe ausweiten", warnt Eric Laroche, der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe in Somalia. Er wirft der somalischen Übergangsregierung und den mit ihr verbündeten äthiopischen Trupen vor, Hilfslieferungen systematisch zu behindern, mit bürokratischen Auflagen und Straßensperren. "Wir haben versucht, deswegen mit den Behörden Kontakt aufzunehmen, aber die ignorieren uns einfach."

Dabei drängt die Zeit. Der größte Fluss der Region, die Shabelle, wird nach Regenfällen flussaufwärts in Äthiopien bald Hochwasser führen. Dann sind die Straßen zu den Flüchtlingen überschwemmt. Die Flugplätze werden derzeit nicht von den UN angeflogen, weil ihre Maschinen regelmäßig beschossen werden. Somalias Unicef-Chef Christian Balslev-Olsen verzweifelt, weil die Hilfsgüter nicht weit entfernt von den Flüchtlingen in Lagerhäusern in Mogadischu liegen. "Aber wegen der Kämpfe kommen wir da nicht ran."

Somalias Übergangspremier Ali Mohammed Ghedi will von all diesen Problemen nichts wissen. "Die Kämpfe werden weitergehen, bis alle Terroristen tot sind", sagte er am Samstag in einem Radiointerview. Auf Zivilisten könne dabei keine Rücksicht genommen werden: "Diejenigen, die sich noch in den Hochburgen der Islamisten befinden, fordere ich auf, die Stadt zu verlassen."

(Copyright die tageszeitung, 23.4.2007)

Samstag, 14. April 2007

In Mogadischu regiert die Angst





Der Waffenstillstand in Mogadischu war auf einmal vorbei: Im Norden der Hauptstadt Somalias krachten wieder die Kalaschnikows - nicht weit entfernt vom Stadion, wo seit 1991 kein Fußball mehr gespielt worden ist. Als die Kämpfe am nächsten Tag aufhörten, lagen Leichen in den Straßen. "Zwei hatten noch MGs in der Hand, als wollten sie gerade abdrücken", berichtet ein Augenzeuge. Doch von einem Aufflammen neuer Gefechte wie in den blutigen Tagen zwischen dem 29. März und dem 1. April will niemand etwas wissen. "Unsere Leute haben sich gegen Regierungstruppen verteidigt, den Waffenstillstand mit den Äthiopiern berührt das nicht", sagt Hussein Sijad, ein Ältester des Hawiye-Clans.

(Den ganzen Artikel lesen Sie mit einem Klick auf die Überschrift)

(Copyright Spiegel online, 14.4.2007)

Dienstag, 3. April 2007

Wieder Krieg in Mogadischu


In den 16 regierungslosen Jahren seit der Vertreibung des Diktators Siad Barre haben die Bewohner Mogadischus einiges überstanden. Verfeindete Clans und ihren Untergruppen, die die Grundstruktur der somalischen Gesellschaft bilden, zerlegten Altstadt und Regierungsviertel schon Anfang der 90-er Jahre in Schutt und Asche. Die Stadt versank in Anarchie. Warlords, Geschäftsleute mit Privatarmee, lieferten sich immer neue Kämpfe und terrorisierten die Bevölkerung. Doch so schlimm wie jetzt, so das Internationale Rote Kreuz, war es in Somalias Hauptstadt noch nie.

Hunderte sind seit vergangenem Donnerstag ums Leben gekommen, darunter viele Zivilisten. Leichen verwesten in den Straßen. Die Verletzten, die sich in die Krankenhäuser retten konnte, wurden allenfalls notdürftig behandelt. Die meisten verschanzten sich selbst mit schweren Wunden noch in ihren Häusern. Gut 100.000 sind in den vergangenen Monaten aus Mogadischu geflohen, schätzen die UN: Die Hälfte davon in den vergangenen 10 Tagen, seit die mit der somalischen Übergangsregierung verbündete äthiopische Armee schweres Geschütz aufgefahren und mit ihrer “Offensive gegen Islamisten” begonnen hat.

Dabei stehen den regierungstreuen Truppen längst nicht mehr nur die Sympathisanten der Ende Dezember vertriebenen “Union islamischer Gerichtshöfe” gegenüber. Spätestens als Panzer und Hubschrauber am Donnerstag Märkte und Wohnviertel bombardierten, in denen der Hawiye-Clan seine Hochburgen hat, kämpfen Clan-Milizen Seite an Seite mit den Islamisten, deren genaue Zahl und Organisationsstruktur ohnehin ungewiss ist. “Was in Mogadischu derzeit stattfindet, ist ein gegen die Zivilbevölkerung gerichtetes Blutbad”, erklärte Hawiye-Sprecher Achmed Direi Ali am Wochenende.

Hawiye und Äthiopier sehen sich spätestens seit dem Krieg im ostäthiopischen Ogaden (1976- 1978), der von ethnischen Somalis bevölkert ist und den sich Diktator Barre einverleiben wollte, als Todfeinde. Die Hawiye waren außerdem die Architekten hinter dem Erfolg der islamischen Gerichtshöfe, die als erste Kraft seit Barres Diktatur eine Art Stabilität in Mogadischu garantierten – bis der aus dem Norden stammende Präsident Abdullahi Jusuf und die Äthiopier ihrer Herrschaft ein Ende machten.

Die Äthiopier genießen ihrerseits massiven Rückhalt aus den USA, die in Somalia einen neuen Schauplatz ihres globalen “Anti-Terror-Kriegs” sehen. Der für Somalia zuständige US-Botschafter in Kenia, Michael Ranneberger, verteidigt die Gefechte damit, dass die bekämpften Islamisten Verbündete des al-Kaida Netzwerks seien. “Somalia hat trotz der Kämpfe die beste Chance seit fast zwei Jahrzehnten auf dauerhaften Frieden.”

Die USA sind nicht nur mit ihrer Luftwaffe, die Anfang des Jahres Ziele im Süden Somalias bombardierte, direkt am Krieg beteiligt. Die Menschenrechtsorganisation “Human Rights Watch” hat mindestens 85 Fälle ausgemacht, in denen Flüchtlinge aus Somalia verschleppt, von US-Geheimdiensten verhört und in äthiopischen Gefangenenlagern verschwunden sind. “Niemand weiß, wo die Deportierten heute stecken”, sagt die Menschenrechtlerin Georgette Gagnon.

Trotz eines eilig zusammengezimmerten Waffenstillstands, dem zweiten in ebenso vielen Wochen, scheinen die Äthiopier entschlossen, die Hawiye militärisch zu besiegen. Nachschubtruppen, schweres Gerät und frische Munition warten seit Sonntag in Mogadischu auf ihren Einsatz. Die Hoffnung, dass die Friedensmission unter Mandat der Afrikanischen Union die Gewalt stoppen könnte, hat niemand mehr. Die gut 1.500 ugandischen Soldaten, die auf eine ungewisse Verstärkung warten, haben bislang nicht in die Kämpfe eingegriffen.

(Copyright epd, 3.4.2007)

Mittwoch, 21. Februar 2007

Nachts hagelt es Granaten und Raketen


An das Donnern von Geschützen und an die pfeifenden Granateneinschläge im nächtlichen Mogadischu hatte sich Hassan Abdi eigentlich gewöhnt. Seit Wochen schon liefern sich somalische Regierungssoldaten und äthiopische Armee auf der einen und schwer bewaffnete Milizen auf der anderen Seite täglich Kämpfe. "Aber so schlimm wie in der Nacht zum Dienstag war es noch nie", gesteht der Familienvater. In der wohl blutigsten Nacht seit der Vertreibung der Islamisten aus Somalias Hauptstadt Ende Dezember sind mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. In den Hospitälern wissen die Ärzte nicht mehr, was sie mit der nicht enden wollenden Flut von Verletzten anstellen sollen. Viele von ihnen, so ein Mediziner, verbluten, während sie auf einen Arzt warten.

Kurz nach Sonnenuntergang am Montag hatten die Milizen zwei Stützpunkte der äthiopischen Armee mit Raketen beschossen. Die regierungstreuen Soldaten schossen zurück, mitten in das dicht besiedelte Wohnviertel rund um den Bakara-Waffenmarkt. Später in der Nacht bombardierten die Milizen den Präsidentenpalast, einen somalischen Armeestützpunkt und den Hafen. "Mein vierjähriger Sohn ist von einer Granate getroffen worden, er ist tot, genauso wie drei meiner Nachbarn", berichtet Mohammed Abdi Farh, der im Süden von Mogadischu lebt. Um kein solches Schicksal zu erleiden, machten sich nach Sonnenaufgang hunderte Familien zu Fuß auf die Flucht ins Umland.

Somalias Übergangsregierung, die Ende Dezember durch eine äthiopische Militärintervention an die Macht in Mogadischu gebracht wurde, weist jede Verantwortung für die zunehmende Gewalt von sich. Sie schiebt die Schuld auf die geschlagenen Islamisten, von denen sie 3.500 in Mogadischu vermutet. Doch im Kampf gegen ihre Gegner kennt die Regierung keine Hemmungen mehr. Vor allem Flüchtlinge, die keinen Rückhalt in den lokalen Clans haben, fühlen sich verlassen. "Wenn die Armee in einem Lager feindliche Kräfte vermutet, feuert sie willkürlich in die Menge", sagt ein Flüchtling aus dem Süden des Landes, der seinen Namen nicht nennen will. Die Feinde der Regierung sind nicht weniger brutal, weiß eine Frau. "Die Milizen behaupten, sie seien auf unserer Seite, aber in Wahrheit erschießen sie jeden, den sie auf Seite der Regierung vermuten."

Die Ungewissheit, um wen genau es sich bei den immer stärker werdenden Angreifern handelt, zehrt offenbar besonders an den Nerven der Regierung. Seit Wochen wartet sie vergeblich auf die versprochene Friedenstruppe der Afrikanischen Union - lediglich Uganda scheint wirklich entschlossen zu sein, die zugesagten Soldaten auch tatsächlich loszuschicken. Vor einer Woche "bekannten" sich bei einer öffentlichen Demonstration im Norden Mogadischus erstmals zehn maskierte Männer zu Anschlägen auf äthiopische Truppen. "Wir sind die Widerstandsbewegung des somalischen Volkes", brüllte der Anführer, der sich Abdirizak nannte. Während die Männer US-amerikanische, kenianische, äthiopische und ugandische Flaggen anzündeten, kündigte Abdirizak an, die Angriffe würden erst enden, wenn alle ausländischen Truppen aus Somalia abgezogen seien. Dass eine zehnköpfige Kapuzentruppe allein für die nächtlichen Angriffe verantwortlich ist, mag niemand in Mogadischu glauben. Außer extremistischen Überbleibseln der "Union islamischer Gerichtshöfe", die Mogadischu von Juni bis Dezember regierte und der Hauptstadt leidlich Frieden brachte, kämpfen zahlreiche Opportunisten um ein Stück Macht. Selbst tagsüber terrorisieren sie die Bewohner, etwa an den zahlreichen Straßensperren, die unter den Islamisten abgebaut waren.

Statt um ihre Bewohner ist die Übergangsregierung vor allem um ihren Ruf besorgt. Somalischen Medien untersagte sie gestern jegliche Berichterstattung über Gefechte, Flüchtlinge oder sonstige Details zur Lage im Land. "In Somalia gilt der Ausnahmezustand, so etwas wie Pressefreiheit gibt es also nicht", erklärte der Vizechef des Sicherheitsdienstes, Mohammed Nuur. Er kündigte an, neue Chefs für die Medienunternehmen zu ernennen, die für die Einhaltung der Verbote sorgen würden.

(Copyright die tageszeitung, 21.2.07)